Zwischen Liebeserfahrung und Trennungsschmerz - Karoline von Günderrodes "Die eine Klage"


Hausarbeit, 2005

17 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

Inhalt

1 Einleitung

2 Einordnung in den historisch-biografischen Kontext

3 Inhaltliche und strukturelle Gestaltung des Gedichtes

4 Das Motiv der Trennung

5 Selbstmordgedanken innerhalb des Werkes

6 Fazit

7 Literaturverzeichnis

1 Einleitung

Das Gedicht „Die eine Klage.“ von Karoline von Günderrode gehört meines Erachtens zu den emotional eindrucksvollsten und bewegendsten Gedichten des frühen 19. Jahrhunderts. Eine gerade einmal 26 Jahre alte Frau erdichtet dieses Werk, um zu schildern, welche Hochgefühle Liebende, aber auch welchen tiefen Schmerz Alleingelassene und von der Liebe Enttäuschte erfahren. Das Gedicht ist auf den ersten Blick eine Liebeserklärung an die Liebe und das Leben. Dennoch lässt es dem heutigen Leser beim gleichzeitigen Blick auf Karolines Leben einen Schauer über den Rücken laufen. Vor dem Hintergrund ihres Selbstmordes noch im Entstehungsjahr dieses Werkes, kann man das Gedicht auch als eine durchaus bewusste Ankündigung ihres Freitodes verstehen. Diese Vielfalt der Interpretationsmöglichkeiten lässt die nähere Betrachtung der verwendeten Motive und verarbeiteten Themen innerhalb des Gedichtes noch notwendiger und spannender erscheinen.

Der besondere Eindruck, das im Werk Geschilderte nachempfinden zu wollen und zu können, ist vor allem der Tatsache geschuldet, dass fast jeder Mensch schon mal von Herzen geliebt hat und auch weiß, was Liebeskummer bedeutet. Eben durch diese Polarität der Motive, dem der Liebeserfahrung und dem des Trennungsschmerzes, wird in Karoline von Günderrodes Gedicht „Die eine Klage.“ eine Spannung erzeugt, welche den Leser in ihren Bann zieht. Mit welchen stilistischen und inhaltlichen Mitteln diese Spannung konstituiert wird und sich gegen Ende auflöst, wird zentraler Bestandteil dieser Arbeit sein. Weiterhin möchte ich Anhaltspunkte zusammentragen, welche auf von Günderrodes Selbstmordgedanken und den damit verbundenen Resüméecharakter des Werkes, bezogen auf ihr eigenes Leben und Lieben, hindeuten. Ich möchte darauf hinweisen, dass diese Arbeit keine psychoanalytische Untersuchung von Günderrodes Lebensabends unter Beachtung sämtlicher überlieferter Briefe bieten möchte. Vielmehr zielt die vorliegende Arbeit, nach Einordnung des Werkes in den historisch-biografischen Kontext, auf eine textnahe Interpretation des ausgewählten Gedichtes, ohne jedoch die Einbindung treffender Sekundärliteratur an angebrachter Stelle zu vernachlässigen.

2 Einordnung in den historisch-biografischen Kontext

Karoline Friederike Louise Maximiliane von Günderrode wurde am 11. Februar 1780 in Karlsruhe als ältestes von sechs Kindern geboren.1 Da sich die wirtschaftliche Situation der Familie nach dem Tod des Vaters, Regierungsrat Hector von Günderrode, bedrohlich verschlechterte, trat Karoline im Alter von 17 Jahren in das Cronstetten-Hynspergische evangelische Damenstift in Frankfurt am Main ein, welches bedürftigen adeligen Damen ein standesgemäßes Heim bot.2 Sie durfte zwar Besuch empfangen und auch Reisen unternehmen, dennoch unterlag sie den strengen Regeln des Stiftes. Anders als es diese Zeit von ihr verlangte, sah sich Karoline jedoch nicht als eine Frau, die dem Mann unterwürfig dienen und ihre eigenen Gefühle verbergen sollte. Als einziges Mittel, um ihre eigenen Gedanken zur Rolle der Frau, welche der damaligen Zeit weit voraus waren, zu äußern, sah sie die Schriftstellerei. Dies sieht auch Franz Josef Görtz ähnlich. Er charakterisiert sie nach dem Verzicht auf den Juristen Friedrich Carl von Savigny, in den sie eine Zeit lang verliebt war, welcher dann jedoch eine andere Frau heiratete, als eine in dem Glauben bestärkte Frau, „nicht sie selbst sein zu dürfen, eine Maske tragen zu müssen, mit der sie verbirgt, was sie für sich fordert: zu lieben, wen und wie sie mag, ohne Rücksicht auf die Konvention, die Moral der gebildeten Stände, und [vor allem] zu schreiben, um wenigstens auf diese Weise auszusprechen, was sie leidet.“3 Sie lehnt ab, was die Hierarchie von ihr verlangt: Kälte, Steifheit, Absonderung und Etikette. Dadurch gerät sie in der damaligen Gesellschaft, zur Zeit eines „Knigge“, in die Rolle eines Außenseiters.4

In Nachschlagewerken taucht Karoline von Günderrode heute oft nur als Freundin von Clemens und Bettine Brentano sowie als Geliebte des Altertumswissenschaftlers Carl Friedrich Creuzer auf.5 Das literarische Schaffen von Günderrodes beschränkt sich im Wesentlichen auf drei Schriftbände: „Gedichte und Phantasien“, 1804 unter dem Pseudonym Tian veröffentlicht, „Poetische Fragmente“ (1805) sowie „Melete von Ion“ aus dem Jahre 1806, zu welchem neben dem bekannteren Gedicht „Die Einzige“ auch das Werk „Die eine Klage.“ gehört.6 Letzteres wird auf den 20. Februar des Jahres 1806 datiert, also etwa fünf Monate vor ihren Tod.7 Eine handschriftliche Überlieferung gibt es nicht.8 Das Gedicht entstand in einer Lebensphase Karolines, die geprägt war von brennender Liebe und bangem Warten. Knapp zwei Jahre zuvor, im August 1804 lernte sie in Heidelberg den eben erwähnten Altertumsforscher Carl Friedrich Creuzer kennen, in den sie sich rasch verliebte.9 Dieser war mit der 13 Jahre älteren Sophie verheiratet, was ihn jedoch nicht von einigen Treffen mit Karoline und dem Schreiben zahlreicher Briefe an sie, in denen er Gefühle für sie bekundet, abhielt. Den Plan, sich von seiner Frau zu trennen, um mit Karoline zusammenleben zu können, hat Creuzer jedoch schon bald wieder fallen gelassen.10 In einem Brief an sie bezeichnet er sich als „untauglicher Pfleger [...] der zarten Himmelsblume.“11 Die innere Zerrissenheit zwischen Hoffnung auf eine erfüllte Liebe und der berechtigten Befürchtung einer Enttäuschung dieser Hoffnung, veranlassten Karoline von Günderrode zum Schreiben zahlreicher Gedichte, denn nur in denen konnte sie ihre Gefühle zum Ausdruck bringen. In diese Schreibperiode ordnen Literaturwissenschaftler auch die Entstehung des Werkes „Die eine Klage.“ ein. In dieser Zeit, Anfang 1806, gastierte Karoline gerade bei Freunden in Winkel am Rhein. Während Creuzer eine schwere Krankheit ans Bett fesselte, beschloss er Karoline von Günderrode per Brief eine endgültige Absage zu erteilen. Dies verkraftete von Günderrode, welche sich bereits eine Zeit lang mit Selbstmordgedanken umhertrug, nicht. Nachdem sie sich nach Erhalt des Briefes am vorangegangen Abend zu einem Spaziergang von ihren Freunden verabschiedete, fand man sie am 24. Juli 1806 mit einem Dolch im Herzen steckend am Ufer des Rheines liegend.12 Inwieweit sich im Gedicht „Die eine Klage.“ Vorzeichen für diese Tat ausmachen lassen und wie sich ihre prekäre Gefühlslage in diesem Werk äußert, versuche ich in den folgenden Kapiteln darzulegen.

3 Inhaltliche und strukturelle Gestaltung des Gedichtes

Zum Untersuchungsgegenstand meiner Ausführungen mache ich die Fassung des Gedichtes, welche in der historisch-kritischen Ausgabe von Walter Morgenthaler abgedruckt ist.13 Beim ersten Lesen erzeugt „Die eine Klage.“ ein Durcheinander starker Emotionen. Zum Einen versucht man als Leser die Glückseeligkeit einer erfüllten Liebe, wie sie in Strophe zwei beschrieben wird, nachzuempfinden und beginnt automatisch im eigenen Erfahrungsschatz nach passenden Erinnerungen zu suchen. Zum Anderen, und dieser Eindruck überwiegt meines Erachtens, erzeugt das Gedicht ebenso eine Melancholie und tiefe Trauer, indem es den verzehrenden Liebesschmerz einer Trennung thematisiert. Um dies in voller Stärke nachempfinden zu können, ist es sicherlich Voraussetzung, eine ähnliche Situation als Leser im eigenen Erfahrungsschatz abrufen zu können, da einige der mitschwingenden Gefühle andernfalls am Rezipienten abprallen. Daher kann formuliert werden, dass Adressat dieses Gedichtes all jene sind, die diese Gefühle nachvollziehen können.

Bei dem in vier sechszeilige Strophen gegliederten Text dominieren eindeutig die geschilderten Emotionen. Dies gelingt der Autorin vor allem durch die treffende Wortwahl. Sehr oft benutzt sie Verben und Substantive, welche in irgendeiner Form in Verbindung mit Sinneswahrnehmungen gebracht werden können oder als Folge solcher auftreten können. Beispiele hierfür sind „Wunden“ (Vers 1), „Thränen“ (V.7), „empfunden“ (V.2), „Geist und Sinn“ (V.2), „Schmerz“ (V.3) oder „Herz“ (V.6). In den hier angeführten Beispielen fällt ein weiteres Merkmal des Gedichtes auf, das besonders in der ersten Strophe zum Ausdruck kommt. Viele dieser Begriffe vermitteln die Farbe Rot, welche für Liebe, Schmerz und Sterblichkeit steht. Allen voran „das geliebte Herz“ (V.6).

Es steht metaphorisch für die Liebe zu einem Partner, für alle damit verbundenen positiven und negativen Gefühle. In diesem Zusammenhang wird es jedoch als Sinnbild für die Nähe zur Seele des geliebten Partners gebraucht, welche durch die Trennung verloren gegangen ist. Das „Herz“ steht an dieser Stelle somit für die gesamte erste Strophe, über die es einen roten Schleier von Herzen kommender, negativer, leidvoller Emotionen legt. Für die Stärke dieser vermittelten Emotionen gibt es meiner Meinung nach jedoch einen weiteren Grund. Bereits in Vers eins beginnt Karoline von Günderrode die durch die Trennung erlittene Wunde als die „tiefste aller Wunden“ zu beschreiben. Dieser Superlativ lässt eine Steigerung der Gefühle nicht mehr zu, tiefere Wunden als diese gibt es nicht. Der „bittre“ Schmerz dieser Wunde breitet sich in „Geist und Sinn“ (V.2) aus, also in allen Regionen des Körpers, die Denken und Fühlen können. Durch die Anapher „Wer“ (V.1, 4) wirft die erste Strophe eine Frage auf, welche in Strophe zwei beantwortet wird. Denn nur wer diese Situation des lyrischen Subjektes, welches, wie ich später zeigen werde, durchaus mit Karoline gleichzusetzen ist, nachempfinden kann, „Der versteht...“ (V.7). Somit bestätigt sich hier meine These, dass nur derjenige ihre Emotionen in vollem Umfang nachfühlen kann, der schon einmal eine ähnliche Situation durchlebte.

In der zweiten Strophe wird nun dem zunächst geschilderten Trennungsschmerz das Glück der Vereinigung entgegengestellt. Durch die Begriffe „Lust“ (V.7) und „Thränen“ (V.7) integriert die Autorin abermals sehr gefühlsbeladene Substantive. Auch lässt sie wiederum mit dem Adjektiv „ewig“ (V.8) keinen Spielraum nach oben, schöpft die Grenzen der Beschreibbarkeit voll aus, um ihre Gefühle zumindest halbwegs zu charakterisieren. Sie sehnt sich danach, „Eins in Zwei zu sein“ (V.9), also nach seelischer und körperlicher Kongruenz zu ihrem Partner sowie „Eins im Andern sich zu finden“ (V.10), was auch den Aspekt der Sehnsucht nach Geborgenheit mit einbezieht. Karoline von Günderrode rückt am Ende der zweiten Strophe ihr eigentliches Ziel in den Vordergrund. Indem „der Zweiheit Gränzen schwinden“ (V.11), schwindet auch „des Daseins Pein“ (V.12). Dies deutet darauf hin, welch großen Schmerz sie in unerfüllter Zweisamkeit zu ihrem Geliebten durchleben muss. Ohne Liebe bereitet ihr das Leben nur Schmerz.

[...]


1 Hille, Markus: Karoline von Günderrode. Reinbek bei Hamburg: Rowohlt-Verlag 1999, S 7.

2 Vgl. Görtz, Franz Josef: Karoline von Günderrode / Gedichte. Frankfurt a.M.: Insel-Verlag 19933, S. 101.

3 Ebd. S. 104.

4 Ebd. S. 99.

5 Vgl. Ebd.

6 Ebd.

7 Morgenthaler, Walter: Karoline von Günderrode. In: Sämtliche Werke und ausgewählte Studien. Bd. 2. Basel: Stroemfeld/Roter Stern 1991, S. 186.

8 Ebd.

9 Vgl. Görtz, S. 109.

10 Ebd. S. 111.

11 Ebd.

12 Ebd. S. 112.

13 Morgenthaler, Walter: Karoline von Günderrode. In: Sämtliche Werke und ausgewählte Studien. Bd. 1. Basel: Stroemfeld/Roter Stern 1991, S. 328.

Ende der Leseprobe aus 17 Seiten

Details

Titel
Zwischen Liebeserfahrung und Trennungsschmerz - Karoline von Günderrodes "Die eine Klage"
Hochschule
Friedrich-Schiller-Universität Jena  (Germanistische Literaturwissenschaft)
Note
1,3
Autor
Jahr
2005
Seiten
17
Katalognummer
V166416
ISBN (eBook)
9783640824762
ISBN (Buch)
9783640825011
Dateigröße
416 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
zwischen, liebeserfahrung, trennungsschmerz, karoline, günderrodes, klage
Arbeit zitieren
Peter Heilek (Autor), 2005, Zwischen Liebeserfahrung und Trennungsschmerz - Karoline von Günderrodes "Die eine Klage", München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/166416

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