Gesundheitsförderung am Beispiel der "Feldenkrais-Methode"


Hausarbeit (Hauptseminar), 2008

27 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Gesundheit
2.1 Pathogenese und Salutogenese
2.2 Subjektive Gesundheitsvorstellungen
2.3 Dimensionen des Begriffs „Gesundheit“

3 Die Feldenkrais – Methode
3.1 „Funktionale Integration“
3.2 „Bewusstheit durch Bewegung“

4 Gesundheitswirkung
4.1 Abgrenzung zur etablierten Medizin
4.2 Anwendung und Wirkung

5 Feldenkrais in der Schule

6 Fazit

1 Einleitung

Vom „Einklang“ über die „Krankheitsprophylaxe“ zur „Lebensweise“: alle drei Begriffe stehen stellvertretend für unterschiedliche Betrachtungsweisen ein und desselben Untersuchungsgegenstandes: der Gesundheit.

So liest man in Jean- Jacques Rousseaus Roman “Emilie oder über die Erziehung” von 1762 zwischen den Zeilen, dass der Mensch gesund sei, der sein „Können und Wollen in Einklang bringen würde“[1].

Während der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts dagegen, in seiner extremsten Ausformung während des Nationalsozialismus‘, herrschte ein Gesundheitsbegriff vor, der vor allem auf die Vermeidung und Prophylaxe von Krankheiten ausgerichtet war und zur Instrumentalisierung und Vergesellschaftung des Einzelnen beitrug.

Heute spricht die moderne Sozialmedizin von „Lebensweise“[2], wenn ein bestimmtes, „sozial akzeptiertes Muster der Problemlösung“[3] zur Gesunderhaltung beschrieben werden soll.

So unterschiedlich, wie sich die Begrifflichkeiten im Verlauf der Zeit entwickelt haben, so groß ist das Spektrum an Theorien über/und Sichtweisen auf Gesundheit.

In dieser Ausarbeitung soll es zunächst darum gehen, verschiedene Auffassungen und Modelle von Gesundheit darzustellen. Währenddessen und im Anschluss daran soll der Versuch unternommen werden, diese auf der Grundlage der erarbeiteten Unterschiede zu bewerten.

Im zweiten Teil der Arbeit wird das Feldenkrais- Modell näher beleuchtet und im Bezug auf seine Zuordnung zum Feld der Gesundheitsförderung näher untersucht.

Im letzten Abschnitt versuchen die Verfasser, einen praktischen Bezug für den theoretischen Rahmen herzustellen, indem untersucht wird, ob und inwieweit sich die Feldenkrais- Arbeit für den Schulunterricht eignet.

2 Gesundheit

2.1 Pathogenese und Salutogenese

Die Beschäftigung mit der Thematik „Gesundheit“ ist so alt, wie die Menschheit selber. Jede Epoche und Gesellschaftsform hatte einen eigenen Gesundheitsbegriff, wobei im Verlauf des 20. Jahrhunderts erstmals versucht wurde, interdisziplinär zu arbeiten.

So hatte schon Hippokrates um 400 vor Christus die Vorstellung, dass, „wenn die vier Körpersäfte Blut, schwarze Galle, gelbe Galle und Schleim im Menschen angemessen verteilt seien, der Mensch auch gesund bliebe.“[4] 500 Jahr später, in Rom, übernahm Galenus, ein griechischer Arzt und Anatom, die „Humoraltheorie“[5] von Hippokrates und erweiterte sie um die Begriffe der Sexualität und der Seele. Daran zeigt sich, dass die Vorstellung von Gesundheit als einem Gleichgewichtszustand schon seit mehr als 2000 Jahren existiert und auch bis heute noch Beachtung in den Wissenschaften findet.

Die Frage nach den Beweggründen einer wissenschaftlichen Auseinandersetzung mit dem Themenkomplex der Gesundheit lässt sich gut mit einem Ausspruch Arthur Schopenhauers‘, einem deutschen Philosophen und Autor, der etwa bis Mitte des 19. Jahrhunderts lebte und forschte, erklären:

„Gesundheit ist gewiss nicht alles, aber ohne Gesundheit ist alles nichts“[6]

Dieses höchste Gut des Menschen gilt, einfach ausgedrückt, als „Voraussetzung oder Basis für ein glückliches Leben“[7]. Aber was genau ist eigentlich „Gesundheit“, wer ist gesund und wer ist krank?

In einer Definition der WHO (World Health Organisation) von 1946 heißt es:

„Gesundheit ist ein Zustand vollständigen körperlichen, geistigen und sozialen Wohlbefindens und nicht nur die Abwesenheit von Krankheit und Gebrechen.“[8]

Kritik an dieser Klassifizierung ist schnell gefunden und lässt sich auf zwei Positionen reduzieren: die Definition sei einerseits zu statisch und andererseits zu weitreichend.

Statisch insofern, als dass Gesundheit ein dynamischer, ständig in Anpassung zwischen Individuum und Umwelt befindlicher Prozess sei und kein Dauerzustand. Zu weitreichend in der Hinsicht, dass vollständiges Wohlbefinden eine Utopie oder gar ein Zynismus sei, beziehe man bei dieser Definition beispielweise auch die „Dritte Welt“ mit ein. Wohlbefinden orientiere sich unter den dort oft herrschenden, schlechten Lebensbedingungen vor allem an materiellen und sozialen Sicherheiten.[9]

Positiv an dieser Definition wird der Zusatz „und nicht nur die Abwesenheit von Krankheit und Gebrechen“ beurteilt. Dadurch soll Gesundheit als eigenständiger Begriff Gestalt bekommen, die ihr, vor allem in den medizinischen Wissenschaften, lange verwehrt blieb. So scheibt Edgar Beckers, ein Sportwissenschaftler und Kritiker der pathogenen Sichtweise auf Gesundheit: „ [...] die medizinische Wissenschaft kann Gesundheit nur [...] von ihrem Gegenbild Krankheit ableiten, demnach Gesundheitserziehung nur als Krankheitsprophylaxe betreiben“[10].

Der Begriff „Pathogenität“ kommt aus dem griechischen und setzt sich aus „Pathos“ (Leid(en), Krankheit) und „gennan“ ((er)zeugen) zusammen. Deshalb gehen pathogenetische Ansätze davon aus, dass es für jede Krankheit bestimmte mikrobiologische, physikalische oder psychosoziale Faktoren gibt, die für die Entstehung des jeweiligen Krankheitsbildes vorausgehend und verantwortlich sind. Pathogene Ansätze stammen zumeist aus der Medizin, als Beispiel soll an dieser Stelle das „Risikofaktorenmodell“[11] skizziert werden.

Es gehört zur Gruppe der sogenannten „ökologischen und systemischen Modelle“[12], die davon ausgehen, dass Entwicklung und Leben als „wechselseitige Anpassung von Umwelt, Organismus und Person“[13] betrachtet werden kann. Es gibt bei dieser Entwicklung dabei keinen „fixierte[n] Ziel- und Endpunkt“[14], aber das Anstreben eines Gleichgewichtszustands aller Ebenen (Vgl. Hippokrates) wird als zentraler Aspekt innerhalb dieses Konzepts gesehen. Wird dieses Gleichgewicht durch externe oder interne Einflüsse (Risikofaktoren) gefährdet oder sogar gestört, steigt die Wahrscheinlichkeit, dass es zu Gesundheitsbeeinträchtigungen kommt.

Da sich dieses Konzept vor allem für die Erklärung von Infektionskrankheiten eignete, musste, mit der Zunahme von chronischen Erkrankungen, die Definition, was ein Risikofaktor ist, erweitert und die starre Fixierung auf medizinisch-körperliche Aspekte aufgegeben werden. Neuere Ansätze, wie der von Kagan und Levi von 1975 zum Beispiel, bezogen nun auch psychosoziale Stimuli in ihre Modelle mit ein. Ihnen wird das Potential zugeschrieben, Gesundheit beeinträchtigen zu können, wenn sie auf „keine adäquaten Verarbeitungsprogramme für diese Reize treffen“[15].

Auch die Sozialmedizin entwickelte ein Modell, dass, obwohl es in der Tradition der Pathogenese steht, interdisziplinärer ausgerichtet ist. Im Zusammenhang dieses Konzeptes sind Risikofaktoren Umweltbedingungen, die zu kurz- oder langfristigen Überlastungen und somit zu Fehlanpassungen der körperlichen, psychischen oder sozialen Kapazitäten führen können. Diese Fehlanpassungen führen in ihrer Konsequenz zur Entstehung von Krankheiten. Gesundheitsförderlich, statt Krankheitserzeugend wird in diesem Kontext der schon in der Einleitung auftauchende Begriff der „Lebensweise“ beurteilt. Sie beschreibt Verhaltensstrategien, die bei der Kontrolle und Bewältigung von Anpassungserscheinungen helfen können.[16] Aber auch bei diesem Ansatz wird die pathogenetische Orientierung deutlich sichtbar am Versuch, gesundheitsförderliches Verhalten ausgehend von Krankheit oder Beeinträchtigung zu erklären.

Kritik an der Pathogenese findet sich schnell. Peter Becker, ein Psychologe, bemängelt in seinem Aufsatz „Gesundheit und Gesundheitsmodelle“, dass das Risikofaktorenmodell nur einen „begrenzten Beitrag zu einem vertieften Verständnis von Gesundheit leisten könne“[17]. Dies sei so, da „Gesundheit ausschließlich als Abwesenheit von Krankheit konzipiert werde und gesundheitliche Schutzfaktoren ausgeblendet seien“[18].

Klaus Hurrelmann, ein bedeutender deutscher Sozial- und Gesundheitsforscher, erweitert diese Kritik Beckers, indem er die Risikofaktoren in ihrer Funktion als eindeutig einer Krankheit vorausgehende Verursacher anzweifelt. Seiner Meinung nach könne man methodisch nur „Wahrscheinlichkeitsaussagen“[19] über ihre Auswirkungen treffen. Des Weiteren seien die Verbindungsschritte zwischen Risikofaktor einerseits und ausgelöster Krankheit andererseits unklar, das Denkmodell sei „einseitig [und] monokausal“[20] angelegt.

Ein dritter hier zu nennender Kritiker und gleichzeitig der Begründer einer, der Pathogenese gegenläufigen Sichtweise auf Gesundheit, ist Aaron Antonovsky. Sein „Modell der Salutogenese“[21] basiert auf den Annahmen einer „der menschlichen Existenz innewohnenden Heterostase (Ungleichgewicht) und Konflikthaftigkeit“[22].Die Kritik, die er im Zuge seiner Ausarbeitungen zum Thema „Gesundheitsforschung versus Krankheitsforschung“ an der pathogenetischen Sichtweise übt, soll an dieser Stelle immer mit, von Antonovsky in seinem Modell vorgeschlagenen Verhaltensweisen zusammen erklärt werden.

Zunächst bemängelt Antonovsky die Klassifizierung von Menschen in „gesund“ oder „krank“. Aus salutogenetischer Sicht sind alle Menschen zu jedem Zeitpunkt teilweise gesund und teilweise krank. Das hängt mit der Vorstellung der menschlichen Existenz als Heterostase zusammen, jeder Einzelne bewegt sich jederzeit auf einem Kontinuum zwischen den Polen „Gesundheit“ und „Krankheit“.[23] Das Leben wird dabei als ständig wechselnder, dynamischer Spannungszustand verstanden.

Die nächste Vorstellung, die Antonovsky im Rahmen seiner Kritik an der Pathogenese angreift ist die, dass Krankheiten und ihre Klassifizierung eine Sache für „Experten[24] “ seinen. Seiner Meinung nach sei die Diagnostik so angelegt, dass der betroffene Mensch nichts dazu beitragen könne, außer die Meinung des Untersuchenden abzuwarten. Im Rahmen der Salutogenese dagegen rückt der ganze Mensch mit seinen lebensgeschichtlichen Hintergründen in den Fokus. Auch seine Entwicklung und Biographie ist für den Diagnostizierenden von Bedeutung, es geht also nicht ausschließlich um die Klassifizierung einer vorhandenen Krankheit. Aus dieser Sicht ist es wichtig zu hören, was der Betroffene selber über seinen Zustand denkt und sollte auch berücksichtigt werden.

Ein Kritikpunkt, der sich der Sichtweise Beckers‘ anschließt ist die Ansicht, dass die Pathogenese nur nach Faktoren sucht, die für das Entstehen von Krankheit verantwortlich sind. Hier wird er in seiner Kritik am schärfsten, wenn er davon redet, dass Gesundheitsforschung doch eigentlich gerade nach Einflüssen suchen sollte, die für den Erhalt von Gesundheit verantwortlich sind[25]. Sein Konzept ist auf diese Suche ausgerichtet, hier kann man deutlich den Fokus der beiden Paradigmen voneinander trennen.

Eine weitere Beanstandung, die sich aber zwangsläufig aus den unterschiedliche Vorstellungen des „System Menschs“, einerseits als Homöostase und andererseits als Heterostase ergibt, ist die Bewertung von Stressoren im Rahmen der Modelle. Deutlich kritisiert Antonovsky das Risikofaktorenmodell wenn er bemängelt, Stressoren als ausschließliche Belastung zu sehen. Die salutogenetische Orientierung ist sich „der Gefahr von Stressoren genauso bewusst, geht aber […] von der Prämisse aus, daß das Leben ständig von psychosozialen, mikrobiologischen oder anderen Stressoren besetzt ist. Das bedeutet, daß ein Stressor nicht notwendigerweise zu Streß oder Krankheit führen muss, wenn erfolgreich mit ihm umgegangen wird.“[26] Im Sinne der Salutogenese kann Stress auch positive Wirkung haben, wenn er verarbeitet werden kann und so zu Coping-, also Bewältigungsstrategien führt.

Zuletzt stellt Antonovsky in seinem Beitrag den Umgang mit Leiden in Frage. Seiner Meinung nach trägt die Verwendung einer „spezifischen Behandlung für eine bestimmte Krankheit“[27] (er spricht in diesem Zusammenhang auch von einer versinnbildlichten „Wunderwaffe“[28] ) nicht dazu bei, den Fokus von Krankheit auf Gesundheit zu richten. Er integrierte deshalb, wie vorher schon erwähnt, in seinem Model die Größe „Konzentration auf gesunderhaltende Faktoren“[29]. Da Gesundheit eben nicht als abgeschlossener Zustand betrachtet werden könne, würde die „Wunderwaffe“ nur kurzfristig helfen, den Menschen aber nicht langfristig in Richtung des Pols Gesundheit bewegen.

In seinem Konzept der Salutogenese brachte Antonovsky die Fähigkeit des Einzelnen, mit einem bestimmten Problem umgehen zu können, mit dem sogenannten „Kohärenzgefühl“[30], in Verbindung. Je stärker der SOC (Sense of Coherenz) ausgeprägt sei, desto besser könne man mit den Anforderungen an Einen umgehen und „bewege sich so auf dem Gesundheits-Krankheits-Kontinuum in Richtung des gesunden Pols“[31]. Laut Antonovsky besteht das SOC aus drei Komponenten, die bezogen auf ein Ereignis für ein Individuum am besten möglichst hoch sein sollten:

[...]


[1] Schulz, N. (1991), S. 13

[2] Hurrelmann, K. (1988), S. 139

[3] ebd., S. 139

[4] Franke, A. (1993), Vgl. S. 26

[5] ebd., S. 26

[6] Schulz, N. (1991), S. 15

[7] Beckers, E. (1991), S. 35

[8] Franke, A. (1993), S. 17

[9] ebd., Vgl., S. 17

[10] Beckers, E. (1991), S. 37

[11] Hurrelmann, K. (1988), S. 125

[12] ebd., S. 122

[13] ebd., Vgl., S. 123

[14] ebd., S. 124

[15] ebd., Vgl., S. 127

[16] Hurrelmann, K. (1988), Vgl., S.139

[17] Becker, P. (2003), Vgl., S. 35

[18] ebd., Vgl., S. 35

[19] Hurrelmann, K. (1988), S. 125

[20] ebd., S. 125

[21] Antonovsky, A. (1997), S.2

[22] Antonovsky, A. (1993), S.3

[23] Antonovsky, A. (1997), Vgl. S.23

[24] Antonovsky, A. (1993), S.8

[25] ebd., Vgl., S. 9

[26] Antonovsky, A. (1993), S.10

[27] ebd., S. 10

[28] ebd., S.10

[29] ebd., Vgl., S. 10

[30] Antonovsky, A. (1997), S. 33

[31] ebd., Vgl., S. 33

Ende der Leseprobe aus 27 Seiten

Details

Titel
Gesundheitsförderung am Beispiel der "Feldenkrais-Methode"
Hochschule
Philipps-Universität Marburg  (Institut für Sportwissenschaften)
Note
1,0
Autor
Jahr
2008
Seiten
27
Katalognummer
V166765
ISBN (eBook)
9783640831203
ISBN (Buch)
9783640830855
Dateigröße
535 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
gesundheitsförderung, beispiel, feldenkrais-methode
Arbeit zitieren
Julian Gotthardt (Autor:in), 2008, Gesundheitsförderung am Beispiel der "Feldenkrais-Methode", München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/166765

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