Analyse der Sätze „XII. Quod illi liceat imperatores deponere.“ und „XXVII. Quod a fidelitate iniquorum subiectos potest absolvere.“ des Dictatus Papae


Hausarbeit (Hauptseminar), 2010

10 Seiten, Note: 1,7


Leseprobe

Inhalt:

1. Analyse der Textform

2. Sprachliche Analyse und Übersetzung

3. Herkunft und Überlieferung, Belege im Kanonischen Recht und Rechtfertigungsversuche

4. Bedeutung, Auswirkung, Kritik der Zeitgenossen

5. Beurteilung

6. Quellen

7. Literatur

1. Analyse der Textform

Schon auf den ersten Blick besonders auffallend ist, dass nicht nur die zu analysierenden Sätze „XII. Quod illi liceat imperatores deponere.“[1] und „XXVII. Quod a fidelitate iniquorum subiectos potest absolvere.“[2], sondern alle Leitsätze des Dictatus Papae mit einem „Quod“ eingeleitet werden. Dieses „Quod“ ist eine Anapher, die einerseits einen Zusammenhang zwischen den nicht systematisch geordneten Sätzen schafft und andererseits die Behauptung des jeweiligen Satzes in eine Tatsachenaussage verwandelt.

Durch die Anordnung der Sätze – als eine Aufzählung von unterschiedlichen Rechten des Papstes und der katholischen Kirche – hat der Dictatus Papae äußerlich die Form eines Index einer Kirchenrechtssammlung, da „die äussere Verwandtschaft des DP mit den Indexsätzen der nahezu gleichzeitigen kanonischen Sammlungen […] so gross (ist)“[3]. Ein Index impliziert, dass er vor einer Kanonensammlung stehen müsste. Da dies aber nicht der Fall ist, sondern der Dictatus Papae ohne Datierung zwischen zwei Briefen vom 3. und 4. März 1075 Gregors VII. eingeschoben ist, wird die Frage aufgeworfen, ob es sich tatsächlich um einen Index oder eine Capitulatio handelt oder ob es sich vielmehr um einen „autarken Text, dessen Funktion und Verständnis nicht von einer dazugehörigen Rechtssammlung abhängig war“[4], handeln könnte.

Ob es schlussendlich ein Index, eine Capitulatio oder ein autarker Text ist muss und soll an dieser Stelle nicht geklärt werden.[5] Fest steht, dass es sich um eine Textform handelt, die in dieser Form – nämlich als Leitsätze des Pontifikats Gregors VII. –, beispiellos und einzigartig, sowohl in Bezug auf ihre außergewöhnliche Anordnung, als auch in Bezug auf ihren zugespitzten Inhalt ist und die extremen Reformbestrebungen Gregors VII. widerspiegelt.

2. Sprachliche Analyse und Übersetzung

„Quod“ – dass –, welches durch die Verbindung mit dem Konjunktiv Präsens „liceat“ – es ist erlaubt – (Satz 12) bzw. mit dem Indikativ Präsens „potest“ – er kann, er ist dazu bemächtigt – (Satz 27) faktisch wird, verstärkt die Aussage, dass es sich um Tatsachen handelt. Das Stilmittel des faktischen quods wird also dazu benutzt den Leitsätzen Gültigkeit in der Realität zu verschaffen und ihnen ein äußerliches Merkmal kirchenrechtlich gültiger Sätze zu geben, die unumstößlich sein sollen.

Weiterhin liegt in der Verwendung des Indikativs „potest“ in Kombination mit dem Infinitiv „absolvere“ – lösen, befreien – und in der Verwendung des Konjunktivs „liceat“ in Kombination mit dem Infinitiv „deponere“ – absetzen, jemanden entfernen – eine ausdrückliche Ermächtigung abzusetzen bzw. zu lösen vor. Besonders in der Verwendung des Verbs „posse“ – können, im Sinn von „mächtig sein“ – zeigt sich der Machtanspruch und die Gewalt zu lösen. Auch durch die Verwendung des Verbs „licere“ – erlaubt sein, dürfen – wird nicht nur die Möglichkeit, sondern die absolute Erlaubnis ausgesprochen, abzusetzen. Durch diese Formulierungen erhalten die Leitsätze eine Art Gebotscharakter, der ihren Inhalt noch absoluter wirken lässt.

Das Personalpronomen „illi“ (Satz 12) steht für den Papst, dem alleine es erlaubt ist „imperatores“ – Herrscher, Kaiser – abzusetzen, was die Besonderheit seiner Vormachtstellung unterstreicht und hervorhebt. „XII. Daß es ihm erlaubt ist, Kaiser abzusetzen“[6] impliziert also nicht den Anspruch darauf dieses Recht zukünftig ausüben zu können, sondern vielmehr, dass es tatsächlich bereits gültiges Recht ist. Auch der Satz „XXVII. Daß er Untergebene von dem Treueid gegenüber Sündern lösen kann“[7] soll ein längst bestehendes Recht des Papstes umfassen, welches bereits durch das faktische quod hervorgehoben wurde. Hinzu kommt das Faktum des Sünders, dem gegenüber der Papst das Recht der Lösegewalt zu seinen Untergebenen ausüben kann. Bei beiden Rechtsansprüchen handelt es sich um weltliches Recht in das der Papst laut Dictatus Papae eingreifen darf.

[...]


[1] Das Register Gregors VII. hg. von Erich Caspar (MGH Epp. sel. II, 1, 1955), Lib. II, 55a, S.204.

[2] Ebd., S. 204.

[3] Hofmann, Karl, Der «Dictatus Papae» Gregors VII. als Index einer Kanonensammlung?, in: Studi Gregoriani per la storia di Gregorio VII e della riforma gregoriana, raccolti da G. B. Borino, Band 1, Rom 1947, S. 531.

[4] Fuhrmann, Horst, »Quod catholicus non habeatur, qui non concordat Romanae ecclesiae«. Randnotizen zum Dictatus Papae, in: Festschrift für Helmut Beumann zum 65. Geburtstag, Hrsg.: K.-U. Jäschke und R. Wenskus, Simaringen 1977, S. 264.

[5] An dieser Stelle soll nicht darüber diskutiert werden, ob eine der Thesen zutreffend ist, sondern es soll lediglich auf das äußere Erscheinungsbild des Textes ein Augenmerk gelegt werden, das Merkmale einer Capitulatio bzw. eines Index aufzeigt, indem der Text eine Übersicht zu geben scheint, welche kirchenrechtlichen Privilegien im Folgenden begründet werden sollen.

Vgl. hierzu die Diskussion, ob es sich um eine Capitulatio einer geplanten Kirchenrechtssammlung wie K. Hofmann in: Der «Dictatus Papae» Gregors VII. als Index einer Kanonensammlung?, in: Studi Gregoriani per la storia di Gregorio VII e della riforma gregoriana, raccolti da G. B. Borino, Band 1, Rom 1947 argumentiert handelt oder um einen Index einer verloren gegangenen Kirchenrechtssammlung wie es G. B. Borino in: Un ipotesi sul »Dictatus Papae« di Gregorio VII, in: Archivio della R. Deputazione Romana di storia patria 67, Rom 1944 darstellt.

[6] Freiherr vom Stein-Gedächtnisausgabe, hrsg. von Rudolf Buchner und Franz-Josef Schmale, Band XII a: Quellen zum Investiturstreit Erster Teil, Ausgewählte Briefe Papst Gregors VII., Darmstadt 1978, S.151.

[7] Ebd., S. 151.

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Details

Titel
Analyse der Sätze „XII. Quod illi liceat imperatores deponere.“ und „XXVII. Quod a fidelitate iniquorum subiectos potest absolvere.“ des Dictatus Papae
Hochschule
Westfälische Wilhelms-Universität Münster  (Historisches Seminar)
Veranstaltung
Hauptseminar: Das Papsttum im mittelalterlichen Rom
Note
1,7
Autor
Jahr
2010
Seiten
10
Katalognummer
V166906
ISBN (eBook)
9783640832569
ISBN (Buch)
9783640832798
Dateigröße
497 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Dictatus Papae, Gregor VII., Papsttum im Mittelalter, Investiturstreit, Heinrich IV., Kirchenrecht
Arbeit zitieren
Rita Hering (Autor:in), 2010, Analyse der Sätze „XII. Quod illi liceat imperatores deponere.“ und „XXVII. Quod a fidelitate iniquorum subiectos potest absolvere.“ des Dictatus Papae, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/166906

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