In Deutschland leben ca. 3 Millionen Türken. Ein Großteil dieser Türken wurde in den 60er Jahren als wirtschaftliche Nachwuchskraft angeworben, andere wiederum reisten als Familiennachzügler und Asylbewerber ein. Das anfängliche Ziel, nach kurzer Zeit wieder in die Türkei zurückzukehren, wurde für viele Türken zu einer Immigration ohne Rückkehr. Dieser Zustand hat die in Deutschland lebenden Türken nachhaltig beeinflusst, denn westliche Werte und Normen prägen ihre Denk- und Handlungsweise.
Insbesondere die Situation der türkischen Frauen hat sich in vielen Bereichen in den letzten Jahren gewandelt.
Inwiefern hat sich die Stellung der türkischen Frau in der türkischen Gemeinde in Deutschland gewandelt?
Sind türkische Frauen in Deutschland auf dem Weg in die Moderne?
Um diese Fragen präzise beantworten zu können, ist es nötig, nicht nur die Situation der türkischen Frau in Deutschland darzustellen, sondern auch rückblickend ihre Situation in der Türkei zu betrachten. Denn ihre dortige Sozialisation prägt die türkische Frau und die nachkommenden Generationen in entscheidendem Maße.
Drei weitere Hypothesen sollen anhand der vorliegenden Darstellung überprüft werden: 1. Die türkische Frau vollzog bereits einen Wandel in der Türkei. Der Wandel hat sich durch die Migration und die damit einhergehenden fremdethnischen Einflüsse in Deutschland verstärkt.
2. Dieser Wandel ist in der zweiten Generation türkischer Frauen ausgeprägter, die anders als die Frauen in der ersten Generation mit einer modernen westlichen Orientierung einerseits und einer traditionellen türkischen Orientierung auf der anderen Seite aufwachsen. 3. Trotzallem gelingt es nur einer Minderheit türkischer Frauen sich der modernen Welt anzupassen. Die Mehrheit türkischer Mädchen/ Frauen wendet sich gegen die Moderne, so dass davon ausgegangen werden kann, dass auf der einen Seite eine Rückorientierung stattfindet, bzw. das andererseits eine verdeckte zweite Identität gelebt wird, die sich der modernen Welt anpasst. Faktoren, die einer Orientierung an der modernen Welt entgegenstehen sind sowohl selbstgewollt, als auch traditionell bedingt.
Die Bereiche, in denen ein Wandel der türkischen Frau stattgefunden hat, werden näher aufgezeigt und dabei die Ausrichtung im Hinblick auf die Moderne kenntlich gemacht.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Kritische Bestandsaufnahme der Theorien der Modernisierung
3. Die Situation der Türkin vor der Migration
3.1 M. Kemal Atatürk und die Prinzipien des Kemalismus
3.2 Familienstrukturen in der Türkei
3.2.1 Familienformen
3.2.2 Vorherrschende Normen und Wertorientierungen der traditionellen Familie
3.2.3 Ehen und Heiratspraktiken
3.2.4 Erziehungspraktiken und Stellung der Frau in der Gesellschaft
3.3 Bildung und Berufstätigkeit in der Türkei
3.4 Zusammenfassung
4. Türkische Frauen in Deutschland
4.1 Kennzeichen türkischer Familien in Deutschland
4.1.1 Wandel in der familiären Lebenswelt
4.1.2 Veränderungen im Norm- und Wertesystem
4.1.3 Veränderungen im generativen Verhalten
4.1.4 Veränderungen in den Eltern- Kind- Beziehungen
4.1.5 Veränderungen in der ehelichen Lebensgemeinschaft und im Heiratsverhalten
4.2 Bildung und Erwerbstätigkeit im Umbruch
4.2.1 Schulische Situation
4.2.2 Ausbildung und Erwerbstätigkeit
4.2.3 Studium
4.3 Lebensstile türkischer Frauen
4.3.1 Der Stellenwert der Religion
4.3.2 Freizeitverhalten und Sexualität
4.3.3 Soziale Netzwerke türkischer Frauen
4.4 Selbstbildnis türkischer Frauen
4.4.1 Die Suche nach Identität
4.4.2 Der Generationen- und Kulturkonflikt
4.5 Zusammenfassung
5. Der Wandel und die moderne Ausrichtung türkischer Frauen: Ein Fazit
6. Literaturverzeichnis
Zielsetzung und Themen
Die Arbeit untersucht den Wandel der Lebenssituation türkischer Frauen in Deutschland im Kontext von Migration und Moderne, mit dem Ziel zu klären, inwiefern sich ihre Stellung gewandelt hat und ob sie sich auf dem Weg in die Moderne befinden.
- Sozialisationserfahrungen in der Türkei vor der Migration
- Wandel familiärer Strukturen und Werte in Deutschland
- Bildungssituation und Erwerbstätigkeit im Migrationskontext
- Identitätsfindung und Kulturkonflikte in der zweiten Generation
Auszug aus dem Buch
3.2.1 Familienformen
Generell werden vier Familientypen in der Türkei unterschieden:
1.Die Kernfamilie, die aus Ehemann, Ehefrau sowie deren ledigen Kindern besteht.
2.Die patriarchale Großfamilie, in der im Gegensatz zur Kernfamilie noch zusätzlich der verheiratete Sohn mit seiner Familie im Hause der Eltern wohnt. Hier leben also drei Generationen unter einem Dach.
3.Die vorübergehende Großfamilie, bei der sich im Unterschied zur patriarchalen Großfamilie der verwitwete Elternteil des Mannes oder der Frau u.a. mit deren unverheirateten Kindern ebenfalls im selben Haushalt aufhalten. Sie wird aber auch deswegen vorübergehende Großfamilie genannt, weil sich die Familie im Laufe der Zeit durch das Sterben des verwitweten Elternteils oder durch die Heirat der Geschwister zur Kleinfamilie hin reduzieren wird.
4.Die fragmentierte Familie oder Teilfamilie, in der ein Ehepartner aufgrund von Scheidung, Trennung oder Tod nicht mehr anzutreffen ist.(S. Timur 1985: 61f)
Bereits während der Migrationsphase findet ein Wandel der Familienstruktur in der Türkei von der patriarchalen Großfamilie hin zur Kernfamilie statt.(I.Atabay 1994: 10/C. Schöning- Kalender 1982: 74)
Die zunehmende Industrialisierung, der Fortschritt auf dem Arbeitssektor und im Technikbereich, der Einfluss der Medien sowie die Verbesserung der Infrastruktur stellen nach Meske die zentralen Gründe für den Wandel in der Familienstruktur dar. Insbesondere in den Städten dominiert die Struktur der Kernfamilie, während sich in den Dörfern dieser Wandel zeitlich langsamer entwickelt. (S. Meske 1983: 27ff)
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Stellt die Ausgangslage türkischer Frauen in Deutschland dar und formuliert die zentrale Fragestellung sowie die zu prüfenden Hypothesen.
2. Kritische Bestandsaufnahme der Theorien der Modernisierung: Reflektiert verschiedene modernisierungstheoretische Ansätze und deren Eignung zur Analyse des Wandels.
3. Die Situation der Türkin vor der Migration: Analysiert die soziokulturellen Prägungen in der Türkei vor 1973, insbesondere durch Atatürk-Reformen und traditionelle Familienstrukturen.
4. Türkische Frauen in Deutschland: Untersucht differenziert den Wandel der Lebenswelt, familiärer Strukturen, Erziehung, Bildung und Identität bei türkischen Frauen in Deutschland.
5. Der Wandel und die moderne Ausrichtung türkischer Frauen: Ein Fazit: Fasst die Ergebnisse zusammen und bewertet den Wandel sowie die Hypothesen im Hinblick auf den Modernisierungsprozess.
6. Literaturverzeichnis: Listet die verwendeten wissenschaftlichen Quellen und Statistiken auf.
Schlüsselwörter
Türkische Frauen, Migration, Moderne, Modernisierung, Kernfamilie, Patriarchat, Identität, Generationenkonflikt, Bildung, Erwerbstätigkeit, Sozialisation, Tradition, Integration, Geschlechterrollen, Ehe.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in der Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht den soziokulturellen Wandel türkischer Frauen in Deutschland und bewertet ihre Entwicklung im Kontext von Tradition und Moderne.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die zentralen Felder umfassen Familienstrukturen, Bildungs- und Erwerbsbiographien, religiöse Orientierungen, Freizeitverhalten sowie Identitätsbildungsprozesse.
Was ist das primäre Ziel der Arbeit?
Ziel ist es zu ermitteln, wie sich die Stellung der türkischen Frau durch Migration verändert hat und inwiefern sie sich westlichen, modernen Lebensformen angenähert hat.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es handelt sich um eine theoretische Arbeit, die auf einer umfassenden Literaturanalyse sowie der Auswertung bestehender empirischer Studien und statistischer Daten basiert.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die Analyse der türkischen Herkunftsgesellschaft und die Untersuchung der Lebenssituation in Deutschland, unterteilt in Generationen und verschiedene soziologische Indikatoren.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die wichtigsten Begriffe sind Migration, Moderne, Identität, Geschlechterrollen, traditionelle Familie und Akkulturation.
Wie beeinflusst die Migration das Verständnis von Ehe und Familie?
Die Arbeit zeigt einen Wandel von der patriarchalen Großfamilie zur Kernfamilie, wobei jedoch traditionelle Werte wie die Familienehre trotz modernerer Rahmenbedingungen weiterhin eine Rolle spielen.
Inwiefern unterscheiden sich die erste und zweite Generation in ihrem Integrationsprozess?
Während die erste Generation stark an den Werten des Herkunftslandes festhält, befindet sich die zweite Generation in einem komplexen Rollenwechsel und Spannungsfeld zwischen der türkischen Kollektivtradition und westlichen, individuellen Anforderungen.
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- Yeter Bulut (Author), 2002, Türkische Frauen in Deutschland. Auf dem Weg in die Moderne?, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/16703