Zu: Alois Riegl "Volkskunst, Hausfleiss und Hausindustrie"


Hausarbeit, 2009
8 Seiten, Note: 2,0

Leseprobe

Universität Tübingen

Ludwig-Uhland-Institut

Abteilung für Empirische Kulturwissenschaft

Seminar: Kulturwissenschaftliche Symbolanalyse und exemplarische Felder der Material

Culture Forschung. Ornament, Muster, reihendes Dekor. Zur Geschichte der Verzierung.

Fachsemester: 1

WS 2008/2009

Alois Riegl: Volkskunst, Hausfleiss und Hausindustrie

„Volkskunst“, „Hausfleiss“ und „Hausindustrie“ – diese drei Begriffe sind titelgebend für Alois Riegls 1894 erschienenen Aufsatz.[1] Damit nennt der Autor gleichzeitig jene drei Schlüsselbegriffe, auf welche sich sein wissenschaftlicher Text stützt: Die beiden Wirtschaftsformen Hausindustrie und Hausfleiss und die mit dem ursprünglichen Hausfleiss eng verflochtene Volkskunst.[2] Riegl war bereits einige Jahre Kurator am österreichischen Museum für Kunst und Gewerbe, als er „Volkskunst, Hausfleiss und Hausindustrie“ verfasste[3] – der Nachfolgetext seines 1893 erschienenen Werks „Stilfragen“.[4] Jedoch markierte dieser wissenschaftliche Aufsatz bereits die Verschiebung seiner beruflichen Interessen, die sich weg von der Museumsarbeit und hin zu einer rein wissenschaftlichen Forschungs- und Lehrtätigkeit bewegten.[5]

Im Folgenden soll nun Alois Riegls Aufsatz näher vorgestellt und seine Argumentation und Intention diskutiert werden. Hierfür wird nicht nur der Primärtext „Volkskunst, Hausfleiss und Hausindustrie“, sondern auch Sekundärliteratur, namentlich der von Stefan Muthesius verfasste Text über Alois Riegl, hinzugezogen. Der erste Abschnitt befasst sich mit den Fachbegriffen, Argumenten und dem Aufbau des Texts; als zweiter Punkt werden die Intention und der biographische Hintergrund des Autors vorgestellt, und schließlich wird eine kritische Auseinandersetzung mit dem Aufsatz erfolgen.

Alois Riegl nimmt als Ausgangspunkt seines Textes die beiden Begriffe Volkskunst und Hausfleiss: „Das konstatirte Wechselverhältnis zwischen Hausfleiss und Volkskunst ist in jeder Beziehung ein grundwichtiges; es bildet den Ausgangspunkt, zu dem die Betrachtung der folgenden Entwicklung des menschlichen Kunstschaffens von volkswirtschaftlichem Standpunkte immer wieder zurückzublicken hat, und bietet auch den einzigen Schlüssel, um die moderne Entwicklungsphase auf diesem Gebiete richtig zu verstehen.“[6]

So wie der Hausfleiss die primitivste Stufe wirtschaftlicher Produktion darstellt, ist die Volkskunst bei Riegl als das unterste Glied der künstlerischen Entwicklungsstadien anzusehen. In der Wirtschaftsform des Hausfleisses stellt ein autonomer Familienverband alles, was dieser braucht, selbst her. Diese Art der menschlichen Güterproduktion ist demnach gänzlich auf die Eigenversorgung ausgerichtet; die Güter werden aus eigenen Materialien hergestellt und es finden weder Tauschgeschäfte zwischen den Familienverbänden noch

(Ver-)Käufe statt.[7]

Nach dieser Definition des Hausfleisses geht Riegl auf das natürliche Schmückungsbedürfnis eines jeden Menschen ein, welches in der primitivsten Stufe wirtschaftlicher Produktion zwei Kunstformen hervorbringt: Zum einen die plastischen Formen, die durch Schnitzen, Meißeln und Formen entstehen, und zum anderen durch Ritzen und Malen hervorgebrachte Flachornamente.[8]

Diese beiden Kunstformen führen den Leser zum zweiten Schlüsselbegriff in Alois Riegls Text, dem Begriff der Volkskunst. Volkskunst wird demnach als „die Summe von traditionellen Kunstformen, die sämtlichen Angehörigen eines Volkes ohne Ausnahme gemeinsam sind“[9] definiert. Dieser ursprünglichen Kunst eines Volkes schreibt Riegl zwei Merkmale zu: Erstens sollen alle Angehörigen eines Volkes diese Kunstformen kennen und darüber hinaus praktisch darin geübt sein; als zweites Merkmal sieht Riegl die Tradition, die er als Lebensluft der Volkskunst bezeichnet.[10] Zusammenfassend lässt sich demnach sagen, dass sich die beiden Begriffe Hausfleiss und Volkskunst gegenseitig bedingen – die Volkskunst ist das durch den Schmückungstrieb entstehende Ergebnis der wirtschaftlichen Produktionsverhältnisse des Hausfleiss-Systems.[11]

Nach der Klärung dieser beiden Schlüsselbegriffe versucht sich Riegl an einer ausführlichen Beschreibung der sozialökonomischen Entwicklung der westlichen Gesellschaft, an deren Anfang Hausfleiss und Volkskunst stehen.[12] Während in der Hausfleiss-Produktion das Eigeninteresse vorherrschte und die Menschen sich darum bemühten, ein Produkt möglichst gut und möglichst schön zu gestalten[13], verlagerte sich der Fokus in späterer Zeit immer mehr auf das geschäftliche Interesse.[14]

[...]


[1] Muthesius, Stefan (2001): Alois Riegl: "Volkskunst, Hausfleiss und Hausindustrie", in: Richard Woodfield (Hg.), Framing formalism: Riegl's work, Amsterdam, 135-150, S. 135.

[2] Riegl, Alois (1979): Volkskunst, Hausfleiss und Hausindustrie (1894), Mittenwald 1978, S. 13-14.

[3] Muthesis: Alois Riegl, S. 140.

[4] Riegl, Alois (1923): Stilfragen. Grundlegungen zu einer Geschichte der Ornamentik. (1893), Berlin.

[5] Muthesis: Alois Riegl, S. 141.

[6] Riegl: Volkskunst, S. 14.

[7] ebd. S. 8.

[8] ebd. S. 9 – 10.

[9] ebd. S. 13.

[10] ebd. S. 13.

[11] ebd. S. 13 – 14.

[12] ebd. S. 8.

[13] ebd. S. 10.

[14] ebd. S. 27.

Ende der Leseprobe aus 8 Seiten

Details

Titel
Zu: Alois Riegl "Volkskunst, Hausfleiss und Hausindustrie"
Hochschule
Eberhard-Karls-Universität Tübingen  (Ludwig-Uhland-Institut)
Veranstaltung
Kulturwissenschaftliche Symbolanalyse und exemplarische Felder der Material Culture Forschung. Ornament, Muster, reihendes Dekor. Zur Geschichte der Verzierung.
Note
2,0
Autor
Jahr
2009
Seiten
8
Katalognummer
V166954
ISBN (eBook)
9783640831531
ISBN (Buch)
9783640831722
Dateigröße
425 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Alois Riegl, Riegl, Hausfleiß, Hausindustrie, Volkskunst, Muthesius
Arbeit zitieren
Simone Leisentritt (Autor), 2009, Zu: Alois Riegl "Volkskunst, Hausfleiss und Hausindustrie", München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/166954

Kommentare

  • Noch keine Kommentare.
Im eBook lesen
Titel: Zu: Alois Riegl "Volkskunst, Hausfleiss und Hausindustrie"


Ihre Arbeit hochladen

Ihre Hausarbeit / Abschlussarbeit:

- Publikation als eBook und Buch
- Hohes Honorar auf die Verkäufe
- Für Sie komplett kostenlos – mit ISBN
- Es dauert nur 5 Minuten
- Jede Arbeit findet Leser

Kostenlos Autor werden