Sprachpolitik der Französischen Revolution


Hausarbeit, 2010
20 Seiten, Note: 1,3

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Einleitung

1. Wesen der Sprachpolitik Frankreichs
1.1 Definition Sprachpolitik
1.2 Geschichtlicher Überblick
1.3 Bedeutung der Sprache für die Identität der Nation

2. Chacun n'a plus son patois
2.1 Bedeutung der Dialekte für die Sprachpolitik
2.2 Sprache als Pflicht
2.3 La terreur linguistique

3. Revolutionäre Veränderungen der Sprache
3.1 Eine neue Zeitrechnung
3.2 Veränderungen im Wortschatz

4. Schlussbetrachtung

5. Literaturverzeichnis

Einleitung

Mit der Revolution von 1789 veränderte sich das Wesen Frankreichs in politischer, rechtlicher und sprachlicher Weise grundlegend. Mit der Abschaffung des Ancien Régime und der darauf folgenden Absetzung des absolutistischen Monarchen Louis XVI wurden die Weichen für ein neues Rechtssystem und eine neue Staatsform gestellt. Ab 1791 war Frankreich konstitutionelle Monarchie und ab 1793, nach der Guillotinierung des Königs, wurde die nach dem Willen des Volkes agierende Republik ausgerufen (Citron 1992: 86). Am 26. August 1789 wurde von den Mitgliedern der Verfassungsgebenden Versammlung die Déclaration des Droits de l'Homme et du Citoyen verfasst und veröffentlicht. Angelehnt war diese an den englischen Habeas Corpus Act von 1679; welcher unter anderem festlegte, dass die Staatsgewalt auf Seiten gewählter Abgeordneter liegen soll und das Verbot einer Verhaftung ohne Beweise aufstellte; und an die US-amerikanische Declaration of Independance von 1776, in welcher unter anderem die Gleichheit aller Menschen niedergeschrieben wurde (ebd.: 87). In der französischen Erklärung der Menschen- und Bürgerrechte wurde, außer den bereits genannten Rechten, in Artikel drei außerdem festgesetzt, dass die gesamte Staatsgewalt von der Nation ausginge und diese somit über allen Gemeinschaften und Individuen stünde (Gorrara, Longford 2003: 24).

Um den Bürgern der neugegründeten Nation Ihre Rechte und Pflichten mitzuteilen und um ihnen die Chance zu geben, sich am politischen Geschehen beteiligen zu können, bedurfte es einer gemeinsamen Sprache, welche in Frankreich bis 1789 nicht vorhanden war. Noch am Anfang des 18. Jahrhunderts wurden mehr als 30 verschiedene Dialekte in Frankreich gesprochen und nur sehr wenige Bewohner waren des Französischen mächtig, der Sprache der Adligen und des ehemaligen Hofes (Leclerc12009). Um den unterschiedlichen Kulturkreisen der Nation eine gemeinsame Identität zu geben, die Ideen der Revolution zu verbreiten und nicht zuletzt um die französische Nation gegenüber anderen Staaten sprachlich abzugrenzen, wurde ab 1789 eine teilweise höchst aggressive Sprachpolitik betrieben.

Diese Arbeit beschäftigt sich mit den Mitteln und den Auswirkungen der Sprachpolitik im Zeitraum von 1789 bis 1799, vom Sturm auf die Bastille bis zur Machtergreifung Napoleons. Zuerst soll das Wesen von Sprachpolitik im Allgemeinen definiert und deren Geschichte in Frankreich bis zur Revolution skizziert werden, um dann die Bedeutung für die Bildung der französischen Nation näher zu beleuchten. Im zweiten Teil soll dargelegt werden, in welcher Beziehung die Dialekte zur neuen Identität der französischen Nation standen, und warum und wie sie bekämpft wurden. Weiterhin soll darauf eingegangen werden, mit welchen Mitteln die Sprache zur Pflicht für alle Franzosen erklärt wurde und wie sich die Sprachpolitik zum „terreur linguistique“ zuspitzte, mit welchem die systematische Vernichtung der Dialekte einherging. Im letzten Teil soll besonderes Augenmerk auf die Veränderungen in der französischen Sprache während der Revolution gelegt werden. Hierzu sollen zuerst einige der sprachlichen Neuerungen und Änderungen betrachtet werden, die nur eine relativ kurze Zeit Bestand hatten und dann jene, welche bis in die heutige Zeit erhalten geblieben sind. Die Summe der vorgebrachten Argumente soll zum Schluss einen Einblick in die französische Sprachpolitik einer der an politischen Veränderungen reichsten Jahrzehnte der europäischen Geschichte geben.

1. Wesen der Sprachpolitik Frankreichs

1.1 Definition Sprachpolitik

Sprachpolitik als solches wird von Christian Schmitt kurz als „zielgerichteter Eingriff in die Entwicklung von Sprachen“ beschrieben, die Gründe für eine Lenkung der Sprache durch eine spezielle Gesetzgebung seien in den meisten Fällen Macht und Prestige orientiert, die Ziele oftmals ideologischer und fast nie linguistischer Natur (1989: 354). Robert Cooper zählt zu den Ursachen von Sprachplanung, welche den in der Sprachpolitik getroffenen Entscheidungen zugrunde liegt, weiterhin: „national integration, political control, […] the creation of new elites or the maintenance of old ones“ (1996: 35). Da in den meisten Fällen ein bestimmter Dialekt oder die Sprachform einer bestimmten Bevölkerungsschicht – zum Beispiel die des Königs oder die der Revolutionäre – zum Standard erklärt wird, werden andere regionale Sprachen verdrängt oder sogar aktiv unterdrückt.

Dialekte werden durch solch ein Vorgehen leicht zu Minderheitensprachen, welche weniger anerkannt sind als die jeweilige Sprachform, die als Standard festgelegt wird. Als Standardsprache wird in dieser Arbeit die Dachsprache oder überregionale Form einer Sprache bezeichnet, welche vorwiegend in der „öffentliche[n], offizielle[n] und institutionelle[n] Kommunikation verwendet wird, schriftlich fixiert ist und eher von sozial höher gestellten Menschen gesprochen und geschrieben wird“ (Linke et al. 2004: 347). Allerdings muss auch festgehalten werden, dass eine gemäßigte Sprachpolitik durchaus positive Auswirkungen auf eine Sprache haben kann. Sie kann zur Überprüfung, Festsetzung und Erneuerung sprachlicher Regeln dienen und die Kommunikation innerhalb einer mehrsprachigen Gesellschaft überhaupt erst ermöglichen.

1.2 Geschichtlicher Überblick

Beispiele der französischen Sprachpolitik reichen bis ins 15. Jahrhundert zurück, obwohl schon 813 beim Konzil von Tours die Frühform des heutigen Französisch, die „rustica romana lingua“, neben dem Lateinischen in der kirchlichen Praxis anerkannt wurde (Schmitt 1989: 354-355). Im 13. Jahrhundert wurden Urkunden neben Latein auch auf Altfranzösisch verfasst, und mit der Zeit drang die französische Schriftsprache in viele Zweige des öffentlichen Lebens vor (ebd.). Gegen Ende des 15. Jahrhunderts veröffentlichte Louis XI den ersten Spracherlass in französischer Sprache, mit dem Ziel, dass im Land eine einheitliche Sprache gesprochen werden sollte (ebd.: 355-356). Mit der Zeit wurde die Sprache auch auf die Justiz ausgedehnt und ab 1535 wurden unter François I Strafverhandlungen entweder in Französisch oder der jeweiligen regionalen Mundart abgehalten (ebd.: 356). François I war es auch, welcher 1539 die Ordonnance de Villers-Cotterêts geltend machte, laut jener das Französische zur Sprache der Verwaltung und Justiz werden sollte, wobei nicht vollständig geklärt ist, ob damit das Lateinische oder auch die anderen Dialekte und Mundarten verboten worden waren (ebd.: 356-357). So wurde in Artikel 111 zwar festgelegt, dass alle juristischen und verwaltungstechnischen Vorhaben auf Französisch erfolgen sollten, jedoch wurde die Stellung der Dialekte nicht explizit aufgeführt:

Et pour ce que telles choses sont souvent advenues sur l’intelligence des mots latins contenus esdits arrests, nous voulons d’oresnavant que tous arrests, ensemble toutes autres procédures, soient de nos cours souveraines et autres subalternes et inférieures, soient de registres, enquestes, contrats, commissions, sentences, testaments, et autres quelconques, actes et exploicts de justice, ou qui en dépendent, soient prononcés, enregistrés et délivrés aux parties en langage maternel françois et non autrement. (zit. nach Leclerc22009)

Das 17. und 18. Jahrhundert war geprägt durch die Standardisierung der französischen Sprache und deren Durchsetzung in den Kolonien Frankreichs. Unter der Herrschaft Louis XIII wurde 1635 die Académie Française von Kardinal Richelieu gegründet (Schmitt 1989: 356). Deren Aufgabe bestand zunächst darin, ein extensives Wörterbuch und eine Grammatik der französischen Sprache zu erarbeiten, und später war das Ziel die Sprache zu vereinheitlichen, zu pflegen und vor anderssprachigen Einflüssen weitgehend zu schützen. War die Sprachpolitik bis ins 18. Jahrhundert eher im Hintergrund des politischen Geschehens, brachten die Umstürze der Revolution von 1789 eine steigenden Einfluss und damit eine Radikalisierung der Sprachpolitik mit sich.

1.3 Bedeutung der Sprache für die Identität der Nation

Die zu Beginn des 18. Jahrhunderts noch stark vertretenen Dialekte Frankreichs wurden in abwertender Weise auch als „patois“ bezeichnet, und deren Sprecher galten weithin als ungebildet und unkultiviert (Leclerc32009). Zu diesen Dialekten zählten zum Beispiel das Bretonische, das Normannische, das Provenzalische und das Baskische. Die Vielfalt an verschiedenen Dialekten, welche Frankreich zum "most linguistically plural state in western Europe" (Winchester, 1993: 227) machten, bedeutete auch, dass sich Sprecher unterschiedlicher Dialekte, vor allem bei großer geographischer Distanz, nicht ungehindert miteinander verständigen konnten. Außerdem waren die jeweiligen Regionen kulturell unterschiedlich geprägt und es existierte keine vereinende Identität aufgrund derer sich alle Bewohner des Landes als Franzosen (und nicht als Bretonen, Normannen, Provenzalen und Basken) fühlen konnten.

Vor 1789 beschrieb der Begriff Identität vor allem die Darstellung eines Landes als Ganzes, dessen Kulturen, Traditionen, Sprache(n) und Politik. Mit der Revolution wurde in Frankreich Identität hauptsächlich mit der Nation verknüpft, sowie mit dem Motto der Revolutionäre: „Liberté, Égalité, Fraternité“ und mit den Werten und Rechten der Déclaration des Droits de l'Homme et du Citoyen. Einen Teil dieser neuen Identität stellten die Grundrechte dar, aufgeführt im zweiten Artikel der Erklärung der Menschen- und Bürgerrechte: „Le but de toute association politique est la conservation des droits naturels et imprescriptibles de l’homme. Ces droits sont la liberté, la propriété, la sûreté et la résistance à l’oppression“ (zit. nach Gorrara 2003: 24). Die verschiedenen Kulturen und Traditionen sollten durch den gemeinsamen Glauben an die Nation und an die daran gebundenen Rechte vereint werden.

Auch dem Begriff Nation wurde mit der Revolution eine neue Bedeutung zuteil. Bis 1789 bezeichnete „Nation“ eine Gemeinschaft von Menschen gemeinsamer Herkunft, welche die gleiche Sprache und Kultur teilen (Winchester, 1993: 231). Im Zuge der Revolution wurde „Nation“ zu einem politischen Wort, die Bewohner Frankreichs wurden unter ihr vereint und sollten sich mit ihr identifizieren (ebd.). In der Nationalversammlung hatten die Bürger zum ersten Mal die Möglichkeit der politischen Mitbestimmung. Um in der Politik mitzuwirken, bedurfte es einer gemeinsamen Sprache, was als durchaus positive Folge für die Dialekt sprechende Bevölkerung ausgelegt wurde, und als Argument für die systematische Verdrängung und später Verfolgung der Dialekte diente. Allerdings gab es für die Bewohner der Provinzen kaum eine Chance nach Paris, dem Zentrum der Politik und des gesamten bedeutsamen öffentlichen Geschehens, zu kommen. Weil jene somit aus rein geographischen Gründen und nicht primär sprachlichen Gründen nach wie vor nicht ihre Meinung äußern konnten, verliert dieses Argument für eine gemeinsame Sprache bei näherer Betrachtung an Sinnhaftigkeit. Weiterhin war eine einheitliche Sprache, die von allen gesprochen und verstanden wurde von Vorteil um die Ideen der Revolutionäre in der Nation zu verbreiten und ihre Position zu sichern.

[...]

Ende der Leseprobe aus 20 Seiten

Details

Titel
Sprachpolitik der Französischen Revolution
Hochschule
Universität Leipzig  (Institut für Romanistik)
Note
1,3
Autor
Jahr
2010
Seiten
20
Katalognummer
V167150
ISBN (eBook)
9783640835621
ISBN (Buch)
9783640835836
Dateigröße
459 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Französische Revolution, Sprachpolitik in Frankreich, Normen des Französischen, Sprache und Macht
Arbeit zitieren
Christina Münzner (Autor), 2010, Sprachpolitik der Französischen Revolution, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/167150

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