Gesangliche Intonation in Gegenwart digitaler Medien

Technik als Erweiterung des menschlichen Gesangorganes


Hausarbeit (Hauptseminar), 2009
25 Seiten, Note: 1,0

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Intonation
2.1 Intonationsschwächen: Produktion und Perzeption tonalen Gesanges
2.2 Die kognitive Repräsentation von Tonhöhe

3. Der Gesang in Gegenwart digitaler Medien
3.1 Gesang und Technik
3.2 Moderne "Gesangmaschinen"
3.2.1 Autotune
3.2.2 Melodyne
3.3 Digitale Technik als Erweiterung des Gesangorgans

4. Resümee

5. Bibliografie

1. Einleitung

Eine häufig gehörte Antwort auf die Frage, was einen guten Sänger ausmacht ist, dass er, im Gegensatz zu schlechten Sängern, über ein ausgezeichnetes Gehör verfügt. Dieses ist beim aktiven Singen gleichsam das Kontrollorgan, welches es dem Menschen ermöglicht, auf akustische Veränderungen erfolgreich zu reagieren. Die Aussage, ein guter Sänger verdanke sein Können dem Gehör, kann man nur schwer widerlegen. Im Gegensatz zu vielen Instrumenten hat die menschliche Stimme nämlich keinen festgelegten intonatorischen Vorrat. Ein Klavier hingegen wird durch seine Tasten, eine Gitarre durch die Bundstäbe und eine Flöte durch die Ventile in weitestgehend fixierte Tonräume eingeteilt. Ein Sänger ist jedoch darauf angewiesen, im lückenlosen Raum der Tonalität die richtigen Töne durch seine Wahrnehmung zu überprüfen. Zudem fehlt einem Sänger, im Gegensatz zu bundlosen Instrumenten, bei denen die Intonation auch hauptsächlich über das Gehör kontrolliert wird, das taktile oder haptische Feedback, sowie eine visuelle Überprüfung beispielsweise der Position der Finger auf einem Griffbrett. Geübten Sängern gelingt es dennoch, Töne mit beträchtlicher Genauigkeit zu intonieren. Ist eine gute Intonation jedoch die wichtigste Voraussetzung, um im Feld der Popularmusik als guter Sänger eingeschätzt zu werden? Vorab ist Tonalität als ein fundamentales und verbindendes Phänomen zwischen vielen Kulturen festzustellen. Das Nutzen tonaler Zentren wird weltweit von der Menschheit geteilt (Merker 2006: S.96). Die Kombinationen dieses klanglichen Vorrats können wir mit unserer Stimme als ein Pattern von Klang, welches wir durch unser Ohr empfangen und danach im Gedächtnis gesichert haben, reproduzieren. Diese Art des vocal learning ist eine Fähigkeit, die der Mensch im Gegensatz zu seinen nahen Verwandten, der Fauna besitzt (Merker 2006: S.97).

Die Wissenschaft über die menschliche Stimme ist sehr alt. Schon seit der Antike gibt es Aufzeichnungen über Methoden stimmlicher Ausbildung und das Training einer genauen Intonation (Seedorf 1998: 1444). Doch die Akkuratesse der tonalen Reproduktion ist eine Größe, die gerade im modernen Medienzeitalter an Bedeutung gewonnen hat. Menschen, denen eine exakte Wiedergabe einer Melodie nicht gelingt, werden als schlechte Sänger deklariert. Fernsehformate wie Deutschland sucht den Superstar erwecken zudem den Anschein, den Leistungsgrad des Singens messbar machen zu können. Zudem gilt ein stark eingeschränkter Produktionsstandard auf dem Musikmarkt als Maß für den Erfolg einer musikalischen Aufzeichnung. Eine Aufnahme eines ungenau1 intonierenden Sängers ist auf dem kommerziellen Markt, besonders im Bereich der Popmusik , seit Mitte der 90er Jahre kaum noch zu finden. Wie zu zeigen ist, liegen die Gründe hierfür vermutlich hauptsächlich in der Entwicklung von speziellen Techniken2 und deren weit verbreiteter Nutzung. Die technischen Medien und deren Anwendung bedingen sich gegenseitig und kreieren dadurch einen Richtwert, dem seither die Mehrheit der Musikproduzenten nacheifert. Ziel dieser Arbeit soll es daher sein, die moderne Musikproduktionsumgebung in Bezug auf den Gesang zu beleuchten, um das Entstehen kultureller Konsequenzen durch verwendete Produktionstechniken sichtbar machen zu können.

Dazu wird im ersten Teil der Arbeit die Produktion, sowie die Perzeption der Intonation im Fokus stehen. Besonders Ungenauigkeiten der gesanglichen Intonation und deren Gründe sollen Hauptbestandteil dieses einführenden Abschnittes sein. Es soll etwa der Frage nachgegangen werden, inwiefern eine ungenaue Intonation von Hörern wahrgenommen wird. Dabei soll gezeigt werden, dass Intonationsschwächen wahrscheinlich auf kognitive Fehlabläufe zwischen der Perzeption und Produktion von Tonhöhe zurückzuführen sind. Um die Ergebnisse zu stützen soll versucht werden, Ergebnisse linguistischer Forschung auf die wissenschaftliche Behandlung der Intonation zu übertragen.

Danach wird die Abhandlung sich auf die moderne Musikproduktionsumgebung konzentrieren. Es soll deutlich werden, dass die Popularmusik einen bestimmten Produktionsstandard verlangt, der in direktem Zusammenhang mit der verwendeten Technik steht. Insbesondere die Postproduktion gesanglicher Aufnahmen durch intonationskorrigierende Programme wird hier thematisiert. Im Fokus stehen die Computerprogramme Autotune und Melodyne, deren Funktionsweisen in ihren Grundzügen dargestellt werden sollen. Im Zuge dieser Untersuchung soll außerdem gezeigt werden, dass eine perfekte Intonation im Kontext der Popularmusik der westlichen Hemisphäre als Voraussetzung für den Erfolg einer Musikproduktion betrachtet wird. Zusätzlich wird danach gefragt, inwiefern die Abhängigkeit von Mensch und Maschine neue Klangapparate erzeugt und ob diese als reale Musikinstrumente interpretiert werden können. Dadurch soll deutlich werden, dass der Mensch durch den ständigen Umgang mit digitalen Medien in ein Abhängigkeitsverhältnis zur Technik getrieben wird. Einige Grundideen von Marshall McLuhan finden in diesem Zusammenhang ihre Anwendung. In einem abschließenden Resümee sollen die gewonnenen Ergebnisse gebündelt werden, um diskutieren zu können, welche Auswirkungen die Kombination der menschlichen Stimme mit den digitalen Medien auf die Musikkultur haben kann.

2. Intonation

2.1 Intonationsschwächen: Produktion und Perzeption tonalen Gesanges

Die physikalische Produktion von Tonhöhe ist ein komplexer Prozess, vor allem wenn man zu den beteiligten körperlichen Faktoren die psychischen Vorgänge addiert. Allein physikalisch betrachtet, bestimmt die Spannung und Dicke der Stimmbänder die Grundfrequenz der Stimmbandschwingungen. Die Tonhöhenproduktion der menschlichen Stimme gleicht somit dem Spannen einer Saite, denn bei "[...] einem tiefen Ton sind die Stimmbänder entspannt, dick und kurz, bei einem hohen Ton hingegen gespannt, dünn und lang" (Spitzer 2006: 263). Die Spannung und Dehnung der Stimmbänder durch spezielle Muskel3, wird im Zentralnervensystem gesteuert. Wenn ein Sänger nun eine bestimmte Tonhöhe intendiert, muss er eine sehr feine Einstellung der an der Intonation beteiligten Muskulatur antizipieren. Eine genaue kognitive Repräsentation einer Tonhöhe und die damit verbundenen präphonatorischen Einstellungen sind im Kern die Fähigkeiten, die einen exakt intonierenden Sänger ausmachen (Sundberg 1997: 84). Durch gezieltes Training ist es geübten Sängern beispielsweise möglich, das Phänomen zu vermeiden, dass bei schwellender Lautstärke auch die Tonhöhe ansteigt4, wohingegen ungeübte Sänger dadurch auffallen, "[...] dass sie beim Lauterwerden auch stimmlich in die Höhe gehen" (Spitzer 2006: 265).

Doch die Genauigkeit der Intonation hängt nicht nur vom Trainingsgrad der an der Intonation beteiligten Muskelgruppen ab, sondern auch von der Fähigkeit des Hörens. Generell kann man feststellen, dass ein fehlendes akustisches Feedback zu einer unsauberen Intonation führt (Spitzer 2006: 266). Geübte Sänger sind im Gegensatz zu Laien jedoch eher in der Lage ohne eine akustische Rückkopplung zu singen. Während Amateure in Experimenten ohne Monitorsignal im Schnitt 55 Cent von der geforderten Frequenz abweichend sangen, konnten professionelle Sänger die Abweichungen auf durchschnittlich 40 Cent reduzieren.

Im Zusammenhang mit der Perzeption von Gesang steht vorab eine Reihe einfacher Beobachtungen. Hört man5 jemanden singen, so fällt es dem Großteil der Hörer beispielsweise leicht, das Geschlecht des Sängers zu benennen und gesungene Vokale zu identifizieren. Häufig gelingt es Hörern mit musikalischer Vorbildung sogar, die Stimmlage Klassifikationen wie Bass, Tenor oder Sopran zuzuordnen (Sundberg 1982: S.60). Des Weiteren kann man beobachten, dass die höchsten Töne weiblichen Gesanges einheitlich als [a:]6 wahrgenommen werden (Sundberg 1982: S.67). Ähnliche Phänomene lassen sich hinsichtlich der Intonation beobachten. Per exemplum existiert die geläufige Ansicht, das musikalische Ohr verarbeite Töne recht gro ß zügig und funktioniere gleichsam nach interpretativer Laune. Das Gehör7 sei zudem in der Lage, Töne geradezubiegen und vielleicht sogar wohlwollend zu hören. Trotz alledem scheint es klare Grenzen einer intonatorischen Toleranz zu geben. So teilen geschulte Hörer sowie musikalische Laien in kollektivem Einverständnis die Fähigkeit, gesungene Töne als in tune oder als off tune zu deklarieren (Sundberg 1982: S.90). Möglicherweise auch, um wertende Titel zu vermeiden, hat die Forschung neueren Datums Sängern, die im Schnitt off tune singen, den Namen "poor pitch singer" gegeben (Pfordresher & Brown 2005: S.100). Diese Menschen haben im Gegensatz zu guten Sängern eine stärkere Tendenz, Töne zu hoch oder zu tief zu intonieren. Doch die genannte Studie zeigt, dass im Vergleich zu einer absoluten Intonation, feine intonatorische Abweichungen auch bei professionellen Sängern die Regel sind.

Bisher wurde angenommen, Intonationsschwächen wären lediglich auf Perzeptionsfehler zurückzuführen (Pfordresher & Brown 2005: S.95). Junge Forschungsergebnisse scheinen allerdings zu zeigen, dass es keinen direkten Zusammenhang zwischen Stimmproduktion und Stimmperzeption zu geben scheint. Sänger, die in Experimenten durchschnittlich 100 Cent abweichend von Referenztönen sangen8, waren dennoch in der Lage, Tonhöhenunterschiede von 50 Cent zu registrieren (Pfordresher & Brown 2005: S.107). Also scheinen intonationsschwache Sänger eine richtige Vorstellung von Tonhöhen zu haben, sind jedoch nicht in der Lage, diese in eine entsprechende tonale Produktion umzuwandeln (Pfordresher & Brown 2005: S. 112). Die Teilnehmer des genannten Experimentes waren nicht fähig, vorgegebene Tonhöhen adäquat nachzuahmen, konnten jedoch melodische Konturen reproduzieren, die der vorgegebenen Melodie in Tonhöhen- an- und abstieg ähnelten. Von einer absoluten musikalischen Unfähigkeit kann also in Fällen dieser Art nicht ausgegangen werden. Doch die klanglich weitestgehend richtige Repräsentation von Tonhöhe wurde von den Teilnehmern nicht in eine korrekte motorische Phonotation übertragen. Daher ist eine unpräzise Intonation dem Anschein nach weder nur Ergebnis einer falschen Wahrnehmung noch alleine physisch-motorischer Fehlabläufe. Betrachtet man eine Tonhöhe schlicht als Information, die korrekt aufgenommen, aber nicht richtig weiterverarbeitet wird, muss der Grund für eine abweichende Informationsvermittlung zwischen Input und Output zu verorten sein (Pfordresher & Brown 2005: S.95). Die Steuerung dieser Informationsverarbeitung findet im Zentralnervensystem statt. Hier kommt es zu "[...] einem komplexen Zusammenwirken von Sinnesempfindungen, unwillkürlichen und willkürlichen Muskelaktivitäten, sowie von emotionalen Einflüssen verschiedenster Art [...]" (Seeberg 1998: 1422).

2.2 Die kognitive Repräsentation von Tonhöhe

Der vorangehende Abschnitt hat gezeigt, dass Ungenauigkeiten in der Intonation möglicherweise auf einen Fehlablauf im Verarbeitungsprozess akustischer Reize zurückzuführen sind. Diese Störung innerhalb des Prozesses ist dafür verantwortlich, dass eine genaue Nachahmung des akustischen Eingangssignals nicht erfolgreich verläuft. Es bleibt also vorerst die Frage, welche kognitiven Prozesse beim Erlernen einer Melodie beteiligt sind.

Um Erkenntnisse zu erlangen, ist erst einmal festzustellen, dass die Perzeption des eigenen Gesanges sowie Wahrnehmung fremder Singstimmen zwei ungleiche Quellen sind, die vom Sänger miteinander verglichen werden können. Dieser Vergleich kann somit einer ästhetischen Kontrolle dienen, wobei wichtig ist, "[...] daß während der Stimmproduktion die im Zentrum eintreffenden auditiven und kinästhetischen Informationen stets zusammen mit gespeicherten Gedächtniseindrücken und mit Vorstellungen von den beabsichtigten stimmlichen Leistungen verarbeitet werden" (Seeberg 1998: 1422).

Ein Sänger muss während des Singens das Gehörte mit kognitiven und motorischen Informationen, oder anders ausgedrückt, mit seinen eigenen geistigen und körperlichen Rückmeldungen abgleichen. Diese Idee einer motorisch-akustischen Steuerung ist in einigen Überlegungen der Linguistik wieder zu finden.

Die Erkenntnisse aus Frank Guenthers DIVA-Modell sind auch für diese Untersuchung fruchtbar, obgleich die Forschungsziele jener Forschung sich eigentlich auf die Sprachartikulation konzentrieren.

[...]


1 Das Adjektiv ungenau ist an dieser Stelle nicht qualitativ im Sinne einer Wertschätzung gemeint, sondern es soll die quantitative Abweichung von einer absoluten Intonation ausdrücken.

2 Der Ausdruck Technik bezieht sich in diesem Kontext nicht auf eine bestimmte Gesangstechnik, sondern auf elektronische Medien.

3 Neben den an den Knorpeln ansetzenden Kricothyroideusmuskeln sind außerdem der Muskulus vocalis, die inneren und äußeren Muskeln des Kehlkopfes, die Atemmuskulatur (also die Zwerchfell- und Zwischenrippenmuskulatur) an der Spannung der Stimmlippen und folglich auch an der Produktion von Tonhöhe beteiligt. Zusätzlich sind auch die Muskeln des Mittelohres beim Singen aktiv (Spitzer 2006: 263-264).

4 Die Größen Tonhöhe und Lautstärke hängen aufgrund der Physik schwingender Körper zusammen (Spitzer 2006: 265).

5 An dieser Stelle sind Menschen gemeint, die weder an einer Erkrankung des Hörorgans noch an einer perzeptiven Störung wie etwa Amusie leiden.

6 Nach dem Internationalen Phonetischen Alphabet handelt es sich um einen abgerundeten offenen Vorderzungenvokal.

7 An dieser Stelle ist mit dem Terminus Geh ö r der gesamte auditive Wahrnehmungsapparat gemeint.

8 100 Cent entsprechen einem Halbton innerhalb der temperierten Stimmung.

Ende der Leseprobe aus 25 Seiten

Details

Titel
Gesangliche Intonation in Gegenwart digitaler Medien
Untertitel
Technik als Erweiterung des menschlichen Gesangorganes
Hochschule
Universität zu Köln  (Musikwissenschaftliches Institut)
Veranstaltung
Musikinstrumente in musikethnologischer und musikarchäologischer Forschung
Note
1,0
Autor
Jahr
2009
Seiten
25
Katalognummer
V167035
ISBN (eBook)
9783640834358
ISBN (Buch)
9783640834167
Dateigröße
550 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Intonation, Cubase, Sequenzer, Melodyne, Autotune, Gesang, Voice, Prozessor, Vokaltrakt
Arbeit zitieren
Eike Groenewold (Autor), 2009, Gesangliche Intonation in Gegenwart digitaler Medien, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/167035

Kommentare

  • Noch keine Kommentare.
Im eBook lesen
Titel: Gesangliche Intonation in Gegenwart digitaler Medien


Ihre Arbeit hochladen

Ihre Hausarbeit / Abschlussarbeit:

- Publikation als eBook und Buch
- Hohes Honorar auf die Verkäufe
- Für Sie komplett kostenlos – mit ISBN
- Es dauert nur 5 Minuten
- Jede Arbeit findet Leser

Kostenlos Autor werden