Eine Unterrichtseinheit zur Tierethik


Seminararbeit, 2006

21 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

Inhalt

1 Einleitung

2 Einordnung und Historie der Tierethik

3 Didaktisch-methodische Erläuterungen
3.1 Einstieg in den Unterrichtsblock
3.2 Unterrichtsform

4 Darstellung der Unterrichtskonzeption
4.1 Unterrichtsblock „Mensch-Tier-Unterscheidung“
4.2 Unterrichtsblock „Tierversuche“
4.3 Lernkontrolle

5 Zusammenfassung

Literatur

1 Einleitung

Es gibt sicherlich eine Reihe von Themen, die zum allgemeinen Kanon des Philosophie- und Ethikunterrichtes gezählt werden können.[1] Bestandteile dieses Curriculums dürften unter anderem das Höhlengleichnis von Platon, die Apologie und Maieutik des Sokrates oder das Kant’sche Prinzip des kategorischen Imperativs darstellen. Im Gegensatz zu diesen obligatorischen Themenkreisen, die eigentlich jeder Lehrer im Philosophie-Unterricht zumindest ansatzweise behandelt haben muss, gibt es Problemfelder, die eher am Rand des philosophischen Lehrplanes stehen. Dazu gehören Gebiete der eher als trocken geltenden theoretischen Philosophie (Erkenntnis- und Wissenschaftstheorie, Logik, Sprachphilosophie) oder die Behandlung von bestimmten Autoren wie Hegel oder Heidegger, bei deren Werklektüre sogar Studenten und Lehrer oftmals an die Grenzen ihres philosophischen Verständnisses stoßen. Zwar wird von Didaktikern und natürlich auch entsprechenden Fachwissenschaftlern die schulische Behandlung des schwierigen Stoffes durchaus empfohlen. Durch die Durchdringung des komplexen Stoffes sei erst wirkliche Erkenntnis möglich. Allerdings wird dieses Argument ebenso schnell von den Pädagogen nach dem folgenden Strickmuster zurückgewiesen: Der Stoff ist zu kompliziert und dessen Behandlung braucht zur wirklichen Beherrschung durch den Schüler sehr viel Zeit, die aber angesichts von gewöhnlich 1 – 2 Stunden Philosophie-Unterricht pro Woche kaum gegeben ist. Zudem muss auch eine entsprechende Motivation seitens der Schüler vorhanden sein, was aber bei den oben genannten Themenfeldern selbst bei Studenten teilweise in nur geringem Maße verfügbar ist. Oftmals fehlt den Schülern die Anschaulichkeit, die praxisrelevante Bedeutung, um sich gründlich und ebenso mit Freude dem philosophischen Problemkreis zu stellen.

In die Schnittstelle zwischen anspruchsvoller und anschaulicher Beschäftigung mit philosophischen Fragestellungen in der Schule soll deshalb das Hauptthema dieser didaktisch ausgerichteten Hausarbeit, die Tierethik, treten. Dieses Segment der Angewandten Ethik hat eine augenscheinlich hohe gesellschaftliche und moralische Relevanz und Brisanz, die bei der Unterrichtskonzeption entsprechend berücksichtigt werden muss. Der Aufbau der Seminararbeit wird diesem Sachverhalt Rechnung tragen und deshalb zunächst die Bedeutung und einzelne Teilbereiche der Tierethik beleuchten. Darauf basierend wird die schuldidaktische Einbettung bestimmt und eine Unterrichtskonzeption konkret aufgezeigt und auch kritisch diskutiert.

2 Einordnung und Historie der Tierethik

Laut Düwell (2002:282) umfasst die Tierethik „jene Bereichsethik, die auf die dem menschlichen Handeln am Tier zugrunde liegenden moralischen Prinzipien und Normen reflektiert“.

Überlegungen und Leitgedanken zur Behandlung von Tieren finden sich bereits in der Bibel, bei der ägyptischen Hochkultur und römischen Denkern wie Hesiod oder Xenokrates (Ehmann 1997:24f.). Im Mittelalter wird die Beziehung zwischen Mensch und Tier so aufgefasst, dass Mensch als Ebenbild Gottes angesehen wurde und somit ein Herrschaftsrecht über die niederen Tiere besitzt.[2]

Erst in der Neuzeit entwickelt sich eine breite, wissenschaftlich fundierte Diskussion zu Problemen der Tierethik. So beschreibt Descartes Tiere als seelenlose Automaten, deren Tötung ethischen Bedenken nicht unterworfen ist. Als weitere bedeutende Autoren zur Tierethik können Thomas von Aquin, Immanuel Kant und Jeremy Bentham genannt werden. Letzterer hat mit seiner Frage, ob Tiere leiden können, die Tierethik in eine neue Richtung geführt. Davor wurde unter Philosophen, Theologen und Naturwissenschaftlern hauptsächlich diskutiert, inwieweit Tiere überhaupt empfinden können und ob sie vernünftig handeln können. Der Utilitarist Bentham stellt in seiner Schrift „Introduction to the Principles of Moral and Legislation“ ein Gleichheitsprinzip auf, welche das Recht von sowohl menschlichen als auch nicht-menschlichen Wesen auf Vermeidung von Schmerzen hervorhebt. Im Anschluss an Benthams Bemühungen formierte sich im 19. Jahrhundert in England, Deutschland und Nordamerika eine Vielzahl von Tierschutzbewegungen, die vor allem eine höhere gesetzliche Stellung der Tiere als Ziel ausgaben (Düwell 2002:282). Auch Darwins Veröffentlichung der Evolutionstheorie hat einen enormen Einfluss auf die Tierethik-Diskussionen. Im evolutionären Kontext wurde speziell die biologische Differenzierung zwischen Mensch und Tier aufgegriffen. Die als diskret und starr angenommene Grenze zwischen beiden Gattungen wurde zunehmend angezweifelt und eine sowohl stetige als auch dynamische Betrachtung – auch in ethischer Hinsicht - gefordert.

Im deutschsprachigen Raum rückt insbesondere Schopenhauers Mitleidsethik, welche auch als Reaktion auf die anthropozentrische Position Kants verstanden werden kann, in das Zentrum der tierethischen Debatte.[3] Ein weiterer kontrovers diskutierter Vertreter der Naturethik ist Albert Schweitzer. In seinem philosophischen Werk „Die Ethik der Ehrfurcht vor dem Leben“ stellt er die radikale Handlungsgrundlage auf, das jegliches organische Leben einen Lebenswillen besitzt und das Zufügen von Leid immer mit der Anhäufung moralischer Schuld verbunden ist (Ehmann 1997:32). Die Ethik Schweitzers war neben zunehmender Massentierhaltung und Tierexperimenten in den Industriestaaten ein Impuls für die nach dem Zweiten Weltkrieg stark aufkommende Tierrechtsbewegung.

Von heutiger enormer Brisanz sind die utilitaristisch geprägten, ethischen Standpunkte des australischen Philosophen Peter Singer. Ihm geht es nicht um die Gleichberechtigung im Sinne gleicher Rechte oder Behandlung, sondern die Berücksichtigung der jeweiligen Interessen bestimmter Wesen. Singer lehnt den Speziesismus - die ausschließliche Berücksichtigung der Interessen der eigenen Spezies - kategorisch ab. Als moralisches Kriterium dient nur die Empfindungsfähigkeit des Wesens. Das Ziel dieses Präferenzutiliarismus ist generell die Verringerung des Leids von Wesen mit Bewusstsein, wozu nach Singers Auffassung neben Menschen auch Delphine oder Menschenaffen gehören (Martens 1994:226).

3 Didaktisch-methodische Erläuterungen

In den beiden folgenden Kapiteln soll die Thematik Tierethik auf didaktischer Ebene aufgearbeitet werden. Dazu sollen zunächst für den Schüler interessante und fordernde Themenfelder bestimmt werden. Darauf basierend soll eine Unterrichtskonzeption erstellt werden, die in stetiger Art wichtige Argumentationslinien der Tierethik untersucht und diskutiert. Hier werden auch Möglichkeiten der Methodik dargelegt, die für eine gewinnbringende Beschäftigung mit der Thematik geeignet sein können.

Grundsätzlich soll jedoch vermieden werden, tierethische Positionen in radikaler Form zu dogmatisieren. Gerade bei der Tierethik – siehe das warnende Beispiel Singer – findet häufig ein moralischer Fanatismus Anwendung, welche die Argumente der Gegenseite nicht entkräftet, sondern aus Prinzip ablehnt und somit die freie Diskussion blockiert. Es soll im Gegenteil eine kritische, auf rational einsichtigen Argumenten basierende Debatte angestrebt werden. Dem respektvollen Umgang mit den jeweiligen Vertretern der gegensätzlichen Position gilt die höchste Priorität.

3.1 Einstieg in den Unterrichtsblock

Es ist wohl nicht übertrieben zu behaupten, dass die Thematik Tierethik durchaus im sozialen Relevanzbereich der Schüler liegt. Fast jeder Schüler dürfte wohl eine wie auch immer geartete Beziehung zu Tieren haben. Von daher kann die Aufmerksamkeit bei einem gelungenen Einstieg in die Unterrichtseinheit als recht hoch eingeschätzt werden. Für einen Einstieg bieten sich mehrere Aufhänger an, natürlich auch derjenige mit einer oben genannten tierethischen Position eines bestimmten Philosophen. Diese Vorgehensweise ist anspruchsvoll, aber nimmt dem Unterrichtsthema Tierethik eine wesentliche Stärke, nämlich der unmittelbare weltliche Bezug, den die meisten Schüler dazu besitzen. Es erscheint sinnvoller, sich erst im späteren Verlauf des Unterrichtsblockes auf philosophische Standpunkte zu beziehen und zu diskutieren. Allgemein soll nach den von Pfeifer (2003:77) genannten Leitfragen vorgegangen werden: „Wo, wann und wie bin ich existentiell mit dem Thema konfrontiert worden? An welche Erfahrungen diesbezüglich erinnere ich mich noch besonders deutlich?“. Dadurch wird auch die individuelle Fähigkeit zur Selbstreflexion des Schülers verstärkt und mögliche Widersprüche aufgedeckt. Unabhängig oder auch im Zusammenspiel mit dieser phänomenologischen Untersuchung bieten sich weitere Unterrichtseinstiege an. Aus der Auflistung von Pfeifer (2003:78) erscheinen mir speziell Karikaturen, Fotographien, Filmausschnitte und Simulierung von Handlungssituationen als zweckmäßige Methodik für den ersten Einstieg in eine Thematik. Erst nach der Erschließung einiger Positionen zum Thema sind Rollenspiele anzuraten, da sie von komplexer Natur sind und den Schüler gegebenenfalls überfordern können. Eine brisante, aber höchst interessante Methodik ist die Inszenierung einer Szene, die mit einer Verfremdung arbeitet und oftmals erhebliche Irritationen bei den Schülern auslösen kann. Pfeifer (2003:82) nennt als Beispiel für die Thematik Rollenverhalten den Lehrer, der mit einer Bierflasche das Klassenzimmer betritt, sich dort neben einen Schüler setzt und eine Zigarette raucht. Dieses Vorgehen ist sicherlich nicht alltäglich und dürfte eine hohe Aufmerksamkeit bei den Schülern induzieren. Allerdings ist die Brisanz dieser Methodik nicht zu unterschätzen, da sie oft eine polarisierende Position zu den an Schulen gewöhnlich anzutreffenden Lehrmethoden darstellt.

[...]


[1] Im weiteren Verlauf der Hausarbeit wird der Begriff Philosophie-Unterricht synonym für die in den neuen Bundesländern gängige Bezeichnung Ethik-Unterricht verwendet.

[2] Im Gegensatz zu diesem damals vorherrschenden Naturbild wurde z.B. von indianischen Völkern der Glaube gepflegt, dass Tiere und Pflanzen ebenso wie Menschen eine Seele besitzen und somit eine Herrschaft des einen über den anderen nicht im Sinne der Mutter Erde ist (Ehmann 1997:26).

[3] Hierbei tritt Schopenhauer dem Argument Kants entgegen, dass Tierquälerei eine Verrohung des Menschen verursache und somit auch die Gefahr der Menschenquälerei zunimmt (Wolf 1997:5). Von einer rationalen Begründung des Tierschutzes kann somit nach Schopenhauers Ansicht nicht gesprochen werden, da die vernünftige Behandlung von Tieren vorrangig dem Übungszweck zum Umgang mit Menschen dient.

Ende der Leseprobe aus 21 Seiten

Details

Titel
Eine Unterrichtseinheit zur Tierethik
Hochschule
Friedrich-Schiller-Universität Jena  (Institut für Philosophie)
Veranstaltung
Lehrstücke zu Ressentiment und Vorurteil
Note
1,3
Autor
Jahr
2006
Seiten
21
Katalognummer
V166576
ISBN (eBook)
9783640833542
ISBN (Buch)
9783640833214
Dateigröße
867 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
eine, unterrichtseinheit, tierethik, Thema Tierversuche
Arbeit zitieren
Stefan Witzmann (Autor:in), 2006, Eine Unterrichtseinheit zur Tierethik, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/166576

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