Anfang des 20. Jahrhunderts kommt es in Europa zu einem Bruch mit den Werten und Idealen des 19. Jahrhunderts. Das traditionelle Bild eines individuellen Menschen als einer Konstante in der Welt, als permanent in der Geschichte, bricht zusammen und mit ihm alle auf diesen Menschen ausgerichteten Wertvorstellungen.1 Stattdessen treten Fragen der menschlichen Existenz in den Mittelpunkt, welche Existenzphilosophen wie Sartre oder Camus – um die wichtigsten Vertreter des französischen Existenzialismus zu nennen – verschiedenartig zu beantworten versuchen.
Auch der oft als Frühexistenzialist bezeichnete André Malraux, seinerseits Schriftsteller und Politiker, beschäftigte sich in seinen Werken häufig mit Fragen zur Position des Menschen in der Welt und in der Geschichte sowie zum Sinn der menschlichen Existenz im Hinblick auf den alles beendenden Tod des Menschen. Schlüsselbegriffe sind dabei absurdité, mort und solitude. Diese machen – grob gesagt - die Lage des Menschen aus, welche als condition humaine bezeichnet wird und mit der der Mensch unerbittlich zu kämpfen hat.
Doch was genau steckt nach Malraux hinter diesen theoretisch eigentlich kaum fassbaren Gedanken und wie werden sie in seinen Werken umgesetzt, um sie für den Leser auch fühlbar zu machen?
Die vorliegende Arbeit möchte versuchen, eine Antwort auf diese Fragen zu finden. Zu diesem Zweck sollen die Begriffe mort, absurdité und solitude erst einmal jeder für sich untersucht werden, um einen allgemeinen Überblick über die Denkweise Malraux’ zu gewinnen. Anschließend wird ihre Darstellung insbesondere im Werk La voie royale am Symbol des Dschungels untersucht, mittels welchem Malraux in vielfältiger Weise Bilder von ausgesprochen hoher suggestiver Kraft zeichnet, um jene Leitgedanken von einer theoretischen auf eine literarische Ebene zu führen und sie somit erlebbar zu machen. Nach einer allgemeinen Zusammenfassung der für die literarische Darstellung eigenen Merkmale möchte ich diese mit der Umsetzung der drei Schlüsselbegriffe in La condition humaine2 vergleichen, um den Horizont hinsichtlich Malraux’ literarischem Schaffen noch zu erweitern. Dabei beschränke ich mich allerdings neben allgemeinen Gesichtspunkten auf die Umsetzung der solitude in beiden Werken, um den Rahmen dieser Arbeit nicht zu sprengen. Zusammenfassende Gesichtspunkte finden sich schließlich im Fazit.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Die Begriffe Tod – Absurdität – Einsamkeit nach Malraux
2.1. Der Tod – la mort
2.2. Die Absurdität – l’absurdité
2.3. Einsamkeit – la solitude
3. Der Dschungel als Symbol am Werkbeispiel La voie royale
3.1. Der Dschungel als Symbol für Absurdität und Tod
3.2. Der Dschungel als Symbol für Einsamkeit
3.3. Zusammenfassung: Der Dschungel als Symbol
4. Vergleich der Motive mit La condition humaine
5. Fazit
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht die zentralen Schlüsselbegriffe Tod, Absurdität und Einsamkeit im literarischen Schaffen von André Malraux, mit einem besonderen Fokus auf deren symbolische Darstellung durch das Bild des Dschungels im Roman La voie royale. Die Forschungsfrage zielt darauf ab, wie diese theoretisch komplexen existenziellen Konzepte durch suggestive Bildsprache für den Leser erlebbar gemacht werden und wie sie im Vergleich zum Werk La condition humaine interpretiert werden können.
- Analyse der Begriffe Tod, Absurdität und Einsamkeit im Denken Malraux'
- Untersuchung des Dschungels als zentrales Symbol in La voie royale
- Darstellung der existenziellen Grenzsituationen des Menschen
- Vergleich der motivischen Umsetzung in La voie royale und La condition humaine
- Erörterung der Rolle von Abenteuer und Erotik als Bewältigungsstrategien
Auszug aus dem Buch
3.1. Der Dschungel als Symbol für Absurdität und Tod
Beschreibt Malraux in La voie royale den Dschungel, so evoziert er fortwährend Bilder des Abgestorbenen, Hässlichen, Vergifteten und Verwesenden. Durch naturalistische Ausdrücke, wie zum Beispiel « les plantes voraces », « une force de cadavre » (beide VR, S.95), « [les] feuilles mi-visqueuses», «la mousse à l’odeur de pourriture » (beide VR, S. 85), « l’étouffante gangrène de la forêt » (VR, S. 108) etc., stellt er fortwährend eine Atmosphäre des Dekadenten, Ekelerregenden dar. Die Äste des Gestrüpps sind bedeckt mit geronnenem Morast, Claude ist wie betäubt vom Gestank des Dschungels, von dem abgestandenen, in der Sonne trocknenden Schaum und von der schleimigen Gegenwart amphibischer, schlammfarbener Kreaturen, die an den Ästen kleben. (VR, S.58f.). Die beschriebenen abscheulichen Zersetzungs- und Fäulnisprozesse werden mit Sterben und Tod assoziiert; sie zwingen den Menschen, sich mit seinem eigenen Altern, seiner Vergänglichkeit und der fortwährenden Bedrohung der menschlichen Existenz durch den Tod zu befassen.
Auch die Eingeborenen als Teil des Dschungels bedrohen das Leben von Perken, Claude und Grabot. Der Stamm der Mois wird als « néant menaçant » (VR, S. 159) bezeichnet, d.h. als das Nichts im Sinne von Absenz alles Menschlichen. Hier manifestiert sich das bereits mehrfach erwähnte Unmenschliche, dass gegen den Menschen arbeitet und in dem dieser Gefahr läuft, zu versinken.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Einführung in die existenziellen Fragestellungen bei Malraux und Zielsetzung der Untersuchung hinsichtlich der Symbolik in La voie royale.
2. Die Begriffe Tod – Absurdität – Einsamkeit nach Malraux: Theoretische Herleitung der drei Schlüsselbegriffe, die das menschliche Dasein bei Malraux bestimmen.
2.1. Der Tod – la mort: Untersuchung des Todesbegriffs als allgegenwärtige Bedrohung, die mit Sinnlosigkeit und Einsamkeit verknüpft ist.
2.2. Die Absurdität – l’absurdité: Analyse der Diskrepanz zwischen menschlichem Anspruch und der unbegreiflichen, feindseligen Realität der Welt.
2.3. Einsamkeit – la solitude: Differenzierung zwischen äußerer Isolation und ontischer, metaphysischer Einsamkeit im Werk Malraux'.
3. Der Dschungel als Symbol am Werkbeispiel La voie royale: Analyse der Naturbeschreibung als Mittel zur Darstellung existenzieller Zustände.
3.1. Der Dschungel als Symbol für Absurdität und Tod: Interpretation des Dschungels als räumliche Manifestation von Verwesung, Bedrohung und menschlicher Ohnmacht.
3.2. Der Dschungel als Symbol für Einsamkeit: Betrachtung des Waldes als Raum, der die soziale Trennung und das metaphysische Verlorensein unterstreicht.
3.3. Zusammenfassung: Der Dschungel als Symbol: Abschließende Synthese der Dschungelsymbolik als Darstellung des Kampfes gegen eine feindliche Welt.
4. Vergleich der Motive mit La condition humaine: Gegenüberstellung der Motive in La voie royale und La condition humaine unter Berücksichtigung des politischen Kontextes.
5. Fazit: Zusammenfassende Beantwortung der Ausgangsfragen und Resümee über Malraux' literarische Technik.
Schlüsselwörter
André Malraux, La voie royale, La condition humaine, Existenzialismus, Tod, Absurdität, Einsamkeit, Dschungelsymbolik, condition humaine, Grenzsituation, Lebenssinn, Entfremdung, Naturdarstellung, Literaturanalyse, Französische Literatur
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in der Arbeit grundlegend?
Die Arbeit befasst sich mit dem existenziellen Denken von André Malraux und untersucht, wie der Autor philosophische Kernkonzepte wie den Tod, die Absurdität und die Einsamkeit mittels symbolischer Naturbeschreibungen in seinen Romanen, insbesondere in La voie royale, literarisch gestaltet.
Welche zentralen Themenfelder werden behandelt?
Die zentralen Themen sind die Stellung des Menschen in der Welt, die Unausweichlichkeit des Todes, das Gefühl der Sinnlosigkeit sowie der Versuch, diese durch Abenteuer, Erotik oder den menschlichen Willen zur Gestaltung zu überwinden.
Was ist das primäre Ziel der Arbeit?
Das Ziel ist es, aufzuzeigen, wie Malraux abstrakte, theoretische Gedanken durch eine suggestive Bildsprache – hier exemplarisch am Symbol des Dschungels – für den Leser fühlbar und erlebbar macht.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es wird eine literaturwissenschaftliche Analyse durchgeführt, die begriffliche Grundlagen (Existenzphilosophie) mit einer detaillierten Textanalyse verbindet und einen komparativen Blick auf zwei Hauptwerke von Malraux wirft.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in eine theoretische Einführung der Schlüsselbegriffe sowie eine intensive Untersuchung des Dschungels als Symbol für Tod, Absurdität und Einsamkeit, ergänzt durch einen Vergleich mit La condition humaine.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die wichtigsten Schlagworte sind André Malraux, Existenzialismus, Tod, Absurdität, Einsamkeit sowie die spezifische Symbolik des Dschungels als Ausdruck für die condition humaine.
Welche Bedeutung hat der Dschungel als Gefängnis?
Der Dschungel fungiert als Metapher für die Gefangenschaft des Menschen im Schicksal und im eigenen Körper; er schließt die Protagonisten ein und macht ein Entkommen aus der existenziellen Not unmöglich.
Warum spielt die Nacht in Malraux' Werk eine besondere Rolle?
Die Nacht dient häufig als Verstärker für absolute Einsamkeit und Hoffnungslosigkeit, da sie die Menschen von der Vernunft abschneidet und die Konfrontation mit der eigenen Endlichkeit und der Absurdität der Welt verschärft.
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- Elisa Schneider (Author), 2009, Absurdität, Einsamkeit und Tod bei Malraux, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/167159