Des Führers Sendung

Exemplarische Betrachtungen zu Motiven des Hitler-Mythos in der Propaganda des Auswärtigen Amtes


Seminararbeit, 2010

19 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

Inhaltverzeichnis

1. Einleitung

2. Das Auswärtige Amt
2.1 Die Kulturpolitische Abteilung

3. NS-Propaganda

4. Der Hitler-Mythos

5. Die Materialsammlung

6. Materialauswahl

7. Mythos und Motive
7.2 Hitler und Friedirch der Große
7.3 Resümee

8. Auslandsspezifik

9. Literatur

10. Quellen

1. Einleitung

Gegen Mitternacht des 19. April 1944 klingelte in Hitlers Berghof auf dem Ober-salzberg das Telefon. Am Apparat war Joseph Goebbels, der seinem „Führer“ zum 55. Geburtstag gratulierte. Er hoffe darauf, dass Hitler noch mindestens dreißig Jahre lebe. „Ginge dieser Wunsch in Erfüllung“, so Goebbels, „würde [Hitler] das [Deutsche] Reich zur Weltmacht erheben und es zur Herrscherin über Europa machen.“[1] Ob der Propagandaminister an seine eigenen Worte glaubte oder nicht: Er kannte die milli-tärische Lage nur allzu gut. Während die Rote Armee an allen Abschnitten der Ost-front auf dem Vormarsch war, hatten die Westalliierten Teile Italiens erobert und banden dort deutsche Truppen.[2] Die Chancen den Krieg zu gewinnen und „das [Deu-tsche] Reich zur Weltmacht“ zu erheben, standen denkbar schlecht. Wer am Endsieg festhielt, tat dies entweder aus Perspektivlosigkeit oder aber aus Glauben an Hitler und dessen Versprechungen. „Führer befiehl, wir folgen“, oder „Unsere Mauern brachen, unsere Herzen nicht“, verkündeten Schilder in den Trümmern Berlins, die die Wo-chenschau in ihrem Bericht über den 20. April 1944 zeigte.[3] Die Feierlichkeiten zu Hitlers Ehrentag waren im Vergleich zu den Festakten und Paraden früherer Jahre schlicht.[4] „Es ist selbstverständlich, daß [sie] dem Ernst der Zeit entsprechend [...] durchgeführt werden“, hieß es von Seiten der NSDAP.[5] Doch ohne Pomp und Gloria ließen sich Hitlers Mythos und die alte Größe der Bewegung, nur schwerlich trans-portieren. Einzig die Presse war dazu noch in der Lage, denn Worte waren billig und Papier geduldig. Die Presselenkung in Deutschland lag beim Propagandaministerium unter Goebbels und seinem Konkurrenten, dem Reichspressechef Otto Dietrich. Für das Ausland war hauptsächlich das Auswärtige Amt unter Joachim von Ribbentrop zuständig.[6] Nach dem „Verrat“ der Italiener im Juli 1943 drohte im März 1944 auch Ungarn von Deutschland abzufallen. Im AA bestand hinsichtlich Zuversicht und Moral im verbündeten[7] Ausland akuter Handlungsbedarf. Zum 20. April ließ man von der Kulturpolitischen Abteilung eine 160-seitige Materialsammlung erstellen, die Adolf Hitlers Leben und Wirken resümmierte.[8] Ein Ausschnitt daraus soll im Folgenden auf den Führermythos und dessen Auslandsspezifik untersucht werden.

Da sich die benannten Forschungsfragen nicht ohne eine genaue Einordnung der Mate-rialsammlung in ihren Entstehungskontext beantworten lassen, werden zu Beginn ei-nige Entwicklungen im Auswärtigen Amt und der kulturpolitischen Abteilung nachge-zeichnet.

2. Das Auswärtige Amt

Konstatin von Neurath[9], der erste Außenminister unter Hitler, war auf Drängen Hin-denburgs ins Amt gelangt. Da ihm die Nationalsozialisten nur begrenzt vertrauten, liefen die meisten wichtigen Entscheidungen an ihm und dem Auswärtigen Amt vor-bei.[10] Akute Fragen wurden von Sonderbeauftragten bearbeitet, die ihren Einfluss auf Kosten des AA auszubauen suchten. Einer dieser Sonderbeauftragten war Joachim von Ribbentrop[11], seinerzeit verantwortlich für das britische Flottenabkommen. Auf Grund einer agressiveren Ausrichtung der Reichspoilitik wurde er 1938 Konstantin von Neu-raths Nachfolger. Das Auswärtige Amt verfügte zu diesem Zeitpunkt über intakte Strukturen, doch es fehlte ihm an Kompetenzen. Dagegen kämpfte Joachim von Rib-bentrop erfolgreich an. Ihm gelang es nicht nur die Bedeutung seiner Behörde inner-halb des NS-Appartats zu stärken, er baute auch Abteilungen und damit: Zuständig-keitsbereiche, systematisch aus. Ein besonderes Augenmerk fiel spätestens seit der Ös-terreich- und Sudetenkrise auf die Propaganda. Damit trat das Auswärtige Amt in di-rekte Konkurrenz zu verschiedenen Institutionen im Reich, wie etwa dem Propagan-daministerium, der Reichspresse, der NSDAP und der Wehrmacht.[12] Der daraus er-wachsene Kampf war nicht immer einfach zu führen. Nicht zuletzt, weil das AA nach einer Verfünffachung der Personalstärke zwischen 1939 und 1941 zahlreiche Mitarbei-ter an die Wehrmacht verlor[13] und 1943 ausgebombt wurde.

2.1 Die Kulturpolitische Abteilung

Die Kulturpolitische Abteilung des Auswärtigen Amtes stand bei Dienstantritt Ribben-tropps unter der Leitung von Fritz von Twardowski. Dieser sah die zentrale Aufgabe seiner Mitarbeiter im Aufbau eines positiven Bildes vom Reich im Ausland. Erst da-nach folgte die aktive Auslandspropaganda zur ideologischen Absicherung der deut-schen Hegemonie über Europa.[14] Grund dieser Prioritätenfolge waren die unzureichen-den Kompetenzen der Kulturpolitischen Abteilung innerhalb des Auswätigen Amtes. Erst der Sturz des Staatssekretärs Martin Luther und die nachfolgende Reform der Ab-teilungsstrukturen sorgte 1943 für eine grundlegende Änderung im Status Quo.[15] Die Kulturpolitische Abteilung erhielt einen erweiterten Zuständigkeitsbereich, der unter anderem Kompetenzen der aufgelösten Abteilung Information umfasste. Damit avan-cierten Auslands- und Kriegspropaganda zu zwei zentralen Arbeitsbereichen.

Im Zuge der Reform wurde Fritz von Twardowski durch Franz Six ersetzt.[16] Der Publizist und spätere Porsche-Werbechef hatte 1935 die Leitung des Presseamtes des SD übernommen. Im Krieg beteiligte er sich im Dienste Reinhard Heydrichs an der Vorbereitung „staatspolizeilicher Aktionen“, wie der Liquidierung der polnischen Führungsschicht. Später leitete er das Amt für Gegnerforschung im Reichssicherheits-hauptamt, das sich mit weltanschaulichen Fragen auseinandersetzte. Six kannte sich mit Presse und Propaganda aus, er war ein treuer Diener des Regimes und ein Apostel der NS-Weltanschauung. In Anbetracht der Veränderungen in Kompetenzen und Agenda der Kulturpolitischen Abteilung war er der perfekte Kandidat für den Posten des Leiters.

3. NS-Propaganda

Seit 1939 wandte sich das Auswärtige Amt verstärkt der Auslandspropaganda zu. Seit etwa 1943 spielte dabei die Kulturpolitische Abteilung eine wichtige Rolle. Doch wie sah diese Auslandspropaganda aus? Welchem Verständnis von Propaganda hatte sie sich unterzuordnen?

Hitler erklärt in „Mein Kampf“ er habe aus der Propaganda im Ersten Welt-krieg „unendlich gelernt“.[17] Seiner Meinung nach zersetzten die Briten durch Beein-flussung der Heimat die kämpfende Truppe des Kaisserreichs. Den Debatten der 20er Jahre folgend, entwickelte Hitler eine Propagandadoktrin, die Peter Longerich in vier Kernpunkten zusammenfasst.

1. Propaganda ist ein zweckgebundenes Mittel zur Beeinflussung der Massen
2. Propaganda muss schlagwortartig sein und häufig wiederholt werden
3. Propaganda kann jedes politische Ziel durchsetzen
4. Propaganda muss durch Gewalt gestützt werden[18]

Aussagen sollten von der Propaganda nach einem Freund-Feind-Schema formulieren werden. Dem Apell an das Wir-Gefühl, an die „Volksgemeinschaft“, hatte ein klares Gegnerbild zu folgen. Longerich erklärt, dass diese Strategie die Propaganda inhaltlos werden ließ.[19] Sie ersetzte ihre Aussagen durch ideologische Formeln.

Es wäre falsch das Propagandaverständnis Hitlers um 1925 zum allgemeinen Propa-gandaverständnis der Nationalsozialisten zu erheben. Schließlich liegt zwischen „Mein Kampf“ und der Machtübernahme oder gar dem Kriegsbeginn eine bedeutende Zeit-spanne. Die Propaganda im Reich war zudem Angelegenheit zahlloser Institutionen und Personen, die alle über unterschiedliche Hintergründe verfügten.[20] Die hier darge-leten Punkte sollten daher als Leitgedanken verstanden werden, die Männer wie Rib-bentrop und Six kannten, die sie jedoch mit eigenen Erfahrungen, Vorstellungen und Ideen verbanden.

[...]


[1] Elke Fröhlich (Hg), Die Tagebücher von Joseph Goebbels, Teil II – Diktate 1941 - 1945, Band 12 April – Juni 1944, Eintrag vom 20. April 1944, München 1995, S. 156.

[2] Vgl. John Keegan, Der Zweite Weltkrieg, Reinbeck 2009.

[3] Vgl. Die Deutsche Wochenschau, 26 April 1944.

[4] Vgl. Die Deutsche Wochenschau, 25 April 1939.

[5] Auswärtiges Amt, Kulturpolitische Abteilung, Material-Dienst für die Informationsarbeit der
Kulturreferate der Auslandsvertretungen, 20. April, Geburtstag des Führers, Teil 1, 1944, S.4.

[6] Genaueres zu den Verantwortlichkeiten für Auslandspropaganda in Abschnitt 2.

[7] Und natürlich den besetzten Gebieten.

[8] Auswärtiges Amt, Kulturpolitische Abteilung, Material-Dienst für die Informationsarbeit der
Kulturreferate der Auslandsvertretungen, 20. April, Geburtstag des Führers, 1944. Z. Zt. im Archiv der Arbeitsstelle für Kommunikationsgeschichte und interkulturelle Publizistik an der FU Berlin.

[9] Hier, wie im Folgenden: John Heinemann, Hitler’s first foreign minister, Constantin Freiherr von Neurath, diplomat and statesman, Berkeley 1979.

[10] Hier, wie im Folgenden: Hans-Jürgen Döscher, Das Auswärtige Amt im Dritten Reich, Diplomatie im Schatten der "Endlösung, Berlin 1987.

[11] Hier, wie im Folgenden: Vgl. Michael Bloch, Ribbentrop, London 2003.

[12] Vgl. Peter Longerich, Propagandisten im Krieg, Die Presseabteilung des Auswärtigen Amtes unter Ribbentrop, Studien zur Zeitgeschichte, Band 33, München 1987, S. 27 - 30, 46, 145 – 151.

[13] Mitarbeiterzahlen des AA: 70 (Anfang 1939 ), 117 (Ende 1939)160 (1940), 330 (1941), 190 (1944). Vgl. ebd. S. 163.

[14] Vgl. Eckard Michels, Von der Deutschen Akademie zum Goethe-Institut, Sprach- und auswärtige Kulturpolitik 1923 – 1960, München 2005, S. 138.

[15] Vgl.a.a.O. Peter Longerich, Propagandisten im Krieg, S. 47, 48 & 65 – 68.

[16] Lutz Hachmeister, Der Gegnerforscher, Die Karriere des SS-Führers Franz Alfred Six,

München 1998.

[17] Adolf Hitler, Mein Kampf, Band I, München 1925, S. 185.

[18] Vgl.a.a.O. Peter Longerich, Propagandisten im Krieg, S. 71 - 72.

[19] Vgl. ebd. S. 73.

[20] Sösemann, Bernd, Propaganda und Öffentlichkeit in der „Volksgemeinschaft“ in: Bernd Sösemann (Hg), Der Nationalsozialismus und die deutsche Gesellschaft, Einführung und Überblick, Stuttgart 2002, S. 114-115.

Ende der Leseprobe aus 19 Seiten

Details

Titel
Des Führers Sendung
Untertitel
Exemplarische Betrachtungen zu Motiven des Hitler-Mythos in der Propaganda des Auswärtigen Amtes
Hochschule
Freie Universität Berlin  (Friedrich Meinecke Institut)
Veranstaltung
Propaganda im Nationalsozialismus
Note
1,3
Autor
Jahr
2010
Seiten
19
Katalognummer
V166169
ISBN (eBook)
9783640818983
ISBN (Buch)
9783640822232
Dateigröße
388 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
führers, sendung, exemplarische, betrachtungen, motiven, hitler-mythos, propaganda, auswärtigen, amtes
Arbeit zitieren
Stefan Noack (Autor), 2010, Des Führers Sendung , München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/166169

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