Augustinus und der Donatistenstreit


Hausarbeit (Hauptseminar), 1999

22 Seiten, Note: Sehr gut


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

I) Einleitendes

II) Die Kontroverse Augustinus´ mit den Donatisten
II.1) Die nordafrikanische Kirche als eine Kirche der Märtyrer
II.2) Cyprian von Karthago
II.3) Kurzer historischer Abriß des Donatistenproblems (311-363)
II.4) Die Position des hl. Augustinus innerhalb des donatistischen Schismas (390-411)
II.5) Die Synode von Karthago (411) und das „Ende“ des Donatistenschismas
II.6) Gottes Triumph in den Märtyrern: Augustinus´ frühe Gedanken zu einer Theologie der Gnade und Erwählung als Absage gegen die nordafrikanische Theologie der Märtyrer

III) Exkurs: Kurzer „theologiegeschichtlicher Ausflug“ zu Thomas von Aquin. Gottes übermächtige Gnade und der Anspruch des Menschen auf Freiheit

IV) Nachtrag: Augustinus´ Stellung im Kontext der nordafrikanischen Theologen-Landschaft

V) Bibliographie

I) Einleitendes

Non vacant tempora! – Die Zeiten bleiben nicht müßig!

Der Versuch etwas über Augustinus, sein Leben, seine geistliche Entwicklung, sein sozio-kulturelles Umfeld oder seiner Theologie zu sagen, muß jedem a priori entmutigen, wenn er sich vor Augen führt, welche Flut an hochwissenschaftlicher Literatur jedes Jahr über Augustinus und seiner Zeit die große und weite Welt der Wissenschaften überfluten. Die bereits erschienene Literatur und die noch entstehende ist Legion, zahlreich wie die Sterne am Himmel und der Sand am Meer. Wer kann sie zählen? Ich habe mir einmal von einem Professor unserer Fakultät erzählen lassen, daß jedes Jahr eigens ein stattliches Buch erscheint, daß allein die Titel der veröffentlichten Publikationen zu Augustinus aufscheinen läßt! Sicherlich, durch die Empfehlung des II. Vatikanums studiert man wieder intensiver wie vielleicht noch nie in der Theologiegeschichte der Jahrhunderte zuvor die Vätertheologie. Doch Augustinus muß hier einen besonderen Stellenwert einnehmen, gemäß seiner Schlüsselposition für die gesamte Entwicklung der abendländisch-lateinischen Theologie. Doch kein angehender junger wissenschaftlicher Theologe (oder Patristiker) ist zu beglückwünschen, wenn er ausgerechnet Augustinus, diesen wohl leuchtendsten Stern aller Väter (private Meinung des Verfassers!), zu seinem Freund und Gesprächspartner erwählt hat. Er/Sie sei gewarnt: Augustinus ist nicht leicht zu genießen. Mit ihm ist nicht unbedingt gut Kirschen essen! Er erschließt sich nicht sofort, weiht seine jungen Freunde nicht zu vorschnell in seine theologischen Geheimnisse ein! Warum denn auch? Schon sein engsten und intimsten Mitarbeiter haben sich an ihm die Zähne ausgebissen! Er erschließt sich erst, wenn man liebevoll, mit dem nötigen Respekt, aber doch hartnäckig und mit einer gewissen intellektuellen Verbissenheit, mit ihm und seinen Schriften umgeht. „Niemand wird erkannt außer durch Freundschaft“, ruft Augustinus seinen Schülern auch noch heute zu, und er selbst weiß am besten, daß er kein pflegeleichter Freund ist! So modern der große Bischof von Hippo uns auch erscheinen mag (da viele seiner Gedanken zum geistigen Allgemeingut, zum festen Erbbestand unserer abendländisch-christlichen Kultur wurden), es trennen uns doch ca. 1500 Jahre, die wir nur unter äußerst erschwerten Vorzeichen zu überbrücken imstande sind. Darum auch die ungewöhnliche Flut an Literatur über ihn, sein Denken und seine Zeit. Und wer garantiert uns auch schließlich, daß gerade wir dann auf der richtigen Spur sind?

In seinem Rückblick auf 30 Jahre Entwicklung der Augustinus-Forschung, resümiert Peter Brown, anläßlich einer Neuauflage seiner berühmten und spannend zu lesenden Augustinus-Biographie aus den Jahren 1961-67: „Heute sind wir auf ein beträchtlich breiteres Terrain gelangt, in eine Landschaft, vor der die Gestalt des Augustinus fast zwergenhaft erscheint. Seine klare, eindringliche Stimme drang nicht immer über das weite Land.“[1] Augustinus´ Reformwille setzte sich nicht abhaltend und flächendeckend durch – eher das Gegenteil muß man annehmen.[2] Die Eigenart und individuelle Selbständigkeit, aber auch die damit notwendigerweise verbundene Begrenzung seines Lebens vor einem so riesigen Land, tritt durch die Riesenfortschritte der verschiedensten Wissenschaftssparten in Bezug auf das spätantike Nordafrika viel klarer ins Bewußtsein. Brown spricht dank dieser Fortschritte in der Forschung von einem „dreidimensionalen“ Bild[3] des religiösen und kulturellen Umfeldes, in das hinein man besser und treffsicherer als zuvor die eindruckerweckende Gestalt des großen Kirchenvaters zu positionieren imstande ist. Man konnte beispielsweise nachweisen, daß ein so zentraler Begriff wie der der Freundschaft, mit dem sich Augustinus über die Jahre hinweg immer wieder beschäftigte und theologisch vertiefte und fruchtbar machte, die aber auch im persönlichen Leben des Heiligen eine so zentrale Rolle spielte, dadurch so richtig schätzen gelernt hatte, weil er als Manichäer in Gruppen gelebt hatte, die von starker spiritueller Freundschaft geprägt waren.[4] Alle irdischen Bande würden dereinst verlöschen, die der geistlichen Freundschaft niemals. Sie bleiben in Ewigkeit bestehen. Darum hält Augustinus die Freundschaft so hoch und versucht auch die Ehe unter diese Kategorie gegen alle unchristlichen Übergriffe theologisch zu rechtfertigen. Die Herkunft des erhabenen Gedankens von der „spirituellen Freundschaft“, der auch in der christlichen Spiritualität Karriere machte, aus manichäischen Gedankengut, konnte uns nur aufgrund guter Studien über diese gnostische Sekte einsichtig gemacht werden.[5] Das beweist implizit, daß sich die Manichäer auch noch mit anderen Dingen beschäftigten als mit der bösen Welt, der verdammenswerten „Fleischeslust“ und dem Teufel. Auch die genaueren Kenntnisse, die wir über Ambrosius gewonnen haben, förderten das bessere Verständnis und die Eigenart des hl. Augustinus. Studien über den Donatismus und überhaupt die Erforschung der ersten Beginne nordafrikanischer Kirche, stellen uns die Donatisten als eine christliche Gruppe unter vielen vor, die um ihre Identitätsfindung genauso bemüht war wie die Katholiken. Die bessere Erschließung donatistischer Quellentexte lassen uns diese Gruppe als Anwalt in eigener Sache vor Augen treten, die uns eine Kirche zeigen, die massiv bedrängt wurde. Vorbildliche Studien über wenig bekannte Manuskripte lassen uns Pelagius als ganz eigene Figur sehen, als ein Kommentator der Paulusbriefe und theologischen Lehrer unter vielen anderen. Wir sind jetzt befähigt, Pelagius nicht mehr durch die Rhetorenbrille Augustinus´ zu sehen. Die Liste ließe sich fortsetzen. Doch diese partes pro toto sollen uns auf eines aufmerksam machen: Zukünftige Augustinus-Biographien müssen sich jener „Dreidimensionalität“ viel stärker bewußt sein als bisher. Man muß jetzt viel genauer differenzieren und erhält so die einmalige Chance, Augustinus in seiner wirklichen Einzigartigkeit, die er durch die hochqualifizierten Forschungsstudien keineswegs verloren hatte, aber im klaren Kontrast zu seinen Zeitgenossen zu sehen. Man wird sich Schritt für Schritt bewußter, daß seine Theologie in der Folgezeit nur deshalb so gut zünden konnte, weil sie kein Zeitgenosse so richtig verstanden hatte, nicht widerspiegelnd die damals gängige und hoffähige Theologie des damaligen spätantiken Nordafrikas. Sie wies vielmehr in eine ferne Zukunft, in die bald heraufbrechenden Zeiten des Mittelalters, die reif war für seine Gedanken. Gerade seine Ekklesiologie, entwickelt in der Differenz zu den Donatisten, seine Lehre von der wahren catholica ecclesia, als eine auch in ihrer geographischen Ausweitung wahrhaft „katholische“, konnte sich nur aufgrund der sich selbst als auf Afrika beschränkt verstehende Donatistenkirche, entwickeln und in der Folgezeit ihren Siegeszug antreten; Reichskirche vs. Nationalkirchentum – kein Wunder, daß die gesamte Theologie des Mittelalters Augustinus´ Kirchenlehre übernehmen und emsig rezipieren konnte, verwirklichte sich doch die augustinische Utopie der Civitas Dei in der universalen katholischen Kirche des Hochmittelalters. Ein Nordafrikaner um 400 konnte so etwas noch nicht ahnen. Die Schriften Augustinus´ mag entscheidend zur Gestaltung des Christentums im Abendland beigetragen haben, doch die afrikanischen Bischöfe des fünften Jahrhunderts lebten nicht in dieser Christenheit. Augustinus als einsamer Denker seiner Zunft – wenig verstanden zu Lebzeiten, fieberhaft rezipiert in Zeiten mit gänzlich anderen Voraussetzungen.

II) Die Kontroverse Augustinus´ mit den Donatisten

II.1) Die nordafrikanische Kirche als eine Kirche der Märtyrer

Seit ihren Anfängen muß man die nordafrikanische Kirche als eine „Kirche der Märtyrer“ betrachten, deren Mitglieder den Großteil ihrer Identität diesem Umstand verdanken. Diese Kirche ist eine ganz und gar heilige, geheiligt im Blut so vieler Glaubenszeugen für Christus, wie etwa des hl. Cyprian von Karthago, der Märtyrer von Scilli, Perpetua und Felizitas, um nur einige wenige bekannte Beispiele zu nennen. Nordafrikanische Christen standen ganz im Bannkreis dieser christlichen Heroen. Sie wurden glühend verehrt, und von daher ist es kein weiter Schritt mehr zu der Überzeugung, daß nur die Märtyrer wahre Christen sind. Ein so verstandenes Christentum trat dem normal Sterblichen als eine nicht zu bezwingende und deshalb auch entmutigende Hürde entgegen. Die nordafrikanische Kirche insgesamt verstand sich als eine, die Heilige hervorgebracht hatte – und deshalb auch nur von Heiligen gleichen Kalibers wirksam getragen werden konnte. Die Gläubigen hielten diese Kirche als einen Hort der Sicherheit und der Geborgenheit in einer unsicheren Zeit, die von Dämonen beherrscht wurde. Der Afrikaner suchte in ihr nicht etwas über die Wahrheit Gottes und seiner Erkennbarkeit zu erfahren, vielmehr suchte er eine zweite Arche Noah (wie es ein donatistischer Bischof einmal ausgedrückt hatte)[6], die ihn vor der Sintflut retten konnte, einen sicheren Ruheplatz, weil er auf dem Schlachtfeld der „bösen Welt“ überleben wollte. Die Donatisten waren anders als der Rest der Welt und das erfüllte sie mit heimlichem Behagen. Die seit Konstantin sich immer weiter ausbreitende Kirche hatte zur Folge, daß unterschiedslos die Menschen in ihren weiten Schoß aufgenommen wurden – eine Horrorvorstellung für die Nordafrikaner. Die klaren moralischen Grenzsteine, welche die Kirche von der Welt trennten, wurden einfach von den anbrandenden Massen hinweggespült. Zur Zeit Cyprians (+ 258) konnte man vielleicht noch annehmen, daß man sich in einer Kirche der Heiligen befinde. Augustinus konnte bei seinem Amtsantritt sich nicht mehr einer solchen Vorstellung (Illusion?) hingeben. Seit dem Jahr 311 waren sich die nordafrikanischen Christen zunehmend darüber uneinig, wie man dem sich verschärfenden Kontrast zwischen idealer Heiligkeit und faktischer Gegebenheit gegenübertreten sollte. Die Donatisten wollten eine reine und heilige Kirche. Sie konnte nur dann überleben, wenn unwürdige Bischöfe, die nicht diesem Heiligkeitsideal entsprachen, ausgeschlossen würden, da seine Gebete und all seine Weihehandlungen bei Gott keine Wirkungen erzielen könnten. Gegen Ende des vierten Jahrhunderts wußte man nicht mehr, welche Haltung die Kirche der „Welt“ gegenüber einnehmen sollte.

[...]


[1] Brown, Augustinus, 411

[2] vgl. Brown, Augustinus, 412

[3] vgl. Brown, Augustinus, 412

[4] vgl. Brown, Augustinus, 412

[5] Ich verweise hier auf eine Studie von R. Lim, Unity and Diversity Among Western Manichaeans. A Reconsideration of Mani´s „Sancta Ecclesia“: RevÉAug, 35, 1989, 231-250.

[6] vgl. Brown, Augustinus, 191

Ende der Leseprobe aus 22 Seiten

Details

Titel
Augustinus und der Donatistenstreit
Hochschule
Universität Salzburg  (Institut für Kirchengeschichte und Patristik)
Veranstaltung
Seminar über Frühe Kirchengeschichte in Nordafrika
Note
Sehr gut
Autor
Jahr
1999
Seiten
22
Katalognummer
V1662
ISBN (eBook)
9783638110297
Dateigröße
416 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Augustinus, Donatistenstreit, Seminar, Frühe, Kirchengeschichte, Nordafrika
Arbeit zitieren
Christoph Bernhard Ramsauer (Autor), 1999, Augustinus und der Donatistenstreit, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1662

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