Die Familie im Ausgang des 19. Jahrhunderts – Bürgertum und Bildungsbürgertum


Hausarbeit, 2008
20 Seiten, Note: 1,7

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Die Gesellschaft im Ausgang des 19. Jahrhunderts

3. Soziale Schichtung

4. Bürgerlichkeit und Bildungsbürgertum

5. Vorüberlegungen zur Familie

6. Die Familie - Schichtübergreifend

7. Leitbild und Wirklichkeit

8. Eine bildungsbürgerliche Familie

9. Quellen- und Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Bei der Beschäftigung mit deutscher Geschichte in sozialgeschichtlichem Kontext ist auffallend, wie sehr der Schwerpunkt auf das 3. Reich, die Zeit des Nationalsozialismus gelegt wird. Geht man jedoch weiter zurück in der Geschichte wird das Wissen spärlicher. Eckdaten zum ersten Weltkrieg oder einige politische Hintergründe sind präsent, aber das Wissen um soziale Gegebenheiten aus einer Zeit vor Mutterkreuz, Hitlerjugend oder Weimarer Republik ist zumindest im Vergleich eher gering. Ich denke hierbei auch an die Akzente, welche in regulärer Schulbildung von Belang waren. Es sind Bilder einer vorindustriellen Zeit in den Köpfen zu finden von der bäuerlichen Großfamilie oder einem Ständesystem mit Adel und Klerus. Nehme ich mich als Beispiel, so habe ich einen relativ klaren Wissensstand von politischen oder ökonomischen Umständen. Aber die sozialen Gegebenheiten in der 2. Hälfte des 19. Jahrhunderts sind mir bis zu dem Besuch des Seminars, welches im Titel genannt wird, nicht in dem Umfang bewusst gewesen wie ich sie hier in dieser Arbeit bearbeiten möchte. Diese Zeitspanne, der Ausgang des 19. Jahrhunderts, als Keimzelle und Ursprung vieler moderner Bewegungen, Entwicklungen und Ideen ist somit Gegenstand dieser Arbeit.

Um ein umfassendes Bild zu erhalten werde ich zu Beginn versuchen die Umstände der soziokulturellen Entwicklung im deutschen Reich anzureißen. Ich will versuchen, die gesellschaftlichen Rahmenbedingungen zu beleuchten und auf Wandlungen innerhalb der Gesellschaft einzugehen, um dann die soziale Schichtung darzustellen. Besonderes Interesse gilt im Folgenden der bildungsbürgerlichen Familie. Ich werde versuchen die bildungsbürgerliche Familie in Abgrenzung zum Bürgertum darzustellen und ihre Lebensweise am Beispiel Rudolf Ditzens, alias Hans Fallada (1941), kurz darstellen. Die Darstellung einzelner Begebenheiten aus der Biographie soll die Lebensgestaltung einer bildungsbürgerlichen Familie idealtypisch darstellen und plastisch machen, was diesen Familienverbund auszeichnet.

Nach erster Recherche kann ich, angesichts der breiten Fülle von Literatur, im Rahmen dieser Hausarbeit keinen Anspruch auf Vollständigkeit sämtlicher Facetten Standes-, klassen- oder milieuspezifischer Lebensformen oder der politischen, soziokulturellen und ökonomischen Rahmenbedingungen des zu betrachtenden Zeitraumes erheben.

2. Die Gesellschaft im Ausgang des 19. Jahrhunderts

1871 ist das Jahr der Gründung des Deutschen Reiches und soll als Ausgangspunkt für diese Betrachtung dienen. Mit der Krönung Wilhelm I. zum Deutschen Kaiser im Spiegelsaal von Versailles am 18. Januar 1871 begann eine Zeit ungeheuren wirtschaftlichen Aufschwungs, welche als die Gründerjahre in die Geschichte eingegangen ist (vgl. Zentner 1986, S. 362). Ihr voraus ging die französische Niederlage im Deutsch-Französischen Krieg von 1870/71, welcher hier in seiner politischen Bandbreite nicht weiter erläutert werden soll. Der offizielle Friedensschluss erfolgte am 10. Mai 1871 und hatte neben der Abtretung Elsass-Lothringens an das Deutsche Reich auch die Zahlung von Kriegskosten in Höhe von 5 Milliarden Goldfranc zur Folge (vgl. Tenbrock 1968, S.206ff). Das Kriegsende und später die Gründung des deutschen Reiches waren der lang erwartete Anstoß für das Erwachen und Erstarken eines nationalen Stolzes, welcher sich seit Anfang des Jahrhunderts langsam entwickelt hatte. Eine tief greifende Veränderung für das nationale Bewusstsein zog sich durch alle Schichten. Zeitgenössisch notiert die Baronin Spitzemberg am 3. März 1871: „Und was für ein Friede für uns Deutsche! Herrlicher und glorreicher als wir je einen geschlossen! Vereint zu einem Reiche, dem größten, mächtigsten, gefürchtetsten in Europa, groß durch seine physische Macht nicht allein, größer noch durch seine Bildung und den Geist der das Volk durchdringt!“ (Vierhaus 1960, S.121). Sehr treffend beschreibt dieser Satz einen Prozess der Moderne; der Pragmatismus liegt in der Erkenntnis der Macht durch Bildung.

Mit dem nun folgenden Aufschwung des Reiches, forciert durch Reparationszahlungen und die voranschreitende Entwicklung im Rahmen von Industrialisierung, entwickelten sich soziale Strukturen, die nicht mehr nur von der Herkunft abhängig sind, sondern Status durch das Wesen dessen definierten, was im Laufe eines Lebens erreicht und geschaffen wurde. Hierauf soll im Folgenden noch näher eingegangen werden. Eine Folge dieses neuen Bewusstseins gepaart mit wirtschaftlichen Möglichkeiten ist die explosionsartige Vergrößerung des Mittelstandes (vgl. Groppe 2001, S.24). Politisch ist die folgende Zeit gekennzeichnet durch eine friedenssichernde Bündnispolitik Otto von Bismarcks. Deutschland etabliert sich und seine Stellung als mitteleuropäischer Ordnungsfaktor, wird toleriert und respektiert (vgl. Tenbrock 1968, S.210f). Dem Reich gibt Bismarck eine Verfassung die, in Relation zur vorherigen Zeiten, sehr liberal ist. Hinzu kommt ein weiterer, für die spätere Betrachtung wesentlicher Faktor, welcher die Gesellschaft im neuen deutschen Reich prägte und von Bismarcks Anhängern auch Kulturkampf genannt wurde. Bismarck betrachtete die Unfehlbarkeit des Papstes, welche 1870 zum Dogma erhoben wurde, als Schmälerung der staatlichen Autorität und brach die diplomatischen Beziehungen mit dem Vatikan ab.

In seinem Wirken gegen die katholische Kirche verband sich Bismarck mit liberalen Kräften, was von Anhängern des Liberalismus als Chance zur Überwindung des Einflusses der Kirche und somit als Möglichkeit für kulturellen Fortschritt betrachtet wurde. Auch wenn Bismarck diesen politischen Weg wegen Friktionen mit weiten Kreisen von katholischen Gläubigen Preußens und deren Ansichten später wieder aufgab, blieb eine weit größere Distanz zur Kirche und mehr Eigenverantwortung als Ergebnis dieser Entwicklung zurück (vgl. Tenbrock 1968, S. 214f).

Die Erweiterung und Veränderung des geistigen und kulturellen Lebens hing zum einen mit den ökonomischen Veränderungen zusammen, beruhte aber zum andern auch auf dem Ausbau des Bildungswesens. Ein vielgestaltiges und sozial längst nicht mehr so stark differenziertes Schul- und Bildungssystem mit einem, für damalige Verhältnisse, immer größer werdenden Maß an Flexibilität war das Ergebnis der sukzessiven Umstrukturierung des Bildungssystems (vgl. Charle 1996, S.104f). Unabhängig von Herkunft, Stand oder Geburtsort wurde prinzipiell für jeden Bürger die Möglichkeit geschaffen, höchste Schulabschlüsse und Qualifikationen zu erwerben. Die Erweiterung des höheren Schulwesens umfasste unter anderem auch die Zulassung der Mädchen zu höherer Bildung. Dies hatte beträchtliche kulturelle Auswirkungen, da die erworbenen Qualifikationen nur begrenzt in einem beruflichen Kontext ausgeübt werden konnten. Eingedenk dessen, dass Bildung sehr Geld- und Zeitintensiv war und somit die weiblichen Schülerinnen in höheren Schulinstitutionen immer noch meist aus besseren Verhältnissen kamen, verwundert es nicht, dass diese Frauen später auch zu den Hauptkulturkonsumentinnen zählten (vgl. Charle 1996, S.106). Nicht zuletzt durch ihre immer gleichberechtigter werdende Partizipation am neuen Bildungs- und auch Kultursystem veränderte sich eben dieses System, unter anderem eben auch durch weibliche Initiative, insgesamt in eine liberalere Richtung. Dies alles natürlich im Kontext der Zeit; von Gleichberechtigung oder gleichen Aufstiegschancen in Bezug auf Herkunft oder Geschlecht kann noch keine Rede sein auch wenn mit dieser Entwicklung ein Grundstein hierfür gelegt wurde.

Auch nach dem Tod Wilhelm I. am 9.März 1888 und dem bald folgenden Abtritt Bismarcks 1890 aus dem politischen Geschehen, war die Zeit bis zum Ausbruch des ersten Weltkriegs weiterhin, wirtschaftlich und sozialgesellschaftlich betrachtet, vom Fortschritt geprägt (vgl. Tenbrock 1968, S. 219f). So fand nach und nach der Aufbau eines riesigen Beamtenapparates zur Koordination des Reiches statt und es war starkes Wachstum mit immer moderneren Produktionszyklen sowie wissenschaftlichem Fortschritt auf höchstem Niveau zu beobachten. Deutschland entwickelte sich vom Agrar- zum Industriestaat der alle Aspekte des bürgerlichen Lebens beeinflusste. Die Gründe für den wirtschaftlichen Anstieg waren vielfältig und werden in der Literatur unterschiedlich bewertet; sie sollen an dieser Stelle nicht ausführlicher betrachtet werden.

Um also die Volksmentalität zusammenfassend zu beschreiben ist weitläufig Optimismus,

Engagement, Aufbruchsstimmung und weichende Unsicherheit in Bezug auf die neuen, sich in stetigen Wandel befindlichen Lebensumstände zu konstatieren (vgl. Mommsen 1995, S.12). Treffend fasst es Rudolf Pörtner im Vorwort des Buches Kindheit im Kaiserreich zusammen: „Der Staat, um den es geht, funktionierte hervorragend, öffentliche Diener fühlten sich wahrhaft als Diener. Die innere Sicherheit war gewährleistet. Vaterländische Gefühle wurden weder gebrandmarkt noch verlacht. Die Wirtschaft gedieh. Die Preise waren stabil. Das deutsche Sozialsystem galt in der ganzen Welt als vorbildlich. Deutsche Technik war führend. Schulen und Universitäten leisteten Wertarbeit. In der Internationale der Wissenschaft gab der deutsche Gelehrte den Ton an. Kulturell herrschte Weltoffenheit, ja, ausgesprochene Aufbruchsstimmung. Und die Familie war ein Fels der Ordnung, des Fleißes, der Sparsamkeit“ (Pörtner 1987, S.10). Diese Mentalität war es, welche dem Bürgertum und auch dem Bildungsbürgertum, als größter sozialer Formation, den Weg wies.

Abschließend darf allerdings nicht vergessen werden zu erwähnen, dass trotz des starken Wirtschaftswachstums die Lebensverhältnisse der breiten Masse der Bevölkerung in den letzten zwei Jahrzehnten vor dem Ausbruch des Ersten Weltkrieges nicht so waren, dass man von einer absoluten Wohlstandsgesellschaft sprechen könnte. „Am Vorabend des Weltkriegs lebten im deutschen Reich noch etwa 30% aller Familienhaushalte in materiell „gedrückten“, ein weiteres Drittel in nicht viel mehr als „auskömmlichen“ Verhältnissen. An die 30% können – zumindest unter materiellen Gesichtspunkten -, „mittelständische“ Existenzen genannt werden; 5% waren wohlhabend, 2% reich“ (Hentschel 1978, S.74). Dies trübt das bis hierhin gezeichnete Bild aber nur unmerklich. Die Stimmung insgesamt war gut und sieht man die Umstände in allen Bereichen in Relation zu vorangegangenen Zeiten wird die anhaltende Verbesserung deutlich.

[...]

Ende der Leseprobe aus 20 Seiten

Details

Titel
Die Familie im Ausgang des 19. Jahrhunderts – Bürgertum und Bildungsbürgertum
Hochschule
Helmut-Schmidt-Universität - Universität der Bundeswehr Hamburg
Note
1,7
Autor
Jahr
2008
Seiten
20
Katalognummer
V166607
ISBN (eBook)
9783640829507
ISBN (Buch)
9783640829439
Dateigröße
403 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
familie, ausgang, jahrhunderts, bürgertum, bildungsbürgertum
Arbeit zitieren
B.A. Maximilian Stangier (Autor), 2008, Die Familie im Ausgang des 19. Jahrhunderts – Bürgertum und Bildungsbürgertum, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/166607

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