Novellistische Charakteristika in Anna Seghers „Der Ausflug der toten Mädchen“


Essay, 2009
5 Seiten, Note: 1,7

Leseprobe

Novellistische Charakteristika in Anna Seghers „Der Ausflug der toten Mädchen“

Anna Seghers Werk „Der Ausflug der toten Mädchen“ ist eine 1943 im mexikanischen Exil entstandene retrospektive Erzählung über die Schulzeit des lyrischen Ich, in der prophetisch die Schicksale seiner Klassenkameradinnen in der darauf folgenden Zeit des Nationalsozialismus beschrieben werden.

Hugo Aust beschreibt Seghers Erzählung als „Exilnovelle“[1], die „eine der wenigen Geschichten von Anna Seghers [ist], die nach dem Maß der strengen Gattungsformen eine ‚novellistische Struktur’ besitzt“[2]. Mackensen setzt sich dagegen mit der Definition einer Novelle durch Charakteristika kritisch auseinander und bemerkt, dass es „für den Novellendichter keine bindenden Vorschriften“[3] gebe und somit eine „reine Form hier unerreichbar“[4] sei. Die Novelle könne nur als „Erzählung mittlerer Länge[5] definiert werden. Dieses formale Merkmal wird auch in anderen Aufsätzen[6] als maßgeblich angeführt und ist somit ein Kriterium, welches „Der Ausflug der toten Mädchen“ erfüllt, da es eine überschaubare Länge von 31 Seiten (Taschenbuchformat) umfasst. Nach Aust soll die Lesezeit „zwischen 5 Minuten und einer Stunde“[7] betragen. Dies trifft auf das zu untersuchende Werk zu.

Schon zu Anfang des Werkes bestätigt sich ein Kriterium von Mackensen, welcher er als „ Wirklichkeitsnähe[8] beschreibt und folgendermaßen erläutert: „das Bestreben […], den Leser so schnell und umweglos wie möglich in die Geschehnisse hineinzuführen; daher der Verzicht auf Beschreibung, Erörterung und Milieuschilderung“[9]. Seghers Beginn der Novelle ist so abrupt, wie Mackensen ihn beschrieben hat: der Leser wird unmittelbar mit einer wörtlichen Rede konfrontiert, zu der er keinen weiteren erklärenden Kontext kennt: „‚Nein, von viel weiter her. Aus Europa.’“[10].

Ein weiterer wichtiger Aspekt ist die stoffliche und inhaltliche Aktualität einer Novelle: Sie müsse eine „Realismus-Bedeutung“[11] und „zeitgenössische Aktualität“[12] haben. Im Falle von Seghers Novelle handelt die Erzählung von der negativen Einwirkung des Nationalsozialismus auf die Biographien von Kindern. Verfasst wurde das Werk 1943, also noch während des Zweiten Weltkriegs und besitzt demnach unbestreitbar Aktualität.

Aust führt ebenso den sozial geprägten Gesichtspunkt der „ Geselligkeit[13] an. Dieser zielt darauf ab, „den normativen Bestand einer Gemeinschaft“[14] anzuzeigen, bzw. zu konstituieren.[15] Die Thematik müsse daher die unmittelbaren Missstände oder die aktuellen positiven Entwicklungen der Gesellschaft aufzeigen, welche sie demnach entweder kritisiere oder unter diesem besonderen Aspekt charakterisiere. Der Grund für diesen Aspekt ist die „Herkunft der Novelle aus dem Gespräch“[16], welches auf „Sozialität“[17] und der Thematisierung von Sujets allgemeinen Interesses impliziert, jedoch gleichzeitig nicht das Alltägliche, sondern eine ungewöhnliche Situation beschreibt, damit es von Interesse ist. Die Auswirkungen des Nationalsozialismus in Deutschland waren zur Zeit Seghers die prägendsten und maßgeblichsten Entwicklungen. Kritisch zeigt sie daher einen gesellschaftlichen Missstand anhand eines konkreten Beispiels auf, welches von Aust als „Vision einer ganzen Klassen-Biographie im Rahmen der ausbrechenden >Pest<“[18] beschrieben wird.

Doch eine Novelle soll nicht als historische Dokumentation verstanden werden, sondern ist in besonderem Maße durch die Sprache definiert, die „ihrerseits nicht etwa bloß >dokumentiert<, sondern ausdrücklich >gestaltet<“[19]. Wolfgang Rath beschreibt die Verwendung der Sprache als „Artistik des Erzählens unter Anwendung hergebrachter Technik“[20], Mackensen charakterisiert die Erzählweise aufgrund „der Fülle ihrer Bilder, ihrer abwechslungsreich beschreibenden Wörter, ihrer eigenwilligen Aussagen […] [als] gesteigerte Erzählkunst“[21]. In einer zeitgenössischen Rezension im Anhang des Primärwerkes, wird der Schreibstil von Anna Seghers dahingehend charakterisiert, dass er „eine Menge Details, eine Fülle von Einzelzügen und kleinen Dialogen“[22] enthalte. Deutlich werden die Details und Beschreibungen beispielsweise in dieser Passage:

„Wir drei sahen umarmt stromaufwärts. Die schräge Nachmittagssonne auf den Hügeln und Weinbergen plusterte da und dort die weißen und rosa Obstblütenbäume. Im späten Sonnenschein glänzten ein paar Fenster wie in einer Feuersbrunst. Die Dörfer schienen zu wachsen, je näher man kam, und, wenn man sie kaum gestreift hatte, zusammenzuschrumpfen. Das war der angeborene Wunsch nach Fahrt, den man nie stillen kann, weil man alles nur im Vorbeifahren streift.“[23]

Gut erkennbar sind hier die bildhafte Sprache und der bedeutungstragende Abschluss in Form eines Satzes, der von der expliziten Situation aus vermeintlich auf die ganze Gesellschaft übertragen wird.

Daher ist nicht nur die künstlerische Verwendung der Sprache allein ein maßgebliches Kriterium, sondern ebenfalls was mit der Sprache ausgesagt oder bewirkt werden soll, was also die „ Absicht[24] des Erzählers in der Novelle ist. Aust erläutert, dass diese Aspekte vielfältig sein können und von Erzähler zu Erzähler variieren, sich jedoch oftmals gängige Absichten finden ließen: „das Belehren und Unterhalten […], das Retten und Heilen, die Beichte und das Geständnis.“[25] Nach meiner Ansicht ist Anna Seghers Novelle ein Konglomerat aus verschiedenen Absichten: auf der einen Seite ist die Erzählung eine Verarbeitung ihrer persönlichen Erfahrungen aus der Zeit des Nationalsozialismus und kann daher in Teilen als autobiographisch aufgefasst werden; man könnte also eine rettende und heilende Absicht dahinter sehen, da die Autorin ihre Vergangenheit aufarbeitet und damit großes Identifikationspotenzial für andere Opfer dieser Zeit bietet. Auf der anderen Seite kann man die meist negative Entwicklung der Mädchen, die Seghers prophetisch und in Retrospektive skizziert, als eine massive Kritik am damals herrschenden Regime und damit als eine Belehrung für nachfolgende Generationen ansehen. Deutlich wird der starke Einfluss der Ideologie und des Antisemitismus auf die Biographie der Mädchen in der Freundschaft Mariannes und Lenis:

„Wie konnte dann später ein Betrug, ein Wahn in ihre Gedanken eindringen, dass sie und ihr Mann allein die Liebe zu diesem Land gepachtet hätten und deshalb mit gutem Recht das Mädchen, an das sie sich jetzt lehnte, verachteten und anzeigten.“[26]

Seghers Novelle hat also auch einen belehrenden Charakter, in dem sie die Konsequenzen der Entwicklung einer Gesellschaft zu einem nationalsozialistischen Regime aufzeigt und damit implizit erreichen möchte, dass sich solches nicht wiederhole.

[...]


[1] Aust, 42006, 179.

[2] Ebd., 180.

[3] Mackensen, 1979, 391.

[4] Ebd., 391.

[5] Ebd., 391.

[6] Vgl. Aust, 42006, 8.

[7] Ebd., 8.

[8] Mackensen, 1979. S. 406.

[9] Mackensen, 1979. S. 406.

[10] Seghers, 2009. S. 7.

[11] Aust, 42006. S. 11.

[12] Ebd., 9.

[13] Ebd., 3.

[14] Ebd., 3.

[15] Ebd., 3.

[16] Ebd., 3.

[17] Ebd., 3.

[18] Ebd., 180.

[19] Aust, 42006. S. 5.

[20] Rath, 2000. S. 15.

[21] Mackensen, 1979. S. 403.

[22] Seghers, 2009. S. 137. (Rezension der „National Zeitung“ aus Basel, im September 1946)

[23] Ebd., 29-30.

[24] Aust, 42006. S. 4.

[25] Ebd., 4.

[26] Seghers, 2009. S. 30-31.

Ende der Leseprobe aus 5 Seiten

Details

Titel
Novellistische Charakteristika in Anna Seghers „Der Ausflug der toten Mädchen“
Hochschule
Philipps-Universität Marburg  (Neuere Deutsche Literatur)
Veranstaltung
Novellistisches Erzählen (1800-1980)
Note
1,7
Autor
Jahr
2009
Seiten
5
Katalognummer
V167191
ISBN (eBook)
9783640836628
Dateigröße
419 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Länge, Wirklichkeitsnähe, Aktualität, Geselligkeit, Sprache, Absicht, Singularität, Anna Seghers, Der Ausflug der toten Mädchen, Novelle, Novellistische Charakteristika
Arbeit zitieren
Carlos Steinebach (Autor), 2009, Novellistische Charakteristika in Anna Seghers „Der Ausflug der toten Mädchen“, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/167191

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