Don Juan als Psychopath – ein Versuch

Auf der Grundlage von Tirso de Molinas Drama „Der steinerne Gast“ in der Übersetzung von Karl Vossler


Hausarbeit, 2003

19 Seiten, Note: 2,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Historie und Begriff des Psychopathen

3 Frauen

4 Freunde und Verwandte

5 Schuld

6 Furchtlosigkeit

7 Verantwortung

8 Impulsivität

9 Ausblick

10 Literaturverzeichnis

1 Einleitung

Don Juan ist Frauenheld, Draufgänger und Gesetzesbrecher, wobei er zwischen irdischen und himmlischen Gesetzen keinen Unterschied macht. Er ist Gotteslästerer, Mörder, aber auch ein Charmeur, der verführt, belügt und betrügt.

In einem Zeitraum von vier Jahrhunderten wandelt er sich von einem weitgehend unreflektierten, spontan Handelnden zu einem idealischen Romantiker, und wird später psychologisch seziert und parodiert. Die Folie der Don-Juan-Figur wurde in der jeweiligen Epoche oder Zeitströmung entsprechend eingesetzt und bearbeitet. De Molina benutzte sie für sein theologisches Lehrstück, Molière für seine Klerus-Kritik, Hoffmann für seinen Idealsucher, Byron zur Selbstdarstellung, Lehnau für sein Weltschmerz-Empfinden und in Frischs Komödie wird der juansche „Mythos entlarvt ... [und dadurch] ... bewahrt“[1].

In allen Stücken ist Don Juan jemand, der am Rande der Gesellschaft steht. Angepaßt als vorhersehbar funktionierendes Glied der Gesellschaft ist Juan nicht zu denken. Wird Juan, wie z.B. bei Max Frisch verheiratet und seine Frau bald darauf schwanger, löst sich die dramatische Existenz in Luft auf.

Don Juan steht am Rande der Gesellschaft, aber dort natürlich als Adliger. Anders wäre eine dramatische Figur in der ersten Hälfte des 17. Jahrhunderts nicht vorstellbar gewesen. Doch auch später, noch nach dem Sturm und Drang, werden vorzugsweise adlige Charaktere benutzt, wenn auch oft niederer Ränge als bisher, weil ein Scheitern dieser Personengruppe trotz all ihrer gegebenen Möglichkeiten immer noch dramatischer ist als das eines Bürgers.

Als Adliger könnte de Molinas Juan leicht Karriere machen, zumal er über beste Beziehungen am Hof verfügt. Sein Onkel ist der spanische Botschafter und sein Vater oberster Gerichtsherr und Vertrauter des Königs. Juan verzichtet auf eine solche Karriere, ja es kommt ihm nicht einmal in den Sinn. Ebensowenig denkt er an eine Einheirat in eine angesehene Familie. Aufgrund seiner Herkunft und seiner persönlichen Gewandtheit hätte er sicherlich aus einer respektablen Auswahl schöpfen können.

Bekanntlich geht Don Juan das Eheversprechen schnell über die Zunge, nur ernst ist es ihm damit nie. Er versündigt sich gegen die göttlichen Gebote und spielt mit der Langmut Gottes, wenn er immer wieder das Bereuen seiner Sünden hinausschiebt. Hinzu kommen zahlreiche weitere Vergehen von der Lüge bis zum Mord.

Don Juans Charakter soll nun näher betrachtet werden. Dabei ist besonderes Augenmerk auf das Verhalten Juans seinen Mitmenschen gegenüber gerichtet, das im besten Falle als sorglos zu bezeichnen ist.

Auf der Grundlage von de Molinas Drama soll untersucht werden, ob mit der Figur des Don Juan ein psychopathischer Charakter dargestellt wird und welche Auswirkung diese Analyse auf die Bedeutung des Stückes hat.

Die vorliegende Arbeit gliedert sich in zehn Abschnitte. Nach der Einleitung wird auf den historischen Hintergrund und den Begriff der Psychopathie eingegangen. Danach werden an zahlreichen Textbeispielen Juans Beziehungen zu seinen Mitmenschen aufgezeigt und mit psychopathischen Verhaltensmustern verglichen. Wichtige psychopathische Merkmale werden dann in eigenen Abschnitten hervorgehoben, wobei immer wieder Parallelen zu de Molinas Don Juan gezogen werden. Im Ausblick werden die Ergebnisse der Arbeit zusammengetragen und weitere Untersuchungen zum Thema angeregt. Am Ende folgt ein Literaturverzeichnis.

2 Historie und Begriff des Psychopathen

Die erste Veröffentlichung zum Thema „moral insanity“ von J.C. Pritchard erschien 1835 unter dem Titel „Treatise on Insanity and Other Disorders Affecting the Mind“. Die Wissenschaftler des 19. Jahrhunderts bemerkten bei einigen Individuen mit gehobenem Verstand und Intellekt einen ausgesprochenen Mangel an moralischem Verhalten. Sie beschrieben Personen, die ohne Sinn waren für Richtig und Falsch, die nicht das Gefühl hatten für Schuld oder sich für Fehler schämten. Diese Personen hatten weiterhin die Neigung zu lügen, zu betrügen und sich in Angelegenheiten verwickeln zu lassen, die der Gesellschaft als tadelnswert erschienen.

Die ersten Theorien über abnormales Verhalten basierten auf moralischen Vorstellungen im Glauben, daß das Individuum von der Umwelt geformt wird, später, in der Psychoanalyse, auf Freuds Theorie.

Während der letzten 40 Jahre wurde auf dem Gebiet der Psychopathie intensiv geforscht. Ihre Herkunft und die Frage warum eine bestimmte Konstellation von Charakterfehlern so häufig und einheitlich vorkommt, konnte allerdings noch nicht zweifelsfrei geklärt werden.

Es liegen zahlreiche genetische Studien vor, bei denen sich Hinweise auf eine familiäre Belastung ergeben, jedoch behalten mitgestaltende Umwelteinflüsse das Übergewicht. Hirnorganische Befunde bringen auch nicht das gewünschte Ergebnis. Elektroenzephalographische Veränderungen sind unspezifisch und treffen nur auf einen Teil dissozialer Persönlichkeiten zu. Ebenfalls unbefriedigend sind die Resultate von psychophysiologischen Untersuchungen.

Typische Merkmale der psychopathischen Persönlichkeit sind Charme, Furchtlosigkeit, Verantwortungslosigkeit, Fehlen von Scham und Gewissensbissen, Mangel an Einsicht und Verständnis, Impulsivität, Gleichgültigkeit gegenüber Strafen, Unzuverlässigkeit, gestörtes Verhältnis zur Wahrheit, Unfähigkeit zu echter Liebe, Promiskuität und oftmals überdurchschnittliche Intelligenz.

Wegen der großen Vielzahl der charakterlichen Defekte und Dysfunktionen wird in neuerer Zeit anstelle von Psychopathie auch der Begriff „antisoziale Persönlichkeitsstörung“ verwendet.

Die Problematik bei der Untersuchung von Psychopathen ist, daß sie selbst in ihrer Psyche keinen Defekt bemerken und daher auch keine Notwendigkeit zu einer Veränderung ihres Verhaltens sehen. So findet man den größten Teil der Patienten in der forensischen Psychologie. Jedoch ist nach Schätzungen der Anteil der Psychopathen in der Bevölkerung, der mit dem Gesetz nicht in Konflikt kommt, der weitaus größere, bei einem Mann-Frau-Verhältnis von 5 : 1.

3 Frauen

Bereits in der ersten Szene zeigt Don Juan Hauptcharakterzüge einer psychopathischen Persönlichkeit (S. 233).

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Don Juan belügt und betrügt Isabella mit dem Ziel, sie zu verführen. Er würde sie aber, wie spätere Abenteuer zeigen, sofort verlassen, wenn er sein Verlangen gestillt hätte.

[...]


[1] Gnüg, H.: „Don Juans theatralische Existenz. Typ und Gattung“, München, 1974, S. 244

Ende der Leseprobe aus 19 Seiten

Details

Titel
Don Juan als Psychopath – ein Versuch
Untertitel
Auf der Grundlage von Tirso de Molinas Drama „Der steinerne Gast“ in der Übersetzung von Karl Vossler
Hochschule
Technische Universität Berlin  (Germanistik)
Veranstaltung
Don Juan
Note
2,0
Autor
Jahr
2003
Seiten
19
Katalognummer
V166267
ISBN (eBook)
9783640819874
ISBN (Buch)
9783640822942
Dateigröße
398 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Tirso de Molina, Der steinerne Gast, Psychopath, Don Juan
Arbeit zitieren
Thomas Wörther (Autor), 2003, Don Juan als Psychopath – ein Versuch, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/166267

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