Der Zusammenhang zwischen Wahrnehmung und Bewegung beim Volleyball


Hausarbeit (Hauptseminar), 2004

23 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

1. Gliederung

1. Einleitung

2. Wahrnehmen und Bewegen
2.1. Informationsaufnahme
2.2. Informationsverarbeitung

3. Der Zusammenhang zwischen Wahrnehmung und Bewegung
3.1. Sensibilisierung der Wahrnehmung
3.2. Die Verbindung zum Mannschaftssport

4. Wahrnehmungslernen als Grundstein für Spielfähigkeit
4.1. Vorbetrachtungen
4.2. Wahrnehmungslernen in Sportspielen
4.3. Wahrnehmungslernen im Volleyball
4.4. Spielfähigkeitsvermittlung des Volleyballspiels

5. Schluss

1.Einleitung

„’Der wäre doch ausgegangen!’ schrie der Lehrer verärgert. Er konnte überhaupt nicht verstehen, warum der Schüler die Situation falsch eingeschätzt hatte, dabei war doch alles sonnenklar! Alles?“[1]

Als Sportspiel gehört Volleyball zur Gruppe der Sportarten, bei denen ein hohe Wahrnehmungsfähigkeit gefordert ist, die dazu dient, verschiedene Spielsituationen, ständig variierende Anforderungen und motorische Aufgabenstellungen zu bewältigen und die optimale Umsetzung der Spielidee zu gewährleisten. Ziel in den Sportspielen ist es, anwendungsbezogen Handeln zu können, das heißt, im richtigen Moment die richtige Entscheidung für die Auswahl der am besten geeigneten Bewegung zu treffen, um sie letztlich umzusetzen und den Ball zurückschlagen zu können. Im Volleyball ist diese Fähigkeit in besonderem Maße gefordert, da sich nicht vorhersagen oder antizipieren lässt, was während eines Spiels geschehen kann – dies hängt wesentlich vom Gegner ab, der mit seinen Fähigkeiten zur Spielausübung gewissermaßen den Maßstab für meine eigene Spielfähigkeit setzt. Entscheidend sind Ballwechsel, die ich gewinne - und so ist es wichtig, günstige Vorraussetzungen für dieses Ziel zu schaffen.

Die Basis einer jeden Bewegung und somit auch Grundlage einer jeden volleyballspezifischen Bewegung bildet die Wahrnehmung - eine schlechte Wahrnehmung ist schuld daran, wenn ich Bälle im „Aus“ glaube, die nicht im „Aus“ sind, wenn ich einen Ball nicht mehr rechtzeitig erreiche und ist schuld daran, wenn es mir nicht gelingt, den Ball zielgerecht zurückzuschlagen. Sie bildet letztlich das Kriterium für eine gute Handlungsfähigkeit innerhalb der Rückschlagspiele.

Ich werde im Folgenden versuchen, den Zusammenhang zwischen Wahrnehmung und Bewegung zu charakterisieren, ihn in den Kontext des Volleyballspiels einzubauen und mögliche Schlussfolgerungen für Trainierbarkeit und Schulung einer volleyballspezifischen Wahrnehmung zu ziehen. Diesen Betrachtungen sei allerdings noch vorangestellt, dass Handlungsfähigkeit im Sportspiel von verschiedenen Komponenten determiniert wird: Kondition, Koordination, Technik und Taktik. Die Wahrnehmungsfähigkeit hat auf all diese Komponenten entscheidenden Einfluss und bewirkt deren zielgerichtete und bestmögliche Verwirklichung - deshalb soll es hier genügen, auf die Komplexität einer Spielfähigkeit hinzuweisen.

2. Wahrnehmen und Bewegen

Die Annahme, dass Wahrnehmung und Bewegung zusammenhängen, muss allen weiteren Ausführungen vorangestellt werden. Bereits auf einer vordergründigen Ebene ist erkennbar, dass „Bewegen in der Welt an das Wahrnehmen gebunden ist [und] ohne Wahrnehmen orientiertes Bewegen in der Welt nicht möglich ist.“[2] Hier eröffnet sich der Prozesscharakter einer jeden Bewegungs- bzw. Wahrnehmungstätigkeit – beide Elemente der Bewegungskoordination bedingen einander und (und das ist das Entscheidende) sind nicht losgelöst voneinander zu betrachten. Diese Ansicht ist in jungen Modellen zur Entstehung von Bewegung vereint: Grundlage bilden auch hier die Wahrnehmung eines Reizes (seine Aufnahme und Verarbeitung), die Informationsweiterleitung an efferente Organe (die Bewegungsausführung) und eine auf Rückinformationen basierende Aufbereitung der abgeschlossenen Bewegung.[3]

2.1. Informationsaufnahme

Eine Bewegungshandlung ist immer auf ein Ziel hin ausgerichtet und wird dahingehend koordiniert und organisiert. Wenn wir somit davon ausgehen, dass es für jede Bewegung einen Anlass in kausaler Verbindung zum Ergebnis gibt, so muss es möglich sein, diese zu bestimmen.

Konkret lassen sich Reize der Umwelt, die über Rezeptoren aufgenommen werden, als Anlässe für Bewegungstätigkeit kennzeichnen. Ein Bewegungsreiz könnte beispielsweise die konkrete motorische Aufgabe, gestellt durch einen Trainer, sein. „Reize werden als Informationsangebot [...] an das Wahrnehmungssystem gesehen.“[4] Hierbei spielen Motivation und eigener Antrieb eine entscheidende Effektgröße für die Lenkung und Umsetzung des Reizes, denn in der Praxis ist erkennbar, dass der „Wille Berge versetzen kann“.

Bereits hier wird deutlich, dass die Wahrnehmung zugleich auch einen Interaktionsprozess zwischen Umwelt und der eigenen Person beschreibt, der mittels kognitiver und emotionaler Bestimmungen steuerbar zu sein scheint. Eine Bewegungshandlung, die durch einen entsprechenden Willen und auf Basis einer positiven Emotion gelenkt wird, führt mit Sicherheit zu mehr Erfolg, als wäre sie von der Angst vor Verletzung oder Versagen begleitet.

Um die Rezeptoren beziehungsweise die Analysatoren der Informationsaufnahme näher zu kennzeichnen, wird folgende Übersicht verwendet:

- Der kinästhetische Analysator ist bewegungsempfindend und nimmt eine Körper- oder Körpergliedveränderung aus der Stellung der Bänder, Sehnen und Muskeln wahr.
- Der taktile Analysator bezieht sich auf Hautrezeptoren, die Informationen von benutzten Gegenständen oder Luft- und Wasserwiderständen aufnehmen.
- Der vestibulare Analysator liefert Informationen über Lage, Richtung und Beschleunigung des Körpers, wobei der im Ohr befindliche Gleichgewichtssinn als Rezeptor fungiert.
- Der optische Analysator empfängt sämtliche Informationen aus der Umwelt, die über den Rezeptor Sehnerv aufgenommen werden können. Er gilt als einer der bedeutsamsten hinsichtlich der Bewegungskoordination im Sportspiel.
- Der akustische Analysator empfängt Signale über Geräusche, beispielsweise der Startschuss zum 100 - Meter – Lauf oder auch Zurufe durch einen Übungsleiter.

Diese Analysatoren erhalten somit für die Bewegungstätigkeit bestimmende Signale oder Informationen, welche umcodiert und an das Zentralnervensystem weitergeleitet werden.

Bezogen auf das betrachtete Sportspiel Volleyball lässt sich aufgrund der variierenden Anforderungen an Bewegungskoordination feststellen, dass alle Analysatoren in Anspruch genommen werden, wobei einige als bedeutender erscheinen, da sie häufiger genutzt werden müssen und hinsichtlich ihrer Verwertung effektivere Ergebnisse erzielen. So ist es nicht möglich, ohne den optischen Analysator den Ball zurückzuschlagen, geschweige denn, sich schnell zu ihm hinzubewegen. Weiterhin ist bei jeder volleyballspezifischen Bewegung ein gut ausgeprägter Gleichgewichtssinn von Nöten, da an eine Handlung eine nächste unmittelbar anschließt. Bei Verlust des Gleichgewichtes wäre die Realisierung mehrerer motorischer Aktionen unmöglich. Der Spieler muss beispielsweise in der Lage sein, aus einem Blocksprung heraus schnell eine Laufbewegung und daran anschließend schnell eine neue Blockbewegung zu ermöglichen. Andernfalls hat der gegnerische Spieler seinen Angriff möglicherweise bereits vollzogen und der Ballverlust kündigt sich an.

2.2. Informationsverarbeitung

Die oben beschriebenen Informationen sind afferente Informationen, also solche, die von außen ins Zentralnervensystem gelangen. Während der Afferenzsynthese, der Verarbeitung dieser Informationen, soll eine individuelle Bewegungsvorstellung und Bewegungsvorgabe der zu realisierenden Anforderung entstehen. Hierzu wirkt das motorische Gedächtnis, in welchem bereits Bewegungsmuster abgespeichert sind, unterstützend. Die Bewegungsvorstellung, also ein inneres Bewegungsabbild, wird mit ähnlichen gespeicherten Bewegungen abgeglichen und durch bewusstes Denken begleitet. Hieraus ergibt sich letztlich die Entscheidung über die auszuführende Handlung und somit die Bewegungsvorausnahme oder Bewegungsantizipation.

Konkret an einem Beispiel aus dem Volleyball beschrieben meint dies folgendes: Die Bewegungsaufgabe besteht in einem Hecht, die durch Demonstrieren und Erklären zu einer ersten Bewegungsvorstellung führt. Das motorische Gedächtnis zieht als ähnlichen Bewegungsablauf einen Startsprung ins Wasser heran, der durch die hechtspezifischen Elemente (Abfangen und Durchdrücken des Körpers mit den Armen in eine Gleitbewegung) ergänzt wird und zu einer individuellen Bewegungsantizipation führt. In einem weiteren Schritt erfolgt der Bewegungsimpuls als efferente Impulsgebung, also als Information vom Zentralnervensystem an die Bewegungsorgane, zu den Effektoren. Praktisch drückt sich dieser Schritt in der Realisierung der motorischen Aufgabe aus – auf unser Beispiel bezogen somit auf den Hecht als Bewegungshandlung. Letztlich werden in der Reafferenzsynthese, der Nachbereitung der Informationen, einzelne Teilschritte der Bewegung mit dem Gesamtziel verglichen. Man spricht hier vom so genannten Soll – Ist – Wert – Vergleich, in welchem die Bewegung, die ich ausgeführt habe und die idealtypische Vorgabe untersucht wird. Ziel ist es, Rückinformationen aus der Umwelt oder von mir selbst über die abgeschlossene Handlung zu bekommen, diese in Form einer genauen Bewegungsanalyse zu nutzen, um sie in neue Bewegungsreize umzuwandeln. So erhalte ich also nach Realisierung des Hechtes beispielsweise vom Lehrer eine Bewertung in Form einer Bewegungskorrektur, die ich als Reiz verarbeite, um den Hecht erneut und begleitend mit den Rückinformationen zu vollziehen. Dabei wird in der Praxis vorwiegend auf das Durchdrücken mit den Armen verwiesen, um in eine Gleitbewegung gelangen zu können.

Abschließend bleibt zu erwähnen, dass die Gesichtspunkte einer Bewegungskoordination in hohem Maße von einer Wahrnehmungskoordination begleitet werden, da nur mit einer Einheit von Wahrnehmen und Bewegen eine optimale Realisierung motorischer Aktionen möglich ist. Im Folgenden wird der Zusammenhang zwischen Wahrnehmung und Bewegung genauer untersucht.

3. Der Zusammenhang zwischen Wahrnehmung und Bewegung

„Die Wahrnehmung ist ein integrativer Bestandteil einer jeden Bewegungstätigkeit, und ihre lernbedingte Veränderung markiert oft entscheidende Fortschritte im Prozess des motorischen Lernens.“[5]

Wir haben festgestellt, dass nur durch das Zusammenspiel von Wahrnehmung und Bewegung eine Erforschung der Umwelt und eine Anpassung daran möglich ist. Hierzu sei das „Rollstuhl“ – Experiment von Weizsäcker angeführt. Dies hat ergeben, dass eine sich nicht bewegende Versuchsperson (mit Prismenbrille im Rollstuhl sitzend) nicht in der Lage ist, sich an die Umwelt anzupassen. Eine sich bewegende Versuchsperson (den Rollstuhl schiebend) hingegen hat sich nach kurzer Zeit an die neue Gegebenheit, durch die Prismenbrille sehen zu müssen, gewöhnt. Alle Sinne der im Rollstuhl sitzenden Person sind auf den optischen reduziert, wodurch Informationen aus der Umwelt nur über den optischen Analysator aufgenommen werden können. Mit Hilfe der anderen Sinne wäre eine schnellere Anpassung an die neue Umweltsituation gewährleistet.

Wahrnehmung und Bewegung bilden demnach ein Ganzes, eine Einheit, die zur Vervollkommnung alle Informationsquellen des Körpers benötigt. Die Bewegung ermöglicht ein Körpergefühl und die Einordnung des Körpers in die Außenwelt und in den Raum allgemein. Für die Versuchsperson bedeutet dies, den eigenen Körper in seinen Grenzen erleben zu können, aber gleichzeitig auch durch den Körper die Grenzen des Raumes bzw. der Situation zu finden. Somit führt ein zeitgleiches Wechselspiel zwischen Wahrnehmung und Bewegung zu einer kontrollierten Körperlichkeit im Raum.

[...]


[1] Warm, Michael: Wahrnehmen muss man lernen. In: Sportpädagogik. Zeitschrift für Sport, Spiel und Bewegungserziehung. Friedrich Verlag (in Zusammenarbeit mir Klett), Velber, 2002, Heft 1, S. 22.

[2] Threbels, Andreas: Bewegen und Wahrnehmen. In: Sportpädagogik. Zeitschrift für Sport, Spiel und Bewegungserziehung. Friedrich Verlag (in Zusammenarbeit mir Klett), Velber, 1993, Heft 6, S. 19.

[3] Vgl. Hirtz: Integratives Modell zur Steuerung und Regelung von Bewegungshandlungen. 1985. Folgende Ausführungen sind an dieses Modell gelehnt.

[4] Loibl, Jürgen: Den Blick lenken, um zu sehen. In: Sportpädagogik. Zeitschrift für Sport, Spiel und Bewegungserziehung. Friedrich Verlag (in Zusammenarbeit mir Klett), Velber, 1990, Heft 1, S. 22.

[5] Loibl, Jürgen: Den Blick lenken, um zu sehen. In: Sportpädagogik. Zeitschrift für Sport, Spiel und Bewegungserziehung. Friedrich Verlag (in Zusammenarbeit mir Klett), Velber, 1990, Heft 1, S. 21.

Ende der Leseprobe aus 23 Seiten

Details

Titel
Der Zusammenhang zwischen Wahrnehmung und Bewegung beim Volleyball
Hochschule
Ernst-Moritz-Arndt-Universität Greifswald  (Institut für Sportwissenschaften)
Note
1,0
Autor
Jahr
2004
Seiten
23
Katalognummer
V166989
ISBN (eBook)
9783640832644
ISBN (Buch)
9783640832866
Dateigröße
504 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Wahrnehmung, Bewegung, Volleyball, Spielfähigkeit
Arbeit zitieren
Ines Meier (Autor), 2004, Der Zusammenhang zwischen Wahrnehmung und Bewegung beim Volleyball, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/166989

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