Stadtgestaltung und Sozialverhalten

Eine empirische Untersuchung in der Jenaer Innenstadt


Masterarbeit, 2004
143 Seiten, Note: 1.3

Leseprobe

INHALT

EINLEITUNG

1. GRUNDLAGEN
1.1. Öffentlichkeit und Stadtraum
1.1.1. Formen und Rollen öffentlichen Handelns im Stadtraum
1.1.2. Orte öffentlichen Handelns: städtische Plätze
1.2. Die Beziehung zwischen Stadtraum und Sozialverhalten
1.2.1. Gesellschafts Ebene: Stadtsoziologie
1.2.2. Individuums Ebene: Umweltpsychologie
1.2.3. Platz-Raum Ebene: J. Gehl, W.H. Whyte, deutsche Forscher
1.3. Erfassung sozialer Situationen in ihrem räumlichen Kontext
1.3.1. Beobachtung: Möglichkeiten und Beschränkungen
1.3.2. Tätigkeitskartierung
1.3.3. Vergleichbarkeit mit anderen Untersuchungen
1.4. Bewertung des Forschungsstandes

2. EMPIRISCHE UNTERSUCHUNG IN DER JENAER INNENSTADT
2.1. Öffentlicher Raum in Jena
2.1.1. Geschichte, Wandel und Gegenwart
2.1.2. Die Untersuchungsräume: Holzmarkt und Goethe-Galerie
2.1.3. Stadtraumanalyse
2.2. Ausführung der Datenerhebung durch Tätigkeitskartierung
2.3. Ergebnisse der Beobachtungen
2.3.1. Tagesrhytmus, soziale Merkmale, Aktivitätenspektrum
2.3.2. Differenzierung von Teilbereichen nach Verhaltensmuster
2.4. Holzmarkt und Goethe-Galerie: Soziopetale oder soziofugale Räume ?
2.5. Quantifizierung der sozialen Qualitäten öffentlicher Räume
2.6. Ausmaß und Bedeutung konsumorientierten Verhaltens

3. BEWERTUNG DER ERGEBNISSE
3.1. Erkenntnisse der empirischen Untersuchung
3.2. Bewertung der angewandten Forschungsmethode
3.3. Schlussfolgerungen
3.3.1. Beispielhafte Raumgestaltung: die Sitzgruppe am Holzmarkt
3.3.2. Plädoyer für unbewirtschaftete Sitzgelegenheiten
3.3.3. Handlungsempfehlungen für die Stadtplanung

ANLAGEN
Anlage 1: Übersicht früherer empirischer Untersuchungen öffentlicher Räume
Anlage 2: Quantifizierung sozialer Qualitäten öffentlicher Räume
Anlage 3: Beobachtungsergebnisse I : Momentaufnahmen
Anlage 4: Beobachtungsergebnisse II: Detailbeobachtung
Anlage 5: Interview Centermanager Goethe-Galerie
Anlage 6: Verwendete externe Datenerhebungen

QUELLENVERZECIHNIS

Bibliographie

Bibliographie Stadtentwicklung Jena

Bildquellen

Abbildungsverzeichnis

Tabellenverzeichnis

"Die Leere existiert solange du dich nicht hineinwirfst"

(Odysseas Elytis: Maria Nepheli* )

EINLEITUNG

THEMA

Inwieweit können Architekten und Stadtplaner durch die Planung öffentlicher Räume das Sozialverhalten der Menschen beeinflussen ? In welchem Maße ist die Stadtplanung für gesellschaftliche Entwicklungen verantwortlich zu machen ? Ist die oft vertretene pessimistische Sicht vom Zerfall des öffentlichen Lebens in unseren städtischen Räumen berechtigt ? Um den Antworten auf diese Fragen näher zu kommen, wird die Beziehung zwischen Stadtraumgestaltung und Sozialverhalten systematisch erforscht. Innerhalb des breiten Feldes der Umwelt-Verhalten Beziehung wird es hier vor allem um die Wechselwirkung zwischen den planerisch beeinflussbaren Umweltfaktoren (Raumaus­stattung, architektonische Gestaltung) und den sozial relevanten Verhaltensweisen gehen. Im Fokus der Untersuchung steht als zentrale öffentliche Raumeinheit der Stadt: der innerstädtische Platz.

AKTUALITÄT

Die Frage nach dem Ausmaß des Einflusses der gebauten Umwelt auf das menschliche Verhalten ist noch bei weitem nicht beantwortet. Die verschiedenen Disziplinen, die sich mit dem Thema der Umwelt-Verhalten Beziehung auseinandergesetzt haben, präsentieren sehr unterschiedliche Stellungsnahmen, die von einem reinen "Determin­ismus" bis zu einer "Wahrscheinlichkeitstheorie" reichen (Rapoport 1976: 8-9). Auf die Notwendigkeit von empirischen Untersuchungen, die Klarheit schaffen sollen, wird zwar oft verwiesen, Studien selbst wurden bislang aber nur selten dazu erstellt (Castells 2002).

VORGEHENSWEISE: METHODIK. TÄTIGKEITSKARTIERUNG. KREATIVE FORSCHUNG.

Dieser Tatbestand hat zu der Entscheidung geführt mich dem Thema mittels einer empirischen Untersuchung anzunähren. Die dafür ausgewählte Methodik ist die der nicht-teilnehmenden Beobachtung, die ich für das Erforschen dieser Fragestellung für am geeignetsten halte. Als besonderes Instrument dieser Studie wird die Tätigkeits­kartierung angewendet, in einer an den erforschten Gegenstand angepassten Form. Damit wird das 1972 entwickelte, als Burano-Methode bekannt gewordene Forschungs­instrument (Riege et al. 2002: 46), das danach nur vereinzelt wieder verwendet wurde, erneut aufgegriffen. Die begrenzten Mittel, die für die Ausführung der empirischen Datenerhebung im Rahmen dieser Masterarbeit zur Verfügung standen, haben kein extensives, hypothesenprüfendes Unterfangen erlaubt. Entsprechend versteht sich dieses Vorhaben als eine Erkundungsstudie, die darauf abzielt konkrete Beziehungen zwischen der Gestaltung öffentlicher Räume und dem Sozialverhalten der Benutzer zu entdecken. Zudem ist diese Untersuchung auch als exemplarische Vorführung der Anwendbarkeit einer empirischen Forschungsmethode zu verstehen, deren Potenzial noch wenig erforscht worden ist.

UNTERSUCHUNGSFELD

Nach einem geeigneten Untersuchungsraum wurde im räumlichen Umfeld des Autors, in Thüringen gesucht, um eine möglichst extensive Forschung vor Ort zu ermöglichen. Zweites Kriterium der Wahl war der Versuch kontextuelle Einflüsse besonderer Situationen (hohe Arbeitslosigkeit, starker Tourismus) zu vermeiden, und soweit es überhaupt möglich ist, einen sozial ausgeglichenen Standort auszuwählen. Aus diesen Gründen wurde als Forschungsgebiet die Innenstadt Jenas bestimmt, und innerhalb dieser zwei, durch ihre Nutzungsintensität und Vielfalt herausragende Orte: der Holzmarkt und die Goethe-Galerie. Durch diese Wahl werden Vergleiche ermöglicht, die die spezifischen Verhaltensformen in Bezug zu der unterschiedlichen Gestaltung und dem verschiedenen Öffentlichkeitscharakter der beiden Räume setzen.

HOLISTISCHE SICHT. INTERDISZIPLINARITÄT

Bezüglich des Begriffs "öffentlicher Raum" wird argumentiert, dass der rein physische Gegenstand eines Raumes und der rein soziale getrennt keine Wirklichkeit darstellen, sondern sie nur zusammen als Ganzes zu verstehen sind. Deshalb ist ein integriertes Raumverständnis (Schubert 2000) viel realitätsnäher, als die zerlegenen Begriffe des architektonischen und des sozialen Raumes. Dementsprechend werden hier die verschiedenen Perspektiven auf die erforschte Umwelt-Sozialverhalten Beziehung aus der Stadtsoziologie, Umweltpsychologie, Anthropologie und Ethnographie zusammen­geführt.

Obwohl es schon zahlreiche Ansätze in der Lehre der Stadtplanung gibt, die eine holistische Sicht vertreten, ist dies in vielen Bereichen der Praxis noch nicht zu spüren (Einsele et al. 1995). Vielmehr scheint die reduktionistische "modernistische" Sicht mit einer großen Trägheit weiterzuleben, und die Gestaltung unserer städtischen Räume unter dem Paradigma ihrer spezifischen Abstrahierung des menschlichen Wesens zu bestimmen (vgl. Sennett 1991: 221 ff).

PRAXIS UND THEORIE

Der öffentliche Raum in der Jenaer Innenstadt wird derzeit anhand eines nicht-bindenden Rahmenkonzepts entwickelt. Der Rahmenplan wurde nach den Grundsätzen der Städtebautheorie der 1980er Jahre erstellt, nach denen das Bestehen einer historischen baulichen Kontinuität als alleiniger Leitgedanke zum Tragen kommt. Weder die historische Analyse der Stadtentwicklung beschäftigt sich mit den sozialen Aspekten, noch sind in den formulierten Zielen Themen des sozialen Bereiches zu finden. Grund dafür könnte die allgegenwärtige Spaltung zwischen Theorie und Praxis sein. Denn es gibt zwar eine Fülle von theoretischen Auseinandersetzungen mit dem Thema, die auf dessen Komplexität hinweisen, aber dennoch lassen sich kaum unmittelbare Einflüsse auf die Praxis der Stadtplanung erkennen (vgl. Feldtkeller 1994). Deshalb ist es ein durchgängiges Ziel dieser Arbeit Theorie und Praxis einander näher zu bringen.

ZIELSETZUNG

Hauptziel der Arbeit ist es, Zusammenhänge zwischen Stadtgestaltung und Sozial­verhalten zu finden (Verhaltensmuster) und das Ausmaß der Interdependenz zu messen. Die Relevanz der konkreten Befunde für die Theorie (Gesetzmäßigkeit) und die Praxis (Handlungsstrategien) werden demnach ausführlich bewertet.

Ein wichtiges Nebenziel ist es, die Methode der Beobachtung zu testen und ihre Potentiale für die Erforschung der Umwelt-Verhalten Problematik aufzudecken. Dabei wird versucht eine methodische Herangehensweise auszuarbeiten, die vergleichende Studien über die Konstruktion und kulturelle Bedeutung urbaner Orte ermöglicht. Deshalb werden sozialräumliche Eigenschaften quantifizierend erfasst, und Vergleiche mit ähnlichen Forschungen hergestellt.

Schließlich wird der Versuch einer konstruktiven Kritik gegenüber dem aktuellen "Rahmenkonzept zum öffentlichen Raum" der Stadt Jena unternommen, basierend auf die erkannten Qualitäten und Mängel der untersuchten Räume.

STRUKTUR

Die vorliegende Arbeit dokumentiert den Ablauf des Forschungsprozesses. Im ersten Kapitel werden die theoretischen Grundlagen der Untersuchung erarbeitet. Dabei werden verwendete Begrifflichkeiten präzisiert und die verschiedenen, in der Diskussion um den öffentlichen Raum vorhandenen Wertvorstellungen besprochen. Danach wird der aktuelle Stand der Wissenschaft zur Umwelt-Verhalten Beziehung dargestellt, und damit der Ausgangspunkt dieser Forschung definiert. Als dritter Schritt, zur Vorbereitung der empirischen Untersuchung, wird den Grundlagen der angewandten Forschungs­methode nachgegangen, sowie ein Überblick bisheriger ähnlicher Vorgänge dargestellt.

Im zweiten Kapitel werden die Untersuchungsräume unter Berücksichtigung historischer, architektonischer und sozialer Aspekte präsentiert. Darauf aufbauend wird die konkrete Ausführung der sozialräumlichen Analyse mit Hilfe von Tätigkeitskartierung dargestellt und die ersten Ergebnisse dieser Datenerhebung vorgelegt. Die erhobenen Daten werden danach bewertet, und Schlüsse über Art und Ausmaß der Raum-Verhalten Beziehung gezogen. Ein wichtiges Thema ist, die quantifizierbaren Daten der Forschung hinsichtlich ihrer sozial-qualitativen Relevanz zu diskutieren. Dieses Unterfangen ist das zweite wichtige Ergebnis dieser Arbeit. Ein Exkurs über die Bedeutung von Konsum ist anhand des gegebenen Charakters der Untersuchungs­räume unerlässlich, und ist damit der dritte Aspekt unter dem die Resultate dieser Studie betrachtet werden.

Im letzten Kapitel werden die angewandte Forschungsmethode anhand der gewonnenen Erfahrung bewertet, und die daraus resultierenden Erkenntnisse aufgeführt und konkrete Vorschläge für die Verbesserung städtischer Räume im Bezug auf ihren Öffentlichkeitscharakter gemacht. Die Schlussfolgerungen sind für drei verschiedene, in den Planungsprozess involvierte Entscheidungsträger relevant: die Architekten, die Stadtplaner und die Projektentwickler von städtischen Einkaufszentren. Dabei wird zuerst die aus architektonischer Sicht beispielhafte Gestaltung der Sitzgruppe am Holzmarkt hervorgehoben und ihr "Funktioniermechanismus" erläutert. Ein weiteres Thema, auf das dieser Teil der Arbeit Bezug nimmt, ist die Bedeutung unbewirtschafteter Sitzgelegenheiten. Dabei wird aufgezeigt, dass diese wirtschaftlichen Interessen nicht zuwiderlaufen, sondern vielmehr fördernder Bestandteil öffentlich nutzbarer Räume sind. Am Ende werden Handlungsstrategien für die Stadtplanung vorgeschlagen, die sich während dieser Untersuchung ausformuliert haben.

All dies ist mit der Hoffnung geschrieben, den Weg zu einer empirisch fundierten Theorie anzutreten, und auf dieser basierend eine Praxis der Stadtgestaltung anzustreben, die den Mensch als soziales Wesen in den Mittelpunkt stellt.

1. GRUNDLAGEN

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

1. GRUNDLAGEN

Zu Beginn der systematischen Erkundung der Verhalten-Umwelt Beziehung soll erst das wissenschaftliche Forschungsfeld vorbereitet werden. Dafür werden in diesem Kapitel drei grundsätzliche Aspekte der Forschung geklärt. Erstens müssen die "Arbeitsutensilien" dieser wissenschaftlichen Studie - die verwendeten Begriffe - präzisiert und erläutert werden. Als zweiter Schritt wird dem aktuelle Stand des Wissens über die Verhalten-Umwelt Beziehung nachgegangen. Dies wird nicht nur den theoretischen Rahmen dieser Arbeit liefern, sondern auch der Ausgangspunkt der eigentlichen Untersuchung sein. Drittens wird die konkrete Durchführung des empirischen Teils der Forschung vorbereitet, unter Einbeziehung des bereits vorhandenen Wissens- und Erfahrungsgut aus der Sozialforschung.

1.1. Öffentlichkeit und Stadtraum

Ein differenzierter Umgang mit der Verwendung des Begriffes "Öffentlichkeit" ist besonders wichtig, denn oft wird er wertend genutzt, zum Beispiel bei Bahrdt, Habermas oder Sennett (Welz 1986: 16-18), und gesellschaftskritisch verwendet.

Die schon von Jürgen Habermas angesprochene Mannigfaltigkeit konkurrierender Bedeutungen des Begriffes "Öffentlichkeit" und der Mangel einer präzisen Bestimmung selbst in den Sozialwissenschaften (Habermas [1962] 1990: 54) ist, wie man es nach einer extensiven Literaturrecherche konstatieren kann, bestehen geblieben. Es ist nicht das Ziel dieser Arbeit eine ausführliche Bedeutungsanalyse dieses komplexen Begriffes zu versuchen, ein Begriffsklärung scheint jedoch unerlässlich.

Öffentlichkeit wird in dieser Arbeit immer in einem räumlichen Zusammenhang verstanden. Wichtig ist es deshalb zunächst, ein klar differenziertes Umgehen mit der Bedeutung der Bezeichnung "öffentlicher Raum" festzulegen. In der Literatur wird er teilweise als gesellschaftlicher Raum (vgl. Arendt [1958] 2002), teilweise als rein architektonischer Raum verwendet (vgl. Selle 2002: 27). In dieser Arbeit hingegen wird ein integrierter Verständnis des öffentlichen Raumes (Schubert 2000) vertreten werden, der die Zusammenführung, der in den Wissenschaften in soziale und physische Aspekte geteilte räumliche Realität anstrebt. Die abstakten Begriffe des rein architektonischen- und des sozialen- Raumes werden hier als Arbeitsinstrumente verstanden, die keine Identität mit dem reellen Raum haben. Um den architektonischen Raum, das materielle Gefüge der Stadt zu bezeichnen, wird hier der Begriff "Stadtraum" verwendet. Gemeint wird damit also nicht dessen Urbanitätscharakter, denn der Bedeutungsverlust des urban-rural Gegensatzes in unserer schon fast ausschließlich städtisch gewordenen Umwelt ist eindeutig.

[...]


* orig.: Odysseas Elytis: MAPIA NEΦEΛH, 1979; deutsche Übersetzung (Elytis 1981: 76)

Ende der Leseprobe aus 143 Seiten

Details

Titel
Stadtgestaltung und Sozialverhalten
Untertitel
Eine empirische Untersuchung in der Jenaer Innenstadt
Hochschule
Bauhaus-Universität Weimar  (Institut für Europäische Urbanistik)
Veranstaltung
Europäische Urbanistik
Note
1.3
Autor
Jahr
2004
Seiten
143
Katalognummer
V166507
ISBN (eBook)
9783640877645
ISBN (Buch)
9783640877614
Dateigröße
4852 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Urbanistik, Stadtgestaltung, Jena, Öffentlicher Raum, Goethe-Galerie, Sozialverhalten, Stadtraumanalyse, Holzmarkt Jena
Arbeit zitieren
Elek Pafka (Autor), 2004, Stadtgestaltung und Sozialverhalten, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/166507

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