Soziale Marktwirtschaft: Das „Soziale“ der „Sozialen Marktwirtschaft“

Nichts weiter als eine geniale Leerformel


Hausarbeit (Hauptseminar), 2008

25 Seiten, Note: 2,5


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Wirtschaftliche Ausgangslage nach Kriegsende

3 Wirtschaftspolitische Stimmung nach dem Krieg

4 Der Ursprung der „Sozialen Marktwirtschaft“ – Walter Eucken als typischer Vertreter des Ordoliberalismus

5 Das Konzept Alfred Müller-Armacks

6 Das Konzept Ludwig Erhards

7 Wirtschaftliche Erfolge während der 50er Jahre

8 Wirtschaftlicher Vergleich zu anderen westeuropäischen Ländern

9 Sozialpolitische Maßnahmen während der 1950er Jahre

10 Vergleich zu anderen europäischen Ländern – Sozialwunder

11 Fazit

12 Literaturverzeichnis

1 Einleitung

Die „Soziale Marktwirtschaft“ wird in der Öffentlichkeit als das Erfolgskonzept der Deutschen Wirtschaft nach dem Zweiten Weltkrieg gelobt: Ihr haben die Deutschen das Wirtschaftswunder und die sozialen Errungenschaften dieser Zeit zu verdanken. Damit wird die Erfolgsgeschichte der „Sozialen Marktwirtschaft“ als eine spezifisch deutsche Errungenschaft gefeiert. Diese Überzeugung geht sogar so weit, dass immer wieder auf das Erfolgskonzept der 1950er Jahre verwiesen wird, wenn gegenwärtige wirtschaftliche Probleme diskutiert werden. Selbst außerhalb der deutschen Grenzen wird die „Soziale Marktwirtschaft“ als Formel für „sozialen“ wirtschaftlichen Aufschwung empfohlen – z.B. als die osteuropäischen Staaten Anfang der 1990er Jahre sich der Marktwirtschaft zuwandten. Dass dieses vermeintliche Erfolgskonzept der Deutschen Wirtschaftsordnung in so hohem Maße gelobt wird, setzt jedoch voraus, dass die Entwicklung Westdeutschlands nach dem Zweiten Weltkrieg außergewöhnlich gewesen sein muss, dass andere Staaten keine vergleichbaren Prozesse vollzogen haben und dass in Deutschland die Marktwirtschaft „sozialer" umgesetzt wurde als anderswo.

Die vorliegende Hausarbeit soll beweisen, dass die „Soziale Marktwirtschaft“ eine geniale Leerformel ist, da das Attribut „Sozial“ nichts weiter als eine Notwendigkeit der historischen Umstände in Deutschland war.[1] Dazu wird zunächst die schwierige wirtschaftliche Lage Deutschlands nach dem Zweiten Weltkrieg betrachtet und dargelegt, warum die Stimmung in der Bevölkerung als „Pro-Lenkungswirtschaft“ bezeichnet werden kann.

Im nächsten Schritt wird auf die Genese der Wirtschaftskonzeption eingegangen. Hierfür werden die Konzepte Walter Euckens, Alfred Müller-Armacks und Ludwigs Erhards auf den sozialen Aspekt hin untersucht und Gemeinsamkeiten und Unterschiede herausgearbeitet.

Nach den theoretischen Konzepten des sozialen Aspekts beschäftigt sich diese Hausarbeit mit der politischen Wirklichkeit, d.h. mit den wirtschaftlichen und sozialpolitischen Errungenschaften in den 50er Jahren. Ebenso wird ein Blick auf die parallelen wirtschaftlichen und sozialpolitischen Entwicklungen in den westeuropäischen Nachbarländern geworfen, um so die Erfolgsgeschichte Deutschlands in Bezug zu anderen Staaten zu setzen. Schließlich werden in einem Fazit die Ergebnisse zusammengetragen, um das Geniale dieser Leerformel zu verdeutlichen.

2 Wirtschaftliche Ausgangslage nach Kriegsende

Die deutsche Wirtschaft befand sich nach Ende des Zweiten Weltkrieges in einer schwierigen Lage. Das nach Abtretung Ostpreußens und des Saarlandes verbleibende Gebiet war in vier Besatzungszonen aufgeteilt, der Außenhandel lag brach. Die Kriegsfinanzierung hatte enormen Geldüberhang hinterlassen, weswegen man Preise und Löhne amtlich fixieren musste. Viele Industrieanlagen und Infrastrukturen waren von Bombenangriffen teilweise stark zerstört. Doch besonders die Wohnhäuser hatten großen Schaden genommen. Dies hatte einen akuten Wohnungsmangel zur Folge, der sich durch den starken Zustrom an Flüchtlingen zusätzlich verschärfte. Gleichwohl erzeugte der Mangel an Nahrungsmitteln, Rohstoffen und Energie die größte Not. Um das Notwendigste zum Überleben zu beschaffen, ging die Bevölkerung auf den Schwarzmarkt, der aufgrund der zerrütteten Währung und des allgemeinen Mangels prosperierte.[2]

Obwohl der wirtschaftliche Zustand Deutschlands nach dem Krieg aus heutiger Sicht nicht mehr ganz so negativ wie von Zeitgenossen zu bewerten ist, da der Grad der Zerstörung der Industrieanlagen und Infrastruktur nach unten korrigiert wurde,[3] so war doch insgesamt die wirtschaftliche Lage durch viele Missstände gekennzeichnet.

Zu diesen vielen wirtschaftlichen Missständen kam das schwierige Verhältnis der Besatzungsmächte zu Deutschland hinzu. Diese waren nämlich zunächst weniger an einer Erholung der deutschen Wirtschaft interessiert als mehr an Reparationen, Vergeltung und Bestrafung und ließen dementsprechend Industrieanlagen demontieren und beschränkten bestimmte Produktionen. Jedoch fand bereits nach kurzer Zeit ein Kurswechsel der westalliierten Besatzungspolitik statt – einerseits aufgrund des ausbrechenden Ostwestkonflikts und andererseits aufgrund der Einsicht, dass sich Europa nicht ohne die wirtschaftliche Erholung Deutschlands entwickeln könne. Dieser Kurswechsel führte zum wirtschaftlichen Zusammenschluss der westlichen Zonen, zur Lockerung und Aufhebung der Beschränkungen industrieller Produktion, zur Einstellung der Demontagen, zur Aufnahme des Marshallplans, mit dem 1,56 Mrd.[4] Dollar in den Wiederaufbau Deutschlands investiert wurden und schließlich zur Übertragung von mehr Selbstverwaltungsrechten.

Um die Versorgung der deutschen Bevölkerung zu gewährleisten, übernahmen die Alliierten die von den Nationalsozialisten initiierte Lenkungswirtschaft. Damit ging eine Rationierung von Nahrungsmitteln und knappen Waren einher. Auch die Zuteilung von Roh- und Betriebsstoffen unterstand den Behörden, genauso wie die Verordnung von Preisen und ein Lohnstopp, die Ein- und die Ausfuhr sowie die Devisenkontrolle. So wurde gegen die Nachkriegsnot zunächst mit der Lenkungswirtschaft vorgegangen[5] – mit mäßigem Erfolg, was anhand der boomenden Schwarzmärkte zu sehen war.

3 Wirtschaftspolitische Stimmung nach dem Krieg

Im Nachhinein erscheint vielen die Einführung der Sozialen Marktwirtschaft als die beste Option, um der Not im Nachkriegsdeutschland Herr zu werden und die angeschlagene deutsche Wirtschaft wieder anzukurbeln, doch in den ersten Jahren nach Kriegsende war diese Meinung keineswegs weit verbreitet. Aus zeitgenössischen Parteiprogrammen der SPD und CDU ist zu entnehmen, dass die Marktwirtschaft als Wirtschaftsform für nicht geeignet gehalten wurde, die Missstände zu beseitigen. So forderte die SPD „eine sozialistische Wirtschaft durch planmäßige Lenkung und gemeinwirtschaftliche Gestaltung“ und die Sozialisierung „der Großbetriebe…, jeder Form der Versorgungswirtschaft und der Teile der verarbeitenden Industrie, die zur Großunternehmung drängen“. Die CDU erklärte Anfang 1947 in ihrem Ahlener Programm: „Planung und Lenkung der Wirtschaft wird auf lange Zeit hinaus in erheblichem Umfange nötig sein“ und verlangte, den Bergbau sowie die eisenschaffende Industrie zu vergesellschaften.[6] Damit spiegelte sich in diesen Parteiprogrammen der Zeitgeist wider.

Gründe für die negative Einstellung gegenüber der Marktwirtschaft sind die noch im Gedächtnis der Deutschen verankerten schlechten Erfahrungen aus der Weltwirtschaftskrise Anfang der Dreißiger Jahre, die die westliche Welt und im besonderen Maße Deutschland getroffen hatte. Auch die sozialen Missstände während der Industrialisierung wurden mit ihr assoziiert. Zwar gilt dies auch für andere Staaten, doch da in der angelsächsischen Welt der Liberalismus stärker ausgeprägt war und damit der Kapitalismus mehr Rückhalt in der Bevölkerung genoss, waren Vorbehalte in Deutschland weiter verbreitet als in anderen westlichen Ländern. So verfestigte sich in Deutschland das Bild eines ausbeuterischen Kapitalismus mit unsozialem Charakter, der in den zyklusbedingten Rezessions- und Stagnationsphasen die Wirtschaften ganzer Nationen für mehrere Jahre ruinierte, weshalb ein Vergleich mit einer tickenden Zeituhr zutreffen würde.[7]

Eine wichtige Rolle spielte natürlich auch die Konkurrenz zum sowjetisch besetzten Teil Deutschlands bzw. der späteren DDR. Diese betraf nicht nur die wirtschaftliche Leistungsfähigkeit, sondern gerade auch den sozialen Aspekt der Wirtschaftsordnungen.[8] Auch wenn sich die meisten in Westdeutschland keine sozialistische Wirtschaftsordnung wünschten, so hegten doch viele großes Vertrauen in die Lenkungswirtschaft. Selbst überzeugte Anhänger der Marktwirtschaft zögerten davor, die Engpässe nach dem Krieg der Marktwirtschaft zu überlassen. Nach ihren Einschätzungen könne man die Marktwirtschaft erst nach Überwindung der akuten Notlage und auch nur in kleinen Schritten einführen.[9] Insgesamt kann man festhalten, dass zu jener Zeit in der öffentlichen Meinung die Sympathien für eine gelenkte Wirtschaft größer waren als für die Marktwirtschaft und dass gerade der soziale Aspekt ein besonders wichtiges Kriterium zur Legitimierung der Wirtschaftsordnung darstellte.

4 Der Ursprung der „Sozialen Marktwirtschaft“ – Walter Eucken als typischer Vertreter des Ordoliberalismus

Walter Eucken beschäftigte sich schon in den 1930er Jahren mit einer Wirtschaftsordnung, die zugleich dem Individuum größtmögliche Freiheit gewähren und doch gewissen einschränkenden Rahmenbedingungen folgen sollte. Denn seiner Überzeugung nach sollte die wirtschaftspolitische Tätigkeit des Staates auf die Gestaltung der Wirtschaftsordnung gerichtet sein und nicht auf die Lenkung der Wirtschaftsprozesse. Mit dieser These zählt Walter Eucken zu einem der wichtigsten Begründer des Ordoliberalismus – welcher zum theoretischen Fundament der Sozialen Marktwirtschaft wurde.[10]

Walter Eucken befasste sich mit dem Problem, dass bis dato keine geeignete Wirtschaftsordnung entwickelt worden war, die die Rechte des Menschen vor den negativen Auswüchsen des Marktes schützte, ohne dass dabei die Machtkonzentration auf den Staat fiel. In seiner konzipierten Wirtschafts­konzeption, die er „Politik der Wettbewerbsordnung“ benannte, beschrieb er „funktionsfähige und menschenwürdige Ordnung der Wirtschaft“[11]. Abgrenzen sollte sich seine Wirtschaftsordnung damit als „dritter Weg“ zwischen der Politik des Laisser-faire des 19. Jahrhunderts, in dem die Menschen den Launen des Markts ausgeliefert waren, und den sozialistischen Experimenten in der UdSSR, in der es seiner Meinung nach lediglich zu einer Verlagerung des Machtmonopols von der Wirtschaft auf den Staat führe.

Demnach ist es Aufgabe des Staats die Formen, in denen gewirtschaftet wird, zu beeinflussen, aber er hat nicht den Wirtschaftsprozess selbst zu führen. Diese Beeinflussung der Wirtschaftsformen sollte derart vonstatten gehen, dass der Wettbewerb den Konsumenten diene und dass wettbewerbsbehindernde Monopole unterbunden würden.[12]

Bereits Walter Eucken widmete sich in seiner Konzeption auch dem sozialen Aspekt. Diesbezüglich vertrat er die Ansicht, dass „soziale Sicherheit und soziale Gerechtigkeit… die großen Anliegen der Zeit“[13] seien – jedoch nicht im Sinne einer herkömmlichen Sozialpolitik. Diese empfand er als Einschränkung der Freiheitsrechte zugunsten von Sicherheit. Vielmehr sah er das Soziale darin, alle Mitglieder einer Gesellschaft an marktwirtschaftlichen Prozessen teilhaben zu lassen. Trotzdem könne seiner Meinung nach die Wirtschaftsordnung, die dieses Ziel verfolgt, nicht allen sozialen Problemen vorbeugen. Zur Abmilderung von Schicksalsschlägen sieht es Eucken als Pflicht des Staates an, zunächst den Bürgern alle Möglichkeiten zu geben, sich individuell durch Versicherungen und Selbsthilfe zu sichern. Nur wo der Bürger sich nicht mehr selbst helfen kann, sollte der Staat eingreifen. Der Grundgedanke dahinter bestand darin, dass die Marktwirtschaft ihre wohlstandsmehrende wie koordinierende Funktion nur entfalten könne, wenn sie durch eine strenge staatliche Ordnungspolitik auf Wettbewerb verpflichtet würde. Die wichtigste Aufgabe des Staats war daher, wirtschaftliche Machtkonzentrationen durch Monopole, Kartelle und andere Formen der Marktbeherrschung zu verhindern.[14]

[...]


[1] Diese Behauptung stütz sich auf die Thesen von Mark Spoerer (Wohlstand für alle? Soziale Marktwirtschaft), Volker Hentschel (Ludwig Erhard, die „soziale Marktwirtschaft“) und Kurt W. Rothschild (Zur Leistungsfähigkeit eines wirtschaftspolitischen Slogans).

[2] Hentschel, Volker: Ludwig Erhard, S.31f.

[3] In den 1970er Jahren konnte Abelshauser nachweisen, dass die Kriegszerstörungen in der Literatur durchweg überschätz worden waren.

[4] Zinn, Karl G.: Soziale Marktwirtschaft, S. 60.

[5] Lampert, Heinz: Die Soziale Marktwirtschaft, S. 49f.

[6] Lampert, Heinz: Soziale Marktwirtschaft, S.49f.

[7] Vgl. Spoerer, Mark: Wohlstand für alle?, S. 30.

[8] Vgl. Roesler, Jörg: Zur Geschichte der beiden deutschen Staaten, S. 44 und Raphael, Lutz: Europäische Sozialstaaten in der Boomphase, S. 53.

[9] Müller-Armack, Andreas: Das Konzept der Sozialen Marktwirtschaft, S. 5.

[10] Ptak, Ralf: Vom Ordoliberalismus zur Sozialen Marktwirtschaft, S. 110f.

[11] Eucken, Walter: Die Grundlagen der Nationalökonomie, S. 240.

[12] Gerken, Lüder/Renner, Andreas: Die ordnungspolitische Konzeption, S. 16f.

[13] Eucken, Walter: Das Problem der wirtschaftlichen Macht, S. 1.

[14] Gerken, Lüder/Renner, Andreas: Die ordnungspolitische Konzeption, S. 21f.

Ende der Leseprobe aus 25 Seiten

Details

Titel
Soziale Marktwirtschaft: Das „Soziale“ der „Sozialen Marktwirtschaft“
Untertitel
Nichts weiter als eine geniale Leerformel
Hochschule
Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg  (Historisches Seminar)
Note
2,5
Autor
Jahr
2008
Seiten
25
Katalognummer
V166547
ISBN (eBook)
9783640828265
ISBN (Buch)
9783640828098
Dateigröße
614 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Ludwig Erhard, Walter Eucken, Alfred Müller-Armack, Sozialwunder, Wirtschaftswunder, Sozialpolitische Maßnahmen
Arbeit zitieren
Alona Gordeew (Autor), 2008, Soziale Marktwirtschaft: Das „Soziale“ der „Sozialen Marktwirtschaft“, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/166547

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