Wen und was bewegte die Movida?

Über ein kulturelles Phänomen der Transition


Facharbeit (Schule), 2009
18 Seiten, Note: 13 Punkte

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Inhalt

I Einleitung

II Hauptteil
1. Historische und politische Hintergründe
1.1 Spanien unter Franco 1939 - 1975
1.2 Die Transition - Übergang zur Demokratie
2. „Madrid war eine einzige Party“ - Das neue Lebensgefühl der Madrilenen
3. Akteure zur Zeit der Movida
3.1 Parallelitäten
3.2 Pedro Almodóvar
3.2.1 Pepi, Luci, Bom y otras chicas del montón
3.3 Alaska
4. Die Auswirkungen der Movida

III Fazit

IV Quellenverzeichnis

I Einleitung

„It’s difficult to speak of La movida and explain it to those who dindn’t live those years. We weren’t a generation; we weren’t an artistic movement; we weren’t a group with a concrete ideology. We were simply a bunch of people that coincided in one of the most explosive moments in the country.”1,2 - so sagt Pedro Almodóvar, der schon zur Zeit der Movida seine Erfahrungen in Filmen zum Ausdruck brachte und damit zu einem der berühmtesten spanischen Filmregisseure und Drehbuchautoren wurde. Schlägt man in einem Wörterbuch den Begriff Movida nach, so wird sie als „kulturelle Erneuerungsbewegung in Madrid gegen Ende der 70er Jahre“3 definiert. Weiterhin findet man als Übersetzung für „mover“ „bewegen“. Somit bekommt man schon einen Eindruck, was Almodóvar mit „one of the most explosive moments in the country“ meint: die Movida Madrileña scheint eine bedeutende Veränderung, etwas nie zuvor Erlebtes, gewesen zu sein.

Ursprung dieses kulturellen Aufschwungs war die spanische Transition. Als der Diktator Francisco Franco im Jahr 1975 starb, wurde das bestehende politische System von mehreren Beteiligten nach und nach zu einer Demokratie umgewandelt. Durch, aber auch neben diesem politischen Wandel gestalteten die Madrilenen ihr Leben umfassend neu. Allerdings beschreibt die Movida keine plötzliche und schlagartige Veränderung; es gibt viele Faktoren, die sie zu dem machten, was sie war.

In meiner Facharbeit möchte ich mich vor allem mit den Akteuren der Movida befassen, durch die man noch heute aus ihren Werken unterschiedlicher Genres über diese Zeit erfahren kann. Zunächst möchte ich klären, welche Hintergründe es für die Bewegung gab. In diesem Zusammenhang befasse ich mich mit der Transition nach dem Tod Francos, auf dessen Herrschaftsstil ich kurz verweise. Anschließend werde ich auf die Movida im Allgemeinen eingehen, um die Handlungen der Künstler besser verständlich zu machen. Bevor ich Näheres zu den zwei wohl bekanntesten Akteuren dieser Epoche, Pedro Almodóvar und Alaska, berichte, werde ich die gemeinsame Lebensphilosophie aller Movida-Anhänger schildern. Die Auswirkungen, die die Kulturbewegung hervorgerufen hat, möchte ich abschließend benennen.

II Hauptteil

1. Historische und politische Hintergründe

Ein Anfang und ein Ende der Movida lassen sich auf Grund der vielen verschiedenen Einflüsse auf das Leben der Spanier kaum bestimmen, weil nicht genau gesagt werden kann, welches Ereignis ausschlaggebend für den kulturellen Wandel war. Während einige ihre Anfänge schon nach 1964 sehen, als sich in London die Rockkultur entwickelte und nach diesem Vorbild die Spanier begannen, sich ebenfalls nach mehr Freiheit zu sehnen,4 ist man sich doch einig, dass sie dies erst nach dem Tod Francos erreichen konnten.

1.1 Spanien unter Franco 1939 - 1975

„El Caudillo“ - diesen Beinamen trug Francisco Franco während seiner Regierungszeit,5 und so kennt man ihn auch heute noch: als den Führer Spaniens.

Schon während des spanischen Bürgerkriegs, der 1936 begann, agierte Franco in Zusammenarbeit mit der katholischen Kirche als Regierungschef und übernahm die politische und militärische Führung Spaniens. Als im Februar 1939 der Bürgerkrieg beendet war, wurde Francos Regierung von den Westmächten anerkannt. Wenig später besetzte er Madrid und übernahm dann endgültig die Macht.6

Während seiner Regierungszeit wurden in Spanien demokratische und regionalistische Absichten unterdrückt. Er rief kein konkretes Parteiprogramm aus, sondern forderte beispielsweise „vollständige nationale Einheit“ und die Einführung „strengster Grundsätze der Autorität“.7 Somit gab er nie eine deutliche Ideologie bekannt. Seine politische Theorie beruhte auf katholisch- traditionellen Werten und es kam zu einer engen Kooperation zwischen Kirche und Staat, da der Katholizismus als integrierender Bestandteil der spanischen Kultur angesehen wurde. Außerdem basierte sie auf einer wissenschaftlich-modernen Weltanschauung und Intoleranz gegenüber Oppositionellen.8

Durch Machtkonsolidierung versuchte das Regime, „alle Kulturinstanzen [...] zu kontrollieren.“9 Franco ließ alles verbieten, das sich gegen seine Denkweise richtete. Der Gebrauch von Dialekten und Fremdwörtern beispielsweise wurde sowohl im alltäglichen Leben als auch in Radio und Kino untersagt und liberale Presse wie der Verkauf der Revista de Occidente, der wichtigsten Kulturzeitschrift Spaniens, wurde eingestellt.10

Zu den Rechten der Frauen zur Zeit des Frankismus ist zu sagen, dass sie als juristisch unmündig behandelt wurden. Waren sie ledig, konnten ihre Väter über sie bestimmen, Verheiratete waren abhängig von ihren Ehemännern. Verhütung und Abtreibung wurden untersagt und man durfte sich nicht scheiden lassen. Alle spanischen Frauen hatten sich nach dem Vorbild der katholischen Königin zu verhalten, Dienst und Unterwerfung gehörten zum Gebot. Außerdem war ihnen keine Entscheidung freigestellt: Sie durften nicht rauchen und es rief einen Skandal hervor, als sich eine spanische Sportlerin einer Geschlechtsumwandlung unterzog. Daraufhin wurde es allen Frauen untersagt, Leichtathletik zu betreiben.11

Die Diktatur war eine personalistische Herrschaft, die also stark von der Persönlichkeit Francos geprägt wurde. Er gilt heute im Allgemeinen als der letzte europäische faschistische Diktator.12

1.2 Die Transition - Übergang zur Demokratie

Bei der spanischen Transition handelt es sich um den Übergang von der Diktatur zu einem demokratischen System. Sie setzte nach Francisco Francos Tod am 20. November 1975 ein und trug Veränderungen in allen Lebensbereichen der Spanier mit sich; statt Unterdrückung herrschte Freiheit.13 Es fand eine „Transformation von Staat und Gesellschaft mit einem Wandel in den Einstellungen, Mentalitäten und Lebensformen“14 statt.

Binnen der Übergangszeit wurden eine große Menge von Verhandlungen und Abkommen zwischen Vertretern des alten Systems und gemäßigten Kräften, die „auf grundlegende Reformen drängten“,15 ausgeführt.

Während sich 1970 noch 87% der spanischen Bevölkerung als praktizierende Katholiken bekannten, war es 1991 nur noch jeder Zweite. Nachdem Katholizismus und Imperialismus nicht mehr als Leitlinien galten, zählten zu den neuen Verhaltensmustern Versöhnung, Modernisierung und Europäisierung. Diese konnten lediglich „in Verbindung mit der Demokratisierung des Landes und der Wachablösung innerhalb der politischen Elite“16 gelingen. Zwar wurden frankistische Staatsbeamte nicht des Amtes dispensiert, doch einige Politiker, die unter Franco als Staatsfeinde galten, nahmen die Führung des Staates auf.17

Schon 1974 kam es in Spanien zu einer leichten Liberalisierung, da König Juan Carlos während einer Krankheit Francos kurzfristig die Regierung übernahm.18 In Zusammenarbeit mit dem Ministerpräsidenten Adolfo Suárez setzte sich dieser auch nach Francos Tod für den Wandel in die Demokratie ein.19

1977 fanden in Spanien erstmals freie Parlamentswahlen statt und 1978 unterzeichnete man die neue Verfassung.

1979 wurde Enrique Tierno Galván Bürgermeister von Madrid. Dieser galt im Frankismus als führende Oppositionsfigur. Man warf ihn als Professor aus der Universität, da er Proteste gegen das Franco-Regime unterstützte. In der Movida aber wurde er für seine „offene lebensbejahende Einstellung“20 geehrt und die neue unvoreingenommene Stimmung in Madrid war nur durch seine liberale Amtsführung möglich.

Nachdem der Putschversuch Tejeros, einem Anhänger Francos, am 23. Februar 1981 gescheitert war, festigte sich die junge spanische Demokratie mit dem Wahlsieg der während der Diktatur verbotenen sozialistischen Partei PSOE 1982.21 Zusammen mit Tierno Galván bemühte sich deren Oberhaupt Felipe Gonzáles, Spanien im Ausland angesehener zu machen und vor allem die Entwicklung des Landes nach dem Frankismus wieder voranzutreiben.22

2. „Madrid war eine einzige Party“ - Das neue Lebensgefühl der Madrilenen

Die Movida steht heute noch für die „Einführung neuer Werke und Praktiken in die spanische Gesellschaft und Kultur“; sie ist „als Motor des Wandels revolutionär“.23 24

Im Diccionario de la Lengua Espa ñ ola wird das Wort movida mit der umgangssprachlichen Bedeutung für „juerga“ oder „diversión“25 aufgeführt. Bei der Movida ging es um das „Sich- Bewegen, Aktivsein [und] Für-Wirbel-Sorgen“.26 Um hervorzuheben, dass die Stadt Madrid Ursprung der Aktionen war, wird oft der Begriff Movida Madrileña verwendet. Diese Kulturbewegung existierte vorwiegend dort, aber auch in anderen Städten Spaniens fand sie einige Anhänger.27 Bei den Bewohnern entstand ein ganz neues Lebensgefühl. Zu dieser Zeit existierten praktisch keine Tabus mehr und die Madrilenen kosteten ihre neuen Freiheiten so weit es ging aus. Man feierte nächtelang und trank Alkohol; je heftiger die Partys waren desto besser. Drogen „war[en] praktisch legal“28

Als Initiator wird häufig die Jugend genannt, die alles Neue ausprobierte und über die Stränge schlug, doch auch ältere Menschen beteiligten sich und holten nach, was während des Frankismus nicht möglich gewesen war.

Zum ersten Mal nach 40 Jahren Diktatur durften alle frei sagen, was sie dachten. Zudem kam es nicht darauf an, woher die Menschen stammten, denn auch von außerhalb beteiligten sich viele am Geschehen. Es interessierte nicht, aus welchem Grund etwas getan wurde und ob es vernünftig war, sondern nur, dass es Spaß bereitete. Man wollte sich vom Frankismus abgrenzen, in dem das Ausleben von Lust unterdrückt wurde.29

Trotz der neuen Freiheit der Meinungsäußerung lässt sich keine gemeinsame politische Richtung benennen. Das Prinzip der Movida besagte: Unabhängig vom politischen System sollte jeder tun dürfen, was er will. Von der Frisur über die Musikrichtung bis hin zur sexuellen Orientierung, alle Entscheidungen wurden frei und selbstständig getroffen.

Außerdem verweigerten die Madrilenen alles, was politisch gesehen von ihnen erwartet wurde. Auf den Putschversuch vom 23. Februar 1981 reagierten sie nicht mit Protesten, sondern machten sich vielmehr über die Geschehnisse lustig, indem sie sich als Oberleutnant Tejero verkleideten und Bars überfielen wie dieser zuvor den Reichstag.30

Innerhalb der Szene hatte sich schnell eine eigene Umgangssprache entwickelt, die neben der Gruppenbildung auch den Protest zum Ausdruck brachte. Diese spezielle Sprechweise war für Außenstehende schwer zu verstehen, denn viele Wörter bekamen eine neue Bedeutung und bezogen sich dann häufig auf den Drogenkonsum. Dies führte in der Movida zu einem großen Missverständnis: Bei der Eröffnung eines Musikfestivals begrüßte Tierno Galván die Gäste mit den Worten „[A] colocarse, y el que no esté colocado, que se coloque“, was im normalen Sprachgebrauch „Bitte Platz nehmen, und der, der noch keinen hat, suche sich einen“ bedeutet. Movida-Eingeweihte verstanden jedoch: „Der, der noch keine Drogen genommen hat, nehme welche“. Bis heute ist unklar, ob der Bürgermeister den Movida-Jargon kannte oder unwissend war.

Angehörige der bürgerlichen Sprachgemeinschaft versuchten sich diese Umgangssprache anzueignen, um ihre Wirkung dadurch abzuschwächen. Sobald Ausdrücke des eigentlichen Argots in die Standardsprache übernommen wurden, verloren sie ihre Bedeutsamkeit hinsichtlich der gruppeninternen Verständigung. Dies ist sowohl in der Movida als auch allgemein gültig.31

Der Drogenkonsum an sich kann nicht als Besonderheit dieser Zeit bezeichnet werden, da in vielen Subkulturen die „entspannende und bewusstseinserweiternde Wirkung von Drogen gesucht wurde“.32 Die Movida-Akteure bevorzugten jedoch die stimulierende Wirkung und waren sich der prägnanten Gefahr der Folgen des Konsums nicht ausreichend bewusst.

[...]


1 Madrid-uno, „ La Movida Madrile ñ a ” (2009)

2 ~ „Es ist kompliziert, von der Movida zu reden und sie denen zu erklären, die diese Jahre nicht miterlebt haben. Wir waren keine Generation; wir waren kein künstlerisches Werk; wir waren keine Gruppe mit einer konkreten Ideologie. Wir waren einfach ein Haufen von Leuten, die bei einem der brisantesten Momente des Landes mitgewirkt haben.“

3 Universalwörterbuch Spanisch 2005: 361

4 Vgl. Nolte 2009: 65

5 Vgl. Uni-Protokolle, „ Francisco Franco “

6 Vgl. DHM, „ Francisco Franco “

7 Vgl. fascho!, „ Franquismus - Spanien unter der Diktatur Francos “ (2007)

8 Vgl. Gimber 2003: 94

9 ebd.: 100

10 Vgl. Gimver 2003: 95f

11 Vgl. ebd.: 96f

12 Vgl. Uni-Protokolle, „ Francisco Franco “

13 Vgl. Gimber 2003: 111f

14 Bernecker 1998: 297

15 Pfetsch (Hrsg.) 1991: 121

16 Gimber 2003: 111

17 Dazu gehörten u.a. der Gewerkschaftsführer Marcelino Camacho und Jordi Pujol, der Präsident von Katalonien.

18 Vgl. Anarchismus, „ Schritte zum organisierten Widerstand “

19 Vgl. Gruner/Haeberli/Sieber 1979: 322

20 Webtec-Rose, „ Geschichte, La Movida “ (2004-2009)

21 Vgl. Gimber 2003: 111

22 Vgl. WhatMadrid, „ La Movida in Madrid “ (2007)

23 Caf é babel, „ Madrid war eine einzige Party “ (26.04.07)

24 Nolte 2009: 177

25 ~ Spaß, Vergnügen

26 Nolte 2009: 49

27 Vgl. Webtec-Rose, „ Geschichte, La Movida “ (2004-2009)

28 Simonis 2007: 175

29 Vgl. Nolte 2009: 55-58

30 Vgl. ebd.: 59f

31 Vgl. ebd.: 138-140

32 ebd.: 149

18 von 18 Seiten

Details

Titel
Wen und was bewegte die Movida?
Untertitel
Über ein kulturelles Phänomen der Transition
Hochschule
Gymnasium Ernestinum, Rinteln
Note
13 Punkte
Autor
Jahr
2009
Seiten
18
Katalognummer
V167106
ISBN (Buch)
9783640851942
Dateigröße
1240 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
movida, phänomen, transition, punkte
Arbeit zitieren
Alina Schulz (Autor), 2009, Wen und was bewegte die Movida?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/167106

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