Forrest Gump - Kunstfigur oder Rolle mit Behinderung?


Bachelorarbeit, 2010

73 Seiten, Note: 2,3


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Analyse
2.1 Kindheit
2.2 Jugend
2.3 Forrests Armeedienst
2.4 Forrests Karriere und Privatleben nach dem Armeedienst

3. Rezeption
3.1 Umfrage unter Sonderpädagogikstudenten
3.2 Auswertung der Umfrage
3.3 Rezensionen

4. Fazit

5. Literatur- und Quellenverzeichnis

6. Anhang

1. Einleitung

Der Spielfilm ÄForrest Gump“, der am 6. Juli 1994 in den USA (am 13. Oktober 1994 in Deutschland) erstmals ausgestrahlt wurde, basiert auf einem Roman von Winston Groom und kann als eine Mischform aus Komödie und Drama angesehen werden. Zur filmischen Darstellung wurde das Drehbuch von Eric Roth in Absprache mit dem Regisseur Robert Zemeckis überarbeitet (vgl. GLATZ, HENKE 2007, S. 65).

Der Film stellt nicht bloß wegen seines enormen Erfolges (über 673 Millionen $ Einspielergebnis weltweit und fast 40 Auszeichnungen (vgl. http://www.imdb.com/title/tt0109830/awards), davon sechs Oscars (für den Besten Film, den Besten Hauptdarsteller, das Beste adaptierte Drehbuch, den Besten Schnitt, die Besten Spezialeffekte und die Beste Regie, dazu sieben weitere Nominierungen) und drei Golden Globes, sowie vier weitere Nominierungen für selbige, [GLATZ, HENKE 2007, S. 61-65]) eine Besonderheit dar. Er Äsetzte [] Maßstäbe im Bereich ‚Special Effects„“ (GLATZ, HENKE 2007, S. 61). So wurde der Protagonist zum Einen in einige historische Filmdokumente Ädermaßen perfekt integriert“ (GLATZ, HENKE 2007, S. 61), dass die Dokumente nicht bearbeitet und somit sehr realistisch wirken. Zum anderen konnte der Schauspieler Gary Sinise als Ltd. Dan Taylor mittels Videotechnik als Kriegsversehrter ohne Beine dargestellt werden.

1994 waren dies Meilensteine in der Filmbearbeitung.

In der Filmwissenschaft erfuhr Forrest Gump ebenfalls große Beachtung. Die Rahmenhandlung und der eigentliche Plot, die Lebensgeschichte des Protagonisten, sind stets Äkunstvoll ineinander verwoben durch das Hinübergleiten der On-Stimme Forrests in das Off“ (JOST, 2008, S. 35), bis die Rückschau auf sein Leben schließlich in der Jetzt-Zeit der Rahmenhandlung mündet. Die fiktive Lebensgeschichte wird dabei durch die Einbindung von Bildern aus der Realgeschichte glaubwürdiger (vgl. JOST, 2008, S. 37).

Der Film erhält zudem eine Sonderstellung, da wir einem Protagonisten begegnen, der auf dem ersten Blick für unsere Gesellschaft nicht unbedingt als Identifikationsfigur taugt: Forrest Gump hat als Kind Ende der 1950er Jahre in den Südstaaten der USA mit den Bedingungen eines Wirbelsäulenschadens zu kämpfen und zudem wird ihm ein IQ von 75 attestiert, was ihn für den Regelschulbesuch disqualifiziert. Obwohl Hollywood in der Regel eher auf typische Helden setzt, avancierte der Film zu einem der erfolgreichsten seiner Zeit.

Während viele Kritiken und Rezensionen Forrest schlichtweg als ÄDummbeutel und Naivling“ (vgl. http://www.spiegel.de/spiegel/print/d-13683669.html) oder ÄIdioten“ (vgl. http://www.focus.de/kultur/medien/kultur-forrest-gump-der- idiot-des-suedens_aid_149175.html) abtun, hat die vorliegende Arbeit das Ziel sich der Figur Forrest Gump aus der sonderpädagogischen Perspektive und in Bezug auf die ihn behindernden Bedingungen zu nähern. Dabei sollen realistische wie überspitzte Anteile, gesellschaftliche wie psychosoziale Bedingungen im Wandel der Zeit herausgearbeitet werden.

Es ist klar, dass Spielfilm im Gegensatz zur Dokumentation kein exaktes Abbild der Wirklichkeit zeichnen möchte und Sachverhalte, Personen und Konstrukte oftmals stilisiert und überspitzt. Trotz aller Fiktionalität kann dies jedoch nah an oder aber weitab von der Realität erfolgen. Dieser Grad, bezogen auf das Konstrukt Behinderung und die Bedingungen unter denen der Protagonist lebt und agiert, soll hier bestimmt werden.

Die Untersuchung orientiert sich am chronologischen Ablauf des Spielfilms und ist in Unterkapitel gegliedert, an deren Ende jeweils eine kurze Zusammenfassung der Auffälligkeiten anschließt.

Ferner soll die Rezeption der Figur Forrest Gump in Augenschein genommen werden. Dazu werden einerseits zeitgenössische Kritiken und Rezensionen, sowie eine aktuelle Umfrage unter Kommiliton/innen der Sonderpädagogik im 6. Fachsemester ausgewertet.

Ein Fazit soll die Ergebnisse dann zusammenfassen und einordnen.

2. Analyse

2.1 Kindheit

Der Spielfilm ÄForrest Gump“ beginnt mit einer Kameraeinstellung von einer Feder im Wind, die zu Füßen des auf einer Bank wartenden Protagonisten landet, womit direkt zu Anfang die (für die damalige Zeit) herausragenden technischen Möglichkeiten der Macher demonstriert werden. Forrest hebt sie auf, betrachtet sie genau und legt sie dann in ein Bilderbuch für Kinder, das er aus seinem sehr geordneten Koffer holt. Die Kamera fängt seine unsicheren, kindlichen Gesichtszüge ein: Die Augenbrauen sind angehoben, die Mundwinkel zeigen leicht nach unten. Bereits bei der Betrachtung und Einsortierung der Feder lässt sich Forrests Blick fürs Detail erkennen. Er wirkt dabei sehr konzentriert und es scheint, als ob er in diesem Moment nichts anderes wahrnehme. Der streng geordnete Koffer suggeriert, dass sein Besitzer großen Wert auf Ordnung und Struktur legt.

Als sich eine Passantin nebst Forrest auf die Bank setzt, sucht dieser direkt das Gespräch. Er stellt sich mit Äeigenartige[m] Singsang in der Stimme“ (JOST, 2008, S. 35) vor1 und bietet der Dame eine Praline an. Er lässt sich von der zunächst fehlenden Reaktion von ihr nicht irritieren und bemerkt stattdessen, dass sie Äsehr bequeme Schuhe“ trage - erneut ein Blick fürs Detail.

Forrest beginnt von seinem Leben zu erzählen. Zunächst folgt eine lebhafte Erinnerung an einen Arztbesuch in seiner frühen Kindheit. Dazu kneift er die Augen sehr fest zusammen, als ob er sich stark konzentrieren müsse oder als ob die negativen Gefühle an diese Erinnerung wieder aufkommen: ÄEr hat kräftige Beine [], aber dafür hat er ein Rückgrat wie ein Politiker“ (00:05:00), sagte der Arzt zu Forrests Mutter und meint damit eine Schädigung/Fehlstellung der Wirbelsäule, die nicht weiter beschrieben oder benannt wird. In der Folge ist der junge Forrest auf Gehschienen angewiesen, wodurch eine physische Andersartigkeit sichtbar gemacht wird, die im weiteren Verlauf wiederrum dazu führt, dass Forrest als von der Norm abweichender von Altersgenossen gehänselt wird.

Bevor seine Lebensgeschichte weitererzählt wird, erwähnt er die Herkunft seiner Namensgebung. So wurde er ironischer weise, als von Vorurteilen gänzlich freier Mensch, nach Nathan Bedford Forrest, einem der Mitbegründer des Ku-Klux-Klans (im folgenden: KKK), benannt (vgl. GLATZ, HENKE, S. 56). Den KKK bezeichnet Forrest ferner als ÄVerkleidungsverein“. Dabei wird klar, dass er die Bedeutung von dieser Vereinigung nicht kennt oder etwa nicht versteht. Weitere Beispiele für mangelndes Verständnis finden sich als Forrest von Jennys Vater, der sie sexuell missbraucht, spricht und ihn als netten Mann charakterisiert (00:17:27), da er sie jeden Tag streichelt und als er davon spricht, dass sie in Vietnam ständig auf der Suche nach einem Ägewissen Charlie“ waren (00:42:53), wobei ÄCharlie“ das Codewort für die Vietcong war. Ebenso wenn er angeschossen wird und vermutet, dass er von Äirgendetwas gebissen“ (00:50:57) wurde.

Allerdings fällt auch auf, dass er über ein sehr gutes Erinnerungsvermögen verfügt, besonders für Details, die den meisten Leuten unwichtig und banal erscheinen würden (so erzählt er z.B. von verschiedenen Koffertypen [00:10:09] oder später von verschiedenen Regenarten [00:44:50]), sowie für Sprüche und Lebensweisheiten.

Weiterhin wird deutlich, dass Forrest ein Bewusstsein für die eigenen - im Vergleich zu anderen Menschen in seinem Umfeld - kognitiven Einschränkungen hat, wenn er sagt: ÄMama konnte alles so erklären, dass ich‟s verstehen konnte“ (00:06:22).

Solch ein Bewusstsein, dass die eigenen Fähigkeiten weiter einschränken kann, wird natürlich gefördert, wenn einem Kind ständig vorgehalten wird, wie anders oder gar wie dumm es sei: ÄIhr Sohn ist anders Mrs. Gump!“ (00:07:16), heißt es vom Schuldirektor in der nächsten Szene des Films, als dieser Bezug auf einen von Forrest absolvierten Intelligenztest nimmt. Hierbei wären 75 IQ- Punkte diagnostiziert worden, wobei mindestens 80 für den Besuch einer Ästaatlichen Schule“ erforderlich seien.

Während man hier eine Kritik an der damaligen rigorosen Hörigkeit gegenüber Intelligenztests erkennen kann, appelliert Mrs. Gump an Heterogenität. Schließlich seien alle Menschen anders, Forrest sei lediglich etwas langsam und er solle nicht an eine Sonderschule, um zu lernen Äwie man Flaschen sortiert“ (00:08:10).

Diese Worte verhallen in den USA der 1950er Jahre und so erreicht Mrs. Gump die Integration von Forrest nur dadurch, dass sie dem Schuldirektor sexuelle Gefälligkeiten anbietet.

Forrest bekommt zumindest den Beischlaf mit, denn als er vom Schuldirektor, nachdem dieser verschwitzt das Haus der Gumps verlässt, gefragt wird, ob er nicht viele rede, zeigt er als einzige Reaktion die Imitation der zuvor hörbaren Stöhngeräusche, woraufhin der Schuldirektor zügig das Weite sucht.

Ob und wie Forrest die Situation versteht ist fraglich, aber seine eher traurig und betroffen wirkende Mimik lässt vermuten, dass er begreift, dass seine Mutter ein Opfer für ihn bringt. Unterstrichen wird dieser Eindruck dadurch, dass sich seine Mimik zum Fröhlichen hin wendet, als er den ÄEindringling“ durch seine Geräusche vertreibt.

In der nächsten Szene offenbart der junge Forrest sein Rhythmusgefühl, als er zur Musik des zu dem Zeitpunkt noch unbekannten Elvis Presley tanzt, der zufälligerweise in der Pension von Mrs. Gump zu Gast ist. Hierbei inspiriert er den jungen Musiker durch seine Bewegungen mit den Gehhilfen zu dem später für Elvis charakteristischen Tanzstil.

In diesem Rahmen erzählt Forrest kurz weiter von Elvis, dem sein Mitleid gilt, denn Äes muss schwer sein, King zu sein“ (00:11:46).

Forrest nimmt also den Spitznamen ÄKing“ von Elvis Presley wörtlich, da er über keine Ambiguitätstoleranz zu verfügen scheint.

Es folgt eine Erinnerung von Forrest an seinen ersten Schultag und seine erste Begegnung mit seiner großen Liebe Jenny. Zunächst legt er eine komplexe und kognitiv anspruchsvolle Lösungsstrategie an den Tag, als er in den Schulbus einsteigen soll. Er kennt die Busfahrerin nämlich nicht und somit befindet er sich in einem Konflikt, da er Änicht bei Fremden [] einsteigen“ (00:12:10) darf. So stellt er sich kurzerhand vor, nachdem die Busfahrerin ihren Namen nennt und schlussfolgert: ÄDann sind sie ja keine Fremde mehr!“ (00:12:27). Nun kann Forrest den Bus betreten und wird prompt wegen seiner Auffälligkeit - der Gehschienen - ausgegrenzt, bevor er auch nur ein Wort sagen kann. So lässt zunächst jedes der Schulkinder ihn mit bösartigen und abwertenden Blicken wissen, dass er nicht neben ihnen sitzen darf/ nicht erwünscht ist. Die Szene zeigt einerseits, wie belastend und schrecklich die Erfahrungen von Ausgrenzung für Kinder sind, als Forrest traurig von Sitz zu Sitz läuft und andererseits wie massiv schon Kinder durch Eltern und/oder fehlende Aufklärung in der Schule eine ablehnende Haltung gegenüber Menschen entwickeln können, die nicht der hypothetischen Norm entsprechen.

Dann allerdings trifft Forrest auf Jenny, die ihm einen Platz anbietet. Auf die Frage, was denn mit seinen Beinen los sei, versucht Forrest auszuweichen: ÄNix, meine Beine sind ordentlich in Ordnung!“ (00:13:38). Eine Strategie, die von Unsicherheit zeugt und gleichzeitig sehr sinnvoll erscheint, wenn man die ablehnende Haltung vieler (in den 1950er Jahren noch viel ausgeprägter als heutzutage) beachtet. Auch im weiteren Gespräch zwischen den beiden fallen derartiges Ausweichen, sowie Festhalten an bekannten Phrasen seiner Bezugsperson, der Mutter, seitens Forrests auf, die er oft mit ÄMama hat gesagt“ einleitet. So z.B. als die junge Jenny ihn fragt, ob er dumm sei: ÄDumm ist der, der Dummes tut!“ (00:13:56). Seine Sprache ist etwas verlangsamt.

Während Jenny ihm das Gefühl vermittelt, gleichwertig zu sein (beide bringen sich gegenseitig Sachen wie Lesen, Klettern und am Baum Schaukeln bei), zeugt eine weitere geschilderte Erfahrung davon, wie feindselig Forrests Umwelt bzw. Teile davon ihm begegnen: Drei etwa Gleichaltrige beschimpfen und bewerfen ihn mit Steinen, woraufhin Forrest nach Jennys Aufforderung losläuft. Dabei fallen seine Gehschienen ab und dennoch kann er rennen wie der Wind und seinen Verfolgern entkommen. Eine erste symbolische Szene des Films.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Laufen wird zu Forrests liebstem Hobby. Die Schienen braucht er fortan nie wieder und auch sonst treten keine weiteren körperlichen, durch die Fehlstellung der Wirbelsäule bedingten Beeinträchtigungen auf.

Während die Off-Stimme davon spricht, dass jeden Tag Wunder passieren, zeigt sich bereits in dieser Szene, dass der Film als fiktives Werk nicht den Anspruch hat, Behinderung zu 100% realistisch darzustellen. Dennoch veranschaulicht diese Begebenheit, nachdem die Situation sich in Forrests Adoleszenz wiederholt, etwas Typisches: ÄDie feindliche Reaktion der Umwelt [] motiviert Forrest zu einer Form der Bewältigung, aus der sich [] eine besondere sportliche Fähigkeit entwickelt. [Diese] resultiert in Selbstbewusstsein und sozialem Aufstieg und gibt seinem Leben Richtung und Zusammenhang“ (LAUX, RENNER, 2005, S. 219). So landet Forrest bei seiner Flucht auf einem Football-Feld und wird ob seiner enormen Schnelligkeit Äentdeckt“ - er erhält ein Stipendium fürs College.

Natürlich ist die Bewältigungsstrategie ÄWeglaufen“ in der Realität nicht unbedingt eine sinnvolle, aber für Forrest funktioniert es und es zeigt vor allen Dingen zwei Aspekte: Den starken Einfluss von Umwelt auf die eigene Persönlichkeit und die Fixierung an einer sich als erfolgreich erwiesenen Bewältigungsstrategie, die bei Menschen, die unter den Bedingungen von Behinderung aufwachsen und wenig Erfolgserlebnisse in ihrem Leben haben, noch stärker wirken bzw. bestehen dürften, als bei Menschen, für die dies nicht gilt.

Wenngleich Behinderung in dem Spielfilm also bisher nicht realitätsgetreu dargestellt wurde, so wurden doch ihre Folgen illustriert: Aggression und Spott der Umwelt, Isolation und (schulische wie gesellschaftliche) Ausgrenzung, Vorurteile und die Reduzierung eines Menschen auf ein Merkmal.

Dabei dürfen die Zeit von Forrests Kindheit, die 1950er Jahre, sowie sein Lebensraum, die Südstaaten der USA (Alabama), nicht außer Acht gelassen werden, da innerhalb dieser Rahmenbedingungen Feindseligkeit gegenüber Andersartigkeit tagtäglich vorkam und gesellschaftlich zumindest geduldet wurde. Gleichzeitig wird ersichtlich, dass Forrests Selbstbewusstsein dennoch gut ausgeprägt ist, da er mit Jenny und besonders seiner Mutter zwei starke Persönlichkeiten hat, die ihn unterstützen.

Die Rahmenhandlung, zu der auch die Off-Stimme gezählt wird, zeichnet bisher ein Bild von einem erwachsenen Mann mit kindlichen Zügen und Interessen, Sinn fürs Detail und für Ordnung, fehlendem Verständnis für Bedeutung abstrakter Sachverhalte und Äauffälliger“ Sprache, der offen und freundlich auf Menschen zugeht und über große Empathie verfügt.

2.2 Jugend

Während Forrest auf dem College nun erfolgreicher Football-Spieler ist, wenngleich er die Spielregeln nicht beherrscht (nach einem Touchdown rennt er unbeirrt weiter), wird es in Alabama 1963 afroamerikanischen Bürgern erlaubt zu studieren.

Als einer seiner Kommilitonen sehr abfällig darüber redet und Forrest erklären will, dass Ädie mit uns studieren wollen“ (00:22:07) fragt dieser: ÄMit uns? Tatsächlich?“ (00:22:09). Dabei zeigt sich erneut, dass er Zusammenhänge, also die Feindseligkeit der weißen

Mitbürger und die vermeintliche Andersartigkeit der afroamerikanischen Mitbürger, kaum verstehen kann und gleichzeitig, dass er ein völlig vorurteilsfreier und gutmütiger Mensch ist. So eilt er auch umgehend zur Hilfe, als die afroamerikanische junge Dame ihr Portemonnaie verliert.

Ferner stellt er seinen Beschützerinstinkt und seine stark ausgeprägte ÄAufopferungsbereitschaft“ (LAUX, RENNER, 2005, S. 218) unter Beweis, wenn Jenny in der nächsten Szene sexuell bedrängt wird und er den Angreifer wie in Rage durch Gewaltanwendung vertreibt.

Kurz darauf hat er seine erste sexuelle Erfahrung. Dabei wirkt er sehr schüchtern, sowie unbeholfen und aufgeregt zugleich, wobei er mit Jenny eine sehr verständnisvolle Partnerin hat.

Inzwischen spielt Forrest für das All-American Footballteam. Interessant dabei ist, dass seine Umwelt sich auf ihn einstellt: Nachdem er die Markierung zum Touchdown überschritten hat, geben die sich im Stadion befindliche Marschkapelle und das Publikum ihm mit Hilfe von großen Schildern den Hinweis ÄStop!“, so dass er nicht wie sonst einfach weiterrennt. Sein Umfeld wirkt also unterstützend ohne ihn wegen seines mangelnden Spielverständnisses abzustufen. Andere Eigenschaften überwiegen und dieses eine, vermeintlich defizitäre wird nicht zur Messlatte für den Menschen Forrest Gump.

Nach einer Begegnung mit John F. Kennedy im Rahmen des Footballteams, erzählt Forrests Stimme aus dem Off etwas über das Schicksal der Kennedys und er sinniert: ÄEs muss schwer sein, Brüder zu haben“ - ähnlich wie bei Elvis zeigt Forrest wieder Mitgefühl und Empathie.

Schließlich erhält Forrest Gump, dem ein IQ von 75 attestiert wurde, seinen Collegeabschluss, obwohl er Änur 5 Jahre Football gespielt“ hat, dessen er sich selbst bewusst ist. Während Jost einen ÄSeitenhieb auf das [] amerikanische Hochschulwesen“ (JOST, 2008, S. 36) erkennt, muss hier wieder die realistische Darstellung nicht nur in Frage gestellt, sondern abgesprochen werden. Vielmehr lässt sich auf der symbolischen Ebene interpretieren, dass Menschen unter den Bedingungen von Behinderung und trotz widriger Umstände hochgesteckte Ziele erreichen können. Ebenso könnte man auf der anderen Seite darin eine Parodie auf den American Dream erkennen.

Umso realistischer wird es im Folgenden, wenn der leicht zu beeinflussende Forrest unmittelbar nach der Abschlusszeremonie von Mitgliedern der Armee angesprochen wird und sich prompt rekrutieren lässt.

Nach wie vor lässt sich erkennen, dass Forrest unter den Bedingungen von kognitiven Beeinträchtigungen lebt: Es fällt ihm schwer Zusammenhänge zu erkennen, gewisse Sachverhalte zu verstehen und er ist eher fremd- denn selbstbestimmt, andererseits sind seine sozialen Fähigkeiten stark ausgeprägt. Er hat ein empathisches Bewusstsein, er fühlt sich in seine Mitmenschen ein, zudem ist sein Gerechtigkeitsbewusstsein enorm. Er setzt sich für Schwächere (wie die belästigte Jenny) ein ohne an sich selbst zu denken.

Zwar ist es stets gefährlich Stereotypien oder Pauschalisierungen zu verstärken, dennoch ist es meiner Erfahrung nach tatsächlich so, dass Menschen unter den Bedingungen von Behinderung ein ausgeprägteres Gerechtigkeitsbewusstsein als ein Großteil der Gesellschaft, sowie enorme empathische Fähigkeiten haben, was somit die Darstellung von Behinderung, wenn auch nicht auf der hundertprozentig realistischen Ebene, glaubwürdiger macht als bisher.

Im Gegensatz zu seiner Kindheit hat sich zudem die Gesellschaft der 1960er teilweise gewandelt: Forrest erfährt weniger Ablehnung und Feindseligkeit, dafür mehr Verständnis, Anerkennung und Unterstützung.

2.3 Forrests Armeedienst

Zunächst scheint sich eine Szene aus Forrests Kindheit zu wiederholen: Er steigt in einen Bus voller Rekruten, die nicht gerade gewillt scheinen, ihm einen Platz anzubieten, er nimmt also wieder eine Außenseiterposition ein, bis er einer freundlichen Person, wie einst Jenny im Schulbus am ersten Schultag, begegnet: Seinem bald Äbesten guten Freund“ (00:45:02) Bubba.

Dieser, selber etwas langsam im Denken und Sprechen, akzeptiert Forrest sofort und so verbringen beide ihre Armeezeit hauptsächlich miteinander.

Dort fühlt Forrest sich sehr wohl, weil man zufrieden mit ihm ist, da er, als an Fremdbestimmung Gewöhnter, jedem Befehl gehorcht. Er scheint die hier gelehrten Fähigkeiten wie ein Schwamm aufzusaugen: Sei es das perfekte Auseinander- und Zusammenbauen seines Gewehres als Truppenschnellster einer Maschine gleich oder später die Äprofessionellen“ Bewegungen beim Durchsuchen eines Vietcong-Schachtes.

Nachdem man diese komplexen, extrem schnell ausgeführten und motorisch anspruchsvollen Bewegungsabläufe beobachtet hat, fällt es enorm schwer die Figur Forrest Gump mit vorherigen Beobachtungen und Begriffen wie Älern- oder geistig behindert“ in Verbindung zu bringen, obwohl manches in diese Richtung hindeutet (wie z.B. das fehlende Verständnis für Sarkasmus/Zynismus; fehlende Ambiguitätstoleranz). Hier zeigt sich ein Bruch in der Stringenz des Charakters.

Naturgetreuer anmutend oder realistischer in der Darstellung ist die letzte Szene vor der Vietnam-Passage, als Forrest Jennys Auftritt beiwohnt:

Die gehässigen Kommentare des männlichen Publikums ausblendend sieht und hört er nur sie Gitarre spielen und singen - wieder vermag einem die Polarisation der Aufmerksamkeit ins Gedächtnis springen, wenn man seinen Blick betrachtet. Als Jenny jedoch belästigt wird, verpufft sein Tunnelblick und er eilt in gewohnter Weise zur Hilfe und rettet sie aus der brenzligen Situation2. Im darauffolgenden Gespräch unterstellt sie ihm, er wisse nicht was Liebe ist, woraufhin er sehr traurig dreinblickt, jedoch ohne zu widersprechen. Ihm wird also eine Fähigkeit von einer Bezugsperson abgesprochen, so dass er dies zu glauben scheint - besonders nah an der Realität wirkt dies, führt man sich vor Augen, wie oft Menschen unter den Bedingungen von Behinderung Ädumm gemacht werden“, weil ihnen nichts zugetraut wird. Als Jenny dann aber, von ihren Selbstmordgedanken getrieben, fragt, ob sie von der Brücke, auf der die beiden stehen, fliegen könne, merkt man, dass Forrest durchaus mehr weiß oder bemerkt als ihm zugetraut wird, da er sehr ängstlich und nervös bei Jennys Frage wird.

Weitere Untermauerungen für seine Aufopferungsbereitschaft und seine Eigenschaft, einmal Gelerntes stets anzuwenden, findet sich ab 00:48:00 des Spielfilms, als Forrest bei einem Gefecht in Vietnam wegrennt, dann aber zurückeilt, um seine Kameraden, vornehmlich Bubba, zu retten. Dieser stirbt in seinen Armen. Zurück in der Rahmenhandlung verwendet Forrest dann seine vielgebrauchte Phrase Ädas ist alles, was ich darüber sagen kann“ (00:54:11). Es wirkt so, als ob er dies stets sagt, wenn er nicht weiter über etwas sprechen möchte oder kann. Es erinnert an Schulsituationen, bei denen man den Lehrer davon abbringt, einen weiter mit Fragen zu löchern, indem man sagt, dass man es nicht weiß; Situationen, die Forrest gut bekannt sein dürften, wenngleich dies freie Interpretation ist.

Ob seiner Verletzung im Lazarett, erhält er alle Briefe, die er an Jenny geschrieben hat, zurück (die nebenbei bemerkt korrekt beschrieben wurden).

Im Folgenden lernt Forrest Pingpong spielen, wobei sein enormes Koordinationstalent zum Tragen kommt: Fast mechanisch schlägt er die Bälle präzise, fest und schnell, so dass er sein Land letztendlich sogar bei der Pingpong-WM in China vertritt.

Zunächst zeigt sich jedoch erst einmal wieder die Fremdbestimmtheit von Forrests Leben, als er nach Erhalt der Tapferkeitsmedaille von Aktivisten zu einer riesigen Friedensdemonstration geschoben wird und dort zu der Menge sprechen soll, was durch einen Sabotageakt eines Militaristen verhindert wird. Dennoch zeigt sich der Moderator der Veranstaltung tief bewegt von Forrests Aussagen, die er als einziger gehört hat. Im Anschluss gibt es ein Wiedersehen mit Jenny, bei dem er wieder drauf beharrt, ihr fester Freund zu werden, woraufhin sie jedoch ausweicht: ÄWir beide leben in zwei verschiedenen Welten“ (01:09:13). Eine typische Antwort, so könnte man vermuten, wenn ein Mensch unter den Bedingungen von Behinderung mit einem nicht-behinderten Menschen eine Beziehung eingehen möchte.

Nach einem gemeinsamen TV-Auftritt mit John Lennon tritt Forrest auf den depressiven und auf den Rollstuhl angewiesenen Ltd. Dan, wobei sich erneut Forrests fehlender Sinn für Ironie und Zynismus offenbart, ebenso in der folgenden Szene: Ltd. Dan fragt Forrest, ob er Jesus schon gefunden habe: ÄIch wusste gar nicht, dass ich ihn suchen soll“ (01:14:19). Ferner zeigt sich in der Szene sein unerschütterliches Gottvertrauen (ÄIch komme in den Himmel Ltd. Dan!“ [01:15:16]) und seine moralische Standfestigkeit (Versprechen an Bubba einhalten, wenngleich dieser bereits tot ist).

Als beide sich im Appartement von Ltd. Dan mit zwei Prostituierten wiederfinden, erkennt man wiedermal das sich durch den Film ziehende Motiv der Umwelt, als Forrest eine der Frauen abweist: ÄIst dein Freund dumm oder sowas?“ (01:18:43), woraufhin Ltd. Dan extrem verärgert reagiert und die beiden Prostituierten aus seiner Wohnung wirft: Er fühlt sich dadurch, dass beide von der hypothetischen Norm der Gesellschaft abweichen und somit oft deren Angst vor Andersartigkeit in Form von Beleidigungen spüren müssen, eng mit Forrest verbunden. Jener selbst charakterisiert es aus dem Off treffend:

ÄEr [Ltd. Dan] wollte nicht, dass man ihn Krüppel nennt, so wie ich nicht will, dass man sagt, ich wär„ dumm“ (01:20:16). Menschen unter den Bedingungen von Behinderung werden stigmatisiert und auf ein Merkmal ihrer Persönlichkeit reduziert, vom Rest der Gesellschaft als nicht-gleichwertig gesehen (siehe Beispiel mit Jenny und Beziehung). Hier zeigt sich wieder die Seite der realistischen Darstellung des Filmes. Ebenso darin, dass die besten Freunde von Forrest selbst Menschen unter den Bedingungen von Beeinträchtigung sind (Bubba, Dan), dass er an Bekanntem und Bewährtem stark festhält (Phrasen/Weisheiten der Mutter, Glaube an Gott) und dass Forrests Leben nachwievor enorm fremdbestimmt ist.

2.4 Forrests Karriere und Privatleben nach dem Armeedienst

Nachdem Forrest gesagt wird, sein Armeedienst sei beendet, rennt er wie flüchtend davon, um sein Versprechen gegenüber Bubba zu realisieren. Dabei muss er sich zwei weitere Male den beliebten Spruch der Umwelt ÄSind Sie dumm oder nur ein Idiot?“ (01:24:21) anhören, woran er sich anscheinend gewöhnt hat, da er dies ganz routiniert und strategisch sinnvoll mit seiner Formel ÄDumm ist der, der Dummes tut“ quittiert. Er passt sich also seiner Umwelt an und wirkt sehr souverän dabei.

Seine Impulsivität, die ihn Konsequenzen seines Handelns vergessen lässt, wird deutlich, als er auf seinem Shrimps-Kutter ist und Ltd. Dan am Steg entdeckt, woraufhin er winkend vom Boot in Richtung Steg springt, während sein Gefährt ungebremst in einen anderen Steg donnert.

Zudem lässt sich abermals Forrests Eigenschaft, Einmal Gelerntes stets einzuhalten, erkennen, als er seinen Freund Dan nach wie vor mit ÄSir“ anspricht (01:29:30).

[...]


1 Dies gilt sowohl für die deutsche, als auch die englische Fassung, wobei in letzterer zudem ein starker Südstaatenakzent, sowie mehr Verwendung von Umgangssprache feststellbar sind.

2 Ähnlich bei 01:05:43: In voller Konzentration auf Jenny und ihren ‚Freund‘ ignoriert er, wie er von der Seite lauthals ͣzugetextet“ wird und bricht aus dieser Ruhe aus, als sie geschlagen wird͘

Ende der Leseprobe aus 73 Seiten

Details

Titel
Forrest Gump - Kunstfigur oder Rolle mit Behinderung?
Hochschule
Universität Hamburg
Note
2,3
Autor
Jahr
2010
Seiten
73
Katalognummer
V166352
ISBN (eBook)
9783640824038
ISBN (Buch)
9783640824304
Dateigröße
1180 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
forrest, gump, kunstfigur, rolle, behinderung
Arbeit zitieren
Robert Pilgrim (Autor), 2010, Forrest Gump - Kunstfigur oder Rolle mit Behinderung?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/166352

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