Die thüringische Residenzstadt Rudolstadt und ihre idyllische Umgebung werden im Sommer 1787 zum Schauplatz einer Dreiecksbeziehung zwischen Friedrich Schiller und den beiden Schwestern Caroline und Charlotte von Lengefeld. Das Verhältnis ist folgenreich nicht nur in biographischer, sondern auch in literaturtheoretischer Hinsicht, denn was später als poetische Gattung der "Idylle" einen zentralen Stellenwert in Schillers Ästhetik erhält und dort als "Vorschein" eines künftigen "Goldenen Zeitalters" fungiert, erscheint im Umgang mit den beiden jungen Frauen in realisierter Form bereits vorweggenommen.
Inhaltsverzeichnis
- 1) Lebenskrisen
- 2) Der 'Code' der Empfindsamkeit
- 3) Die Verwirklichung der “Idylle”: Schillers Doppel- Affäre als gelebte Utopie
- 4) Anmerkungen
- 5) Literaturverzeichnis
Zielsetzung & Themen
Diese Arbeit untersucht das Dreiecksverhältnis zwischen Friedrich Schiller und den Schwestern Caroline und Charlotte von Lengefeld. Sie analysiert, inwiefern diese persönliche Konstellation als eine Antizipation der klassischen Ästhetik Schillers verstanden werden kann, insbesondere im Hinblick auf seine literaturtheoretischen Konzepte der „Idylle“ und des „Codes der Empfindsamkeit“.
- Schillers Beziehungen zu Caroline und Charlotte von Lengefeld
- Das Konzept des Dreiecksverhältnisses in literaturhistorischem Kontext
- Die Antizipation klassischer Ästhetik durch gelebte Erfahrungen
- Der 'Code der Empfindsamkeit' als Legitimationsstrategie
- Die "Verwirklichung der Idylle" als gelebte Utopie
- Das Gleichgewicht von Vernunft und Sinnlichkeit in Schillers Denken
Auszug aus dem Buch
3) Die Verwirklichung der Idylle. Schillers Doppel- Affäre als gelebte Utopie
Es stellt sich indes die Frage, ob die den Lengefeld-Schwestern von Schiller in dem oben zitierten Brief konzedierte “Proportionalität der Kräfte' nicht eher einem empfindsamen ‘Code' geschuldet ist und weniger seinen unmittelbar gewonnenen Eindrücken entspricht.
Nach seiner Verlobung mit Charlotte schreibt Schiller ihr einen Brief, der an Deutlichkeit jedenfalls nichts zu wünschen übrig lässt, indem er auf das Defizitäre ihrer Persönlichkeit hinweist:
"Caroline ist mir näher im Alter und darum auch gleicher in der Form unserer Gefühle und Gedanken. Sie hat mehr Empfindungen in mir zur Sprache gebracht als Du meine Lotte ... Was Caroline vor dir voraus hat, mußt Du von mir empfangen; Deine Seele muß sich in meiner Liebe entfalten und mein Geschöpf mußt Du sein” (14).
Bedenkt man darüber hinaus Schillers Gepflogenheit, viele seiner Briefe an beide Schwestern gleichzeitig zu adressieren und diese Gewohnheit auch nach der Verlobung mit Charlotte beizubehalten, dann ergibt sich folgender Sachverhalt, den man aus Schillers Sicht als die Quintessenz des Rudolstädter Sommers ansehen könnte: Eine anthropologisch begründete Rollenzuweisung gemäß den Charaktereigenschaften Charlottes und Carolines.
Dank seiner Zuneigung zu der verständigen Charlotte, die im Freundeskreis den Beinamen 'Die Weisheit' trägt, fügt er in die mehr sinnlich geprägte Beziehung zu Caroline zugleich das Moment der Vernunft als Garant moralischer Integrität ein. Damit erhält das durch die vorrevolutionäre Zeitstimmung ohnehin gerechtfertigte Dreiecksverhältnis eine zusätzliche, gleichsam 'immanente' Legitimierung. Andererseits dürfte das erotische Flair Carolines nicht ohne Auswirkungen auf den Umgang Schillers mit Charlotte gewesen sein (ein Umstand, den der oben zitierte Brief nahelegt), sodass im Rahmen einer wahrhaft 'klassisch' zu nennenden Dreiecksgeschichte vernünftig gewordene Sinnlichkeit und sinnlich gewordene Vernunft im Gleichgewicht stehen.
Die luftig-heitere Sommer- Atmosphäre des Rudolstädter Aufenthalts weist dabei eine erstaunliche Übereinstimmung mit Schillers literaturtheoretischer Konzeption der 'Idylle' auf, wie er sie später in seiner Schrift “Über naive und sentimentalische Dichtung" entwickelt. Ausgehend von der Überzeugung, “daß die Wiederherstellung des Naiven nur als Akt der schöpferischen Vergegenwärtigung einer Idee denkbar sei, die die Errungenschaften der Neuzeit zwangsläufig einschließen müsse” (15), findet der "Zustand der Harmonie” in Schillers Worten “nicht bloß vor dem Anfange der Kultur statt, sondern er ist es auch, den die Kultur als ihr letztes Ziel beabsichtigt" (16).
Diese "höhere Harmonie” sei "Aufgabe einer Idylle, welche jene Hirtenunschuld auch in Subjekten der Kultur und unter allen Bedingungen ... der höchsten gesellschaftlichen Verfeinerung ausführt, welche, mit einem Wort, den Menschen, der nun einmal nicht mehr nach A rkadien zurückkann, bis nach Elysium führt" (17). 'Idylle' wird in diesem Zusammenhang von Schiller als in kleinem Maßstab entworfener 'Vorschein' eines künftig umfassenden harmonischen Menschseins verstanden, als die erste modellhaft-vorwegnehmende Skizze eines noch ausstehenden Gesamtbildes (so ist beispielsweise das Ende des “Wilhelm Tell” - Dramas im Sinne einer ‘Idylle’ angelegt).
Als poetisches Konzept allein der Dichtung vorbehalten, dürfte Schiller dank des Umgangs mit den beiden jungen Frauen im räumlich begrenzten Umfeld jener Rudolstädter Sommertage ein wesentliches Moment klassischer Ästhetik als gelebtes Leben erfahren haben. “Der gebildete Mensch”, so heißt es nämlich in den Briefen “Über die ästhetische Erziehung des Menschen”, “macht die Natur zu seinem Freund und ehrt ihre Freiheit, indem er bloß ihre Willkür zügelt” (18).
Zusammenfassung der Kapitel
1) Lebenskrisen: Dieses Kapitel führt in die Begegnung zwischen Schiller und den Schwestern von Lengefeld ein und beleuchtet die persönlichen Lebenskrisen, die ihre Beziehung prägten.
2) Der 'Code' der Empfindsamkeit: Das Kapitel analysiert, wie Schiller den gesellschaftlichen „Code der Empfindsamkeit“ nutzte, um seine unkonventionelle Dreiecksbeziehung zu legitimieren, und wie das Gleichgewicht von Gefühl und Verstand dabei eine Rolle spielte.
3) Die Verwirklichung der “Idylle”: Schillers Doppel- Affäre als gelebte Utopie: Hier wird untersucht, wie Schillers Beziehung zu den Lengefeld-Schwestern seine literaturtheoretischen Konzepte der „Idylle“ und der klassischen Ästhetik vorwegnahm und als eine Form der gelebten Utopie interpretiert werden kann.
Schlüsselwörter
Schiller, Lengefeld Schwestern, Dreiecksverhältnis, Klassische Ästhetik, Empfindsamkeit, Idylle, Utopie, Lebenskrisen, Romantik, Vernunft, Gefühl, Literaturtheorie, Goethe, Weimarer Klassik, Ästhetische Erziehung
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit befasst sich mit dem persönlichen Verhältnis Friedrich Schillers zu den Schwestern Caroline und Charlotte von Lengefeld und untersucht, wie dieses Dreiecksverhältnis als Vorwegnahme seiner Konzepte der klassischen Ästhetik, insbesondere der "Idylle", verstanden werden kann.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Zentrale Themenfelder sind Schillers Biographik, die deutsche Empfindsamkeit, die Entwicklung der klassischen Ästhetik, literaturtheoretische Konzepte wie die "Idylle" und die dynamische Beziehung zwischen privaten Erfahrungen und künstlerischem Schaffen.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Das primäre Ziel ist es zu analysieren, ob und wie Schillers Dreiecksbeziehung zu den Lengefeld-Schwestern als eine gelebte Utopie und eine Antizipation seiner späteren literaturtheoretischen Überlegungen zur klassischen Ästhetik, insbesondere der "Idylle", betrachtet werden kann.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit verwendet eine literaturhistorische und biographische Analyse, die Schillers persönliche Korrespondenz und literaturtheoretische Schriften heranzieht, um die Verknüpfung von Leben und Werk zu untersuchen.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil behandelt die Entstehung des Dreiecksverhältnisses vor dem Hintergrund von Lebenskrisen, die Legitimation dieser Beziehung durch den "Code der Empfindsamkeit" und die konkrete Verwirklichung der "Idylle" als gelebter Utopie im Rudolstädter Sommer.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Schlüsselwörter, die die Arbeit charakterisieren, sind Schiller, Lengefeld Schwestern, Dreiecksverhältnis, Klassische Ästhetik, Empfindsamkeit, Idylle, Utopie, Vernunft und Gefühl.
Wie legitimiert Schiller sein Dreiecksverhältnis?
Schiller legitimiert sein Dreiecksverhältnis durch den Rückgriff auf den "Code der Empfindsamkeit", indem er die Beziehung als eine "herzliche vernünftige Freundschaft" darstellt und ein Gleichgewicht der Affekte betont.
Inwiefern antizipiert das Dreiecksverhältnis die klassische Ästhetik?
Das Dreiecksverhältnis antizipiert die klassische Ästhetik, indem es Schillers später entwickelte Konzeption der "Idylle" als Zustand höherer Harmonie und Ausgleich von Sinnlichkeit und Vernunft in einem konkreten Lebensentwurf vorwegnimmt.
- Arbeit zitieren
- Thomas Reis (Autor:in), Schiller und die Schwestern von Lengefeld, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1667663