Auswirkungen von Gewalt in Fernsehsendungen auf Gewaltausübungen in der Gesellschaft


Diplomarbeit, 2009

88 Seiten


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung
1.1 Exkurs: Offizielle Gewaltforschung und -registratur
1.2 Aktualität und Herangehensweise an die Gewaltthematik

2 Der Gewaltbegriff
2.1 Fiktive vs. reale Gewaltdarstellungen
2.2 Die dichotome Begriffskonstruktion nach Merten
2.3 Ergebnisse von inhaltsanalytischen Gewaltprofiluntersuchungen
2.4 Zwischenergebnis

3 Gewaltwirkungsforschung
3.1 Phase I: Die Allmacht der Medien (1900-1940)
3.2 Phase II: Die Wirkungslosigkeit der Medien (1940-1960)
3.3 Phase III: Die Wiederentdeckung starker Medienwirkungen (1960-1980)
3.4 Phase IV: Transaktionale Wirkungsvorstellungen (1980-heute)
3.5 Zwischenergebnis

4 Erklärungsansätze für die Nutzung der Mediengewalt
4.1 Die Mood-Management-Theorie
4.2 Die Excitation-Transfer-Theorie
4.3 Die Dispositionstheorie
4.4 Der Sensation-Seeking-Ansatz
4.5 Gruppenzugehörigkeit und Identitätsbildung
4.6 Angstlust und Angstbewältigung
4.6.1 Die analogisch konfrontierende Nutzungsart
4.6.2 Die kontrastiv-kompensierende Nutzungsart
4.7 Zwischenergebnis

5 Medienwirkungstheorien für Gewaltdarstellungen
5.1 Kommunikationsflüsse: One-step, Two-step und Multi-step
5.2 Die These der Wirkungslosigkeit
5.3 Die Katharsis- und Inhibitionsthese
5.4 Die Suggestionsthese
5.4.1 Selbstmorde
5.4.2 Morde, Massenmorde und Amokläufe
5.4.3 Fremdenfeindliche Straftaten
5.5 Die Habitualisierungsthese
5.6 Der kognitiv-physiologische Ansatz
5.7 Zwischenergebnis

6 Studien und Forschungsergebnisse
6.1 Sozialwissenschaftliche Forschungsmethoden
6.1.1 Feldstudien vs. Laborstudien
6.1.2 Längsschnitt- vs. Querschnittuntersuchungen
6.1.3 Datenerhebungsverfahren
6.1.3.1 Die Befragung
6.1.3.2 Die Beobachtung
6.1.3.3 Das Experiment
6.1.4 Meta-Analysen
6.1.5 Zwischenergebnis
6.2 Ausgewählte Untersuchungen und Ergebnisse
6.2.1 Feldstudien - natürliche Untersuchungen
6.2.2 Expertenbefragungen
6.2.3 Meta-Analysen
6.2.4 Zwischenergebnis

7 Endergebnis

8 Literaturverzeichnis

1 Einleitung

„The ‚Hutus’ and ‚Tutsis’ killed each other with hatches and hoes and machetes, and I know that none of these guys ever saw my films. We live in a violent world. It’s always been a violent world.“1 Brutale Schlägereien in deutschen Klassenzimmern, Amokläufe von Jugendlichen mit vielen Toten und Verletzten, Waffenverbotszone Hamburger Reeperbahn, ganze Stadtviertel in Berlin, in denen sich nach Einbruch der Dunkelheit aus Angst vor Übergriffen kein An- wohner mehr auf die Straße traut. Dies sind nur einige von unzähli- gen Ausprägungen gesellschaftlicher Gewaltphänomene, die nach Dokumentationen über Schulen, in denen sich Lehrkräfte nicht mehr in ihre Klassenräume trauen, Thema der deutschen Stammtische sind.

Ein Sündenbock, der die Gewaltneigungen der Menschen nachhaltig negativ beeinflusst, ist dabei schnell gefunden: die Massenmedien. Neben Computerspielen sollen vor allem Film und Fernsehen mit ihren Gewalt verherrlichenden Inhalten für die empfundene Gewalt- steigerung verantwortlich sein. So kommt der Spiegel am 17. Januar 1994 pünktlich zum Prozessbeginn im Mordfall Sandro Beyer mit einer Titelgeschichte zur Jugendgewalt heraus und publiziert dabei eine Liste jener Gewaltvideos, die von den minderjährigen Mördern des 15jährigen Sandro vor dem Ritualmord bevorzugt konsumiert wurden. Das Gemisch aus Satansfilmen, Horrorvideos und Black- Metal-Kult ließ die Gruppe von Minderjährigen offenbar zu bestia- lischen Monstern mutieren. Diesmal schien, so VON BILLERBECK und NORDHAUSEN (1997), „schwarz auf weiß belegt, was ganze Genera- tionen von Wissenschaftlern schon hin und her gewendet haben: Gewalt in Film und Fernsehen führt zu Mord und Totschlag. Der ‚Sa- tansmord’ von Sonderhausen - ein Videomord nach filmischer Vor- lage?“2 Bei solchen Themenkomplexen verwundert es nicht, dass auch die Fraktion der Pädagogenloge mit simplen Aussagen eine Verdammung der Medien vorantreibt. So war im selben Jahr in einer spektakulären Untersuchung von Gerichtsakten des Augsburger Pädagogen GLOGAUER (1994) die klare Behauptung aufgestellt worden, dass Kinder und Jugendliche durch das Fernsehen kriminalisiert würden. Lässt sich die Frage nach gesellschaftlichen Gewaltphänomenen etwa derart einfach erklären?

1.1 Exkurs: Offizielle Gewaltforschung und -registratur

Als kleiner Exkurs soll an dieser Stelle die interessante Diskrepanz zwischen Qualität und Quantität real auftretender und subjektiv empfundener Gewalttaten aufgezeigt werden.

Dies offenbart sich besonders deutlich, als im Jahre 1987 eine unab- hängige Regierungskommission zur Verhinderung und Bekämpfung von Gewalt eingesetzt wurde. Die 36 hochkarätigen Mitglieder aus diversen wissenschaftlichen Disziplinen belegten, dass deutliche Er- klärungsnöte und Defizite auf dem gesamten Gebiet der Gewaltfor- schung existieren. Als Arbeitsergebnis dieser Kommission wurde ein vierbändiges Gutachten erstellt, das der Bevölkerung erhöhte Wahr- nehmungstendenzen von Gewalttaten sowie eine zunehmende Sor- ge vor Übergriffen attestierte. Eindeutige Erklärungen für diesen Pro- zess konnten allerdings nicht dargelegt werden, da für die Zeit zwi- schen 1989 und 1990 eher rückläufige oder je nach Rubrizierung stagnierende Kriminalitätsraten verzeichnet sind. Auch für die 90er Jahre stellten die offiziellen Statistiken nur geringfügige Anstiege der Kriminalitätsrate dar - 1992 um 9,2%, 1993 um 2,7%, 1994 sogar eine fallende Tendenz - und konnten daher keineswegs als der- maßen dramatisch gewertet werden, wie es in der Öffentlichkeit dar- gestellt wurde. Vor allem unter dem Gesichtspunkt, dass die Anstie- ge fast ausschließlich aus dem Zuwachs von Bagatelldelikten resul- tieren und im Vergleich zu anderen europäischen Ländern geringer ausfielen.3

Gleichzeitig kam es im Untersuchungszeitraum zu einer wiederholten Berichterstattung der Medien über eine anschwellende Aggressivität und zunehmende Brutalität in den Schulen, wohingegen die Kom- mission jedoch deutlich darlegte, es fänden sich „für den behaupte- ten generellen Gewaltanstieg im hiesigen Schulbereich zumindest bisher [also bis 1989] keine empirischen Belege“4. Auch in Bezug auf die Lage des Gewaltverhaltens in Sportstadien stagnierte die Anzahl der Delikte eher, als dass eine Zunahme zu registrieren gewesen wäre.5

Zwar lagen mittlerweile eine Reihe von empirischen Studien vor, die sich mit dem gefühlten Wachstum des Vandalismus und der Brutali- tät von Schülern auseinandersetzten, doch auch diese konnten keine generelle Zunahme oder gar eine Eskalation aggressiver und gewalt- tätiger Handlungen auf breiter Front verzeichnen.6 Bestätigung er- hielt diese Aussage durch eine im Herbst 1994 von MEIER und TILLMANN an hessischen Schulen durchgeführten Umfrage unter Lehrkräften und Schülern mit dem speziellen Augenmerk auf die per- sönlichen Gewalterfahrungen.7 Zwischen dem öffentlichen Bild und den Einschätzungen der Schüler und Schulleiter bestünden demnach beträchtliche Diskrepanzen. Schutzgelderpressungen, Gruppenprü- geleien und Bedrohungen kamen in den meisten Schulen außeror- dentlich selten vor und waren nur in vereinzelten, sozial belasteten Arealen vorzufinden, in denen sich besondere Problemkonstellatio- nen summierten.

Es zeigte sich, dass diese Momentaufnahmen nicht geeignet waren zu erklären, ob sich die Anzahl der gewalttätigen Auseinanderset- zungen an den Schulen im Verlauf der vergangenen Jahrzehnte nachhaltig verändert hat, da stichhaltige Langzeitstudien nicht exi- stierten. Hierfür wären identische Erhebungen in verschiedenen Zeit- räumen unter vergleichbaren Bedingungen vonnöten.8 Dennoch nahmen etliche Beobachtungen an, dass sich die Qualität der Konfrontationen verändert und deutlich verschärft habe. Abgesehen von den üblichen Raufereien und Kraftproben wurden vermehrt Ausein- andersetzungen beobachtet, die mit waffenähnlichen Gegenständen ausgetragen wurden, und bei denen selbst dann nicht vom Widersa- cher abgelassen wurde, wenn dieser bereits auf dem Boden lag. Fehlendes Einfühlungsvermögen in die Befindlichkeit und Leidensfä- higkeit des Gegenübers oder der Unwillen, dieses Einfühlungsver- mögen zuzulassen, erscheint in diesem Zusammenhang nahelie- gend.9

Des Weiteren kam die Kommission zu dem Schluss, dass nach wie vor der Ort, an dem die meisten Gewalthandlungen vorkamen, in den heimischen Gefilden der Familie lag. Es fehlte zwar an verlässlichen Daten über das Ausmaß, die Ursachen und die alltäglichen Formen dieser Gewaltanwendungen; die physische Bestrafung als Erzie- hungsmethode einzusetzen war allerdings in 50% der Familien Gang und Gäbe.10 In diesem Zusammenhang kam die Kommission eben- falls zu dem Schluss, dass Kinder, die Gewaltanwendung im Kontext von Konfliktlösungen kennengelernt haben, später selbst Gewalt mit der gleichen Intention einsetzen werden.11

1.2 Aktualität und Herangehensweise an die Gewaltthematik

Obwohl das Thema „Gewalt und Medien“ heute wie damals in höch- stem Maße aktuell ist, und sich tausende Publikationen mit der The- matik der Auswirkung der massenmedial verbreiteten Gewaltdarstel- lungen befassen, darf nicht außer Acht gelassen werden, dass in vielen Bereichen noch gravierende Verständnislücken bestehen, und diverse Theorien noch nicht hinreichend empirisch überprüft wurden. Aufgrund der enormen Bandbreite der existenten Literatur versucht diese Arbeit nicht alle bestehenden Untersuchungen zu berücksichti- gen und in das Gesamtkonzept einzubauen. Vielmehr soll differenziert und kritisch anhand von empirischen Belegen und den zugrundeliegenden Theorien die Frage bearbeitet werden, ob die Rezeption von Gewaltdarstellungen in den Massenmedien zu realen Gewaltak- ten innerhalb der Bevölkerung führt. Um diesen Sachverhalt zu er- gründen, ist es außerdem sinnvoll zu hinterfragen, weshalb sich be- stimmte Nutzer überhaupt violenten Medieninhalten zuwenden. Unbeachtet bleiben in dieser Diplomarbeit solche Studien und Text- quellen, die der „Betroffenheitsliteratur“12 zuzuordnen sind. Diese kaum überschaubare Flut von Publikationen, die - meist ohne Kennt- nis der wissenschaftlichen Forschung auf Grundlage der persönli- chen Besorgnis und Allgemeinbildung - darauf abzielt, spekulative Wirkungsannahmen zu formulieren und gleichzeitig wohlgemeinte Handlungsratschläge zu erteilen, kann und darf nicht Teil einer wis- senschaftlichen Betrachtung dieser Fragestellung werden. Zwar be- friedigen diese Veröffentlichungen den Publikationsdrang der Auto- ren, besitzen aber nicht das Potential, die Rolle der Massenmedien in Bezug auf Veränderungen der sozialen Aggressionstendenzen hinreichend einzustufen.

Bevor nun aber auf die einzelnen Nutzenansätze, Wirkungstheorien und empirischen Analysen eingegangen wird, ist es nicht nur sinnvoll sondern notwendig, den Gewaltbegriff an sich zu beleuchten, da oh- ne diesen Schritt der vorausgehenden Begriffseingrenzung eine ana- lytische Bearbeitung des Themenkomplexes nahezu unmöglich ist.

2 Der Gewaltbegriff

Was ist eigentlich Gewalt? Wie wird sie definiert? Sind alle Formen der Darstellung von Gewalt gleichermaßen wirksam? Jeder Mensch kann sich etwas unter dem Begriff der Gewalt vorstellen. Hierbei er- gibt sich allerdings das Problem, dass sich jedem dabei ein anderes Bild über die Form und Ausprägung ebendieser vor dem inneren Au- ge abzeichnet. Gewalt wird allgemein definiert als „eine Beeinträchti- gung oder Verletzung der physischen und/oder psychischen Integrität eines leibgebundenen Vernunft- oder Freiheitswesens, die durch eine absichtliche Machtaktion eines Individuums oder einer Gruppe hervorgerufen wird“13. Das Problem dieser gängigen Gewaltdefinition in Bezug auf Mediendarstellungen liegt jedoch in der Vielschichtigkeit der Ausprägungsmöglichkeiten von Gewaltakten. Der Bedeutungsho- rizont reicht von Machtbefugnis, Amtsausübung und Gewaltherr- schaft bis hin zu individueller Gewalttätigkeit. Selbst Liebesfilme müssten daher nach der oben genannten Definition als außerordent- lich gewaltgeladen eingestuft werden, da im Verlauf der Handlung und entlang der Spannungskurve die Liebenden in der Regel starke psychische Gewalterlebnisse in Form von Betrug, Trennung oder unerfüllter Liebe zu verkraften haben.

Dieser Umstand macht es nicht nur für die Forschung, sondern auch für gesetzgebende Instanzen wie den Jugendschutz zwingend notwendig, den Begriff der „Gewaltdarstellung“ zu objektivieren und somit handhabbar zu machen.

Aus diesem Grunde ist es angebracht, eine tiefgründigere Aufschlüs- selung des Gewaltbegriffs in die Bereiche Gewalt14 und Aggression15 vorzunehmen. Insofern sprechen Medien den Mediennutzer direkt mit Gewaltdarstellungen an, sind aber nur indirekt als Aggressionsin- strumente zu verstehen.16 Zwar können die Inhalte von Sendungen beim Medienkonsumenten aggressive Tendenzen ausbilden und/oder verstärken, doch das eigentliche Mittel, das zu diesen die Tendenzen verändernden Prozessen führt, sind die Gewaltdarstel- lungen an sich.

2.1 Fiktive vs. reale Gewaltdarstellungen

Schließlich kommt es zu einer weiteren wichtigen Einteilung der in Massenmedien dargestellten Gewaltarten: der fiktiven und der realen Gewalt.

Als fiktive Gewalt ist jede Darstellung zu deuten, die sich nur zum Schein ereignet. Sie zeichnet sich dadurch aus, dass sie dramatur- gisch in die Handlung eingebaut ist.17 Ziel ist es, sie mit Blick auf Spannung, Schock oder Komik zu inszenieren - also unter speziel- lem Einsatz von Kamera, Ton und Schnitt darzubieten.18 Unter diese Kategorie fallen alle Formate wie Horror-, Action-, Kriminalfilme usw., deren Existenz der Fantasie eines Autors entspringen. Besondere Beachtung finden in diesem Bereich allseits bekannte Comic- Sendungen wie „Tom&Jerry“, die eine enorme Anzahl von unter- schiedlichen Gewaltakten aufweisen und dennoch selten Bestandteil des öffentlichen Diskurses sind.

Reale Gewaltdarstellungen beziehen sich auf die Darbietung tatsäch- lich stattgefundener (Rückblicke in der Tagesschau) oder stattfin- dender (z.B. Liveübertragung eines Boxkampfes) Gewaltakte. Für die Verbreitung von realen Gewaltdarstellungen sind überwiegend drei Medienformate verantwortlich. Zum einen handelt es sich dabei um Nachrichtensendungen, die ausgewählte Ereignisse eines Tages in kleine Informationshäppchen verdichten. Aufgrund der Kürze der Sendezeit werden hier im Zuge des Agenda-Setting-Prozesses - also selektive Auswahl der Inhalte seitens der Redakteure - nur die schwersten Gewaltakte aufgenommen.19 Zum anderen findet sich reale Gewalt in Reality-TV-Sendungen wieder. Dieses vom Medien- mogul Rupert Murdoch entwickelte preisgünstige Format zielt durch seine Struktur besonders darauf ab, in der Programmflut aufzufallen. Unter diese Kategorie fallen zum Beispiel Sendungen wie „Aktenzei- chen XY ungelöst“ oder „Polizeireport Deutschland“. Ziel ist es, der Handlung durch reale Schauplätze mehr Authentizität zu verleihen und parallel Spannung durch die Mittel des fiktionalen Fernsehens zu erzeugen. Im Gegensatz zu Nachrichtensendungen sind reale Ge- waltdarstellungen besonders in Reportagen um einiges umfangreicher und ausführlicher verankert. Hier wird besonders den schweren Gewaltdarstellungen eine Präsentationsplattform geboten.20

2.2 Die dichotome Begriffskonstruktion nach Merten

Als Antwort auf dieses Operationalisierungsdilemma können semantische und/oder inhaltliche Gliederungsversuche bestens anhand der von MERTEN (1999) vorgeschlagenen dichotomen Begriffskonstruktion vorgenommen werden. Dabei wird der Gewaltbegriff anhand von sieben Dimensionen strukturiert:

1. Dimension: personelle vs. strukturelle Gewalt
2. Dimension: physische vs. psychische Gewalt
3. Dimension: legitime vs. illegitime Gewalt
4. Dimension: individuelle vs. kollektive Gewalt
5. Dimension: expressive vs. instrumentelle Gewalt
6. Dimension: intentionale vs. nicht intentionale Gewalt
7. Dimension: manifeste vs. latente Gewalt. 21

Ein mit Hilfe dieses Strukturschematas operationalisierter Gewaltbe- griff kann im Anschluss in den Massenmedien systematisch erfasst, beschrieben und ausgewertet werden, wobei die Art der Operationa- lisierung auf das Forschungsziel, das zu untersuchende Medium so- wie die verwendete Methode eingestellt werden kann. Vorzugsweise meint Gewalt in den Medien in solchen Untersuchungen diejenigen Formen, die als „personell, physisch, illegitim, instrumentell, intentio- nal und manifest zu charakterisieren [sind] und sowohl individuell als auch kollektiv ausgeübt [werden]“22. Klarer gesprochen lässt sich somit in der wissenschaftlichen Diskussion die Gewalt als „zielgerich- tete, direkte Schädigung von Menschen durch Menschen bezie- hungsweise als körperlicher Angriff auf Sachen verstehen“.23 Einen noch umfangreicheren Vorschlag zur Systematisierung von Gewalt- darstellungen macht GROEBEL (1986), indem er die violenten Darstel- lungen nicht nur wie bei MERTEN in die inhaltliche Ebene und die Ausführungsebene unterteilt, sondern auch solche Umweltfaktoren mit einbezieht, die eine aggressive Disposition oder einen aggressionsfördernden Kontext beschreiben und gleichzeitig die Konsequenzen in Form von Bestrafungen oder Belohnungen berücksichtigt.

2.3 Ergebnisse von inhaltsanalytischen Gewaltprofiluntersuchungen

Studien zur empirischen Quantifizierung und Strukturierung von Ge- waltdarstellungen haben sich bislang in erster Linie mit der Untersu- chung des Fernsehangebotes befasst und die Medienbereiche der Computerangebote sowie Hör- und Printmedien nur geringfügig be- rücksichtigt.24 Anstoß zur Erstellung dieser Studien gaben die Be- fürchtungen bestimmter Interessengruppen hinsichtlich der Brutali- sierung der Medienlandschaft basierend auf dem Wandel des Pro- grammangebots. Diese Veränderungen führten zu Neuentwicklungen von Formaten wie Reality-TV und waren durch eine deutliche Pro- grammvermehrung gekennzeichnet.25

Doch die Furcht vor negativen Einflüssen durch die Massenmedien ist durchaus kein neues Phänomen. Bereits in den 30er Jahren führ- te DALE (1935) eine der ersten umfangreichen Inhaltsanalysen durch, die sich mit den Auswirkungen von Kinofilmen auf die US- amerikanischen Teenager auseinandersetzte. Als Ergebnis wurde damals festgestellt, dass neben Liebe und Sex vor allem diverse Formen von Kriminalität die wichtigsten Themen im Handlungsver- lauf darstellten.26

Auf Deutschland bezogene Fernsehuntersuchungen von GROEBEL und GLEICH (1993) bezogen nicht nur intendierte, sondern auch nicht-intendierte Gewalt (in Form von Naturkatastrophen und Unfäl- len) mit ein. Die Ergebnisse zeigten, dass in knapp 48% der Sen- dungen aggressive oder bedrohliche Handlungen vorkamen und in- nerhalb einer Woche insgesamt 2.745 Szenen mit 3.632 einzelnen aggressiven Akten zu sehen waren. Umgerechnet bedeuten die Zahlen also im Mittel knapp 5 aggressive Akte pro Stunde, die im Schnitt rund 22 Sekunden andauerten. Interessant ist in diesem Zusammen- hang, dass vor allem in fiktionalen Formaten ein hoher Aggressions- anteil verzeichnet werden konnte (50%) und dabei vor allem die amerikanischen Produktionen einen überwiegenden Anteil (33%) der Gesamtgewalt ausmachten. Etwa ein Viertel der Gewalt beinhalten- den Szenen konnte bei Zeichentrickproduktionen registriert werden, wobei die Kontextrahmen der Handlungsverläufe violenter Inhalte aus Kriminalität, Verbrechen, kriegerischen Auseinandersetzungen und Terrorismus bestanden. Die Ausführenden der Gewalthandlun- gen waren meistens männliche Erwachsene, deren Motiv selten zu erkennen war. Gleichzeitig wurden fast nie die Konsequenzen für Täter und Opfer dargestellt. Die einzelnen Sender lagen, bezogen auf das Gesamtangebot der Gewaltdarstellungen, zwischen 7% (ARD) und 13% (ProSieben), wobei klar erkennbar ist, dass das Ge- waltangebot der privaten Sender im Durchschnitt über dem der öf- fentlich-rechtlichen Sender lag.27

Die öffentlich-rechtlichen Programme stellen dem Zuschauer Gewaltdarstellungen in erster Linie in Form von Nachrichten- und Informationssendungen, private Fernsehsender vor allem durch Reality Shows, Spielfilme und Serien zur Verfügung. Leichte Körperverletzungen (39%), Bedrohungen durch die Körperhaltung (32%), Sachbeschädigungen (24%) und Morde (14%) werden in diesem Zusammenhang am häufigsten gezeigt.28

Andere Untersuchungen wie von MERTEN (1993) zielten neben der reinen Zählung von Gewaltszenen mittels Kodierung zwischen inten- tionaler und nicht-intentionaler Gewalt auf die Errechnung eines Ge- waltindexes, der eine Kombination aus Dauer und Grausamkeit der dargestellten Gewaltszene vorsah. Nach diesem Gewaltindex hatte der Sender VOX in einem Analysezeitraum von zwei Wochen für den Bereich der fiktionalen Sendeformate den durchschnittlich höchsten Grausamkeitsindex, gefolgt von Sat1, ARD, ZDF und ProSieben.29

Eine kritische Würdigung der Probleme dieser Analysen erscheint an dieser Stelle allerdings angebracht, da die Qualität der Aussagen über das Ausmaß und die Ausprägung der Mediengewalt maßgeb- lich von der gewählten Gewaltdefinition abhängig ist, und sich diese nicht über die verschiedenen Studien deckt. Gleichzeitig ist die Re- präsentativität der Ergebnisse immer nur für einen bestimmten Zeit- raum und einen bestimmten Ausschnitt des medialen Gesamtange- botes anzuwenden, da die Auswahl der Stichproben beispielsweise kleinere Spartensender und regionale Programme ausklammert.30

Doch trotz dieser Probleme lässt sich als Ergebnis der Gewaltprofil- analysen zusammenfassend sagen, dass spezifische Muster der Darstellung von Gewalt im Fernsehen und in Spielfilmen zu erkennen sind:

1. Gewalt im Fernsehen ist an der Tagesordnung.
2. Gewaltausmaße sind seit Jahren auf einem stabilen Niveau.
3. Nur selten sind Aspekte zu finden, die einer Gewaltnachahmung abschreckend entgegenwirken - vielmehr sind leicht zu imitierende Gewaltakte verarbeitet.
4. Gewaltdarstellungen kommen in allen fiktionalen Pro- grammangeboten vor und werden als normale Alltagsstrategie präsentiert.
5. Eine Hervorrufung von Abscheu seitens des Rezipien- ten bei der Präsentation von Gewalt wird vielfach dadurch verhindert, dass diese in einem humoristischen Kontext dar- gestellt wird.
6. Deutlich ist eine Zunahme der Gewaltdarstellungen im Nachrichten- und Informationsbereich zu erkennen.31

WINTERHOFF-SPURK (1994) geht in einer Veröffentlichung in Bezug auf Gewalt in Nachrichten auf eine Studie von PRATCH-HUCKO (1992) ein, der ermittelte, dass der Anteil unpolitischer Beiträge in den Nachrichten bei ARD und ZDF innerhalb des Erhebungszeitraumes im Jahr 1991 bei maximal 21% lag. RTL und Sat1 hingegen hatten im selben Zeitraum einen 30%igen Anteil an sogenannten Human- Interest-Themen, die ihre Aufmerksamkeit Katastrophen, Verbrechen und Unglücksfällen widmeten.32 Der Anteil der Gewaltdarstellungen von Nachrichten lag bei 19% aller violenten Darstellungen, die Ge- samtsendezeit der Nachrichten bezogen auf die komplette Fernseh- sendezeit lag jedoch deutlich darunter. Eine Ballung gewalthaltiger Medieninhalte bei Nachrichtensendungen konnte damit belegt wer- den. Interessant sind in diesem Zusammenhang die von BURDACH (1987) dargelegten Ergebnisse einer Zeitungsanalyse, deren Aussa- gekraft durchaus auf Fernsehnachrichten übertragen werden kann. Demnach bedarf es bei einem Unglück in einer Entfernung von 10.000 Kilometern Entfernung mindestens 40 Todesopfer, um den Gate-Keeper-Prozess - es also in die Themenauswahl eines Medi- ums zu schaffen und die Nachrichtenschwelle zu überwinden - durchlaufen zu können. Bei Ereignissen in einem Umkreis von 100 Kilometern ist hingegen ein einzelnes Todesopfer ausreichend. 33 Es zeigt sich, dass eines der Kriterien für die Auswahl von Nachrich- tenmeldungen durchaus den Grad der Brutalität der Nachricht be- schreibt. Aus den dargestellten Ergebnissen lassen sich allerdings weder die Motive oder Einstellungen der Medienproduzenten ermit- teln noch auf die Wirkung der Gewaltdarstellungen schließen. Belegt werden kann einzig und allein, dass die Möglichkeit mit Gewaltdar- stellungen beim Fernsehkonsum konfrontiert zu werden, relativ hoch ist.

2.4 Zwischenergebnis

Zusammengefasst kann nun festgestellt werden, dass eher gewalthaltige als aggressive Darstellungen wissenschaftliche Bedeutung für mögliche Wirkungen auf ein Individuum haben. Diese lassen sich nicht nur von den Medienproduzenten einfacher in die dramaturgische Handlung integrieren, sondern haben letztlich auch das größere Potential, Wirkungen beim Rezipienten hervorzurufen.

Die Wirkung von Gewaltdarstellungen im Fernsehen hängt gleichzei- tig von der Darstellungsform (realistische Gewalt durch Menschen oder unrealistische Gewalt durch Zeichentrickfiguren) und der oben bereits unterschiedenen Realitätsebene (fiktiv oder real) ab. Grund- sätzlich kann in diesem Zusammenhang gesagt werden: Je realisti- scher die Darstellung ist, desto grausamer empfindet der Zuschauer die Gewalt und desto stärker sind die emotionalen Reaktionen.34

Sowohl für Forschung als auch für Kontrollinstanzen ist die Operatio- nalisierung des Gewaltbegriffs zwingend erforderlich. Würde diese nicht vorgenommen werden und die Betrachtung der medialen Inhal- te nach den gängigen Gewaltdefinitionen erfolgen, könnten keine stichhaltigen Aussagen aus Analysen der Gewaltentwicklung über bestimmte Zeiträume innerhalb der verschiedenen Medienformate entwickelt werden. Für die Operationalisierung des Gewaltbegriffes ist die von MERTEN (1999) vorgeschlagene dichotome Begriffskon- struktion hervorragend geeignet. Sie ermöglicht der Forschung eine stabile Vordefinition des Gewaltbegriffs, um bestens auf die For- schungsfrage und die bei der Analyse verwendete Forschungsme- thode eingestellt zu sein. Für den Bereich der Mediengewalt- und Medienwirkungsforschung ist demnach gerade die Form der Gewalt von großem Interesse, die als eine „zielgerichtete, direkte Schädi- gung von Menschen durch Menschen beziehungsweise als körperli- cher Angriff auf Sachen [zu] verstehen“35 ist, da diese am ehesten dazu geeignet ist, beim Rezipienten eine Wirkung hervorzurufen.

Die inhaltsanalytischen Gewaltprofilanalysen belegen deutlich, dass Gewaltdarstellungen im Fernsehen ein allgegenwärtiges Phänomen sind und diese insbesondere bei Informationsprogrammen, vor allem jedoch Nachrichtensendungen, zu entdecken sind. Die Ergebnisse der Inhaltsanalysen zeigen wiederum nur, dass die Massenmedien Film und Fernsehen ein gewisses Wirkungspotential besitzen, kön- nen aber tiefer gehende Fragen zur Wirkung an sich nicht beantwor- ten. Dieser Befund stellt zwar eine wichtige Instanz auf dem Wege zur Klärung des Wirkungszusammenhanges dar, inwieweit die Ge- waltdarstellungen allerdings von Rezipienten auch als solche wahr- genommen beziehungsweise verarbeitet werden und welche Wir- kungen sie nach sich ziehen, muss in weiterführenden Untersuchun- gen zur Nutzung, Verarbeitung und Wirkung geklärt werden.36

3 Gewaltwirkungsforschung

Um der Leserschaft eine Orientierung im undurchsichtigen Dickicht der verschiedenen Aussagen zu Mediennutzungsansätzen und Wir- kungstheorien im Verlauf der vergangenen 100 Jahre zu geben, er- scheint es sinnvoll, vorab eine auf die wesentlichen vier geschichtli- chen Epochen der Gewaltwirkungsforschung reduzierte Einteilung dieses Forschungszweiges vorzunehmen. Lange bevor die ersten Fernsehsender ihre Tätigkeit aufnahmen, und die Printmedien noch das massenmediale Monopol besaßen, wurde bereits von unter- schiedlichen Interessengruppen die Frage nach den durch die Inhalte der Massenmedien hervorgerufenen Auswirkungen auf die Rezipien- ten gestellt. Der Wandel der wissenschaftlichen Kernaussagen be- ruht diesbezüglich im Wesentlichen auf immer neuen Ergebnissen empirischer Forschungsstudien, neuen Übertragungskanälen (vom Druck über Fernsehen zum Internet) sowie den allgemeinen sozial- gesellschaftlichen Veränderungen des vergangenen Jahrhunderts.

3.1 Phase I: Die Allmacht der Medien (1900-1940)

In dieser ersten Phase finden sich die ursprünglichen Ansätze wie- der, deren Medienwirkungserklärungen eng mit massenpsychologi- schen Effekten in Verbindung gebracht wurden. Die Rezipienten der Massenmedien wurden als wehrlose, sozial isolierte und ohnmächti- ge Individuen klassifiziert, die von einem allmächtigen Medium nach Belieben beeinflusst werden konnten. Die Gesellschaft wurde als Menge einzelner und nicht miteinander in Verbindung stehender In- dividuen definiert und in diesem Kontext das Nachahmungsverhalten als ein für die Bildung und den Erhalt der Gesellschaft notwendiger Prozess angenommen. Aus diesem Grund ist es kein Wunder, dass die Masse selbst als hochgradig suggestibel eingeschätzt wurde. Auf dieser Grundlage bestand die Annahme, dass von den Inhalten so- fort und direkt auf eine bei allen Rezipienten identische Wirkung ge- schlossen werden könne und zwar so, „als würde ihnen eine Spritze gesetzt“37. Dieser Ansicht liegt der Stimulus-Response-Ansatz (S-R- Modell) zugrunde, der von einer linearen Wirkung der Inhalte des Senders beim Empfänger ausgeht und die Massenmedien somit be- fähigt sieht, ganze Gesellschaften gleichschalten zu können.38 Diese fast grenzenlose Macht, Meinungen und Einstellungen zu formen, Lebensgewohnheiten zu wandeln und menschliches Verhalten so zu verändern, dass es den Wünschen der Herrschenden mehr oder we- niger entspricht, wird den Medien zu dieser Zeit typischerweise zu- gesprochen.39

Allgemein kann gesagt werden, dass es innerhalb der vergangenen Dekaden so gut wie keinen wissenschaftlichen Beitrag zur Theorie oder Geschichte der Wirkungsforschung gegeben hat, in dem nicht das S-R-Modell als erster systematischer Ansatz zur Erfassung von Medienwirkungen verstanden wird. Dies gilt nicht nur für die deut- sche, sondern gleichermaßen für die anglo-amerikanische Literatur. Das Modell ist derart präsent und Teil des allgemeinen Wissensstandes, dass in den meisten Fällen nicht einmal mehr Literaturbelege aufgeführt werden und es beispielsweise bei KLAUS (1997) beiläufig heißt: „Am Beginn der Wirkungsforschung steht das StimulusResponse-Modell.“40

Das Glaubensfundament dieses Ansatzes für die uneingeschränkte Macht der Massenmedien stützte sich in den ersten Jahrzehnten des zwanzigsten Jahrhunderts zum einen auf den immensen Zulauf der neuen Medien wie die Massenpresse, der Hörfunk und das Fernse- hen, zum anderen auf die Erfahrungen aus dem sozialen Leben in Form von ausgedehnten Werbemaßnahmen der Konsumgüterindu- strie zur Weckung von Bedürfnissen. Gleichzeitig wiesen Institutio- nen wie Goebbels Propagandamaschinerie und Lenins Pressetheo- rie die Medien als den zentralen Faktor zur Massenbeeinflussung aus. Als eindeutigster Beleg für die Wirksamkeit des S-R-Modells gilt die durch eine lebhafte Inszenierung ausgelöste Panik vieler Ameri- kaner am 30. Oktober 1938. Orson WELLS hatte damals H. G WELLS. „Krieg der Welten“ im Radio dermaßen authentisch dargebracht, dass viele Radiohörer, die den Anfang der Sendung verpasst hatten, fest davon überzeugt waren, ihr Leben sei durch eine Invasion vom Mars bedroht.41

Die empirisch nicht nachgewiesenen Wirkungsvorstellungen und an- genommenen starken Medieneffekte wurden zusätzlich in besonde- rem Maße von zwei damaligen psychologischen und soziologischen Theorien unterstützt. Zum einen wurde aus der kurz nach der Jahr- hundertwende entwickelten Instinktpsychologie der Schluss gezo- gen, dass die medialen Inhalte als Stimuli auf biologisch determinier- te Triebe sowie Emotionen und andere Prozesse zielen, über die das Individuum keine aktive Kontrolle besitzt. Aus diesem Grunde würde es, wie schon erwähnt, bei allen Rezipienten zu gleichen bezie- hungsweise ähnlichen Reaktionen kommen. Zum anderen ging man aufgrund der Theorie der Massengesellschaft davon aus, dass die Individuen durch eine fortschreitende Arbeitsteilung innerhalb von Produktionsprozessen zunehmend voneinander entfremden. Der daraus resultierende Verlust der Primärgruppenbeziehungen wie Familie und Freundeskreis würde in eine isolierte Einsamkeit führen, in der ein Rezipient den Medienwirkungen schutzlos ausgeliefert sei.42

3.2 Phase II: Die Wirkungslosigkeit der Medien (1940-1960)

Die „Demontage des Stimulus-Response-Modells“43 wurde eingelei- tet durch die ersten empirischen Untersuchungen, die eindeutig die Allmacht der Medien widerlegten. Vielmehr rückten nun bestimmte Persönlichkeitseigenschaften wie Motivation, Lernleistung, Aufmerk- samkeit und Wahrnehmung in das Zentrum des Forschungsinteres- ses. Diese Eigenschaften stellten für die Wissenschaftler Filterme- chanismen dar, welche die Wirkungen von Medieninhalten stark ein- schränkten. Für die Forschung bedeutete dies einen Paradigmen- wechsel. Denn nun wurden die Medien nicht mehr als wirkungsvoll, sondern im Gegenteil als wirkungslos eingeschätzt. Diese Ansicht führte schließlich zum Stimulus-Organism-Response-Modell (S-O-R- Modell), das die Eigenschaft der Medien darin sah, bereits beste- hende Tendenzen zu verstärken, diese aber nicht grundlegend ver- ändern zu können.44

Obwohl diese Veränderung der Sichtweise auf die Beziehungen in- nerhalb eines Massenkommunikationssystems einen deutlichen Fortschritt gegenüber der Annahme der Allmacht der Medien dar- stellte, beschrieb das S-O-R-Modell die Medienwirkung noch immer im Sinne eines Einbahnstraßengefüges, in dem sich ein passiver Rezipient einem aktiven Medium ausgesetzt sieht. Anstatt allerdings von instinktiven oder angeborenen Nachahmungstrieben auszuge- hen, wurde nunmehr von erlernten und die Wirkung modifizierenden Prozessen gesprochen, in deren Kontext die stark variierenden Per- sönlichkeitsmerkmale der Rezipienten anerkannt wurden.

Besonders beachtenswert innerhalb dieser Epoche ist in diesem Zusammenhang die in den sechziger Jahren von KLAPPER durchgeführte Literaturanalyse „The Effects of Mass Communication“ (1960). KLAPPER begründet damit die Theorie der Wirkungslosigkeit und charakterisiert diese zweite Phase der Wirkungsforschung anhand von drei klar abgegrenzten Schutzmechanismen, die etwaige Machtausübungen der Medien negieren:

1. Selektive Wahrnehmung: Es werden vom Individuum nur solche Medieninhalte rezipiert die den bestehenden Einstellungen entsprechen.
2. Zweistufenfluss durch Meinungsführer: Medieninhalte werden von Meinungsführern aufgenommen, transformiert und an die weniger aktiven Mitmenschen überarbeitet weiter gegeben.
3. Soziale Gruppenbildung: Durch den Zweistufenfluss stabilisieren sich die Einstellungen innerhalb der Bezugsgruppen. Dadurch wird die spontane Veränderung der Einstellungen eines Individuums verhindert.45

Eine der Kernaussagen dieser Epoche lautete demnach, dass keine Gefährdung durch den Konsum von Gewalt in den Medien existiere und der Versuch einer Eindämmung von Mediengewalt nur weiteren Zensurmaßnahmen in anderen Bereichen Tür und Tor öffnen würde.

3.3 Phase III: Die Wiederentdeckung starker Medienwirkungen (1960-1980)

Es lassen sich relativ simpel drei hauptsächliche Gründe nennen, weshalb die Wissenschaft die Annahme minimaler Effekte der Massenmedien verworfen hat:

1. Die flächendeckende Nutzung des Fernsehens führte zu einer Wiederbelebung von starken Wirkungsvorstellungen.
2. Die marxistischen Forscher betonen, dass die Massenkommunikation von erheblicher Bedeutung für die Legitimierung kapitalistischer Gesellschaften ist.
3. Es erfolgte eine Veränderung der Auffassung bezüglich der Mechanismen des Wirkungsprozesses sowie die Entdec- kung neuer Einflussarten wie z.B. Kultivierung und Agenda- Setting.46

Im Verlauf der Zeit begann man sich nicht mehr allein auf den Kom- munikator zu konzentrieren, sondern nunmehr auch die funktionelle Bedeutung des Rezipienten in die Forschung mit einzubeziehen. Im Mittelpunkt dieser Epoche steht der Uses-And-Gratification-Ansatz, der den Rezipienten als mündigen Nutzer der Medienwelt sieht und davon ausgeht, dass dieser bedürfnisorientiert und zielgerichtet auf die Medien Einfluss nehmen kann. Weniger die Frage nach dem, was die Medien mit den Menschen machen, sondern vielmehr wie die Menschen aufgrund ihrer Bedürfnislage Einfluss auf die Medien nehmen, stand dabei im Fokus des wissenschaftlichen Interesses. Motive wie die Beseitigung der Langeweile durch Ablenkung, Wirk- lichkeitsflucht (Eskapismus), die Bekräftigung dominanter Werte und Normen, Stärkung des Selbstbewusstseins durch den Konsum von Medieninhalten, Lebenshilfe, Phantasieanregung aber auch schlicht der Erwerb von Informationen über die Umwelt, stellen in diesem Zusammenhang die Triebfedern für den Konsum von Medienangebo- ten - auch den gewalthaltigen - dar.47

An dieser Stelle tritt dann auch das größte Problem dieses For- schungszeitraumes auf: Die Schwierigkeit, die Bedürfnisse eines Re- zipienten operationalisieren zu können, vor allem wenn erst durch das Verhalten eines Individuums auf ein Bedürfnis geschlossen und dieses dann zur Erklärung des Verhaltens herangezogen wird. Gleichzeitig können jedoch auch unterschiedliche Medieninhalte zur Befriedigung ein und derselben Bedürfnislage genutzt und identische Medienangebote unterschiedliche Motive bedienen.

[...]


1 Zit.: Willis (2002): (Online-Dokument: www.rd.com)

2 Zit.: Billerbeck, v. / Nordhausen (1997): Seite 236

3 Vgl.: Kübler, Hans-Dieter (1995): Seite 72

4 Vgl.: Schwind, H.-D. et al. (1990): Seite 70f

5 Vgl.: ebd.: Seite 246

6 Vgl.: Bründel, H. / Hurrelmann, K. (1994): Seite 5

7 Vgl.: Meier, U. / Tillmann, K.-J. (1994)

8 Vgl.: Kapitel 6.1.2

9 Vgl.: Kübler (1995): Seite 73

10 Vgl.: ebd.: Seite 73

11 Vgl.: ebd.: Seite 73

12 Vgl.: Kunczik / Zipfel (2006): Seite 12

13 Zit.: Hroß (2002): Seite 136

14 Gewalt wird hier verstanden als rohe, gegen Sitte verstoßende Einwirkung auf Personen, um Machtbeziehungen durchzusetzen.

15 Aggressionen werden hier interpretiert als schädigende Reize, die zielgenau gegen einen Organismus gerichtet sind.

16 Vgl.: Bauer (2004): Seite 74ff.

17 Vgl.: Löffler (1973): Seite 27

18 Vgl.: Hroß (2002): Seite 136

19 Vgl.: Norek: 2005, Seite 25

20 Vgl.: Norek: 2005, Seite 31ff.

21 Vgl.: Merten (1999): Seite 21f

22 Zit.: ebd.: Seite 32f

23 Zit.: ebd.: Seite 62

24 Vgl.: Gleich (1995): Seite 145

25 Vgl.: Fischer / Niemann (1996): Seite 31

26 Vgl.: Dale (1935): Seite 122

27 Vgl.: Groebel / Gleich (1993): Seite 124

28 Vgl.: Noelle-Neumann et al. (2002): Seite 650

29 Vgl.: Merten, (1993): Seite 142

30 Vgl.: Gleich (1995): Seite 149

31 Vgl.: Cumstock / Scharrer (1999): Seite 8ff.

32 Vgl.: Winterhoff-Spurk (1994): Seite 57

33 Vgl.: Gleich (1995): Seite 156

34 Vgl.: Noelle-Neumann et al. (2002): Seite 655

35 Zit.: Merten (1999): Seite 62

36 Vgl.: Friedrichsen / Jenzowsky (1995): Seite 292f

37 Zit.: Noelle-Neumann (1994): Seite 521

38 Vgl.: Kunczik / Zipfel (2006) Seite 79

39 Vgl.: McQuail (1994): Seite 33f

40 Zit.: Klaus (1997): Seite 463

41 Vgl.: Cantril (1940) sowie Brosius / Esser (1998): Seite 342

42 Vgl.: Schenk (2002): Seite 24ff.

43 Zit.: Merten (1995): Seite 38

44 Vgl.: Kunczik / Zipfel (2006): Seite 79

45 Vgl.: Klapper (1960): Seite 18ff.

46 Vgl.: Brosius / Esser (1998): Seite 345

47 Vgl.: Kunczik / Zipfel (2006): Seite 81ff.

Ende der Leseprobe aus 88 Seiten

Details

Titel
Auswirkungen von Gewalt in Fernsehsendungen auf Gewaltausübungen in der Gesellschaft
Hochschule
Georg-August-Universität Göttingen
Autor
Jahr
2009
Seiten
88
Katalognummer
V166435
ISBN (eBook)
9783640824823
ISBN (Buch)
9783640824977
Dateigröße
658 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Gewalt, Medien, Kinder und Jugendiche, Medienwirkung, Gewaltwirkung, Mediennutzung, Fernsehen
Arbeit zitieren
Hendrik Eicke (Autor), 2009, Auswirkungen von Gewalt in Fernsehsendungen auf Gewaltausübungen in der Gesellschaft, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/166435

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