Sozialarbeit an berufsbildenden Schulen in Niedersachsen. Gesamtstruktur, Arbeitsfeld und Berufspraxis


Praktikumsbericht / -arbeit, 2010
35 Seiten, Note: 1,3

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Gesamtstruktur der Schulsozialarbeit
2.1. Entwicklung Schulsozialarbeit
2.2. Definition Schulsozialarbeit
2.3. Aufgabenbeschreibung
2.4. Methoden der Schulsozialarbeit
2.5. Rechtliche Rahmenbedingungen

3. Berufsbildende Schulen
3.1. Sozialarbeit an berufsbildenden Schulen!
3.2. Klientel an berufsbildenden Schulen
3.3. Zielgruppe im BVJ

4. Arbeitsfeld und Träger
4.1. BBS X
4.2. Landesschulbehörde alsöffentlicher Träger

5. Berufspraxis
5.1. Soziales Kompetenztraining
5.2. Begleitung und Betreuung
5.3. Einzelfallhilfe
5.4. Gesprächs- und Beratungsarbeit
5.5. Teilnahme an Klassenkonferenzen
5.6. Hausbesuche
5.7. Netzwerkarbeit

6. Reflexion und Resümee

7. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Gewalterfahrung in der Schule, Wegbleiben von der Schule, Verfehlen von Schul- abschlüssen sowie erhebliche Probleme mit dem Übergang von der Schule zur Berufsbildung sind offenkundige Schwierigkeiten, die aus unserem tradierten Schulsystem entstanden sind. Schule weist immer noch durch soziale Selektion und nicht durch Förderung, die spätere gesellschaftliche Stellung der Kinder sowie Jugendlichen zu. Lehrkräften ist wenig bekannt über die Wirklichkeit der tatsächlichen Lebensverhältnisse ausgegrenzter Kinder und ihren Eltern, selbst aus politischer und gesellschaftlicher Sicht wird die Unfähigkeit der Schulen nicht ernsthaft bestritten. Und dennoch ist wenig eigener Veränderungs- und Entwick- lungswille im System Schule bemerkbar. Was sich in den Letzten Jahren wieder entwickelt hat, ist die Forderung nach dem Ausbau von Schulsozialarbeit, als Ju- gendhilfe soll sie sich verstärkt um das heruntergewirtschaftete System Schule kümmern, jedoch begrenzt, reglementiert und ressourcenarm. Wirklich gewünscht wird Schulsozialarbeit meist erst, wenn das Lehrpersonal mit ihren nervlichen Kräften am Ende sind und gefordert wird dann, eine wieder perfekt in das Schul- system passende SchülerIn, die „richtig“ funktioniert.1

Schule und Jugendhilfe haben durchaus ihre gemeinsame Wurzel, ihre Wege trennten sich erst im Laufe der Herausdifferenzierung der beruflichen Entwick- lung der Lehrkräfte und SozialarbeiterInnen. Von daher wird in diesem Bericht zunächst die Entwicklungsgeschichte von Schule und Jugendhilfe aufgezeigt.

2. Gesamtstruktur der Schulsozialarbeit

2.1. Entwicklung Schulsozialarbeit

Der Begriff Schulsozialarbeit ist in der Praxis und in der theoretischen Reflexion gerade einmal etwas über 30 Jahre alt. Der Begriff wurde von Abels erst 1970 eingeführt, obwohl sich Schulsozialarbeit in Amerika schon früh als eigenständiges Berufsfeld etabliert hat, so z.B. in New York ab 1906. Vorläufer der Schulsozialarbeit in Deutschland ist die Rettungshausbewegung ab 1830, die Lehrerfortbildung ab 1850, die Schulkinderfürsorge ab 1870, der schulärztliche Dienst ab 1880 und die Schulpflege ab 1915. Mit dem Reichsjugendwohlfahrtsgesetz (RJWG) von 1922 wird die institutionelle Trennung von Jugendwohlfahrt und Schule besiegelt und Gertrud Bäumer bestimmte Sozialpädagogik als den dritten Erziehungsbereich neben Familie und Schule.2

Die Schülerhilfe der 30er Jahre, die wenig später in Schülerpolizei umbenannt wird, dient vor allem der Durchsetzung der Schulpflicht. Während der nationalso- zialistischen Diktatur wird die Hitler-Jugend zur einzigen staatlichen Jugendorga- nisation erklärt. Nach 1945 erfolgt eine allmähliche Demokratisierung. Das The- ma der Zusammenarbeit von Schule und Jugendhilfe wird erst Ende der 1960er/ Anfang der 1970er Jahre wieder aufgenommen. Der Bereich der Kinder- und Ju- gendhilfe ist für die Schulsozialarbeit grundlegend, somit hat schon Pestalozzi, der die Integration von Sozial- und Schulpädagogik wie kein anderer verkörpert, deutlich gemacht, dass neben eine materiell unterstützende Hilfe in der Armut und der Not eine erzieherisch-fördernde zu treten hat. Dieser Grundgedanke einer er- zieherischen Beeinflussung von Menschen zur Lösung von Konflikten und sozia- len Problemen findet sich später vor allem in der Disziplin der Sozialpädagogik z. B. bei Klaus Mollenhauer und hat zuvor in der Sozialpsychologie vor allem bei Kurt Lewin, in der Erziehungssoziologie bei Theodor W. Adorno und in der Exis- tenzphilosophie bei Otto Friedrich Bollnow einen systematischen Ort der Reflexi- on gefunden.3 Insbesondere diese Klassiker der Pädagogik stellen die Erziehung zur Mündigkeit in den Mittelpunkt aller Integrationsbemühungen in die Schule, in die Wirtschaft und in die Gesellschaft, wobei das soziale Zusammenleben in den gesellschaftlichen Institutionen nur dann gelingen kann, wenn eine vernunftgelei- tete Einsicht in die gegebenen Verhältnisse ermöglicht wird.

In der Schule und deren Umfeld besteht die „Arbeit am Sozialen“ vor allem in einer Integrationsfunktion durch Maßnahmen, die eine professionelle soziale und erzieherische Hilfestellung bieten soll. Die Schule blickt gegenüber der Schulso- zialarbeit auf eine Jahrhunderte lange Tradition zurück. Ihre ursprüngliche Bedeu- tung, die mit dem griechischen Begriff scholé bezeichnet ist, was in der Antike soviel wie „Freisein von Geschäften“ oder „die freie Zeit der Muße“ bedeutet, ist vielfach in Vergessenheit geraten.4

Unterschiede liegen aber vor allem in der Funktion der Tätigkeit: Gegenüber der Jugendhilfe und der Schulsozialarbeit gründet die Schule nicht auf Freiwilligkeit sondern auf Pflicht. Die Schule soll mit Wissen und Können ausstatten, was als Qualifikationsfunktion bezeichnet wird, die durch eine Zertifizierung zur zentralen biographischen Weichenstellung in den Lebenswegen der Kinder und Jugendlichen führt. Diese Selektionsfunktion besiegelt auf dem Weg in das Leben weitgehend das individuelle Bildungsschicksal.

Schule hat feste und abgesicherte Strukturen und Lehrpläne während die Schulso- zialarbeit kaum über institutionalisierte Strukturen verfügt. Die Projekte Freier Träger sind vielfach zeitlich begrenzt, von jährlich wiederkehrender Bewilligung abhängig, sie bieten zwar größere Gestaltungsspielräume stehen dafür aber unter einem hohem Legitimationsdruck. Aus dieser gegenläufigen Grundstruktur von Schulsozialarbeit und Schule resultieren wechselseitige Fehleinschätzungen und Missverständnisse, die die kurze Geschichte der Schulsozialarbeit nachhaltig prä- gen. So stehen Forderungen der Schule nach eingreifender Sozialarbeit, die sich nach den Bedürfnissen der Schule richten soll den Forderungen der Schulsozialar- beit gegenüber, die sich an den Bedürfnissen der Jugendhilfe und nicht der Schule zu orientieren sucht. Des Weiteren ist die Regelung der Dienst- und Fachaufsicht durch welche Einfluss auf Form und Stoff der Schulsozialarbeit genommen wer- den kann, strittig. Dennoch entwickelten sich eine große Vielfalt von länderbezogenen Modellen.5

2.2. Definition Schulsozialarbeit

Eine eindeutige Definition von Schulsozialarbeit ist nicht möglich, da mit unterschiedlichen Definitionen verschiedene Adressatengruppen angesprochen werden und zudem auch differierende Zielsetzungen verbunden sind. Jedoch können auf dieser Bestimmungsgrundlage alle Möglichkeiten der Sozialen Arbeit für den Kontext Schule erschlossen und genutzt werden.

So definiert Stickelmann Schulsozialarbeit als einen Versuch „... soziale Probleme und Spannungen, denen besonders Kinder und Jugendliche aus unterprivilegierten - häufig auch aus unvollständigen - Familien ausgesetzt sind und die vor allen Dingen durch den Selektionscharakter der Schule entstehen, durch Einzelfall- bzw. soziale Gruppenarbeit mit Kindern und Jugendlichen aufzufangen, Stigmati- sierungstendenzen abzubauen und so einer Ausgliederung bestimmter Kinder und Jugendlicher bzw. Gruppen in der Schule entgegenzuwirken“6 Stickelmann be- nennt damit als Adressatengruppe benachteiligte und gefährdete Kinder und Ju- gendliche, betont das Verständnis der Schulsozialarbeit als kompensatorisch, problemorientiert und nicht präventiv. Es geht um die Unterstützung von Schülern die Probleme haben und die Förderung von diesen bei der Integration.

Drilling definiert Schulsozialarbeit „ ...als ein eigenständiges Handlungsfeld der Jugendhilfe, das mit der Schule in formalisierter und institutionalisierter Form ko- operiert. Schulsozialarbeit setzt sich zum Ziel, Kinder und Jugendliche im Prozess des Erwachsenwerdens zu begleiten, sie bei einer für sie befriedigenden Lebens- bewältigung zu unterstützen und ihre Kompetenzen zur Lösung von persönlichen und/oder sozialen Problemen zu fördern. Dazu adaptiert Schulsozialarbeit Metho- den und Grundsätze der Sozialen Arbeit auf das System Schule“.7 Drilling be- nennt damit als Adressatengruppe alle Kinder und Jugendliche, er macht keine Einschränkung auf nur gefährdete junge Menschen. Zudem ordnet er den Zuständigkeitsbereich eindeutig der Jugendhilfe zu, Schulsozialarbeit ist für ihn eindeutig ein Bereich der Jugendhilfe.

Wulfers definiert Schulsozialarbeit als einen Oberbegriff, „ ...der alle Aktivitäten einschließt, die dazu geeignet sind, Konflikte und Diskrepanzen bei SchülerInnen, Eltern und LehrerInnen auf der Grundlage adäquater Methoden der Sozialarbeit (bzw. Sozialpädagogik) innerhalb der Schule oder auf die Schule bezogen abzu- bauen. So kann die unterrichtliche, soziale und psychische Situation der genann- ten Personengruppen verbessert werden. Die gewählten Aktivitäten sollten gleich- zeitig zu einer Öffnung der Schule nach innen und außen beitragen und eine sozi- ale Verbesserung des Schullebens erwirken. Eine Zusammenarbeit mit anderen öffentlichen und privaten Einrichtungen, die in diesem Bereich arbeiten, ist unabdingbar“.8 Wulfers macht damit eine sehr weit gefasste Definition, zudem erweitert er allgemein den Begriff auf „Konflikte und Spannungen“. Als Adress- atenkreis benennt er Schüler, Lehrer, Eltern sowie die Institution Schule. Auch beschränkt er das Methodenrepertoire nicht nur auf die Einzelfall- und Gruppen- arbeit, sondern schließt die Gemeinwesenarbeit mit ein.

2.3. Aufgabenbeschreibung

Schulsozialarbeit hat oft nur eine geringe personale Ausstattung und ist nur als ABM Maßnahme konzipiert, wobei die Konzentration auf wesentliche Aufgaben beschränkt sind. Es bleibt kaum Spielraum für präventive Angebote, die Maß- nahmen sind meist nur auf Korrektur nicht auf Prävention ausgerichtet. Schulso- zialarbeit wird nur dort eingerichtet, wo entsprechender Problemdruck vorhanden ist. So in der Einzelfallarbeit insbesondere Schulverweigerung, Schulunlust Kon- zentrationsschwierigkeiten Hyperaktivität, Lernprobleme, gewalttätiges Verhalten, mangelndes Durchsetzungsvermögen, unzureichende Konfliktverarbeitungsstrate- gien oder Drogenkonsum. Die Gruppenarbeit ist ausgerichtet auf Korrektur oder Prävention, wie Stressmanagement, Soziales Kompetenztraining, Ärgerbewälti- gung, Streit-Schlichter-Programme, Erlebnis- und Freizeitpädagogik, Schülercafes oder Freizeittreffs.

Konkret werden Schülerberatung bei Schulschwierigkeiten und anderen Lebens- fragen, Beratung bei Konflikten zwischen LehrerInnen und SchülerInnen, Bera- tung von Eltern bei Schulschwierigkeiten ihrer Kinder, bei Erziehungs- und Le- bensfragen, Beratung von Lehrerinnen und Lehrern in sozialpädagogischen Fra- gen, Beratung und Vermittlung bei Konflikten zwischen LehrerInnen und Eltern, Beratung beim Übergang Schule - Beruf, Aufbau und Unterstützung von Klassen- gemeinschaften mit gruppenpädagogischen Methoden, schulbegleitende Gruppen zur Verbesserung der sozialen Kompetenz, Teilnahme am Unterricht sowie die Vermittlung an Fachdienste und Beratungsstellen angeboten und durchgeführt.

Die Aufgaben, die die Schulsozialarbeit leisten will, sind in einigen Bundesländern durch Rahmenrichtlinien vorgegeben. Aden-Grossmann differenziert drei Organisationsmodelle der Schulsozialarbeit:

1. Den außerunterrichtlichen oder freizeitpädagogischen Fachbereich in der Ganztags-Gesamtschule,
2. als Teil eines sozialen Beratungsdienstes sowie
3. Sozialarbeit in der Schule, auch unter Einbeziehung öffentlicher oder freier Träger der Jugendhilfe.9

Als essentielle Aufgabe spezifiziert sich die Arbeit in allen drei Modellen mit schulfrustierten Kinder und Jugendlichen umzugehen, wobei es tendenziell um jugendsozialarbeiterische Tätigkeiten geht. Schwierig dabei ist, dass die Arbeits- prinzipien der Schulsozialarbeit u.a. Freiwilligkeit, Verzicht auf Leistungsorientie- rung, Altersheterogenität sowie Möglichkeiten der Mitbestimmung und Selbstor- ganisation den schulischen Prinzipien diametral entgegenstehen. So wünschen sich Sozialarbeiter eine starke Präsenz an der Schule sowie kein Einflussbereich auf den Bewertungsbereich und in den Bereich des Unterrichts, ihr primäres Ziel ist Hilfe. Lehrkräfte hingegen kennen lediglich die Unterrichtsmethoden sowie Didaktik und sind ausgerichtet auf Bildung, Erziehung sowie Bewertung. Von da- her sind die folgenden Methoden der Schulsozialarbeit den Lehrkräften fremd und stoßen oft auf Unverständnis.

2.4. Methoden der Schulsozialarbeit

Schulsozialarbeit arbeitet am Abbau unerwünschter und störender Verhaltenswei- sen. Sie arbeitet am Aufbau positiver Verhaltensweisen, an Entfaltung, Erweite- rung und Verbesserung von Kompetenzen bei Schülern, Lehrern und Eltern durch unterstützende Intervention oder unterstützende Erziehung sowie an Kostenein- sparung durch Prävention im Bereich der Jugendkriminalität oder Berufsvorberei- tung. Als klassische Methoden kommen die Einzelfallhilfe, Gruppenarbeit und die Gemeinwesenarbeit zum tragen.

Die Einzelfallhilfe richtet sich immer an einzelne Individuen, lokalisiert die zu bearbeitenden Probleme in den Individuen selbst. Umweltfaktoren werden als kausale Ursache nur soweit wahrgenommen, wie sie innerhalb des Behandlungs- prozesses liegt. Der Hauptakzent der Hilfe ist auf die psychischen Probleme ge- richtet, die das Individuum hat, sich sozial und konstruktiv zu verhalten.10 Ziel der Schulsozialarbeit ist es, ein möglichst objektives Bild der Konfliktlage zu be- kommen und zugleich Informationen über das subjektive Empfinden der Schüle- rin oder des Schülers zu sammeln. Gemeinsam mit dem Schüler werden Schritte erwogen und eingeleitet, welche die Situation verändern können.

[...]


1 Vgl. KRÜGER, Rolf

2 Vgl. Mühlum, Albert

3 Vgl. ebd.

4 Vgl. KRAIMER, Klaus

5 Vgl. OLK, Thomas

6 STICKELMANN, B.

7 DRILLING, Matthias

8 WULFERS, Wilfried

9 Vgl. ADEN-GROSSMANN, Wilma

10 Vgl. GALUSKE, Michael, S. 73-86

Ende der Leseprobe aus 35 Seiten

Details

Titel
Sozialarbeit an berufsbildenden Schulen in Niedersachsen. Gesamtstruktur, Arbeitsfeld und Berufspraxis
Hochschule
Leuphana Universität Lüneburg  (Fakultät I - Bildungs-, Kultur- und Sozialwissenschaften)
Veranstaltung
Praxis
Note
1,3
Autor
Jahr
2010
Seiten
35
Katalognummer
V166685
ISBN (eBook)
9783668250086
ISBN (Buch)
9783668250093
Dateigröße
755 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
sozialarbeit, schulen, niedersachsen, gesamtstruktur, arbeitsfeld, berufspraxis
Arbeit zitieren
Heike Meyer (Autor), 2010, Sozialarbeit an berufsbildenden Schulen in Niedersachsen. Gesamtstruktur, Arbeitsfeld und Berufspraxis, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/166685

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