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Die "Agonie" Österreichs in Franz Werfels "Eine blaßblaue Frauenschrift"

Title: Die "Agonie" Österreichs in Franz Werfels "Eine blaßblaue Frauenschrift"

Seminar Paper , 2000 , 15 Pages , Grade: 2,0

Autor:in: Anne-Bärbel Kirchmair (Author)

German Studies - Modern German Literature
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Summary Excerpt Details

„Leonidas ist einfach der typische Opportunist seiner Zeit, und die Geschichte eines
solchen österreichischen Opportunisten ohne Rückgrat wird uns hier erzählt.“1
Mit sicherer Hand, knapp und prägnant, entwirft Paulsen in wenigen Worten den
thematischen Rahmen, innerhalb dessen sich Werfels Novelle2 Eine blaßblaue Frauenschrift
aufspannt: Im Vordergrund steht die Analyse eines Charakters bis in seine feinsten
Verästelungen, deren Raffinesse und Reiz vor allem in der Tatsache begründet liegt, daß es
sich um eine Selbstanalyse handelt, Protagonist und Leser sich demnach stets auf dem
gleichen Erkenntnisniveau befinden. Mit diesem Erzählstrang eng verzahnt, präsentiert sich
die zweite Ebene, die Werfels Novelle in den Rang eines „Zeitroman[s]“3 erhebt.
Eine blaßblaue Frauenschrift versetzt uns ins herbstliche Wien des Jahres 1936 – ein
Schicksalsjahr im wahrsten Sinne des Wortes. Vor wenigen Monaten erst sah sich der
österreichische Bundeskanzler Schuschnigg gezwungen, ein Abkommen über die
Wiederherstellung freundschaftlicher Beziehungen, das sog. „Juli-Abkommen“, mit dem
Deutschen Reich zu unterzeichnen, einen Vertrag, der letzten Endes den ersten Schritt in
Richtung „Anschluß“ darstellen sollte, insofern er den österreichischen Handlungsspielraum
im allgemeinen, besonders aber im Bereich der Außenpolitik dramatisch einengte. Von dem
italienischen Diktator Mussolini durfte sich der bedrängte Kleinstaat keine Protektion mehr
erhoffen, nachdem dieser seinem deutschen „Kollegen“ bereits im Januar freie Hand
zugesichert hatte.
Die Autonomie Österreichs bedroht, die nationalsozialistische Ideologie in voller Entfaltung
begriffen, eine Welt am Vorabend der Zerstörung: Vor diesem Hintergrund entwirft Werfel
ein Szenario, das um so beklemmender wirkt, als Strukturen und Verhältnisse des
Makrokosmos Österreich sich im Mikrokosmos Individuum widerspiegeln. Wie hat Werfel
nun die Figur seines „Helden“ konzipiert, der den Anforderungen und Wertungen seiner Zeit
entsprechen sollte? Welche Attribute, welche Charaktereigenschaften ihm zugebilligt?

1 Paulsen, Wolfgang, Franz Werfel. Sein Weg in den Roman, Tübingen/Basel 1995, S. 226.
2 Wagener Hans, Gericht über eine Lebnslüge. Zu Franz Werfels Eine blaßblaue Frauenschrift, in: brücken,
Germanistisches Jahrbuch Tschechien - Slowakei 1995, S. 192.
3 Paulsen (wie Anm. 1) S. 233.

Excerpt


Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Aufsteiger Leonidas – Prototyp des österreichischen Bürokraten

3 Die beiden Frauenfiguren – Polarität zweier Lebensmodelle

3.1 Leonidas und Amelie: Stagnation einer Ehe

3.2 Leonidas und Vera: Der Zusammenprall zweier Welten

4 Das Scheitern des Protagonisten als Irrweg eines Systems

5 Schluß

Zielsetzung und Themen

Die Arbeit untersucht in Franz Werfels Novelle „Eine blassblaue Frauenschrift“ die Charakterstruktur des Protagonisten Leonidas als Repräsentant eines opportunistischen Systems im Wien des Jahres 1936. Ziel der Analyse ist es, das individuelle Scheitern des Helden mit der politischen Agonie Österreichs vor dem „Anschluss“ in Verbindung zu setzen.

  • Analyse der opportunistischen Persönlichkeitsstruktur des Protagonisten.
  • Gegenüberstellung der Frauenfiguren Amelie und Vera als polare Lebensmodelle.
  • Untersuchung der Verflechtung von individuellem Schuldbewusstsein und politischer Zeitgeschichte.
  • Reflektion über die moralische Stagnation der österreichischen Bürokratie vor 1938.

Auszug aus dem Buch

3.2 Leonidas und Vera: Der Zusammenprall zweier Welten

In dieser zweiten, für die Novelle konstitutiven Frauengestalt, begegnet der Leser dem Gegenbild der verwöhnten und unsicheren Amelie. Willensstark und unabhängig, freiheits- und wahrheitsliebend ergreift sie stets die Initiative, handelt, wo immer nötig und vermittelt dadurch den Eindruck einer Frau, die – trotz mancher Rückschläge – ihr Leben im Griff hat.

Die erste Begegnung zwischen Leonidas und Vera fällt in seine Studenten- und in ihre Schuljahre, in eine Zeitspanne also, an die er sich später höchst ungern zurückerinnert. Glühend hat er damals Vera verehrt, sich ihr aber nie offenbart, denn, so urteilt er rückblickend: „Ich war mit dreiundzwanzig Jahren in meinem Elend eine noch nicht voll entwickelte Lemure. Vera aber, ein Kind, schien weit über ihre Jahre hinaus reif und gefestigt zu sein.“16 Der allzu hölzerne, unkritische Student fühlt sich dem weitaus jüngeren Mädchen unterlegen, dessen wacher Verstand und überlegte Fragen ihn zur Verzweiflung treiben.

Jahre später sucht Leonidas Genugtuung für alle erlittenen Niederlagen, kann das Grundverhältnis zwischen sich und Vera aber nicht mehr dauerhaft ändern, da dieses nicht von äußeren, sondern von inneren Faktoren bestimmt wird. Wohl tritt er der vormals Angebeteten als Mann der Elite gegenüber, doch verbirgt sich hinter dieser glatten Fassade der kleine, unsichere und ängstliche Student. Vera durchschaut – trotz aller Wahrhaftigkeit – diese perfekt inszenierte Maskerade zunächst nicht.

Zusammenfassung der Kapitel

1 Einleitung: Darstellung des thematischen Rahmens und der historischen Kulisse des herbstlichen Wiens von 1936 als Hintergrund für Werfels Erzählung.

2 Aufsteiger Leonidas – Prototyp des österreichischen Bürokraten: Untersuchung von Leonidas' Karriere als parvenuhafter Opportunist, dessen Status quo durch ein lange verdrängtes Ereignis bedroht wird.

3 Die beiden Frauenfiguren – Polarität zweier Lebensmodelle: Analyse der Kontrastierung von Amelie als Symbol für Bequemlichkeit und Schein sowie Vera als Repräsentantin für Wahrheit und Individualität.

3.1 Leonidas und Amelie: Stagnation einer Ehe: Aufzeigung des Scheiterns dieser Zweckheirat, die durch Kinderlosigkeit und innere Entfremdung geprägt ist.

3.2 Leonidas und Vera: Der Zusammenprall zweier Welten: Diskussion der Begegnung mit der einstigen Geliebten, die den moralischen Verfall und die Maskerade des Protagonisten entlarvt.

4 Das Scheitern des Protagonisten als Irrweg eines Systems: Verdeutlichung der Parallele zwischen dem persönlichen Versagen des Helden und der politischen Entscheidung der österreichischen Führung.

5 Schluß: Resümee über die Hoffnungslosigkeit des Protagonisten, dessen endgültiges moralisches Scheitern untrennbar mit der historischen Katastrophe Österreichs verbunden ist.

Schlüsselwörter

Franz Werfel, Eine blassblaue Frauenschrift, Österreichische Literatur, Opportunismus, Bürokratie, Zeitroman, Antisemitismus, Anschluss 1938, Identitätskrise, Schuld und Sühne, Amelie Paradini, Vera Wormser, Wien 1936, Literarische Analyse, Sozialkritik.

Häufig gestellte Fragen

Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?

Die Arbeit analysiert Franz Werfels Novelle „Eine blassblaue Frauenschrift“ und untersucht die psychologische sowie politische Verfasstheit des Protagonisten Leonidas in der Zeit vor dem Anschluss Österreichs.

Was sind die zentralen Themenfelder der Analyse?

Die zentralen Themen sind der Opportunismus des österreichischen Beamtentums, die Dialektik von Schuld und Sühne sowie der Kontrast zwischen authentischem Leben und gesellschaftlicher Maskerade.

Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?

Das primäre Ziel ist es aufzuzeigen, wie das individuelle moralische Versagen des Protagonisten als Spiegelbild für den opportunistischen Kurs der österreichischen Führung in einem historisch entscheidenden Moment dient.

Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?

Es handelt sich um eine literaturwissenschaftliche Textanalyse, die den Roman im Kontext historischer Gegebenheiten (1936) interpretiert und dabei soziologische und psychologische Aspekte der Figurenkonstellation miteinbezieht.

Was wird im Hauptteil der Arbeit primär behandelt?

Der Hauptteil gliedert sich in die Charakterisierung von Leonidas als Aufsteiger, die Gegenüberstellung der beiden gegensätzlichen Frauenfiguren Amelie und Vera sowie die detaillierte Ausarbeitung des Scheiterns des Helden.

Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit am besten?

Die Arbeit wird durch Begriffe wie „Opportunismus“, „österreichische Identität“, „Schuldfrage“, „Zeitroman“ und „Maskerade“ charakterisiert.

Warum spielt die Figur der Vera Wormser eine entscheidende Rolle für Leonidas?

Vera fungiert als Gegenentwurf zu Leonidas' opportunistischem Weltbild; ihre Wahrhaftigkeit zwingt ihn zur Auseinandersetzung mit seinem verdrängten früheren Ich und entlarvt seine soziale Maskerade.

Inwiefern zieht die Verfasserin eine Parallele zur politischen Situation Österreichs?

Die Verfasserin verknüpft das Zaudern und die opportunistische Anpassung des Protagonisten direkt mit der politisch motivierten Entscheidungslosigkeit der österreichischen Staatsspitze gegenüber der nationalsozialistischen Bedrohung.

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Details

Title
Die "Agonie" Österreichs in Franz Werfels "Eine blaßblaue Frauenschrift"
College
University of Augsburg  (Lehrstuhl für Neuere Deutsche Literaturwissenschaft)
Course
PS Österreichische Literatur des 20. Jahrhunderts
Grade
2,0
Author
Anne-Bärbel Kirchmair (Author)
Publication Year
2000
Pages
15
Catalog Number
V16654
ISBN (eBook)
9783638214384
Language
German
Tags
Agonie Franz Werfels Eine Frauenschrift Literatur Jahrhunderts
Product Safety
GRIN Publishing GmbH
Quote paper
Anne-Bärbel Kirchmair (Author), 2000, Die "Agonie" Österreichs in Franz Werfels "Eine blaßblaue Frauenschrift", Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/16654
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