Johann Tetzel als Kontrahent Martin Luthers im frühen Ablassstreit


Seminararbeit, 2010
19 Seiten, Note: 1-

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

I. Einleitung

II. Hauptteil
1. Tetzels Werdegang von 1465 bis 1510
2. Der Petersablass
3. Luther reagiert – Der Brief an Erzbischof Albrecht und die 95 Thesen
4. Der publizistische Kampf zwischen Luther und Tetzel
4.1. Die Frankfurter Thesen
4.2. Luthers „Sermon von Ablass und Gnade“
4.3. Die „Vorlegung“ Johann Tetzels
4.4. Tetzels „Fünfzig positiones“
4.5. Luthers „Freiheit des Sermons päpstlichen Ablass und Gnade betreffend“
5. Tetzel in seinen letzten Lebensmonaten
5.1 Tetzel und Miltitz
5.2. Tetzels Tod

III. Fazit

IV. Literatur

I. Einleitung

Schlägt man die Allgemeine Deutsche Biographie[1] unter dem Stichwort „Johann Tetzel“ auf, macht sich ein wesentliches Problem dieser historischen Persönlichkeit bemerkbar: Die Literaturangaben am Ende des Artikels sind in zwei Hälften geteilt, die der katholischen und die der evangelischen Autoren.

Dies ist bezeichnend. Die Konfession des Historikers bleibt bis heute wichtig für die Bewertung des Ablasspredigers Johann Tetzel. Zunächst wurde er von evangelischer wie von katholischer Seite zu einem Sündenbock gemacht. Die reformatorische Geschichtsschreibung betrachtete ihn als ungebildeten, marktschreierischen Prediger, dem nur das Geld wichtig war, das der Ablass einbrachte und nicht etwa das Seelenheil der Menschen, zu denen er predigte.

Für die Katholiken war er ein „Schuldiger“ an dem Erfolg der reformatorischen Ideen Luthers. Später setzte sich jedoch auf katholischer Seite ein milderes Urteil durch, bisweilen kam man sogar zur positiven Bewertung des Johann Tetzel, was sicherlich auch seine Ursachen im Kulturkampf der beiden Konfessionen hatte. Von besonderer Bedeutung ist hier die Tetzel sehr freundlich gesinnte Biographie[2] des katholischen Historikers Nikolaus Paulus, die bis heute das Standardwerk ist, wenn man sich mit dem Leben und Wirken des Ablasspredigers beschäftigt.

Diese Arbeit soll die Rolle von Johann Tetzel im frühen Ablassstreit nach Bekanntwerden der „95 Thesen“ Martin Luthers im Zeitraum 1517/1518 bis zum Tod Tetzels 1519 behandeln. Hierbei soll auf seine Schriften und die jeweiligen Gegenschriften Luthers’ eingegangen werden.

Zunächst sollen jedoch einige Fragen zur Person selber geklärt werden. Von besonderer Wichtigkeit sind hier der akademische Werdegang Tetzels sowie seine Tätigkeiten als Ablassprediger von 1504 bis 1517. Zur Person Johann Tetzels sollen folgende Fragen im Mittelpunkt stehen: War er ein geistloser Marktschreier des Ablasses und ein willkommenes Opfer des intellektuell überlegenen Martin Luther? Oder ist es möglich, ein differenzierteres Bild Tetzels zu zeichnen?

II. Hauptteil

1. Tetzels Werdegang von 1465 bis 1510

Johann Tetzel wurde um das Jahr 1465 in Pirna geboren[3]. Über seine Eltern und seine Jugend lassen sich mangels Quellen keine sicheren Aussagen machen.

Erst mit Beginn seines Studiums haben wir näher Fassbares. Tetzel immatrikulierte sich im Wintersemester 1482/83 an der Universität Leipzig für das Studium der Theologie. 1487 erlangte er den akademischen Grad des Baccalaureus. Interessant ist die Frage, ob sein späterer Mitstreiter gegen Luther, Konrad Koch genannt Wimpina, der zu dieser Zeit erst Magister in Leipzig war, schon zu Tetzels Lehrern gehörte. Sicher kann man dies nicht belegen.

Wann Tetzel in den Dominikanerorden eintrat, ob schon 1480 oder erst nach dem Studium 1489, ist nicht sicher und ebenso wenig, ob er dies in Leipzig oder Pirna tat[4].

Für die Zeit zwischen 1487 und 1504 wissen wir über Tetzel nicht viel. Er wurde 1502 Prior von Glogau[5]. Ob er, wie manchmal behauptet, schon 1502 ein Ablassprediger des päpstlichen Legaten Raimund Peraudi war, ist nicht belegbar[6].

Von 1504 bis 1510 war Tetzel Prediger zweier von Papst Julius II. bewilligter Ablässe für den Deutschen Orden, der in Livland von den Russen bedroht war. In der ersten Phase (1504 bis 1506) predigte er in den Diözesen Merseburg und Naumburg. Über sein damaliges Wirken in Zwickau ist eine Anekdote aus der Feder des Johann Petreius überliefert, die dieser 1571 aufzeichnete[7]:

Die Kapläne, der Pfarrer und die Altaristen hätten ihn nach Ende seiner Ablasstätigkeit darauf angesprochen, dass sie vom Ablassgeld gar nichts erhalten hätten. Daraufhin erklärte Tetzel, er habe schon alles Geld eingepackt, aber er würde noch einen Tag bleiben und nochmals predigen. Bei dieser Predigt erzählte er den Leuten, er habe gehört, dass in der Nacht zuvor eine arme Seele auf dem Kirchhof erschienen sei und um Hilfe gefleht habe. Deshalb bleibe er noch einen Tag länger als ursprünglich geplant. Jeder solle nun ein Opfer, das heißt Geld, für die arme Seele geben. Wer dies jedoch nicht tue, der sei als Mann ein Ehebrecher und Hurer und als Frau eine Ehebrecherin oder Hure. Daraufhin seien die Menschen bestürzt gewesen und niemand habe als Ehebrecher/in oder Hure/r gelten wollen und sie gaben nochmals Geld. Dieses habe Tetzel dann einfach den Kirchenleuten von Zwickau geschenkt.

Diese Anekdote, immerhin erst 65 Jahre nach dem Ereignis aufgeschrieben, ist exemplarisch für das von Tetzel überlieferte Bild. Es zeigt uns einen schamlosen Lügner, der um des bloßen Profits willen den gutgläubigen Menschen Schauergeschichten erzählt. Natürlich handelt es sich bei dem Erzähler dieser Anekdote um einen Anhänger der Reformation.

Inwieweit dieses Bild von Tetzel tatsächlich der Realität entsprach, soll später behandelt werden[8].

Eine weitere Anekdote, die sich in Zwickau begeben haben soll, ist von ähnlicher Art[9]. Es wird erzählt, dass Tetzel den Tag eines unbekannten Heiligen wie einen großen Feiertag begehen ließ, damit er das Volk wieder zum Opfern aufrufen konnte. Dies tat er jedoch nur, damit der arme Küster ihn mit dem geopferten Geld zum Essen einladen konnte. Diese Anekdote scheint tatsächlich nicht historisch zu sein, sondern vielmehr protestantische Propaganda aus späterer Zeit.

Im Sommer 1507 predigte Tetzel in Köln, Aachen und Lüttich für einen neuen Ablass. Anfang 1508 ist er wieder in Sachsen als „allgemeiner Vizekomissar durch das Bistum zu Meißen“, wie er sich in einem Brief selber bezeichnete[10]. Tetzel predigte für den Ablass in Meißen, Freiberg, Annaberg, Dresden, Bautzen und Görlitz.

Vom Görlitzer Stadtschreiber Johannes Haß stammt ein zeitnahes Zeugnis über Tetzel aus den Annalen der Stadt vom August 1509. Mit keinem Wort wird Tetzel dort getadelt[11]. Es wird nur knapp und nüchtern über dessen Ablasspredigten berichtet.

1534, fast 25 Jahre später, schrieb Haß erneut über Johann Tetzel. Nun spricht er eine ganz andere Sprache, die wohl durch die Umbrüche der Reformation zu erklären ist. Haß wollte zeigen „wie und wann die lutherische Lehre ausgegangen[12] “, wie er in der Einleitung schreibt.

Tetzel wird zunächst recht positiv beschrieben.
Er „war seines Leibes ein großer starker Mann, seiner Sprache beredt und sehr kühn, ziemlich gelehrt [...][13]

Dass Haß in seinem Bericht von 1509 (scheinbar?) keinen Anstoß an Tetzels Ablasspredigten nahm, könnte sich daraus erklären, wie er 1534 schreibt, „daß sich alle Welt etwas dawider zu reden gescheut, wie denn die Zeit die Geistlichkeit und der Papst gefürchtet waren[14] “. Nun aber, als die Reformation in vollem Gange war, scheute sich Haß nicht mehr, Tetzel zu tadeln und tat dies mit drastischen Worten:

„Alle, die wider seine Predigt und den Ablaß redeten, diesen wollte er die Köpfe abreißen lassen und so blutig in die Hölle verstoßen, die Ketzer verbrennen lassen, daß der Rauch über die Mauern ausschlagen sollte und der torstigen und unzweiflich unchristlichen Worte und Meinungen überaus viele, wie die sagen, die ihn mehr, denn ich, gehört haben.[15]

Besonders die Erwähnung, dass er sich auf Personen beziehe, die Tetzel „mehr gehört“ hätten als er, ist merkwürdig. Man kann hieraus entweder schlussfolgern, dass der Stadtschreiber Tetzel damals nicht oder vielleicht nur wenige Mal in Görlitz gesehen hat, oder dass er sich schlicht der „neuen“ Beurteilung über den Ablass und den (eventuellen?) Übertreibungen anschließt. Nach Paulus[16] berichtet Haß schlicht über spätere Ablassvorgänge, die dieser selbst nicht als Augenzeuge sah. Auch dass Tetzel „zum Becken gegangen [sei] und seine Tasche voll Geldes“ gesteckt habe, verweist Paulus in den Bereich der Legende, da die Schlösser der Geldkiste nur vor Notar und Zeugen geöffnet werden durften[17].

Interessant ist, wie 1534 selbst ein katholischer Autor Tetzel beurteilte und ihn für das Auftreten Luthers gegen den Ablass verantwortlich machte:

„Solches Fürnehmen Bruder Tetzels und seine torstischen Predigten, daß er so frech und ums Geld willen die Indulgentien ausgenutzt, haben vielen Leuten übel gefallen, darum sie dawider geschrieben und gepredigt, sonderlich ein schwarzer Mönch [des] Augustinerordens zu Wittenberg, Martinus Luther genannt, ein fast (sehr) kühner, kühnerer und viel gelehrterer Mönch als Tetzel.[18]

In den Aufzeichnungen des Johannes Haß von 1534 treten auch die zwei berühmtesten Motive auf, die immer Erwähnung finden, wenn über Tetzel geschrieben wird. Das erste ist jenes, dass man selbst dann Vergebung der Sünden durch Kauf des Ablasses erhalte, wenn man die Mutter Gottes geschändet hätte, was Haß so formuliert: Tetzel „[...] wäre mehr denn die Mutter Gottes zur Vergebung und Erhaltung der Sünden.[19]

Das zweite Motiv, das immer wiederkehrt, ist der berühmte angebliche Ausspruch Johann Tetzels’, mit dem er jede Predigt eröffnet haben soll: „Sobald das Geld im Kasten klingt, die Seele in den Himmel springt!", was Haß so beschreibt: „Sobald der Pfennig ins Becken geworfen und klänge, sobald wäre die Seele, wofür er gelegt, gen Himmel[20] “.

Nachdem Tetzel um die Jahreswende 1509/10 in Straßburg als Ablassprediger auftrat, verliert sich seine Spur vollkommen für sechs Jahre[21].

2. Der Petersablass

Erst ab Ostern 1516 ist Johann Tetzel wieder historisch zu fassen, nun als Verkünder des Petersablasses im Bistum Meißen[22]. In dieser Funktion war Tetzel Subkomissar des päpstlichen Legaten Arcimboldi. Dieser Ablass, der bereits 1506 von Papst Julius II. ausgeschrieben worden war, aber erst unter seinem Nachfolger Leo X. gepredigt wurde, sollte den Bau der neuen Peterskirche in Rom mitfinanzieren.

Albrecht von Brandenburg, seit 1513 Erzbischof von Magdeburg und Administrator von Halberstadt, seit 1514 Erzbischof von Mainz, hatte Schulden bei den Fuggern. Er musste das sogenannte Palliengeld[23] an den Papst bezahlen für seine Ernennung zum Erzbischof von Mainz. Dieses hatte er sich bei den Fuggern geliehen. Um es zurückzahlen zu können, bat er Papst Leo X. um die Erlaubnis, den Petersablass in seinen Gebieten, das heißt in den Kirchenprovinzen Mainz und Magdeburg, dem Bistum Halberstadt und in Brandenburg betreiben zu dürfen[24]. Die eine Hälfte des Geldes sollte St. Peter zukommen, die andere sollte der Erzbischof behalten dürfen. Außerdem versprach Albrecht dem Papst eine sofortige Zahlung von 10.000 Golddukaten[25].

Der Erzbischof wurde für acht Jahre zum Ablasskomissar ernannt. Die Bedingungen für die Verkündigung legte Albrecht in der „Instructio summaria pro subcommissariis“ fest[26].

Diese Ablassinstruktion fand, nachdem er mit ihr bekannt geworden war, Luthers besondere Kritik.

Anfang 1517 wurde Johann Tetzel der Generalsubkommissar Albrechts und durchzog, den Petersablass verkündend, die Diözese Halberstadt, das Stift Magdeburg und erschien am 10. April 1517 in Jüterbog. Jüterbog gehörte weltlich zum Stift Magdeburg, kirchlich unterstand es aber dem Bischof von Brandenburg, weshalb die Ablassverkündigung dort erlaubt war[27].

Im nahen Wittenberg hörte Martin Luther von den Predigten Tetzels, zu denen auch viele der Wittenberger gingen, um den Ablass zu kaufen. Dies gilt als der eigentliche Auslöser der Beschäftigung Luthers mit dem Ablasswesen und schließlich seinen 95 Thesen.

[...]


[1] Brecher: Tetzel, in: ADB 37 (1894).

[2] Paulus, Nikolaus. Johann Tetzel der Ablaßprediger. Mainz 1899.

[3] Paulus S. 1. Wegen seiner Universitätsmatrikel nahm man auch Leipzig als Geburtsort an.

[4] Ebd., S.3. Zum Eintrittsjahr vgl. Seidel, Jürgen: Tetzel. In: BBKL Bd. XI (1996). Sp.725-726.

[5] Vgl. BBKL.

[6] Paulus, S. 7.

[7] Ablas Büchlein. Mühlhausen 1571. Bl. d 3 f. Originalzitat bei Paulus, S. 11-12, wird hier knapp paraphrasiert.

[8] Paulus, S. 10 hält die Anekdote für freie Erfindung und bezeichnet sie als „albern“.

[9] Paulus, S. 12.

[10] Ebd., S. 13.

[11] Vgl. Paulus, S. 15-16.

[12] J. Haß. Görlitzer Rathsannalen. Bd. I. Görlitz 1852. S. 5. In scriptores rerum Lusaticarum. Neue Folge. Bd. III. Zitiert nach Paulus, S. 16.

[13] Görlitzer Rathsannalen. Bd. III. Görlitz 1870. S. 6. In script. rer. Lus. Bd. IV. Zitiert nach Paulus, S. 16.

[14] Ebd.

[15] Ebd.

[16] Ebd., S. 17.

[17] Ebd.

[18] Ebd.

[19] Görlitzer Rathsannalen. Bd. III. Görlitz 1870. S. 6. In script. rer. Lus. Bd. IV. Zitiert nach Paulus, S. 16.

[20] Ebd.

[21] Vgl. Paulus, 23.

[22] Vgl. BBKL.

[23] Nach dem Pallium, dem vom Papst verliehenen Abzeichen des Bischofs, einer Art Stola, die um den Hals getragen wird.

[24] Paulus, S. 30.

[25] Ebd.

[26] Vollständiger Text in: DCL 1, S.254 ff.

[27] Paulus, S. 41.

Ende der Leseprobe aus 19 Seiten

Details

Titel
Johann Tetzel als Kontrahent Martin Luthers im frühen Ablassstreit
Hochschule
Philipps-Universität Marburg  (Seminar für Neuere Geschichte – Frühe Neuzeit)
Veranstaltung
Proseminar: Luthers „Thesenanschlag“ 1517 – Fakt oder Fiktion?
Note
1-
Autor
Jahr
2010
Seiten
19
Katalognummer
V167137
ISBN (eBook)
9783640835591
ISBN (Buch)
9783640835881
Dateigröße
466 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Johann Tetzel, Martin Luther, Ablass, Ablassstreit, 1517, 95 Thesen, Reformation
Arbeit zitieren
Martin Homburg (Autor), 2010, Johann Tetzel als Kontrahent Martin Luthers im frühen Ablassstreit, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/167137

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