Das Verhalten des rationalen Wählers an der Wahlurne

Eine Rational Choice-Betrachtung


Bachelorarbeit, 2010
38 Seiten, Note: 1,0

Leseprobe

Inhalt

Abbildungsverzeichnis

Tabellenverzeichnis

1 Einleitung

2 Theoretische und empirische Grundlagen
2.1 Grundlagen der Rational Choice-Theorie
2.1.1 Instrumenteller Nutzen
2.1.2 Weitere Nutzenaspekte - Expressivität
2.2 Wahlen unter Rational Choice-Betrachtung
2.2.1 Teilnahmeentscheidung
2.2.2 Empirische Darstellung der Teilnahmeentscheidung
2.2.3 Urnenentscheidung

3 Die Urnenentscheidung empirisch untersucht - Vergleich von vier Wahlstudien
3.1 Erste Untersuchung - Klein/Rosar 2005
3.2 Zweite Untersuchung - Debus 2007
3.3 Dritte Untersuchung - Shahla 2001
3.4 Vierte Untersuchung - Abold 2007

4 Auswertung der empirischen Ergebnisse
4.1 Zusammenfassung der Einzelvariablen
4.2 Auswertung der übergeordneten Zielvariablen

5 Fazit

Anhang

Literatur

Abbildungsverzeichnis

Abbildung 1: Einflussfaktoren der Teilnahmeentscheidung (Quelle: vereinfacht nach Kühnel/Fuchs, 1998, S. 343, Schaubild 4)

Tabellenverzeichnis

Tabelle 1: Variablen zur Modellierung der Urnenentscheidung in Untersuchung 1 (Quelle: Klein/Rosar, 2005, S. 190f. sowie S. 194)

Tabelle 2: Determinanten der Wahlentscheidung zugunsten SPD und CDU/CSU (Quelle: vereinfacht nach Klein/Rosar, 2005, S. 192, Tab. 12.2)

Tabelle 3: Determinanten der Wahlentscheidung zugunsten Grünen und FDP (Quelle: vereinfacht nach Klein/Rosar, 2005, S. 195, Tab. 12.4)

Tabelle 4: Variablen zur Modellierung der Urnenentscheidung in Untersuchung 2 (Quelle: Debus, 2007, S. 277f.)

Tabelle 5: Koeffizienten zur Voraussage der Wahlabsicht bei der Bundestagswahl 1987 (Quelle: vereinfacht nach Debus, 2007, S. 280, Tabelle 2)

Tabelle 6: Koeffizienten zur Voraussage der Wahlabsicht bei der Bundestagswahl 1998 (Quelle: vereinfacht nach Debus, 2007, S. 283, Tabelle 5)

Tabelle 7: Koeffizienten zur Voraussage der Wahlabsicht bei der Bundestagswahl 2002 (Quelle: vereinfacht nach Debus, 2007, S. 286, Tabelle 8)

Tabelle 8: Variablen zur Modellierung der Urnenentscheidung in Untersuchung 3 (Quelle: Shahla, 2001, S. 662-667)

Tabelle 9: Koeffizienten zur Erklärung der Wahlabsicht bei den Bundestagswahlen 1990 und 1994 (Quelle: vereinfacht nach Shahla, 2001, S. 676f. Tabellen 4 und 5)

Tabelle 10: Variablen zur Modellierung der Urnenentscheidung in Untersuchung 4 (Quelle: Abold, 2007, S. 129-132)

Tabelle 11: Berücksichtigung der Determinanten im Prozess der Urnenentscheidung (Angaben in Prozent, Quelle: Abold, 2007, S. 166, Tabelle 18)

Tabelle 12: Übersicht über die übergeordneten Variablen und ihre Kategorisierung (eigene Abbildung)

Tabelle 13: Anteile der übergeordneten Zielvariablen unter den stärksten drei Effekten (eigene Berechnungen)

Tabelle 14: Erreichte Ränge der Einzelvariablen, Teil 1 (eigene Berechnungen)

Tabelle 15: Erreichte Ränge der Einzelvariablen, Teil 2 (eigene Berechnungen)

Tabelle 16: Berechnung der Effektstärken der übergeordneten Zielvariablen (eigene Berechnungen)

1 Einleitung

Nachdem in einem früheren Papier bereits erste Erkenntnisse über das Verhalten von rationalen Wählern und über die Anwendung des Rational Choice-Ansatzes in empiri- schen Untersuchungen gewonnen werden konnten, sollen diese Kenntnisse nun in der vorliegenden Bachelorarbeit vertieft und auf neuem Terrain angewandt werden. Mit Hilfe der Theorie des rationalen Wählers kann für die Bundesrepublik Deutschland zweifelsfrei empirisch gezeigt werden, dass die deutschen Wahlteilnehmer nicht auf- grund originär politischer Motive in die Wahllokale gehen, sondern aufgrund des sozia- len Drucks und eines inneren Pflichtbewusstseins - der sogenannten Wahlnorm (vgl. Rattinger/Krämer, 1995; Kühnel/Fuchs, 1998; Klein/Rosar, 2005). Einen Schritt weiter gedacht muss die Frage interessieren, ob der deutsche Wähler auch seine Stimme auf- grund solcher Überlegungen abgibt. Jetzt ist also der Akt der Wahl selbst gemeint. Zu überprüfen gilt es, ob der Wähler bei der Ausübung seines seltenen Rechts der demo- kratischen Gestaltung wirklich von seinem Umfeld und sozialen Zwängen oder von anderen unpolitischen Motiven geleitet wird, oder ob nicht doch die Chance ergriffen wird, die präferierte Sachpolitik zu unterstützen und die eigene Wohlfahrt zu steigern (vgl. Klein, 2002, S. 44-46). Grundlage hierfür müsste natürlich auch eine ausreichende Informiertheit über die betreffenden politischen Zusammenhänge sein (vgl. Downs, 1968, S. 75-79).

Zuerst wird in Kapitel 2 die zugrunde liegende Theorie kurz dargelegt, begonnen mit ihrer erstmaligen Formulierung durch Downs (1957), der den Wähler mit einem Markt- teilnehmer vergleicht und ihm dessen Nutzenmaximierungskalkül zuschreibt. Die Theo- rie wird fortgeführt bis zu ihren aktuellen Erweiterungen, v.a. von Brennan/Lomasky (1997). Sie lassen zur Nutzenmaximierung auch expressive Motive zu, also solche, die über den rein politischen Nutzengewinn hinaus gehen. Außerdem wird die Wahl selbst in zwei Entscheidungsteile zerlegt. Gemeint ist die Entscheidung, an der Wahl teilzu- nehmen (Teilnahmeentscheidung) und die Entscheidung, wen man am Ende wählt (Ur- nenentscheidung) (vgl. Im Winkel, 2010, S. 14). Kapitel 3 und 4 sollen empirisch zei- gen, ob der Wähler bei der zweiten Entscheidung von der ersten abhängig ist, also ob er in der Wahlkabine aufgrund von Faktoren wie einer Wahlnorm entscheidet (vgl. ebd., S. 16). Hierzu wird allgemein überprüft, ob die Urnenentscheidung von expressiven Fakto- ren, wie die Wahlnorm einer ist, geleitet wird, oder ob der Wähler in der Wahlkabine rein politisches (sog. instrumentelles) Kalkül walten lässt. Dazu werden in Kapitel 3 vier empirische Wahlstudien vorgestellt, die sich mit den Determinanten dieser Ent- scheidung befassen (Klein/Rosar, 2005; Debus, 2007; Shahla, 2001; Abold, 2007). Die Studien wurden alle aus Anlass von Bundestagswahlen in der jüngeren Vergangenheit durchgeführt. Im nächsten Kapitel werden diese Studien dann zusammengefasst ausgewertet. Dazu werden aus allen untersuchten Determinanten die Haupteinflussfaktoren für die Urnenentscheidung gebildet. Da diese nach ihrem instrumentellen bzw. expressiven Einfluss kategorisiert werden können und ihre Einflussstärke errechnet werden kann, lassen sich die Determinanten der Urnenentscheidung ermitteln. Kapitel 4 beschreibt die Ergebnisse der Arbeit. Ein Fazit bildet das letzte Kapitel.

2 Theoretische und empirische Grundlagen

Um die Grundlage für den Hauptteil der Arbeit, die empirische Überprüfung des indivi- duellen Wahlverhaltens, zu schaffen, wird ein kurzer Überblick über die zugrunde lie- gende Theorie gegeben. Hier soll sich auf die ökonomisch verwurzelte Rational Choice- Theorie konzentriert werden, eine der drei Theorien, die in der empirischen Wahlfor- schung regelmäßig zu Rate gezogen werden. Diese Theorie konnte - wohl auch wegen ihres wirtschaftswissenschaftlichen Ursprungs - auf diesem Fachgebiet gute Dienste leisten. Die Wahl dieser Grundlage ist also für eine Untersuchung dieser Art angemes- sen (vgl. Fröchling, 1998, S. 71-76). Am Ende des Kapitels werden einige empirische Erkenntnisse über die Wahlteilnahme präsentiert, die die Grundlage für die Überlegun- gen im Hauptteil der Arbeit bilden.

2.1 Grundlagen der Rational Choice-Theorie

Das grundlegende Werk zur Rational Choice-Theorie stammt von Anthony Downs: „An Economic Theory of Democracy” (Downs, 1957; deutsche Übersetzung 1968). Downs beschreibt hier das Handeln der Menschen als Wähler in Demokratien. Trotzdem gilt für die Theorie die Annahme der motivationalen Neutralität. Das heißt, dass sie nicht nur im Kontext der Wahlen und Wähler gültig ist, sondern vielmehr allen Menschen in allen Lebenssituationen dieselbe Motivstruktur unterstellt (vgl. Klein, 2002, S. 19).

Die grundlegende Annahme ist, dass der Wähler immer rational handelt, „d.h. den Out- put eines bestimmten Input maximierend bzw. den zur Erreichung eines bestimmten Outputs nötigen Input minimierend“ (Downs, 1968, S. 5). Diese Rationalität bezieht sich einzig auf die Mittel, die der Wähler benutzt, nicht jedoch auf seine Ziele (vgl. ebd.).

Weiter kann man das Verhalten des Wählers beschreiben, indem man seinem Handeln die folgenden Maxime zugrunde legt: (1) Er entscheidet sich zwischen mehreren Mög- lichkeiten immer für eine bestimmte; (2) er ordnet jede dieser Möglichkeiten so, dass sie besser oder schlechter als oder gleich wie jede andere ist; (3) diese Ordnung ist tran- sitiv; (4) er wählt die Möglichkeit aus, die er als am besten eingeordnet hat (vgl. Downs, 1968, S. 6).

Das gezeichnete Menschenbild entspricht dem des homo oeconomicus. Downs postu- liert also, dass jeder Wähler sich verhält wie ein Marktteilnehmer. Auf einem Markt bezahlt man einen Preis für ein Gut, dies soll nun auf die politische Aktivität übertragen werden. Durch die Teilnahme an Wahlen will der Bürger einen Nutzen erlangen und maximieren, dafür muss er jedoch gewisse Kosten auf sich nehmen. Der Unterschied besteht darin, dass man auf dem Markt das Gut, welches man bezahlt hat, erhält. Bei einer Wahl kann man nie sicher sein, dass sich das Wahlergebnis mit der eigenen Stim- me, also der durch die Stimme offenbarten Präferenz für eine Partei oder einen Kandi- daten, deckt (vgl. Brennan, 2008, S. 479).

Für die Wahlteilnahme und die Stimmabgabe gibt es keinen Preis[1], aber Kosten. Kosten können verschiedener Art sein, hauptsächlich sind Entscheidungs-, Opportunitäts- und Informationskosten abzugrenzen. Entscheidungskosten fallen durch die Entscheidung zwischen den Parteien oder Kandidaten an, die der Wähler treffen muss. Je schwieriger die Entscheidung fällt, desto höher sind die Kosten. Opportunitätskosten entstehen bei der Wahl selbst, kann man doch die benötigte Zeit nicht anderweitig nutzen (vgl. Küh- nel/Fuchs, 1998, S. 321).

Zuletzt kann der Wähler nur eine rationale Entscheidung treffen, wenn er vollständig über seine Ziele, seine Möglichkeiten zur Zielerreichung und über die Folgen seiner Entscheidung informiert ist. Um diese vollständige Information zu erreichen oder sich ihr zumindest anzunähern, muss er Informationen beschaffen und dafür Zeit aufwenden. Dies sind die Informationskosten (vgl. Downs, 1968, S. 202-205).[2]

2.1.1 Instrumenteller Nutzen

Um den rationalen Wähler zur Wahlhandlung zu bewegen, müssen diese Kosten durch den Nutzen, den er erlangt, aufgewogen oder überstiegen werden. Der Nutzen ergibt sich zunächst nur aus dem rein politischen Vorteil, den der Wähler aus dem Gewinn der von ihm präferierten Partei zieht. Beschreiben lässt er sich in einem Zweiparteiensystem als

U = E(UA) - E(UB) (2.1a)

U = UA - E(UB) (2.1b),

wobei angenommen wird, dass Partei A in der letzten Periode an der Macht war. U ist das Nutzeneinkommen des Wählers, das er aus der Regierungstätigkeit der jeweiligen Partei erhält. E bezeichnet den Erwartungswert des Nutzeneinkommens für die nächste Periode. Die Differenz aus den beiden Nutzeneinkommen wird als Parteiendifferential bezeichnet, genauer beschreibt (2.1a) das erwartete Parteiendifferential und (2.1b) das gegenwärtige Parteiendifferential. Letzteres soll als eher ausschlaggebend für die Ent- scheidung des Wählers angenommen werden, da hier ein Unsicherheitsfaktor (in Form eines Erwartungswerts) weniger enthalten ist (vgl. Downs, 1968, S. 37-39). Diese Art von Nutzeneinkommen „aus der staatlichen Tätigkeit während einer Wahlperiode“ (Downs, 1968, S. 37) wird als intrumenteller Nutzen bezeichnet (vgl. bspw. Brennan, 2008, S. 478; Im Winkel, 2010, S. 2; Moshövel, 2004, S. 83).

2.1.2 Weitere Nutzenaspekte - Expressivität

Durch das Wählen kann jedoch auch eine andere Art des Nutzens für den Wähler ent- stehen - sogenannter intrinsischer oder expressiver Nutzen (vgl. Klein, 2002, S. 41). Er entsteht durch den Akt des Wählens selbst: „If she does not vote, she cannot get the intrinsic benefits“ (Brennan, 2008, S. 478). Ein gutes Beispiel für expressiven Nutzen ist ein jubelnder Fußballfan. Er jubelt vor dem heimischen Fernseher zwar seiner Mann- schaft zu, erwartet dabei aber nie, das Ergebnis des Spiels beeinflussen zu können. Er jubelt also um des Jubelns willen (vgl. Brennan/Lomasky, 1997, S. 33). Damit kann er seine Einstellungen, Werte und Überzeugungen zum Ausdruck bringen (vgl. Brennan, 2008, S. 480). Jede expressive Aktivität „reveals the values and attitudes to which the expression refers“(ebd.). Dieses Verhalten lässt sich auch auf die Wahlteilnahme und 4 auf die Stimmabgabe bei der Wahl übertragen. Dem Wähler ist für sich selbst, für seine intrinsische Befriedigung, wichtig, die richtige Partei oder den richtigen Kandidaten gewählt zu haben. Hierbei muss die Motivation zur Wahlteilnahme nicht an die Errei- chung eines politischen Ziels geknüpft sein, vielleicht findet der Wähler es auch einfach nur spannend, an der Politik mitwirken zu können. Dies alles ist unabhängig vom in- strumentellen Nutzen und somit auch vom Wahlausgang, aber abhängig von der Befrie- digung der eigenen intrinsischen Interessen (vgl. Brennan, 2008, S.478f.).

2.2 Wahlen unter Rational Choice-Betrachtung

Für vorliegende Untersuchung soll die Wahl selbst in zwei Teile, genauer in zwei Entscheidungen aufgeteilt werden. Die erste Entscheidung, die vom Wähler getroffen werden muss, ist die Teilnahmeentscheidung, also die Entscheidung, ob er überhaupt an der Wahl teilnimmt. Die zweite Entscheidung setzt einen positiven Ausgang der Teilnahmeentscheidung voraus und soll als Urnenentscheidung bezeichnet werden. Gemeint ist die Entscheidung, die der Wähler in der Wahlkabine für eine Partei oder einen Kandidaten trifft - das Kreuzchen setzen (vgl. Klein/Rosar, 2005, S. 181).

Im Folgenden soll ein Überblick gegeben werden, wie diese beiden Entscheidungen annahmegemäß unter rationalen Gesichtspunkten getroffen werden.

2.2.1 Teilnahmeentscheidung

Damit der rationale Wähler an der Wahl teilnimmt, muss das gesamte Nutzeneinkom- men, das er aus der Teilnahme erhält, die notwendigen Kosten übersteigen. Es muss folglich gelten

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

wobei E der expressive Nutzen ist, C steht für die Kosten. Der instrumentelle Nutzen U muss mit dem Faktor p diskontiert werden[3], da sich der Wähler ja nie sicher sein kann, dass er für seine Stimme auch bekommt, was er mit ihr gewählt hat (vgl. Downs, 1968, S. 238f.). Dies wäre nur bei einem Unentschieden der Fall, bei dem der Wähler die ent- scheidende Stimme abgäbe[4] (vgl. Im Winkel, 2010, S.2). E ist per definitionem unab- hängig von den Stimmen anderer Wähler.

Nun spielt sich die Realität von Wahlen zumeist in großen Demokratien ab, oft mit mehreren Millionen oder Zehnmillionen Wahlberechtigten. Untersuchungen zeigen, dass die Wahrscheinlichkeit, dass man selbst die entscheidende Stimme abgibt, ver- nachlässigbar gering ist. So liegt sie bei einer Präsidentschaftswahl in den Vereinigten Staaten von Amerika je nach Bundesstaat zwischen eins zu zehn Millionen und eins zu 100 Milliarden. Im Schnitt liegt sie dort bei eins zu 60 Millionen (vgl. Gelman/Silver/Edlin, 2008).

Trotzdem sind die Wahlbeteiligungen entgegen allen theoretischen Erwartungen in den angesprochenen Demokratien sehr hoch. Diese Tatsache trägt gemeinhin den Namen Paradox des Wählens. Folglich ließe sich aus dem theoretischem Modell ableiten, dass der instrumentelle Nutzen nicht für die Teilnahme an Wahlen ausschlaggebend sein kann. Die Wahrscheinlichkeit, ihn zu erlangen, ist im Vergleich zu den Kosten doch viel zu gering. Daher müsste die hohe Wahlbeteiligung aus dem großen expressiven Nutzen resultieren, den die Wähler durch die Wahlteilnahme erreichen (vgl. Küh- nel/Fuchs, 1998, S. 325).

Ein solcher expressiver Nutzenterm kann z.B. die sogenannte Wahlnorm sein. Eine Norm ist neben den formalen Institutionen wie Gesetzen, die in einer Gesellschaft zu finden sind, eine informelle Institution. Sie entsteht durch Regelmäßigkeiten im Handeln der Individuen oder der Gruppe und der damit einhergehenden Erwartungssicherheit bezüglich des zukünftigen Handelns des Einzelnen (vgl. Leschke/Sauerland/Erlei, 1999, S. 518). Die Norm ist ein „gemeinsamer Bewertungsstandard“ (Okruch, 1999, S. 50), mit dem das soziale Umfeld eines Individuums sein Handeln beurteilt. Widerspricht die Handlung der Erwartung, wird sie mit Sanktionen belegt. Dies kann etwa den Ausschluss aus der Gemeinschaft bedeuten.

Die Wahlnorm kann als äußere und innere Wahlnorm auftreten. Die äußere Wahlnorm entsteht aus der Erwartungshaltung des sozialen Umfelds des Wählers, sich an der Wahl zu beteiligen. Käme er dieser nicht nach, wäre sein sozialer Status in Gefahr.[5] Bei der inneren Wahlnorm ist die Norm, dass es eine Bürgerpflicht ist, wählen zu gehen, inter- nalisiert. Beim Wähler besteht dann eine Verpflichtung sich selbst gegenüber, an der Wahl teilzunehmen. Als Sanktionsmechanismus dient hier das eigene schlechte Gewis- sen (vgl. Kühnel/Fuchs, 1998, S. 328).

Weitere expressive Nutzenaspekte der Teilnahmeentscheidung sind der langfristige Be- teiligungsnutzen und die Bedeutung der eigenen Stimme. Langfristiger Beteiligungsnut- zen kann entstehen, wenn die Wähler ihren kurzfristigen Nutzen aus der nächsten Legis- laturperiode zurückstellen und zur Wahl gehen, um einen langfristigen Gewinn zu erzie- len. Dieser Gewinn liegt darin, zur Aufrechterhaltung der Demokratie beizutragen. Eine Demokratie würde zusammenbrechen, wenn die Wahlbeteiligung zu gering würde, weil sie dann ihre Legitimation einbüßen müsste (vgl. Downs, 1968, S. 262f.). Der expressi- ve Nutzen aus dieser Determinante ist für den Wähler die Sicherheit, dass er auch in Zukunft in der von ihm favorisierten Staatsform der Demokratie leben kann.

Die Bedeutung der eigenen Stimme ist ein ursprünglich instrumenteller Nutzenterm. Die Wähler neigen dazu, das Gewicht ihrer eigenen Stimme zu überschätzen bzw. den Faktor p zu unterschätzen. So ist es für sie auch leichter, instrumentellen Nutzen aus einer Wahlteilnahme zu ziehen, da das eigene Stimmgewicht gefühlt größer und die Abdiskontierung kleiner ist (vgl. Im Winkel, 2010, S. 3-5). Dieser Nutzenterm kann aber auch expressive Seiten beinhalten. So steigt die subjektiv gefühlte Bedeutung der eigenen Stimme beispielsweise an, wenn der Wähler die Wahlnorm erfüllt oder die langfristige Erhaltung der Demokratie fördert. Durch diese intrinsische Befriedigung kann die eigene Stimme für den Wähler sehr große Bedeutung erlangen (vgl. Küh- nel/Fuchs, 1998, S. 340).

2.2.2 Empirische Darstellung der Teilnahmeentscheidung

Dass die Wahlnorm in Deutschland der entscheidende Nutzenterm ist, der die Men- schen an die Urnen treibt, zeigen verschiedenste empirische Studien. Beispielhaft seien hier die Untersuchungen von Rattinger/Krämer (1995), Kühnel/Fuchs (1998) und Klein/Rosar (2005) genannt. Sie alle zeigen, dass sich die Wahlnorm immer deutlich signifikant auf die Wahlbeteiligungsabsicht der Wähler auswirkt. Zudem ist die Wahl- norm die einzige Determinante, die über alle drei Studien hinweg in den Endmodellen signifikant vertreten ist (vgl. Rattinger/Krämer, 1995, S. 283; Kühnel/Fuchs, 1998, S. 343; Klein/Rosar, 2005, S. 184).

Darüber hinaus bestätigen die Studien die Annahme, dass instrumentelle Nutzenaspekte keinen bis geringen Einfluss auf die Absicht zur Wahlteilnahme haben (ebd.).

Abbildung 1 zeigt beispielhaft die Einflussfaktoren der Teilnahmeentscheidung aus ei- ner Untersuchung von Kühnel und Fuchs (1998) über die Bundestagswahl 1994. Die drei angesprochenen Nutzenterme üben sowohl direkten als auch indirekten Einfluss auf die Teilnahmeabsicht aus. Dabei wird deutlich, dass die äußere Wahlnorm (hier gemessen an der Wahlbeteiligung des sozialen Umfelds) und die innere Wahlnorm zusammen hängen. Beide Ausprägungen steigern wiederum die Bedeutung der eigenen Stimme für den Wähler (vgl. Kühnel/Fuchs, 1998, S. 332-345).

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 1: Einflussfaktoren der Teilnahmeentscheidung (Quelle: vereinfacht nach Kühnel/Fuchs, 1998, S. 343, Schaubild 4)

Die Teilnahme an einer politischen Wahl hängt also nicht von den tatsächlich zur Wahl stehenden politischen Alternativen und dem damit verbundenen instrumentellen Nutzeneinkommen der Wählerschaft ab. Vielmehr zeigt sich hier die intrinsische Bedürfnisbefriedigung und das Erlangen expressiven Nutzens als ausschlaggebend (vgl. Klein/Rosar, 2005, S. 184f.)

2.2.3 Urnenentscheidung

Hat der Wähler für sich die Abwägung über die Teilnahmeentscheidung getroffen und sich entschlossen, wählen zu gehen, so muss er in der Wahlkabine die Urnenentscheidung fällen. Hierbei muss wieder zwischen der Erlangung instrumentellen und expressiven Nutzens durch die Stimmabgabe unterschieden werden.

[...]


[1] Die Arbeit bezieht sich ausschließlich auf die Bundesrepublik Deutschland, wo keine Gebühren, Steuern etc. anfallen.

[2] Dabei ist nicht davon auszugehen, dass es den perfekt informierten Wähler gibt. Das Einholen von In- formationen ist aufwändig und der Nutzen (s. Kap. 2.1.1 ) gering (vgl. Downs, 1968, S. 253). Dennoch sind die Wähler nicht uniformiert. Es gibt einerseits trotzdem einen kleinen Anreiz, sich zu informieren, andererseits fließen den Wählern im täglichen Geschehen ausreichend kostenlose Informationen zu (vgl. ebd., S. 239).

[3] p ist der Kehrwert der Zahl aller tatsächlich abgegebenen Stimmen und somit das Gewicht, das die Stimme des einzelnen Wählers hat.

[4] Außerdem müsste die Gesamtanzahl aller Stimmen ungerade sein, damit ein Einzelner das Unentschieden kippen kann.

[5] Trotz geheimer Wahl ist von der Möglichkeit der Kontrolle des sozialen Umfelds auszugehen (vgl Arzheimer/Schmitt, 2005, S. 298).

Ende der Leseprobe aus 38 Seiten

Details

Titel
Das Verhalten des rationalen Wählers an der Wahlurne
Untertitel
Eine Rational Choice-Betrachtung
Hochschule
Helmut-Schmidt-Universität - Universität der Bundeswehr Hamburg  (Institut für Wirtschaftspolitik)
Note
1,0
Autor
Jahr
2010
Seiten
38
Katalognummer
V166557
ISBN (eBook)
9783640827763
ISBN (Buch)
9783640827923
Dateigröße
733 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Rational Choice, Wahlverhalten, Wählerverhalten., Expressive Voting, Expressives Wählen, Wahlentscheidung, Public Choice, Politische Öknonmie, Anthony Downs, Bundestagswahl, Institutionenökonomie, Wahlnorm
Arbeit zitieren
Florian Ramel (Autor), 2010, Das Verhalten des rationalen Wählers an der Wahlurne, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/166557

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