Gedichte im "Deutscher Sprache Ehrenkranz"

Zeugen eines Sprachverständnisses im 19. Jahrhundert


Hausarbeit (Hauptseminar), 2009

35 Seiten, Note: 1


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Einleitung

Hauptteil
Gedichtvergleich- Ernstes
1. Muttersprache (1814)
2. Du sollst ein Wächter sein der deutschen Sprache (1866)
3. An unsre Sprache (1861)
4. Deutsche Sprache (1869)
Gedichtvergleich- Scherzhaftes
Die „Verwälschung“ der deutschen Sprache
Tunkenkrieg und Salsenschlacht
Der öffentliche Gebrauch der Sprache
Anlass zum Gespött: Philipp von Zesen
Erfolge des Allgemeinen Deutschen Sprachvereins

Schluss

Literaturverzeichnis

Anhang (Gedichte)

Einleitung

Auf Anregung des ehemaligen Gymnasial-Oberlehrers Günther Saalfeld entstand in Zusammenarbeit mit dem Hochschulprofessor und Schriftführer des Allgemeinen Deutschen Sprachvereins (ADSV) Paul Pietsch der Deutscher Sprache Ehrenkranz, in dem ungefähr 250 Gedichte gesammelt wurden, die die deutsche Sprache zum Inhalt haben und im Zeitraum vom 9. bis 19. Jahrhundert entstanden sind. 1898 erschien das Büchlein in der Erstauflage im Verlag des ADSV und diente als Festgabe zur 10. Hauptversammlung des Vereins. Aufgrund der Zweiteilung des Buches in „Ernstes“ und „Scherzhaftes“ ist es auch gestattet, diese Arbeit in zwei Teile zu gliedern. Da die Gedichte nicht thematisch, sondern dem Erscheinungsdatum nach zusammengestellt wurden, bot es sich an, die 140 ernsten Gedichte, die im 19. Jahrhundert entstanden sind, nach Themengebiete zu ordnen. Dabei stellte sich heraus, dass sie sich nach fünf Gesichtspunkten einteilen lassen: 62 rühmen die Unübertroffenheit der deutschen Sprache, 29 loben ihren Klang, 14 verweisen auf das dichterische Erbe, das der Sprache innewohnt und 14 Gedichte drücken durch den Verweis auf die Kindheit die Vertrautheit, die sich in der Sprache befindet, aus. Schließlich fordern 11 Gedichte ausdrücklich auf, den „fremden Flitter“ fahren zu lassen.

Im ersten Teil möchte ich einige zentrale Aspekte, die in den hundertvierzig untersuchten Gedichten immer wieder thematisiert werden, an einzelnen Gedichten exemplarisch darstellen und miteinander vergleichen. Dabei wird auffallen, dass sich kein Gedicht nur einem einzigen Aspekt widmet. Vielmehr ist festzustellen, dass in jedem Gedicht mehrere Gedanken zum Ausdruck gebracht werden, die sich in ihrer Bedeutung und Vordringlichkeit für den jeweiligen Autor unterscheiden.

Der zweite Teil der Arbeit widmet sich den Gedichten, die im „scherzhaften“ Teil des Buches abgedruckt wurden. Hier wird nur in knapper Form dargestellt, unter welchen Aspekten sich diese Gedichte zusammenstellen lassen.

Es soll ein erster Eindruck vermittelt werden, wie in den Gedichten im Deutscher Sprache Ehrenkranz die Sprache empfunden und Kritik an ihrem Gebrauch geübt wird. Die dabei angesprochenen Gedichte befinden sich alle im Anhang.

Hauptteil

Gedichtvergleich- Ernstes

1. Muttersprache (1814)

Seiner Muttersprache hat Max von Schenkendorf fünf Strophen gewidmet, in denen er jeweils einen Grund für die ideologische Überlegenheit der deutschen Sprache darlegt. Mit zwei Ausrufen im doppelten Trochäus, gefolgt von einem Daktylus „Muttersprache, Mutterlaut!“ (V. 2) beginnt das Gedicht in kräftiger und beschwingter Weise und gibt gleich das Leitmotiv der ersten Strophe kund. Es handelt sich dabei um das passive Aufnehmen der Mutterlaute und das aktive Bilden der Muttersprache. In den Versen 4 bis 6 wird die thesenartige, kurze Formulierung der Einleitung weiter ausgeführt: Das lyrische Ich scheint sich an die ersten Worte („erstes Wort, das mir erschallet“) seiner liebenden Bevollmächtigten („süßes, erstes Liebeswort“) und seine eigenen Sprechversuche („Erster Ton, den ich gelallet“) zu erinnern. Deshalb löst diese Sprache jetzt ein wohliges, vertrautes Gefühl aus („wie so wonnesam, so traut“ (V. 3)). Durch die dreimalige Wiederholung des Adjektives „erstes“/ „erster“ wird die Autorität der Muttersprache begründet: Keine andere Sprache hat das lyrische Ich von Kindesbeinen an begleitet. Mit der abschließenden Feststellung („Klingest ewig in mir fort“) schließt sich die Strophe zu einem Kreis. Es wird nämlich deutlich, dass es sich bei den ersten beiden Versen nicht nur um einen Ausruf gehandelt hat, sondern dass die Muttersprache oder der Mutterlaut in diesem Gedicht angesprochen wird. Nicht nur in der äußeren Form wird ein runder Abschluss bewerkstelligt, sondern auch inhaltlich, weil das lyrische Ich alle drei Zeitstufen Vergangenheit (Kindheit), Gegenwart und Zukunft („klingest ewig in mir fort“) thematisiert.

In der zweiten Strophe wird ein neuer Gesichtspunkt der Spracherfahrung eingeführt. Er steht im deutlichen Gegensatz zu dem in der ersten Strophe beschriebenen wonnesamen, trauten Gefühl. Es sind die Gefühle, die das lyrische Ich „in der Fremde“ (V. 9) empfindet. Schon der allererste Laut „Ach“ (V. 8) zeugt von Unbehagen und Leid. Auch hier dient die Anhäufung dreier Begriffe aus einem Wortfeld dazu, der gesamten Strophe eine Überschrift zu geben. Worte wie „üben“ und Wortverbindungen wie „brauchen muß“ (V. 10-11) rufen Gedankenverknüpfungen mit strenger Ausbildung und Zwang hervor. Im zwölften Vers lässt das lyrische Ich seinen zukünftigen Umgang mit diesen Sprachen verlauten. Er kann als klares Gegenteil zu dem in der ersten Strophe genannten gesehen werden, da sich das lyrische Subjekt jede Möglichkeit, sich dieser Sprache zu nähern mit der Begründung der Gleichgültigkeit („die nicht klingen als ein Gruß“ (V. 13)) ausschließt. Hier wird deutlich, dass das lyrische Ich keinen Hass gegenüber fremden Sprachen empfindet, sondern nur Gleichgültigkeit. Das Gegenteil von lieben (V. 12) ist schließlich nicht hassen, sondern das Empfinden von Gleichgültigkeit. Zwar klingt die Formulierung „nimmermehr kann lieben“ (V. 12) hart und bestimmt, aber auch resigniert. Schließlich spricht sich der Sprecher nicht den Willen, sondern das Vermögen zu solch einer Gefühlsäußerung ab.

Standen in den ersten zwei Strophen nur die zwiespältigen Gefühle des lyrischen Ichs im Vordergrund, folgt mit der dritten Strophe die beginnende Hinwendung zur Sprache, was durch die direkte Ansprache der schönen, wunderbaren Sprache in den Versen 14 und 15 kenntlich gemacht wird. Zwar tritt auch hier wieder die Wortverbindung „Ach wie“ (V. 15) auf, doch drückt sie hier kein Leid, sondern eine Mischung aus Erstaunen und Sehnsucht aus. Aus dieser Sehnsucht entspringt der Wunsch des lyrischen Ichs, die Sprache näher kennenzulernen, mehr über sie zu erfahren und zu wissen („Will noch tiefer mich vertiefen“ (V. 16)). Durch das Enjambement am Ende dieser Strophe wird die Betonung auf das vorangehende Wortpaar „tiefer vertiefen“ gelegt. Dadurch und durch die Wortwiederholung „tief“ sowie den parallelen Aufbau der Zielortbeschreibung („in den Reichtum, in die Pracht“ (V. 17)) wird die sinkende Bewegung verdeutlicht, die im letzten Vers der Strophe („in des Grabes Nacht“ (V. 19)) ihr Ziel findet. Also wird der Wunsch nach intensivem Sprachgebrauch nicht nur um der Sprache willen und wegen ihres „klaren Klangs“ (Vgl.: V. 15) hervorgerufen, sondern durch zwei weitere Faktoren: Zum einen bringt die intensive Beschäftigung das lyrische Subjekt den Ahnen näher, wie anhand der gegensätzlichen Bewegungen erklärt werden kann,1 zum anderen fühlt sich das lyrische Ich durch den Ruf der Väter dazu verpflichtet, Tradition und Brauchtum, die den „Reichtum“ und die „Pracht“ einer Sprache (V. 17) ausmachen, zu begreifen.

In der vierten Strophe widmet sich das lyrische Ich nur der Sprache, dennoch wird sie durch bestimmte Worte mit jeder der vorhergegangenen Strophen verknüpft. Die erste Aufforderung („klinge, klinge fort und fort“ (V. 20)) wirkt durch die Wortwiederholungen wie eine Beschwörungsformel und das „Klinge, klinge“ erinnert zumindest metrisch an jene des Zauberlehrlings in Goethes gleichnamigen Gedicht. In diesem ersten Vers wird auch gleich eine Verbindung zur ersten Strophe hergestellt („Klingest ewig in mir fort“ (V. 7)). Die Sprache wird mit „Heldensprache, Liebeswort“ angeredet. Während „Liebeswort“ wieder auf die in der ersten Strophe beschriebene Kindheit und damit auf privates, eigenes Empfinden hinweist, vermittelt „Heldensprache“ das öffentliche und gesamte Empfinden, da (Sprach-)Helden vorzugsweise von einer Gruppe oder ganzen Nation verehrt werden. Die zweite Aufforderung an die Sprache, aus den tiefen Grüften emporzusteigen, stellt die Verbindung mit den Vätern „aus des Grabes Nacht“ (V. 19) aus der dritten Strophe her. Demnach ist die Sprache ein Gut, das mit den Vätern gestorben ist. Diese Vermutung bewahrheitet sich mit Vers 23 („Längst verschollnes altes Lied“) Durch das gehäufte Auftreten von Worten, die den Konsonant „l“ beinhalten, wird onomatopoetisch das Fortklingen, das von der Sprache gewünscht wird, verdeutlicht. Die Wiederbelebung der Sprache soll zum Erglühen der Herzen führen (V. 25). In diesem Ziel findet sich die antithetische Verbindung zu der zweiten Strophe. Das lyrische Ich spricht beim Mangel an Muttersprache vom trüben Sinn (V. 8), jedoch wird die Muttersprache das Gemüt wieder aufhellen, wie „daß dir jedes Herz erglüht“ (V. 25) kontrastreich bekräftigt.

Die fünfte Strophe führt wieder zu den Gepflogenheiten des lyrischen Ichs zurück und liefert eine schlussfolgernde Erklärung für seinen Umgang mit der Muttersprache. In den einleitenden Versen kann vordergründig eine tolerante Stimmung gegenüber anderen Sprachen wahrgenommen werden: „Ueberall weht Gottes Hauch“ (V. 26). Bei genauerem Lesen zeigt sich aber, dass das lyrische Subjekt deutlich zwischen Schein und Sein unterscheiden will. Er unterscheidet zwischen Brauch (V. 27) und der Äußerung heiligster Gedanken (V. 30). Während Brauchtum oft unüberlegt und nicht hinterfragt gelebt wird, also mehr dem Schein und einer Gewohnheit zuzuordnen ist („heilig ist wohl mancher Brauch“ V. 27), sind Beten, Danken und Liebesbekundungen durchdachte und aus dem Innersten kommende Gefühlsäußerungen, die nur in der Muttersprache ausgedrückt werden können. Sprache ist demnach nicht nur Klanggebilde oder leere Worthülle, sondern ein Transportmittel der Gefühle. In diesem Gedicht wird nicht nur die Vertrautheit ausgedrückt, die das lyrische Ich durch die Erfahrungen in frühester Kindheit aufgebaut hat, sondern auch das dichterische Erbe und die Verpflichtung durch Tradition, die den richtigen und angemessenen Gebrauch der deutschen Sprache fordern.

Auffallend ist, dass der Klang als Leitmotiv das gesamte Gedicht durchzieht.

2. Du sollst ein Wächter sein der deutschen Sprache (1866)

In Wilhelm Jägers Gedicht wird die deutsche Sprache als Göttin im Tempel beschrieben. Diese allegorische Dichtung spricht deutlich „den Freund“ an und ruft ihm zum Bewahren und Schützen der deutschen Sprache auf und ermahnt ihn, ihre Verunstaltung durch unnötig Fremdes zu unterlassen.

Gleich in der ersten Strophe richtet sich das lyrische Subjekt mit einer Frage an eine Person, die als „Freund“ betitelt wird. Diese Frage ist keinesfalls neutral aufzufassen, sondern mit einer sichtlichen Wertung. „Ein edles Weib zu putzen und zu schminken“ (V. 3) ist nämlich ein unnötiges, wenn nicht gar sinnloses Unterfangen. Die Sinnlosigkeit eines solchen Tuns wird durch die nähere Beschreibung des Aussehens noch verstärkt: „Auf dessen Antlitz frische Schöne glüht“ (Vgl.: V. 4) und sie wird es immer tun („die, wie sein innrer Werth, wird nimmer sinken“ (V. 5)). Es gibt also in der Gegenwart und wird in der Zukunft keinen Bedarf an Schminke und Putz geben. Dass die Frage wertend gemeint ist, bezeugt auch die Wortwahl „putzen“ und „schminken“. Es handelt sich dabei um Tätigkeiten, die der Natur einer Sache nicht entsprechen, sondern sie zu übertünchen und zu verfälschen suchen.

Die zweite Frage lässt die gesamte Gestalt des edlen Weibes in den Mittelpunkt rücken. Nicht nur dem Antlitz, sondern nun auch dem edlen Bau der Glieder wird Aufmerksamkeit geschenkt. Wie sich der Blick auf den Körper ausdehnt, so vergrößert sich auch die Tragweite des Tuns des lyrischen Adressaten: Es handelt sich jetzt nicht mehr um eine unnötige Handlung, sondern um eine verunstaltende, da das edle Weib in erborgte Fetzen (V. 7-8) gehüllt wird. Die Auswirkung, die dieses Handeln hat, ist im übertragenen Sinne der soziale Fall. („[…] Fetzen, die […] die Göttin ziehn zur Bettlerin hernieder“ (V. 8-9). Dieses Bild soll ausdrücken, dass die deutsche Sprache, nachdem sie mit unkenntlich gemacht wurde,2 nicht mehr als solche erkennbar ist und nicht mehr durch ihre eigenen Ausdrücke existieren kann, sondern durch die anderer Sprachen aufrecht erhalten wird.

Unter diesen Gesichtspunkten erlangt auch die Anrede „mein Freund“ eine gewisse ironische Nuance, da das lyrische Ich solch einen Verwüster wohl nicht als Freund bezeichnen kann.

Die zweite Strophe bricht aus der allegorischen Darstellung aus. Es handelt sich dabei um ein Bekenntnis des lyrischen Ichs. Durch die doppelte Inversion („Nicht möchte ich schmähen“ und „fremder Völker Mund“ (V. 10)) rücken die Verneinung und das Wort „fremder“, da es auf eine Zäsur folgt, in den Vordergrund und lassen die Aussage beteuernd wirken. Der versichernde Ausruf („Es wär’ so unrecht, als es wär’ vermessen!“ V. 11)) unterstreicht durch seine Parallelität das Einhergehen von Unrecht und Vermessenheit. Mit der Begründung, dass ein „edler Geist“ niemals vergessen wird, dass jede Sprache Muttersprache ist (Vgl.: V. 13-14), charakterisiert sich das lyrische Subjekt selbst als solch einen edlen Geist. In der näheren Beschreibung der Muttersprache und ihrer „Söhne“ findet sich eine Verbindung zum ersten, analysierten Gedicht. Wie das lyrische Subjekt im vorhergegangenen Gedicht beschreibt das lyrische Ich auch hier die Situation in der Fremde. Jedoch beschränkte sich der Sprecher des ersten Gedichts auf die negativen Gefühle beim Mangel an vertrauter Sprache, während der Sprecher hier die positiven Gefühle, die beim Klang der Muttersprache in der Fremde ausgelöst werden, erwähnt. Auch in der Art der Beschreibung findet sich ein Unterschied: Der Sprecher beschreibt hier losgelöst von seinem eigenen Ich.

Zu Beginn der dritten Strophe fasst der Autor in elliptischer Form die Schlussfolgerungen, die durch die zweite Strophe gewonnen werden können, zusammen („Auch Fremdem Ehre, wenn es schön und gut;“ (V. 18)). Die Einschränkung, die durch das klare „Doch“ am Anfang des nächsten Verses eingeleitet wird, kann wörtlich aufgefasst werden. Das lyrische Subjekt spricht sich gegen ein abgöttisches Verehren des Fremden aus. Wenn die deutsche Sprache aus dem Fokus der Verehrung rückt und stattdessen fremde Inhalte verehrt werden, kann man vom abgöttischem Verehren sprechen, da die Abkehr von der deutschen Sprache die Abkehr von der Göttin ist, wie in Vers 9 deutlich gemacht wird, und sich somit der Wortsinn als wahrer Sinn enthüllt. Die Kenntnis der eigenen Sprache wird als Mittel vorgestellt, das dem Wunsch entgegenwirkt, eine andere Sprache zu gebrauchen. Das Enjambement zwischen Vers 20 und 21 stellt den Gegensatz von „Eigentum“ und „Fremdem“ deutlich heraus. Der Vergleich der Sprache mit „edlem Kleinod“ (V. 20) erinnert an den Reichtum und an die Pracht, die der Muttersprache auch im ersten Gedicht zugesprochen werden. Nicht nur die Beschreibung der Sprache als Schatz, sondern auch der Akt des Kennenlernens, der im ersten Gedicht mit dem Sich-Vertiefen umschrieben wird, kann als Gemeinsamkeit aufgezeigt werden. Erst hier appelliert der Sprecher schlussfolgernd, die deutsche Sprache von Schminke und Fetzen zu befreien. Der Aufruf erscheint durch die zwei Daktylen („Deshalb die Schminke fort! [...]“ (V. 22)) besonders lebhaft und dynamisch. Auch die onomatopoetische Struktur dieses und des folgenden Verses3 tragen zu der forschen Wirkung dieses Ausrufs bei. Der Appell endet in einer durch den Wechsel zum Iambus weich und anmutiger scheinenden Darstellung der Zukunft. Der Rhythmus passt zu dem beim Rezipienten hervorgerufenen Bild einer sich emporschwingenden Göttin. Außerdem ruft dieses Bild Assoziationen zur Darstellung der geflügelten Siegesgöttin Nike hervor, die auch im Gedicht begründet werden können: Wenn die Sprache von Fremdem befreit sein wird, wird sie als Siegerin den „nicht’gen Plunder“ (V. 25) hinter sich lassen. Die Aufwärtsbewegung, die die Sprache in Gestalt einer Göttin vollführt, weist wieder zurück auf das erste Gedicht, in dem die Sprache dazu aufgefordert wird, aus tiefen Grüften empor zu steigen.

Mit der vierten Strophe werden die Überschrift des Gedichts und der lyrische Adressat wieder miteinbezogen, indem Teile des Titels wiederholt werden. Dadurch muten die vorhergegangenen Strophen als Begründung und Argumentation an, die zu einem Ergebnis führen. Auch die Zustimmung „Ja“ (V. 26) bekräftigt diese Erkenntnis. Die Anrede des lyrischen Adressaten als „Sohn des Teut“ soll ihm das Sprach- und Volksbewusstsein vor Augen führen, ist sie doch ein Zitat aus Arndts Gedicht „Deutscher Trost“, in dem die deutschen Tugenden genannt werden.4 Dass es sich bei der Aufforderung, ein Wächter zu sein, nicht nur um eine sinnbildliche Formulierung handelt, zeigen die letzten Strophen. Die Aufgaben eines Sprach-Wächters werden mit denen eines Torwächters verglichen. Er bewacht die Tore des Tempels, in dem die deutsche Sprache als Göttin thront. Auch hier wird wieder das Bild der Antike beschworen, indem Tempel, Heiligtum, Priester und Göttin genannt werden. Der Bezug zur Antike kann gewählt worden sein, um die Altehrwürdigkeit der deutschen Sprache zu verdeutlichen und sie mit der griechischen oder lateinischen Sprache in Verbindung zu bringen. Sie wird in Vers 31 auch mit „Hehre“ angesprochen, was ihre Erhabenheit deutlich belegt. Keuschheit und Züchtigkeit stellen Tugenden dar, die der deutschen Frau wohl zu Gesicht stehen. Aber die Keuschheit einer Sprache kann auch als ihre Abgrenzung gegen fremde Sprachen gedeutet werden. Der deutsche Wächter hat somit die Aufgabe, den Tempelbezirk vor fremden Eindringlingen zu schützen. Das Bild, das im letzten Vers der Strophe hervorgerufen wird, erinnert an eine Art Pantheon des Deutschtums: Neben der Sprache sitzen auch die personifizierte Einfalt, Kraft und Fülle und müssen vor Tempelschändern beschützt werden.5

Die letzte Strophe widmet sich den Dichtern, die als Tempeldiener beschrieben werden, die der Göttin Opfer bringen. Das Opfer ist somit das Verfassen des Gedichts. Das Formulieren von Gedanken und Gefühlen in der deutschen Sprache („wenn Denken, Fühlen wird harmon’scher Klang“) erinnert an das Bekenntnis des lyrischen Subjekt im ersten Gedicht, die heiligsten Gedanken mit der „Mutter Mund“ auszudrücken. Der Sprecher zieht eine ganz klare Trennlinie zwischen berufenen Deutschen (den Dichtern) und der profanen Allgemeinheit, die als „Sohn des Teut“ betitelt wird. Die Aufgabe des Dichters ist es, wie ein Priester die Vermittlerrolle zwischen Volk und Sprache wahrzunehmen. Von der Allgemeinheit wird Ergebenheit und Aufmerksamkeit gegenüber der deutschen Sprache verlangt.

In diesem Gedicht wird insbesondere die Unübertrefflichkeit der deutschen Sprache betont, da sie als Göttin dargestellt wird. Eben darum muss sie als solche beschützt werden. Das Gedicht warnt folglich ausdrücklich davor, durch den Gebrauch fremder Worte der Sprache zu schaden.

[...]


1 Gemeint ist die Bewegung nach unten, die das Subjekt durch das Vertiefen durchmacht, und die Richtung der Rufe, die aus den Gräbern empor steigen.

2 Verhüllen meint hier verstecken oder unkenntlich machen.

3 Deshalb die Schminke fort! Die Flitterzier,/ das fremde Flickwerk reiße frisch herunter (V. 22-23).

4 Vgl. die Strophe:„Doch die Treue ehrenfest/ Und die Liebe, die nicht läßt,/ Einfalt, Demut, Redlichkeit,/ Steh’n dir wohl, o Sohn vom Teut.“ ARNDT, Ernst Moritz. Gedichte. Vollständige Sammlung. Mit der Handschrift des Dichters aus seinem neunzigsten Jahre. Zweite Auflage. Berlin 1865, S. 247.

5 <die Sprache>, die ihren Thron, umstrahlt von Glanz und Ruhm,/ mit edler Einfalt, Kraft und Fülle theilet! (V. 32/33).

Ende der Leseprobe aus 35 Seiten

Details

Titel
Gedichte im "Deutscher Sprache Ehrenkranz"
Untertitel
Zeugen eines Sprachverständnisses im 19. Jahrhundert
Hochschule
Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg  (Germanistisches Seminar)
Veranstaltung
Sprachpflege und Sprachkritik
Note
1
Autor
Jahr
2009
Seiten
35
Katalognummer
V166511
ISBN (eBook)
9783640826827
ISBN (Buch)
9783640826445
Dateigröße
4090 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Sprachkritik, Allgemeiner Deutscher Sprachverein, Fremdwortpurismus, Hermann Riegel, Paul Pietsch, 19. Jahrhundert, Max von Schenkendorf, Felix Dahn, Wilhelm Jäger, Verwelschung, Muttersprache, Kulturpatriotismus
Arbeit zitieren
Julia Braun (Autor), 2009, Gedichte im "Deutscher Sprache Ehrenkranz", München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/166511

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