Methodik zur Figurencharakterisierung in Kurzgeschichten

Transfer der Terminologien aus dem Drama zur Beschreibung der Struktur von hispanoamerikanischen Kurzgeschichten


Seminararbeit, 2008
15 Seiten, Note: 2,3

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Erläuterung der Schaubilder ( Abb. 1, S. 12 und Abb. 2 S.13) und der Problematik bei der Übertragung
2.1 Ebene der Figuren. Explizite Informationen
2.2 Ebene der Figuren. Implizite Informationen
2.3 Ebene der Erzählinstanz. Explizite Informationen
2.4 Ebene der Erzählinstanz. Implizite Informationen

3. Anwendung des Schaubilds „Cuento“ auf ein lateinamerikanisches „cuento“

4. Fazit

5. Abb. 1: Schaubild nach Pfister

6. Abb. 2: Schaubild „Cuento“

Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Harald Fricke und Rüdiger Zymner fassen unter Figurencharakterisierung „alle Informationen über eine fiktive Gestalt […], die ein Leser einem Erzähltext entnehmen kann und die als Merkmalbündel eine literarische Figur konstituieren“[1] zusammen und listen daraufhin eine Reihe von Charakterisierungstechniken mit Erläuterungen auf.

Manfred Pfister bedient sich zusätzlich zu der Erläuterung der Techniken zur Figurenanalyse noch der Form „eines Verzweigungsdiagramms […], um eine größere Übersichtlichkeit der Darstellung zu gewährleisten“[2].

Die Arbeit von Pfister bezieht sich allerdings nur auf das Drama und ist somit nicht auf die epische Literaturgattung des „cuentos“ anzuwenden, die Terminologien von Fricke/Zymner beziehen sich auf die Epik, ohne dass die Fachbegriffe visuell übersichtlich in ein Diagramm gefasst wurden.

Diese wissenschaftliche Hausarbeit wird sich damit beschäftigen, wie die Terminologien zur Figurencharakterisierung von Fricke/Zymner auf das Schaubild von Manfred Pfister bezüglich der Figurencharakterisierung zu übertragen sind, welche Probleme es dabei gab und welche Unterschiede zwischen den beiden Techniken zu finden sind.

Weiterhin wird die Tauglichkeit des neu erstellten Schaubilds „Cuento“ zur Figurencharakterisierung für die Kurzgeschichten anhand des lateinamerikanischen „cuentos“ „Cuando las mujeres quieren a los hombres“ von Rosario Ferré an einzelnen beispielhaften Aspekten gestestet, und erläutert, welchen Stellenwert die Figurenanalyse für die Interpretation und das Verständnis von Kurzgeschichten einnimmt und warum das ausgewählte Werk von Ferré für diese Erläuterungen einen beispielhaften Charakter hat.

2. Erläuterung der Schaubilder (Abb. 1, S. 12 und Abb. 2, S. 13 ) und der Problematik bei der Übertragung

Abbildung 1 zeigt das Schaubild von Manfred Pfister bezüglich der Techniken der Figurencharakterisierung in dramatischen Werken, welches in Abbildung 2 mit den Terminologien von Fricke/Zymner bezüglich epischer Texte modifiziert wurde.

Auffällig ist anfangs bei beiden Modellen die grundsätzliche Zweiteilung der Charakterisierung: bei Pfister in „figural“, welche voraussetzt, dass „die charakterisierende Information eine einzelne Figur zum Sender hat“[3] und in „auktorial“, welche voraussetzt, dass „sie [die charakterisierende Information] allein auf die Position des impliziten Autors als Aussageobjekt bezogen werden kann“[4]. Bei Fricke/Zymner findet die Zweiteilung in die „Ebene der Figuren“, in der „besonders ihrer Äußerungen und formulierten Gedanken“[5] Beachtung geschenkt wird, und in die „Ebene der Erzählinstanz“ statt.

Der maßgebliche Unterschied von Drama zu Epik ist hierbei die Benennung einer Erzählinstanz. In narrativen Werken liegt ein größerer Stellenwert auf einer erzählenden Instanz als im Drama, in dem ein größeres Augenmerk auf die Konversation zwischen den Figuren liegt.

Die nächste Ebene der „impliziten“ und „expliziten“ Informationen bedarf keiner weiteren Unterscheidung, da die Begriffe in beiden graphischen Darstellungen identisch gebraucht werden; in dem einen Fall als Beschreibung einer unausgesprochenen, enthaltenen Information (implizit), in dem anderen Fall als ausdrücklich ausgesprochene Information.

2.1 Ebene der Figuren. Explizite Informationen

Es wird nun zuerst der Teil „Ebene der Figuren“ à „Explizite Informationen“/ „figural“ à „explizit“ erläutert.

Pfister beschreibt diese Ebene als „durchgehend sprachlich“[6] und teilt die explizit-figurale Charakterisierungstechnik in „Eigenkommentar“, bei dem „eine Figur gleichzeitig Subjekt und Objekt der Informationsvergabe“[7] ist und die Figur „explizit ihr Selbstverständnis“[8] formuliert, und in „Fremdkommentar“, „in dem Subjekt und Objekt der Informationsvergabe nicht identisch sind“[9] und die Figur „explizit durch eine andere charakterisiert“[10] wird, auf.

Fricke/Zymner verwendet die Terminologien „Selbstthematisierung“, bei der eine Figur „in direkter oder auf Innensicht beruhenden Formen der Redewiedergabe“[11] charakterisiert wird, und „Fremdthematisierung“, bei der eine Figur „durch andere Figuren in direkten oder auf Innensicht beruhenden Formen der Redewiedergabe“[12] ebenfalls charakterisiert wird.

Auch hier findet man bei den Terminologien eindeutige Unterschiede von der Epik zum Drama.

„Eigenkommentar“ und „Selbstthematisierung“ bedeuten, genau wie „Fremdkommentar“ und „Fremdthematisierung“, eine analoge Vorgehensweise bei der Charakterisierungstechnik, die sich nur bei den Begrifflichkeiten unterscheiden.

Während sich Pfister der Fachausdrücke „Monolog“ und „Dialog“ bedient, welche nur bei einer darstellenden Literaturgattung zu verwenden sind, verwendet Fricke/Zymner die Umschreibungen „Direkte Formen der Redewiedergabe“ und „Indirekte Formen der Redewiedergabe“ für eine Beschreibung in einem narrativen Werk.

Pfister sieht die Realisierung eines „Eigenkommentars“ entweder in einem „Monolog“ oder in einem „Dialog“, bei denen jeweils ein „unterschiedlicher Status der Glaubwürdigkeit“[13] erlangt wird. Beim „Monolog“ kann ein „falsches und verzerrtes Selbstverständnis artikuliert“[14] werden und die Figur kann sich selbst bewusst ins falsche Licht rücken und zu einer „falschen Selbstdarstellung“[15] greifen.

Fricke/Zymner allerdings sieht die Realisierung seiner Selbstthematisierung entweder in einer „Direkten Form der Redewiedergabe“, welche ebenso einen Konversationspartner wie im „Dialog“ impliziert, oder als „Indirekte Form der Redewiedergabe“, also einer auf Innensicht beruhenden Ausdrucksform.

Den „Fremdkommentar“ realisiert Pfister differenzierter und genauer indem er noch einmal in Dialog und Monolog aufteilt, während Fricke/Zymner nur zwischen der „Abwesenheit“ und der „Anwesenheit der Figur“ unterscheidet und damit keinen Unterschied darin sieht, ob eine Figur durch eine andere alleine oder in Konversation mit anderen Figuren charakterisiert wird.

Diese Unterscheidung ist allerdings nicht zu missachten, da auch in einem „Fremdkommentar“ eine einzelne Figur möglicherweise ein äußerst subjektives und möglicherweise falsches Bild einer anderen Figur zu skizzieren versucht, sofern die Figur selber noch nicht in Erscheinung getreten ist. Dadurch entsteht beim Rezipienten eine subjektive Vorstellung der Figur, beeinflusst durch mögliche Sympathie oder Antipathie der beschreibenden Figur dem beschriebenen Subjekt gegenüber, da „der Rezipient, da er sich ja von der Figur selbst noch kein eigenes Bild machen konnte, nicht die Informationen verfügt, die es ihm erlauben würden, ihn hinreichend perspektivisch zu relativieren“[16]. Dieser Eindruck kann durch die Anwesenheit und die Beteiligung mehrerer Figuren am Sprechakt entweder durch Zustimmung verstärkt oder durch korrigierende und mäßigende Bemerkungen entkräftet werden. Daher habe ich mich entschieden, diese Terminologie von Pfister zu übernehmen und in das Schaubild mit einzubauen.

2.2 Ebene der Figuren. Implizite Informationen

Es wird nun der Teil „Ebene der Figuren“ à „Implizite Informationen“/ „figural“ à „implizit“ erläutert.

Pfister definiert die Charakterisierungsebene als „nur zum Teil sprachlich“[17], da sowohl auf Äußerlichkeiten und Verhalten, als auch auf Sprechart geachtet wird und unterteilt sie in „außersprachlich“ und „sprachlich“. Diese beiden Differenzierungen seien hier rasch skizziert.

Die „außersprachliche“ Ebene ist in die sechs Unterpunkte „Physiognomie und Mimik“, „Statur und Gestik“, „Maske und Kostüm“, „Requisit“, „Schauplatz“ und „Verhalten“ aufgeteilt.

Die „sprachliche“ Ebene wird ebenfalls in vier Teile unterteilt: „Stimmqualität“, „sprachliches Verhalten“, „Idiolekt/ Soziolekt/ Dialekt/ Register“ und „stilistische Textur“.

Fricke/Zymner unterteilt die „Impliziten Informationen“ nicht in „sprachlich“ und „außersprachlich“, sondern nimmt eine generelle Dreiteilung vor: der „Figuralstil“ beschreibt die „charakteristische Redeweise einer fiktiven Gestalt in direkter, bzw. auf Innensicht beruhender Redewiedergabe“[18], wie beispielsweise ein Dialekt, ein Sprachfehler oder häufig verwendete Ausdrücke. Die „Thematik“ wird als „charakteristische Bevorzugung bestimmter Inhalte der direkten oder auf Innensicht beruhenden Redewiedergabe“[19] definiert, also einer auffälligen wiederholten Wahl bestimmter Aspekte, die unter ein bestimmtes Thema zu fassen sind. Der „Beziehungsstil“ definiert sich als „charakterisierende Redeweise anderer Figuren über eine fiktive Gestalt in direkter, bzw. auf Innensicht beruhender Form der Redewiedergabe“[20]. Hier wird noch genauer differenziert, ob die charakterisierende Figur an- oder abwesend ist.

Die Problematik, die sich in diesem Fall bei der Abgrenzung der einzelnen Terminologien ergeben hat, ist der Unterschied zwischen „Fremdthematisierung“ und dem eben erläuterten „Beziehungsstil“. Zur genauen Unterscheidung gilt besonders ein Augenmerk darauf zu legen, dass die „Fremdthematisierung“ explizit charakterisiert, also ausdrücklich das Verhalten, den Charakter o. ä. der betreffenden Figur beschreibt, und der „Beziehungsstil“ auf der impliziten Ebene liegt, also nicht bewusst eine Figur beschreibt, sondern unbewusst beispielsweise durch die Art und Weise die Figur anzusprechen, sie zu siezen oder zu duzen oder einfach zu missachten, beschreibende Faktoren erzeugt.

[...]


[1] Fricke/Zymner, Einübung, 153.

[2] Pfister, Drama, 251.

[3] Pfister, Drama, 251.

[4] Ebd., 251.

[5] Fricke/Zymner, Einübung, 153.

[6] Pfister, Drama, 251.

[7] Ebd., 251.

[8] Ebd., 251.

[9] Pfister, Drama, 251.

[10] Ebd., 251.

[11] Fricke/Zymner, Einübung, 154.

[12] Ebd., Einübung, 154.

[13] Pfister, Drama, 251.

[14] Ebd., 251.

[15] Ebd., 252.

[16] Pfister, Drama, 253.

[17] Ebd., 257.

[18] Fricke/Zymner, Einübung, 156.

[19] Ebd., 156.

[20] Fricke/Zymner, Einübung, 156.

Ende der Leseprobe aus 15 Seiten

Details

Titel
Methodik zur Figurencharakterisierung in Kurzgeschichten
Untertitel
Transfer der Terminologien aus dem Drama zur Beschreibung der Struktur von hispanoamerikanischen Kurzgeschichten
Hochschule
Philipps-Universität Marburg  (Romanische Philologie)
Veranstaltung
Cuentos hispanoamericanos
Note
2,3
Autor
Jahr
2008
Seiten
15
Katalognummer
V167118
ISBN (eBook)
9783640834433
ISBN (Buch)
9783640834556
Dateigröße
522 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Methodik, cuentos, cuentos hispanoamerikanos, Figurencharakterisierung, Erzählinstanz, Explizite Informationen, Implizite Informationen, Terminologien, Figuren, Cuando las mujeres quieren a los hombres, Rosario Ferré
Arbeit zitieren
Carlos Steinebach (Autor), 2008, Methodik zur Figurencharakterisierung in Kurzgeschichten, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/167118

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