In dem folgenden Abriss soll dargelegt werden, dass es einen absoluten
Normallebenslauf in den oberen Schichten der Wiener Gesellchaft bereits in den
Anfängen der Individualisierung nicht gegeben hat und individuelle Lebensläufe
bereits im 19. Jahrhundert vorhanden waren. Gerade in der Neuzeit1 gab es feste
Werte und Normen, die allgemeine Gültigkeit erlangten. So kommt es zu einer
eindeutigen Ausprägung von Geschlechterrollen – die Frau ist für die Kinder da.
Auch wenn bereits mit der Französischen Revolution Frauen für ihre Rechte und
Gleichstellung eintraten2, blieb dies meistens jedoch gerade im Alltag meist nicht
umgesetzt.
Frauen brachen jedoch immer mehr aus der typischen Rollenverteilung aus und
die im 19. Jahrhundert aufkommenden Frauenbewegung trug gewiss eine Teil
dazu bei. Die politischen Veränderungen wie die Industrielle Revolution halfen,
jedoch blieb die Debatte um diese Themen meist auf Randbereiche beschränkt.3
Auch in der Frauenbewegung zeigt sich, dass es sich vor allem um ein Phänomen
der Oberschichten handelt, in denen solche Themen diskutiert wurden. Gerade in
den Salons Europas und somit auch in der Wiener Oberschicht kamen die Fragen
zu Gleichheit von Mann und Frau auf.4
Aber auch die jungen Männer hatten es in der Wiener Gesellschaft nicht leicht.
Wien war gegenüber Neuerungen eine eher schwierige Stadt. Stefan Zweig
beschrieb die Stadt als konservativ und sehr im alten Kaiserreich verwurzelt.5 Im
Normalfall gingen die Söhne dem Beruf des Vaters nach und waren somit auch für
die Zukunft abgesichert.
Viele brachen aber aus diesem Bild aus und gingen ihren eigenen Weg. Zwei
Beispiele werden in dieser Arbeit aufgegriffen. So ist Elisabeth von Österreich
ihren eigenen Weg gegangen und Paul Wittgenstein entschied sich für ein Leben
als Konzertpianist, entgegen dem Willen seiner Familie.
Inhaltsverzeichnis
Einleitung
Elisabeth von Österreich-Ungarn
I. Ein Leben mit stetiger Todessehnsucht
II. Unglück einer Kaiserin
Paul Wittgenstein
I. Leben in einer eher ungewöhnlichen Familie
II. Einarmiger Pianist und Jude
Fazit
Zielsetzung und thematische Schwerpunkte
Die vorliegende Arbeit untersucht den historischen Prozess der Individualisierung im Wien der Neuzeit (ca. 1800–1930). Anhand der Fallbeispiele von Kaiserin Elisabeth von Österreich-Ungarn und Paul Wittgenstein wird analysiert, inwiefern individuelle Lebensentwürfe entgegen gesellschaftlicher Normen und familiärer Erwartungen realisiert wurden.
- Die gesellschaftliche Rolle der Frau und der Ausbruch aus typischen Rollenverteilungen.
- Psychologische Aspekte und Schicksalsschläge in hochgestellten Persönlichkeiten des 19. Jahrhunderts.
- Die Bedeutung der Familie und konservativer Traditionen im alten Kaiserreich als Widerstandsfaktor für den Individualismus.
- Die Auswirkungen historischer Ereignisse, wie des Ersten Weltkriegs, auf die Lebensgestaltung Einzelner.
- Das Spannungsfeld zwischen persönlicher Selbstverwirklichung und politisch-gesellschaftlichem Umbruch in Wien.
Auszug aus dem Buch
Unglück einer Kaiserin
Schönheitskult, Schlankheitswahn, Sportsucht – Kaiserin Elisabeth war ihrer Zeit auf tragische Weise voraus. Elisabeth wusste durchaus um ihr Aussehen und viele Frauen ihrer Zeit beneideten die schöne Kaiserin.
All diese Verhaltensweisen wurden 1998 zu einer eigenen Depressionsform zusammengefasst: dem Sisi-Syndrom. Durch Unrast, Sprunghaftigkeit, körperliche Hyperaktivität, rasche Stimmungsschwankungen, Fasten, übertriebenen Körperkult, Selbstwertprobleme wird diese Krankheit charakterisiert und die Darstellung passt sehr gut auf die Kaiserin.
Elisabeth bereitete ihren Eltern in ihrer Jugend eher Kummer, da sie, im Gegensatz zu ihrer Schwester Helene, ein Wildfang war und man nicht von Schönheit bei ihr sprechen konnte. Dennoch war es ausgerechnet Kaiser Franz Joseph I. der sich in sie verliebte. Doch bereits bei ihrem Einzug in die Hofburg wurde sie von vielen um ihr Haar und ihr Erscheinungsbild.
Zusammenfassung der Kapitel
Einleitung: Die Einleitung legt dar, dass individuelle Lebensläufe trotz starrer gesellschaftlicher Normen bereits im 19. Jahrhundert in Wien existierten und führt in die Fallbeispiele Elisabeth von Österreich-Ungarn und Paul Wittgenstein ein.
Elisabeth von Österreich-Ungarn: Dieses Kapitel beschreibt den Lebensweg der Kaiserin, geprägt von Schicksalsschlägen, einer unglücklichen Ehe und ihrem unbändigen Freiheitsdrang, der sie zur Flucht aus dem strengen Hofzeremoniell trieb.
I. Ein Leben mit stetiger Todessehnsucht: Der Abschnitt beleuchtet die Jugend, die schwierige Anpassung an das Wiener Hofleben und die Flucht in eine innere Emigration nach Ungarn.
II. Unglück einer Kaiserin: Hier werden die psychischen Belastungen und der exzessive Schönheitskult der Kaiserin thematisiert, die heute oft als Anzeichen für eine psychische Erkrankung gedeutet werden.
Paul Wittgenstein: Das Kapitel widmet sich der von Tragödien gezeichneten Familie Wittgenstein und dem Lebensweg von Paul Wittgenstein, der sich gegen eine industrielle Karriere für die Musik entschied.
I. Leben in einer eher ungewöhnlichen Familie: Dieser Teil beleuchtet die familiäre Prägung durch den Vater Karl Wittgenstein und die traumatischen Erlebnisse der Geschwister, die den Einzelnen unter Druck setzten.
II. Einarmiger Pianist und Jude: Dieser Abschnitt beschreibt Paul Wittgensteins erfolgreichen Umgang mit einer kriegsbedingten Behinderung und die Flucht der Familie vor dem Nationalsozialismus.
Fazit: Das Fazit resümiert, dass beide Persönlichkeiten den Individualisierungsprozess in einer Wiener Gesellschaft im Umbruch verkörpern, wobei historische Ereignisse ihre Lebenswege maßgeblich beeinflussten.
Schlüsselwörter
Individualisierung, Neuzeit, Wien, Elisabeth von Österreich-Ungarn, Paul Wittgenstein, Kaiserreich, Frauenbewegung, Gesellschaft, Psychologie, Sisi-Syndrom, Nationalsozialismus, Biografie, Wiener Moderne, Lebenslauf, Selbstverwirklichung
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit analysiert den Individualisierungsprozess im Wien des 19. und beginnenden 20. Jahrhunderts anhand zweier prominenter Biografien.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die zentralen Themen sind gesellschaftliche Normen, Rollenbilder, familiäre Erwartungshaltungen sowie der individuelle Ausbruch aus vorgegebenen Lebenswegen.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Ziel ist es aufzuzeigen, dass trotz der konservativen Strukturen der Wiener Gesellschaft individuelle Lebensentscheidungen möglich waren und bereits existierten.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit basiert auf einer historischen Quellen- und Literaturanalyse, die biografische Daten mit zeitgenössischen gesellschaftlichen Entwicklungen verknüpft.
Was wird im Hauptteil schwerpunktmäßig behandelt?
Der Hauptteil analysiert detailliert die Lebensgeschichten von Kaiserin Elisabeth und Paul Wittgenstein, insbesondere ihre Konflikte mit Familie, Hof und gesellschaftlichen Erwartungen.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Individualisierung, Sisi-Syndrom, Wiener Moderne, Familiendruck, künstlerische Selbstverwirklichung und gesellschaftlicher Umbruch.
Warum wurde Paul Wittgenstein als Beispiel gewählt?
Er dient als Beispiel für einen Mann aus der Oberschicht, der trotz familiärer Widerstände und einer schweren Kriegsverletzung seinen eigenen Weg als Konzertpianist verfolgte.
Welchen Einfluss hatte der Nationalsozialismus auf das Ende der dargestellten Biografien?
Der Nationalsozialismus zwang die jüdischstämmige Familie Wittgenstein zur Emigration und beendete das Leben von Elisabeth indirekt durch eine Zeit, in der die "alte Welt" unterging.
- Quote paper
- Juliane Cuno (Author), 2010, Individualismus in der Neuzeit veranschaulicht an den Bespielen von Elisabeth von Österreich-Ungarn und Paul Wittgenstein, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/166394