Die Reise zur anderen Geschichte. Der transversalhistorische Roman am Beispiel von Abel Posses "El largo atardecer del caminante"


Bachelorarbeit, 2010
38 Seiten, Note: 1,0

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

0. Einleitung

1. Exkurs in das historische Denken: Was ist Geschichte?
1.1. Geschichte im 18./19. Jahrhundert
1.2. Geschichte(n) im 20./21. Jahrhundert
1.2.1. Die Schule der Annales
1.2.2. Hayden White
1.2.3. Geschicht(en)schreibung im postmodernen Kontext

2. Der transversalhistorische Roman
2.1. nueva novela histórica oder transversalhistorisch
2.2. Charateristik

3. El largo atardecer del caminante von Abel Posse
3.1. Biographische Daten
3.2. Die (Sub)Versionen des Cabeza de Vaca
3.3. Romananalyse
3.3.1. Die Macht der Sprache: Worüber man nicht reden kann
3.3.2. Der implizite Leser im Zeitlabyrinth
3.3.3. Nacktheit, Körper, Adler als Leitmotive
auf dem Weg des transversalen Wanderers
3.4. Zusammenfassung

4. Schlussfolgerungen

5. Bibliographie

0. Einleitung

‟Konstruktion der Gegenwart” ist, im Anschluss an Walter Benjamin, ‟die eigentliche Aufgabe eines Historikers”, der nicht mehr der Illusion verfallen sein sollte, darzustellen, wie es denn wirklich gewesen sei1. Wobei das ‟wirklich” nach aktuellem Verstehen mehrere Fragen auslöst, deren Beantwortung sich diverse Autoren zur Aufgabe ihres literarischen Schaffens gemacht haben. Zum einen stellt sich die Frage nach einer mimetisch abbildbaren Wirklichkeit, wenn es, innerhalb einer postmodernen Perspektive, kein großes einheitliches Ganzes mit absolutem Wahrheitsgehalt mehr gibt, das abgebildet bzw. erzählt werden kann. Aus philosophischer Sicht spricht Lyotard, zum Beispiel, vom Ende der großen Erzählung, die eine allumfassende Wahrheit wiedergibt, und die nun von vielen kleinen Erzählungen abgelöst wurde.

Zum anderen stellt sich die Frage nach Fiktionalität und Realität und wo sich, im Bezug aufden historischen Roman, zwischen beiden die Grenze befindet. Dieses Problem ist nach Meinungdes Historikers Hayden White obsolet, da ‟Geschichte in der gleichen Weise sinnvoll gemachtwird, wie der Dichter oder der Romanautor dies versuchen”. Es spielt demnach kaum eine Rolle,inwiefern die Welt als ‟real oder lediglich vorgestellt verstanden wird; die Art der Sinnstiftung(making sense) ist die gleiche” (White 1991: 121). In Verbindung mit dieser Entgrenzung desGeschichtsbegriffs und den Theorien des Postkolonialismus, die z.B. das Schreiben als einenProzess, um des Schreibens Willen betrachten oder auch die Problematik der Andersheit untersuchen, kann die ‟historiographische Ereignisdarstellung” (Ceballos 2005: 13) geschichtlicher Texte als Konstruktion entlarvt werden. So stellt sich hier nicht die Frage nach dem ob, sondern wie Texte narrative Mittel und Verfahren benutzen, um Geschichte zu schreiben bzw. zu erzeugen.

Für eines dieser Vertextungsverfahren, das eng mit Fragen der neueren Geschichtsphilosophie und Geschichtsschreibung verbunden ist, haben René Ceballos und Alfonso de Toro den Begriff transversalhistorisch geprägt.

Im Folgenden soll dieses Verfahren aufgrund seiner Charakteristik untersucht und auf denRoman El largo atardecer del caminante, des argentinischen Autoren Abel Posse angewandtwerden. Dazu wird ein einleitender Exkurs das diachron wandelbare Verständnis vonHistoriographie sowie das Verhältnis zwischen narrativ fiktionalen und historischen Textenbeleuchten, bevor einige Theorien der neuen Geschichtsschreibung mit den Ideen derPostmoderne und Postkolonialität verbunden werden. Interdisziplinär erfolgt der analytische Zugang zum Roman auch auf der Ebene der narrativen Strategien (z.B. Metafiktionalität), deren Zeit- und Raumcharakteristik einen besonderen Stellenwert bei den transversalhistorischen Texten einnehmen.

Als sinnvoll erachten wir auch die subversive Frage nach dem ‟Ziel” dieser Art Textsorte, dieden Leser auf eine detektivische Reise ins Leben eines Anderen schickt, der -wie in diesem Fall-als unerfahrener Reiseleiter fungiert und sein eigenes Anderes, zeitgleich mit dem Leser zuentdecken scheint.

1. Exkurs in das historische Denken: Was ist Geschichte?

Im deutschen Sprachraum haben wir das Glück, nicht zwischen cuento und historiaunterscheiden zu müssen, wenn wir uns auf Geschichte beziehen. Um zwischen dem historischenProzess mit diachronem Hintergrund und einer Fiktion, einer Erzählung, zu unterscheiden,benutzen wir entweder den unbestimmten oder den bestimmten Artikel: eine Geschichte oder dieGeschichte. Im Laufe dieser Arbeit wird versucht auf diese Unterscheidung zu verzichten, daauch linguistisch eine Verschränkung von Historie und Dichtung in einem Wort ausgedrücktwerden soll.

Das einleitende Zitat von Benjamin verweist auf die bedeutungsschwangere Rolle, dieGegenwart und Vergangenheit innerhalb unserer kulturellen und gesellschaftlichen Ordnung undOrganisation spielen.2 Die Notwendigkeit der geschichtlichen Darstellung, die Verarbeitung undVerwindung (cfr. de Toro 1991) der Ereignisse, die aber auch Verständnis und Konstruktion derGegenwart3 bzw. Zukunft ausmachen, soll an dieser Stelle nicht weiter thematisiert werden. Siewird als gegeben vorausgesetzt. Auf einer anderen Ebene steht die Geschichtsdarstellung per séin Zusammenhang mit den Verfahren, die ‟Darstellung und Vergegenwärtigung” (Ceballos2005: 15) des Vergangenen zu erreichen. Der Untersuchungsgegenstand der Metaebene und dasObjekt, d.h. die Geschichtsdarstellung und die Geschichte, lassen sich demzufolge nichtunabhängig voneinander betrachten. Gleichzeitig stellt die Geschichtsdarstellung, neben einerVergegenwärtigung der historischen Ereignisse, für ‟die menschliche Orientierung in einem hic et nunc” (ibid.: 20) auch einen Spiegel des Denkens und sich Selbst(er)kennens einer Epochedar, da es sich immer um zeitlich gebundene Konzepte von Geschichte undGeschichtsschreibung handelt. Oder, um es mit Hegels (1989: 128) Worten auszudrücken, istWeltgeschichte ‟historisch-kulturell gebundene die Auslegung des Geistes in der Zeit”.

Um zu verdeutlichen, welche revolutionären Auswirkungen das 20. und 21. Jahrhundert mitHayden Whites, Le Goffs, die postmodernen und postkolonialen Theorien auf dieGeschichtsschreibung hatten, soll der Geschichtsbegriff der vergangenen Jahrhunderte kurzbeleuchtet werden.

1.1. Geschichte im 18./19. Jahrhundert

Im Laufe des 18. und 19. Jahrhunderts entwickelte sich die Basis des modernen Geschichtsverständnisses, wie Foucault unterstreicht.

Die Konstituierung so vieler positiver Wissenschaften, das Erscheinen der Literatur, dasAuftauchen der Geschichte, gleichzeitig als Wissen und als Seinsweise der Empirizitätsind nur einige Zeichen eines tiefen Bruchs. Es sind im Raum des Wissens verteilteZeichen, weil sie sich hier in der Bildung der Philosophie, dort in der Bildung einerpolitischen Ökonomie und dort in einer Biologie bemerken lassen. (Foucault 1971: 273) Die Neuordnung der Wissenschaften begann mit einer Trennung der moralischen undtheologischen Vorstellungen von der Historiographie4, die sich zunehmend der Untersuchungdes nationalen Ursprungs der Völker oder Königshäuser etc. widmete, ohne den Anstrich einesAuftragswerks mit teilweise theologischer oder moralisierender Prägung zu haben, wie es bis ins 17. Jh. üblich war.5

Die Geschichtsschreibung im Kontext der französischen Revolution und der Aufklärung zubetrachten, bedeutet auch, die Geschichte des freidenkenden Menschen als kausalzusammenhängend und kritisch zu verfassen. Dabei setzte sich der synonyme Sprachgebrauchfür Geschichte als Entwicklungsprozess des Menschen durch und das Wort Geschichtefunktionierte auch als Bezeichnung für den vernünftigen Weltgeist, ja sogar als Voraussetzung,den Mensch in seiner Entwicklung als ‟vernunftbegabtes Wesen” in der Zeit kognitiv erfassenzu können (cfr. Ceballos 2005: 22-24). Man musste also eine gewisse ‟Geschichte” (Erfahrung,Vernunft) haben, um Geschichte (Entwicklungsprozess der Menschheit) begreifen zu können.

Eine weitere sprachliche Neuerung ereignete sich, laut Koselleck (idem. 1995: 47), um dasJahr 1750, in dem das, bis dato, gebrauchte Wort Historie6 von der Bezeichnung Geschichteabgelöst wurde, wohl aufgrund einer Abkehr der bloßen Faktensammlung und dem Übergangzur Darstellung chronologischer, zusammenhängender Ereignisse. Dieses veränderte, aufKausalität und Chronologie beruhende Geschichtsverständnis, pflanzte den Samen für den im 19. Jahrhundert wachsenden Zweig der Geschichtsphilosophie, auf welchem sich die Vernunft als ‟sinnbürgende Instanz der Geschichte” (Ceballos 2005: 24) niederließ. Auf diese Weise kristallisierte sich die Geschichte als neue Wissensdisziplin, im Sinne einer ‟universalen Wissenschaft” (ibid.) heraus, die im 19. Jahrhundert, dem Jahrhundert der Historie, spezifiziert und spezialisiert wurde.

Philosophie7 und Erkenntnistheorie flankieren das Geschichtsverständnis des 19. Jahrhundert ebenso, wie der Vormarsch der Naturwissenschaften, deren Aufstieg eine Neuorientierung des wissenschaftlichen Diskurses der Geschichte (Historiographie) bewirkte.

Von der überwiegend philologisch ausgerichteten Traditionskritik ging sie zum Rekonstruktionsversuch geschichtlicher Ereignisse über. (Ceballos 2005:24)

Das starke Interesse an geschichtlichen Ereignissen und Schreiben von Geschichte wurdeparallel von einer persönlichkeitsstarken Geschichtsphilosophie8 (Hegel, Kant, Fichte, Marx)begleitet und führte zum Etablieren des Historismus als Geschichtswissenschaft9, die innerhalbdes wissenschaftlich historischen Denkens und der Konzeption vom vergangenen menschlichenHandeln zu einer von der Aufklärung abweichenden Vorstellung von Geschichte anstrebte.10 Tatsachenforschung und Ereignissammlung dienen als Schlüsselbegriffe, um den Art und Weisedieser Geschichtsschreibung zu verdeutlichen, die -politisch geprägt- die Beschreibunghistorischer Ereignisse als abgeschlossene Tatsachen darzustellen versucht. Politisch deshalb,weil die Darstellung politischer Ereignisse (Revolutionen, Kriege, Reformen) innerhalb derideologisierenden Welt-, Kultur-, regionaler Landesgeschichte im 19. und auch 20. Jahrhundertden breitesten Raum einnahm (Ceballos 2005: 26). Dadurch wurde die Gegenwart zu einer Art Endzweck der historischen Ereignisse, die sich -so die Vorstellung- kontinuierlich und kausal auf den gegenwärtigen Punkt hinarbeitend, ereignet hatten. Dieses Verständnis klammert Unregelmäßigkeiten, Diskontinuitäten oder für die Gegenwart irrelevante Begebenheiten aus und kreiert eine Peripherie, um mit postkolonialen Begriffen zu operieren. Ohne Beiträge von Randgruppen gibt es aber auch keine Objektivität, da die Vermittlung nur einer Perspektive immer parteiisch ist. Die Haltung der Historiker des 19. Jahrhunderts, dass nur eine Wahrheit möglich sei, rührt aus der Präferenz vieler Geschichtswissenschaftler einer politischen, ideologischen oder ökonomischen Richtung und steht im Gegensatz zum Anspruch der antiken Geschichtsschreibung (Koselleck 1995: 176 ff).11

Trotzdem oder gerade deswegen bildet sich zu diesem totalitären Diskurs eine ArtGegenbewegung, eine Gegenhistorie. Hier kommen die Menschen und Ereignisse zu Wort, diean der Hintertür zur ‟großen” Geschichte stehen und durch ihre Stimme den berechtigten Eintrittin den geschichtlichen Diskurses verlangen, wie es in unserem Beispiel auch der ProtagonistCabeza de Vaca tut. Im Anschluss an Ceballos (2005: 26) werden aber erst im 20. und 21.Jahrhundert diese Art von Geschichten ins Interesse gerückt und öffentlich zugänglichgemacht.12

1.2. Geschichte(n) im 20./21. Jahrhundert

Bereits während des 19. Jahrhunderts postulierte sich Kritik gegenüber der traditionellenGeschichtsschreibung, die für Nietzsche im künstlerischen Charakter und für Marx im sozial-wissenschaftlichen Bereich unzureichend war. So bestritt Nietzsche bereits den einheitlichenCharakter des Geschichtsprozesses, da es ebenso viele Wahrheiten und Normen, wiePerspektiven gibt und proklamiert eine Erhebung der Metapher in die Historiographie, um derGefahr der moralisch-trockenen Versprachlichung der Geschichte vorzubeugen und sich für‟Verbildlichung und gegen Verbegrifflichung” auszusprechen (A. de Toro 2008s). 13 Nietzschelehnt auch ein teleologisches Konzept von Geschichte ab, obwohl er einen produktiven Umgang mit Geschichte nicht ausschließt.14 Sein Geschichtsverständnis15 gilt als hochaktuell und denpostmodernen Diskurs prägend, weshalb er im Kapitel des 20./21. Jahrhunderts eingeordnetwird.

Ende des 19. und Anfang des 20. Jahrhunderts versuchten einige Historiker, darunter z.B.Emile Durkheim ihre Fachrichtung neu zu denken und wissenschaftlich zu rechtfertigen. DieseErneuerungsversuche brachten wesentliche Änderungen mit sich, da nun die Auffassungvorherrschte, Geschichtsschreibung solle auch gesellschaftlichen Wandel miteinbeziehen, umder Historiographie auch als kulturelle Sinngeschichte Rechnung zu tragen. Als entscheidendehisoriographische Veränderungen des 20. Jahrhunderts sind aber vor allen Dingen dreiStützpfeiler zu erwähnen: die Schule der Annales, die Erkenntnisse der postmodernenPhilosophie (die Entgrenzung des Geschichtsbegriffs von Hayden White) und die Theorien derpostkolonialen Kulturwissenschaft, die auf die gesamten Geisteswissenschaften großen Einflussgenommen haben.

1.2.1. Die Schule der Annales

Die Schule der Annales besitzt seit spätestens den 60er Jahren auch außerhalb Frankreichs vieleAnhänger und soll deshalb, innerhalb dieser Arbeit, nicht als regional starre “Schule”, sondernals Annales-Bewegung bezeichnet werden. Zur ersten Etappe dieser Bewegung, die bis zumAusbruch des 2. Weltkrieges anhielt, lässt sich u.a. Lucien Febvre zählen, der bereits in den 30erJahren für eine engere Zusammenarbeit zwischen den Humanwissenschaften plädierte. Die Ideedessen bestand darin, eine Geschichte des menschlichen Handelns, eine histoire totale zuschreiben, in der Methodenpluralismus und interdisziplinäre Arbeit die Richtlinien der historischen Forschung vorzeichneten. (Ceballos 2005: 28)

Die 60er Jahre wurden zumeist von Braudels Arbeiten geprägt, der den Terminus der longuedurée prägte. Die Behandlung der Zeitabläufe spielten für Braudel die entscheidendste Rolle inder historischen Analyse des 20. Jahrhunderts. Die langen Zeitphasen in der Geschichte, imGegensatz zum kurzen, eigenwilligen Ereignis, dienen der Beschreibung der langsamen Rhythmen von Geschichte und sind aber nur eine Methode komplexe Vermittlungen zwischen verschiedenen Wissenschaften zu untersuchen.

Die Annales-Bewegung geht davon aus, dass es keine vorgefertigte historische Wahrheit gibt,die sich dem Historiker offenbart, der aus der ‟unermesslichen, verworrenen Realität seineAuswahl” treffen muss (Bloch zitiert in A. de Toro 2000: 142). Daraus folgt, dass eineWirklichkeit erst gewonnen, konstruiert werden muss, was an strukturalistische Definitionen der50er und 60er Jahre von ‟Text oder Narration als ´Diskurs´ oder `Plot` erinnert”, wie A. de Toro(ibid.) zu bedenken gibt.

Als Hauptvertreter ab den 70er Jahren gilt Jaques Le Goff, dessen Schule der nouvellehistoire, zudem eine Abkehr von der oberflächlichen, materiellen, monokausalenGeschichtsschreibung fordert. Demnach soll der Historiker nicht ausschließlich positivistischarbeiten, sondern auch psychische und kulturelle Strukturen und nicht-schriftlicheZeichensysteme einbeziehen. Das hat eine Erweiterung des Untersuchungsfeldes zur Folge undrelativiert den absoluten Wahrheitsanspruch der Geschichtswissenschaft. Innerhalb desKonzeptes der nouvelle histoire handelt es sich auch um eine transdisziplinäre, transkulturelleund nicht national beschränkte Geschichtswissenschaft, wohl auch um diese Fachrichtung ausihrer ‟freiwilligen oder erzwungenen Selbstisolierung im intellektuellen Diskurs” (A. de Toro2000: 141) zu befreien. Außerdem ermöglicht diese Art von Geschichtswissenschaft (imGegensatz zur national ausgerichteten Faktengeschichte) eine Öffnung in Richtung Peripherieund beinhaltet die Darstellung des Unsichtbaren, des Außenseiters, des Körpers, des Alltags etc.

Für die nouvelle histoire hebt Le Goff (1988/1994: 9) einige Strategien hervor, die auch im vorliegenden Roman wiederentdeckt werden können und deshalb kurz aufgeführt werden: die Rückkehr des Ereignisses (das Spektakulärste); die Rückkehr der Biographie (das Vertrauteste); die Rückkehr der erzählenden Geschichtsschreibung (das Polemischste) und die Rückkehr der politischen Geschichtsschreibung (das Bedeutendste).

Die Idee Geschichte als Konstrukt zu begreifen, als ‟Resultat einer Vielzahl von Lektüren und Texten” (A. de Toro 2000: 141) ebnet u.a. den radikaleren Weg für die Ansätze des Geschichtstheoretiker Hayden White. Dieser beschäftigt sich zunehmend mit der Frage nach dem ‟poetischen Akt” (White 1994: 11) während der Geschichtsschreibung, den seiner Meinung nach ein Historiker schon aufgrund der Daten- bzw. Quellenauswahl und bei der Entscheidung zu bestimmten Begriffsstrategien vollführt.

1.2.2. Hayden White Cada nuevo dato surge más contradicciones.

(A. de Toro 2000: 141).

Paradigmatisch fürs Whites wissenschaftlichen Diskurs sind bereits die Titel seiner bekanntesten Werke: Die Bedeutung der Form. Erzählstrukturen in der Geschichtsschreibung (1990), Auch Klio dichtet oder die Fiktion des Faktischen (1991) und Metahistory (1994). Da im Rahmen dieser Arbeit nur begrenzter Raum für hinführende Erläuterungen berechnet wurde, soll sich auf eine spezielle Auswahl der Thesen Whites beschränkt werden.

Das Schreiben von Geschichte ist immer ein Schreiben über Geschichte (cfr. Metahistory), daGeschichte per sé nicht existent ist, sondern als bewegliches Faktenmaterial von Historikern miteiner bestimmten Absicht oder zu einem bestimmten Zweck konzipiert wird. Geschichte istdemzufolge eine Interpretation von Fakten, weshalb es nicht eine, sondern viele verschiedeneVersionen gibt, je nach Intention des ‟Aufschreibers”, der ‟seine” Geschichtsdarstellungpräfiguriert, d.h. vorstrukturiert. Im Kopf des Historikers befindet sich eine gewisse Vorstellung,die den Fakten innewohnt: er vermittelt Geschichte durch prägenerische Plotstruktur, d.h. erweiß bereits, ob er ‟seine” Geschichte eher satirisch, komödiantisch etc. plottet. Der Plot verleihtdem Ganzen, durch unterschiedliche mimetische Verfahren, eine Kohärenz und eine Logik, diereal nicht existiert hätte, wodurch diese nun kohärente Geschichte erst durch den narrativen Akt des Schreibens gewonnen wird. Demnach ‟impliziert jede Form von `plotting` eine Fiktionalisierung” (A. de Toro 2000: 143). Dabei können einem historischen Ereignis verschiedene Plot-Strukturen verliehen werden, weshalb je nach Plot-Struktur Geschichte andersaussehen kann (cfr. White 1991: 78). Nach White ist folglich ein absoluter Wahrheitsanspruchder Geschichtsschreibung inexistent. Die emplotements (Erzählordnungen) unterscheiden sichgrob in Romanze, Tragödie, Komödie und Satire und werden mit ideologischen Implikationen(radikal, konservativ, liberal etc.) und diversen Tropen, wie Metapher, Ironie, Synekdoche oderMetonymie verknüpft.16 Diese Tropen sind Mittel um die Historiographie in Frage zu stellen,d.h. eine Art Werkzeug, um die angewandte Tiefenstruktur erkennen und klassifizieren zukönnen; so werden z.B. Ironie und Satire häufig zur Vermittlung von Distanz gegenüber demGeschriebenen genutzt. Außerdem ist auf diese Weise jedes historische Ereignis als Elementeiner anderen erzählten Geschichte vorstellbar.

[...]


1 Cfr. Benjamin, Walter. (1972). ‟Wider ein Meisterwerk […]”, in idem. Gesammelte Schriften. (Hrsg).R. Tiedemann/H. Schweppenhäuser. 6 Bde, Frankfurt a. M.: Suhrkamp. Band III, S. 259

2 Michel Foucault hat ähnliches in Die Ordnung der Dinge ausgedrückt: Die Geschichte ist […] die gelehrteste, informierteste […] und von der Erinnerung vielleicht überfüllteste Fläche, sie ist aber gleichzeitig der Grund, von dem aus alle Wesen zu ihrer Existenz und zu ihrem unsicheren Aufleuchten gelangen. (Foucault 1971: 271)

3 Wobei darauf verwiesen ist, dass unser Gegenwartsverständnis oftmals, zumindest zum Teil, aus Interpretationen von Vergangenem zusammengesetzt ist.

4 Auf die etymologischen Unterschiede zwischen historie bzw. historia und Geschichte soll an dieser Stelle nicht weiter eingegangen werden, beide Begriffe werden synonym verwendet.

5 Als literarisches Beispiel seien an dieser Stelle die Mönche (anno 1327) angeführt, die in Ecos ‟Der Name der Rose” die Aufgabe haben, Bücher nach dem Prinzip der Imitatio abzuschreiben.

6 Grundsätzlich repräsentierte das Wort Historie einen Bericht in exemplarischer Art. (cfr. Koselleck 1995: 48ff)

7 Die Frage nach Erinnerung und was es für das Denken bedeutet eine Geschichte zu haben, wird Philosophen von Hegel bis Nietzsche beschäftigen.

8 Als Auftakt zur Herausbildung der klassischen Geschichtsphilosophie wird Giambattista Vicos Werk ‟Scienza Nuova” angesehen, das mit dem universalgeschichtlichen Ansatz die methodologische Reflexion über die Bedingungen der Erkennbarkeit von Geschichte verbindet. Den Namen gab der Geschichtsphilosophie allerdings Voltaire.

9 Die Verzweigung des Historismus in andere historische Wissenschaften ermöglichte die Bildung allgemeiner Definitionen, in der Rechts-, Verfassungs- und Wirtschaftsgeschichte sowie eine Reflektion gegenüber bestehenden Definitionen in der Politik-, Sozial- und Kulturgeschichte (cfr. Ceballos 2005: 24ff).

10 Ein extremer Zweig dieser Ideologie führte gar zum Historizismus, einer Weltsicht, die alles auf geschichtliche Weise interpretierte.

11 Diese verlangte Wahrheitsvermittlung trotz Parteilichkeit und steht in Zusammenhang mit den Aussagen der heutigen Geschichtswissenschaft, die wahre Aussagen zu tätigen versucht und gleichzeitig die Relativität ihrer Aussagen zugibt und die Methoden offenlegt (cfr. Koselleck 1995: 176).

12 Zwar sind innerhalb der Literaturgeschichte z.B. weibliche Stimmen bereits im 18./19. Jahrhundert mit den literarischen Salons vertreten, allerdings wurden z.B. die publizistischen Aktivitäten von Frauen des 18. Jahrhunderts oder auch die Reiseberichte erst im 20. und 21. Jahrhundert zugänglich gemacht bzw. erforscht.

13 Begriffe, wie ‟GUT” und ‟Böse” haben, im Anschluss an Nietzsche, weder moralischen Anspruch noch Wahrheitsanspruch, da sie konstruierte Abstrakta sind. (cfr. Nietzsche 1996)

14 Cfr. dazu die eingangs erklärte Position der dialektischen Bedingtheit von Vergangenheit und Gegenwart von Walter Benjamin und Jaques Le Goff (1988/1994: 23-24), der ebenfalls davon ausgeht, dass ohne Vergangenheit keine Gegenwart begreifbar ist und ohne Gegenwart die Vergangenheit nicht produktiv nutzbar gemacht werden kann.

15 “Nietzsche hat als erster die These vertreten, dass er keine Geschichte schrieb, sondern Kunst schuf”. (A. de Toro 2008s)

16 Als alltägliches Beispiel der Metonymie würde sich z.B.: ‟Cortés ging nach México” anbieten, womit der Tatsache Rechnung getragen wird, dass sowohl der literarische, als auch der wissenschaftliche Sprachgebrauch rhetorische Elemente gebraucht und damit auch bestimmte Intentionen verfolgt. Deshalb ist die wissenschaftliche Geschichtschreibung, rein sprachlich, gar nicht in der Lage die “krude”, nackte und wert- bzw. urteilsfreie Wahrheit darzustellen.

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Details

Titel
Die Reise zur anderen Geschichte. Der transversalhistorische Roman am Beispiel von Abel Posses "El largo atardecer del caminante"
Hochschule
Universität Leipzig  (Institut für Romanistik)
Veranstaltung
La novela (transversal)histórica
Note
1,0
Autor
Jahr
2010
Seiten
38
Katalognummer
V166159
ISBN (eBook)
9783668681491
ISBN (Buch)
9783668681507
Dateigröße
762 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Roman, Geschichte, Metafiktionalität, Posse, Argentinien, Eroberung, transversalhistorisch
Arbeit zitieren
Simone Rost (Autor), 2010, Die Reise zur anderen Geschichte. Der transversalhistorische Roman am Beispiel von Abel Posses "El largo atardecer del caminante", München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/166159

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