Erinnerung und Identität in frühen Erzählungen Heinrich Manns


Magisterarbeit, 2006

90 Seiten, Note: 1,00


Leseprobe

INHALTSVERZEICHNIS

1. EINLEITUNG

2. WISSENSCHAFTSHISTORISCHER KONTEXT
2.1 Die experimentelle Erforschung des Unbewussten
2.1.1 Wilhelm Wundt: Theorie der Sinneswahrnehmung
2.1.2 Wilhelm Wundt: Erinnerungsvorgänge
2.2 Die klinische Erforschung des Unbewussten
2.2.1 Pierre Janet: L’état mental des Hystériques
2.2.2 Pierre Janet: L’Automatisme Psychologique
2.2.3 Josef Breuer/ Sigmund Freud: Studien über Hysterie
2.2.4 Max Dessoir: Das Doppel-Ich
2.3 Die Psychologie des Unbewussten in der Literaturwissenschaft
2.3.1 Hermann Bahr: Die neue Psychologie
2.3.2 Hermann Bahr: Die Überwindung des Naturalismus und Heinrich Mann: Neue Romantik

3. ANALYSE
3.1 Eine Erinnerung (1894) – Erinnerungsbewältigung
3.2 Ist sie’s? (1894 ) und Das Stelldichein (1897) Wahrnehmung, Erinnerung,
Imagination
3.3 Die Gemme (1896) Verwirrspiel von Identitäten
3.4 Contessina (1894) – Erinnerungsbewahrung durch Verweigerung der Gegenwart
3.5 Geschichten aus Rocca de’ Fichi (1896) – Person und pathologischer Zustand als
Erinnerungsbewahrung
3.6 Das gestohlene Dokument (1896) – Identitätsgebung durch pathologischen Selbstbezug

4. ERGEBNIS

LITERATURVERZEICHNIS

1. EINLEITUNG

Der Siegeszug der Naturwissenschaften im 19. Jahrhundert wirkte sich auch auf das geistige Leben aus. Literatur und Poetik waren vom naturwissenschaftlichen Denken beeinflusst. In den achtziger Jahren kam in der Literatur wie in der Wissenschaft ein starkes Interesse an Psychologie, insbesondere Psychopathologie auf. Die Schriftsteller verwendeten psychiatrische Quellen, es kam zu einer Literarisierung der Psychologie.

Diese Aufnahme des wissenschaftlichen, insbesondere des psychologischen Diskurses, der sich in den achtziger und neunziger Jahren zwischen der experimentellen Psychologie und einer im Werden begriffenen Psychoanalyse bewegte, in den ästhetischen soll in Erzählungen aus Heinrich Manns Frühwerk von 1894-97 untersucht werden. Leitend dabei sind die Themen Erinnerung und Identität.

Zunächst wird ein wissenschaftshistorischer Kontext hergestellt durch Texte aus der experimentellen und klinischen Forschung, die sich mit dem Unbewussten, dem Bewusstsein, der Erinnerung oder der Wahrnehmung beschäftigen. Wissenschaftsgeschichte und Erzählungen Heinrich Manns sollen anschließend in einer Analyse aufeinander bezogen werden. Es wird untersucht, wie Heinrich Mann die Wissenschaft aufgenommen und verarbeitet hat, wie die Wissenschaft in den Erzählungen integriert ist. Wesentlich ist dabei die Frage, welche Konsequenzen das Zusammenwirken von Psychologie und Literatur auf literarische Techniken hat. Um mögliche poetologische Entwicklungen herauszuarbeiten, folgt die Untersuchung weitgehend der chronologischen Reihenfolge der Erzählungen.[1]

2. WISSENSCHAFTSHISTORISCHER KONTEXT

2.1 Die experimentelle Erforschung des Unbewussten

2.1.1 Wilhelm Wundt: Theorie der Sinneswahrnehmung

W. Wundt beschreibt in seiner Theorie der Sinneswahrnehmung[2] den Wahrnehmungsprozess, das Denken und das Bewusstsein.

Zunächst unterscheidet er den unbewussten Wahrnehmungsprozess, von dem nur die Resultate ins Bewusstsein gelangen, und das bewusste Denken. Wahrnehmungen setzen sich zusammen aus wieder anderen. Eine Wahrnehmung ist das Resultat von Schlüssen, also eines logischen Prozesses. Wundt sieht zwischen unbewusster Wahrnehmung und bewusstem Denken einen „continuirliche[n] Uebergang“, zwischen Bewusstsein und Unbewusstsein gibt es keine scharfe Grenze. Der Übergang zwischen beiden ist das Bewusstwerden. Bewusstwerden liegt als Übergang teils im Unbewussten, teils aber auch im Bewussten. Da die unbewussten Akte, wie Wundt nachweist, durch logische Entwicklung entstehen,[3] „ist gezeigt, dass es nicht blos ein bewusstes, sondern auch ein unbewusstes Denken giebt.“[4]

Der unbewusste Wahrnehmungsprozess ist ein „induktorischer“ Prozess, der aus vielen einzelnen Wahrnehmungsprozessen besteht. Am Anfang stehen die Sinnesempfindungen. Hinzu kommen verschiedene Erkenntniselemente. Viele einzelne Induktionen treffen zusammen und verstärken oder schwächen sich. Aber auch alle vorhandenen Erfahrungen oder durch frühere Induktionen gefundene Gesetze beeinflussen den Prozess. Jede Induktion ist so quasi eine „Verallgemeinerung aus der Erfahrung“.[5] Nur indem viele solcher Elemente einander stützen, erhält das Resultat des Wahrnehmungsprozesses seine Glaubwürdigkeit.[6]

Wundt beschreibt den zwischen Unbewusstem und Bewussten übergehenden Wahrnehmungsprozess genauer. Im ersten, noch unbewussten Akt der Wahrnehmung findet eine Verknüpfung von Empfindungen statt, die „Colligation“, die nur auf Grund von Häufigkeit geschieht, so dass die miteinander verknüpften Empfindungsreihen beziehungslos nebeneinander stehen. Ihre Synthese oder Verschmelzung erfolgt im zweiten Akt, und zwar durch einen von außen kommenden Anstoß. Das Produkt der Synthese ist die Wahrnehmung. Dieser umständliche Prozess wird aber zumeist abgekürzt durch den Akt der „Analogie“. Die Wahrnehmungen können direkt aus den Empfindungen entstehen, indem aus einigen schon einmal zusammentreffenden Bedingungen sofort auf die gleiche Wahrnehmung geschlossen wird, also die Analogie aller Bedingungen.[7]

Gleichwohl ist die Wahrnehmung noch unbewusst. Kommt sie ins Bewusstsein, wird sie zur Vorstellung. Es ist jedoch „kaum möglich, das bewusste Seelenleben von der Unbewusstheit in allen Fällen mit Sicherheit zu unterscheiden“, denn im Bewusstsein gibt es klare und unklare Vorstellungen; von dem was unklar ist, ist man aber nicht sicher, ob es auch bewusst ist.[8] Das Bewusstsein ist etwas, das sich erst heraus bilden muss und nicht von vorneherein gegeben ist. Es bildet sich heraus aus der Empfindung und Wahrnehmung. Der Prozess zur Bildung des Bewusstseins ist der gleiche logische Prozess wie beim Wahrnehmungsprozess. Das Bewusstsein entsteht aus einem Schlussprozess, ist also das Endresultat einer Reihe von Schlüssen. Diese müssen so unbewusst sein. Bewusstseinsbildung ist „der letzte und höchste Wahrnehmungsakt, der die Scheidegrenze bildet zwischen dem unbewussten Wahrnehmungsleben und dem bewussten Vorstellungsleben.“[9] Nachdem sich ein Bewusstsein gebildet hat, können die Empfindungen und Wahrnehmungen aus dem Unbewussten ins Bewusstsein gelangen, bewusst werden. Indem sie bewusst werden, werden sie zur Vorstellung. Zwischen der unbewussten Wahrnehmung, die ihrerseits aus Empfindungen besteht, und der bewussten Vorstellung steht so die Bewusstseinsbildung. Eine Trennung von Unbewusstem und Bewusstsein ist also zugleich eine Grenze zwischen Wahrnehmung und Vorstellung.[10] Dem gesamten Prozess aber liegen die Gesetze der Logik zu Grunde: „Sie gestalten, in der Unbewusstheit sich vollziehend, aus in gesetzmäßiger Folge auftretenden Empfindungen die Wahrnehmung, sie entwickeln aus einer Reihe von Wahrnehmungen das Bewusstsein, sie beherrschen die Welt der Vorstellungen, sie bilden aus den Vorstellungen Begriffe und bauen endlich aus Begriffen Gedanken und Systeme auf.“[11]

Wundt sieht es als die Aufgabe der künftigen Psychologie an, die Anwendung der logischen Gesetze im Seelenleben nachzuweisen. Dazu hat sie von ihren bisherigen „metaphysischen Hypothesen über das Wesen der Seele“ abzusehen und ist „in der glücklichen Lage, nicht eine Hypothese, sondern eine Erfahrungsthatsache an die Spitze ihrer Untersuchungen stellen zu können, und diese Erfahrungsthatsache ist die Seele als ein aus sich selber heraus nach logischen Gesetzen handelndes und sich entwickelndes Wesen.“[12]

2.1.2 Wilhelm Wundt: Erinnerungsvorgänge

Wundts Beschreibung der Wahrnehmung als Prozess, sein Zusammengesetztsein, die Rolle des Bewusstseins zeigt sich auch in seiner Erklärung des Erinnerungsvorgangs in seinem Grundriss der Psychologie über 30 Jahre später.[13]

Der Erinnerungsvorgang wird definiert als das Zusammenfügen eines Vorstellungsgebildes aus schon vorhandenen Vorstellungselementen und neuen Wahrnehmungen und Bezug auf einen früher statt gefundenen Eindruck; dabei entsteht eine Vorstellung - die Erinnerungsvorstellung oder das Erinnerungsbild.[14]

Eine Wiedererkennung wird zu einer Erinnerung, wenn zum unmittelbaren Eindruck Bilder oder Umstände treten aus der früheren Wahrnehmung. Es ist ein Unterscheidungsvermögen der beiden Wahrnehmungen vorhanden. Das plötzliche unerklärliche Auftreten von Erinnerungen erklärt Wundt dadurch, dass durch eine Assoziation mit Gegenständen, Personen, Landschaften etc. Erinnerungen wachgerufen werden können, ohne dass jedoch die Person darüber Rechenschaft geben kann; dadurch, dass „die Elemente, welche die Verbindung herstellen, durch andere Vorstellungselemente [hervorgerufen durch Assoziationen] in den dunkeln Hintergrund des Bewußtseins gedrängt sind.“[15] So bestehen unbewusste Assoziationen zwischen dem momentanen Eindruck und Erinnerungselementen.

So ergibt sich, dass die „Assoziation als die allgemeine und einzige Ursache von Erinnerungsvorgängen zu betrachten“[16] ist.

Der Erinnerungsvorgang als Wechselwirkung von momentanem Eindruck und „Elementen früherer psychischer Gebilde“ ist die Summe von Prozessen. Das Auftreten einer Erinnerung wird von einer „großen Zahl dunkel bewußter Komplikationen“ begleitet. Diese bewirken, dass das momentane Erlebnis einerseits auf eine Erinnerung bezogen wird[17], andrerseits von dieser unterscheidbar wird.[18]

Dementsprechend lässt sich das Gedächtnis definieren als die Wirkungen der Erinnerungsassoziationen in ihrer Beziehung zu den ursprünglichen Eindrücken, auf die sie zurückgehen.[19] Wundt untersucht in experimentellen akustischen Versuchen den Erinnerungsvorgang[20] in Bezug auf die Zeit. Zeitgedächtnis und Gedächtnisleistungen hängen ab von Faktoren wie Anzahl und Dauer der Eindrücke, Größe des Eindrucks, Zwischenzeit zwischen Eindruck und Reproduktion, Größe des Gefühlsmomentes. Aus diesen Abhängigkeitsbeziehungen geht hervor, dass Gedächtnis und Erinnerung komplexe Resultate aus Assoziationsvorgängen sind. Das zeigt sich auch an Gedächtnisstörungen. In ihnen ist „deutlich der Einfluß der Komplikationen auf die Erinnerungsvorgänge zu erkennen.“[21]

2.2 Die klinische Erforschung des Unbewussten

Die klinische Erforschung des Unbewussten vollzieht sich bereits während des ganzen 19. Jahrhunderts durch die Arbeit der Magnetiseure und Hypnotiseure, jedoch meist unsystematisch. Zwischen 1889 und 1900 macht die klinische Erforschung große Fortschritte. Die wichtigsten wissenschaftlichen Arbeiten dieser Zeit sind Pierre Janets Automatisme Psychologique (1889) und die Studien über Hysterie von Josef Breuer und Sigmund Freud (1895), darin insbesondere die Vorläufige Mitteilung (1893).[22]

2.2.1 Pierre Janet: L’état mental des Hystériques

P. Janet analysiert fast zeitgleich mit Wundts Grundriss der Psychologie Erinnerungs- und Gedächtnisstörungen psychologisch. Dabei geht er nicht von physischen Experimenten aus, sondern folgert aus der klinischen Praxis.[23]

Es treten bei den Hysterischen verschiedene Arten von Amnesie auf.[24] Diese sind aber beobachteter Weise[25] nicht dauernd, sondern die verloren gegangenen Erinnerungen sind aufbewahrt und können wieder hervorkommen. Das Wiedererinnern kann erfolgen durch hysterische Anfälle, im Schlaf, im Schlafwandeln, im künstlich erzeugten Somnambulismus (Hypnose). Bei „kleinen Vergesslichkeitszuständen“ kann die Erinnerung auch durch Suggestion, Ideenverknüpfung oder durch Lenkung der Aufmerksamkeit wieder hervorgeholt werden, wobei die Erinnerung hier im wachen Zustand auf unbewusste Weise reproduziert wird.[26] Es muss jedenfalls gelingen, „auf irgend welche Weise die unterhalb der Bewusstseinsschwelle liegenden Vorgänge ans Licht zu bringen.“[27]

Bei der Wiedererinnerung ist aber ein Moment von entscheidender Bedeutung. Es reicht nicht aus, dass die Erinnerung nur hervorgeholt wird. Um vollständig bewusst zu werden, muss die Erinnerung vom „Ich-Bewusstsein“ erfasst werden und mit den anderen Erinnerungen und Wahrnehmungen in Verbindung gebracht werden, die den Inhalt des Ich-Bewusstseins bilden. „Man mag nun den Vorgang nach Belieben bezeichnen, für ihn den Ausdruck ‚Personification’ schmieden, oder sich, wie ich es immer thue, mit den gangbaren Ausdrücken, wie ‚Ich’-Bewusstsein für Erinnerungen’, ‚seelische Einverleibung der Vorstellungen’ zufrieden geben, immer aber muss man dessen Vorhandensein anerkennen, und ihm eine Stelle in der Psychologie der Erinnerung und Wahrnehmung anweisen.“[28] So ist hier der Gedanke ausgedrückt, dass erst die Verschmelzung von Erinnertem und momentanem Bewusstseinsinhalt die Kontinuität des Ich herstellt und ihm seine Kohärenz und Identität gibt.

Genau hier aber liegt das Problem bei der Amnesie der Hysterischen. Die Funktionen der Aufbewahrung und Wiedergabe von Erinnerungen sind vorhanden, es ist ihnen aber nicht möglich, die Erinnerungen zu verknüpfen, wodurch eine Integration ins Ich-Bewusstsein unmöglich ist. Dadurch tritt eine Gedächtnisstörung auf, eine Amnesie. „Ich glaube, dass in der Mehrzahl der Fälle die hysterische Amnesie nichts anderes, als eine derartige Amnesie, nämlich eine einfache Assimilations-Amnesie, ist.“[29]

Dem mag der Gedanke Wundts von der Erinnerung als Prozess entsprechen. Der Erinnerungsvorgang als Wechselwirkung von momentanem Eindruck und „Elementen früherer psychischer Gebilde“ beinhaltet ebenso die Notwendigkeit einer Verbindung von Bild und bereits im Innern vorhandenen Elementen, um etwas erinnern und auf sein Ich beziehen zu können, wenn bei Wundt auch der momentane Eindruck die Funktion der Assoziation hat und das Erinnerungsbild erst dadurch in Erscheinung tritt.

2.2.2 Pierre Janet: L’Automatisme Psychologique

Janet kommt durch seine klinischen Untersuchungen zu wichtigen Theorien: Die Wirksamkeit unbewusster Impulse; der Zusammenhang zwischen Symptom des Kranken und lebensgeschichtlicher Erfahrung; die multiple Persönlichkeit des Menschen.

Die Wirksamkeit unbewusster Impulse zeigt sich an Einstellungen, Handlungen und Gefühlen von Personen, die von einem ihnen unbekannten unbewussten Gedanken beherrscht werden.[30] Ein Gedanke, der ins Unbewusste verschoben wird, kann sich auf vielerlei Arten dort manifestieren „et porter, dans la santé physique et morale de l’individu conscient, les troubles les plus variés.“[31] Deshalb sollte man „passer en revue toute la pathologie mentale et peutêtre même une partie importante de la pathologie physique pour montrer tous les désordres psychologiques et corporels que peut produire une pensée persistant ainsi en dehors de la conscience personelle.“[32]

Am Beispiel einer seiner Patientinnen verdeutlicht Janet, wie nervöse Krankheiten, hier eine Hysterie, von der Macht unbewusster Gedanken kommen.

Bei der Suche nach dem Gedanken, der die Hysterie ausgelöst hat, versetzt Janet die Patientin in Hypnose, ein Zustand, in dem es möglich ist „de ramener des souvenirs en apparence oubliés“[33], und so gelingt es ihm, die genaue Erinnerung an eine bisher nur unvollständig bekannte Szene wiederzufinden. Diese Szene stellt ein unangenehmes Erlebnis aus früherer Zeit dar. Teile von ihm wurden abgespalten und aus dem Bewusstsein verbannt. Im Unbewussten entwickelten sie sich selbständig fort zu einer fixen unterbewussten Idee.[34] Jeder hysterische Anfall ist die Wiederkehr des Ereignisses, das sich jedoch durch die Bildung einer fixen Idee in seiner Unangenehmheit gesteigert hat.[35] Der Anfall entspricht in seiner Auswirkung dem verdrängten Ereignis.[36] Das Symptom ist also eine direkte Erinnerung an den Vorfall. Aber auch Bilder, die nicht auf das Ereignis zurückgehen, werden mit ihm verknüpft; ein solcher Fall ist eine Ideenassoziation.[37]

Dass sich ein Erlebnis zu einer fixen Idee entwickeln kann, bedarf allerdings der Dissoziation des Individuums. Das bedeutet, es muss bei diesem Menschen eine konstitutionelle pathologische Schwäche vorliegen, eine Schwäche des Nervensystems, die ihn unfähig macht, das bestimmte Ereignis in sein psychisches Leben zu integrieren. Nur durch eine solche Dissoziation[38], die eigentliche Krankheitsursache ist, kann ein Erlebnis erst ins Unbewusste verschoben werden und sich zu einer fixen Idee entwickeln.

Da die Krankheit mit der Lebensgeschichte, spezifischer mit einem bestimmten Ereignis, zusammenhängt, besteht die Therapie in der Suche und Auffindung dieser verschütteten Erinnerung. Das Erinnern spielt bei der Therapie die entscheidende Rolle. Janet versucht dadurch, die fixe Idee vom Bewusstsein wieder zu entfernen. Manchmal kann durch gezielte Fragen des Arztes das Ereignis erinnert werden. Der Akt des Erinnerns und das Bewusstwerden bringt das Symptom zum Verschwinden. Oder der Arzt lässt in der Hypnose durch eine Suggestion die Patientin sich an das Ereignis erinnern und an die Situation, wo das Ereignis sich in eine fixe Idee verwandelt hat. Durch seine Suggestion überzeugt er sie, dass sich das Ereignis anders abgespielt hat. Nach dem Erwachen aus der Hypnose ist die Hysterie verschwunden.[39]

Diese Form, bei der ein Teil der Persönlichkeit vom Bewusstsein der Person abgespalten ist und eine autonome, unterbewusste Entwicklung nimmt, ist ein „partieller Automatismus“. Davon zu unterscheiden ist der „totale Automatismus“.[40]

Der totale Automatismus betrifft die Person insgesamt. Das sind Fälle, bei denen in einer Person mehrere Persönlichkeiten auftreten.[41] Janet unterscheidet sukzessive und simultane Persönlichkeiten. Sukzessive Persönlichkeiten folgen nacheinander; ihr Kriterium ist, eine eigene Persönlichkeit zu sein, die im Augenblick ihrer Existenz ein Bewusst-Sein von sich selbst hat.[42] Dazu gehört auch die natürliche sukzessive Veränderung der Persönlichkeit im Lauf der Zeit. Hier tritt die andere Persönlichkeit nach und nach ein. Im Schlaf haben wir ein anderes mentales Leben als im wachen Zustand. Es treten psychologische Phänomene auf, die isoliert sind von den Ideen des wachen Lebens. Es bildet sich im Traum ein zweites Gedächtnis und eine zweite Persönlichkeit.[43] Die Krankheiten des Nervensystems zeigen auch die Manifestation einer zweiten Persönlichkeit. In hysterischen Anfällen kommt diese zweite Persönlichkeit zum Vorschein, in jedem hysterischen Anfall knüpft sie mit einem ihr eigenen Gedächtnis und einem spezifischen Charakter an ihr letztes Auftreten an.[44] Auch in der Hypnose ist es möglich, die Person zu ihrer zweiten Persönlichkeit zu führen und ihr den Charakter und den Erinnerungswert dieses Zustandes zu geben.[45] Es ist auch möglich, dass bei einer Person simultane Persönlichkeiten auftreten, d.h. mehrere Persönlichkeiten sind zur selben Zeit tätig.[46] Auch mehr als zwei Persönlichkeiten können existieren: „Quelquefois il y a plusieurs esprits dans une même personne, les uns bons, les autres mauvais, qui se disputent entre eux“.[47] Diesen Kampf der Persönlichkeiten beschreiben Breuer und Freud näher.[48]

2.2.3 Josef Breuer/ Sigmund Freud: Studien über Hysterie

Durch ihre klinischen Untersuchungen an Hysterischen gelangen Breuer und Freud zu Erkenntnissen über den Zusammenhang der Hysterie und ihren Ursachen.

Zunächst gilt für eine langandauernde Hysterie genau wie für eine traumatische, dass sie durch ein bestimmtes Erlebnis veranlasst worden ist. Dieser Vorfall ist ein psychisches Trauma. Als Trauma fungiert ein bestimmtes Erlebnis, oft aus der Kinderzeit, als einmalige Veranlassung der Hysterie.[49] Ein Trauma kann sich auch aus mehreren Partialtraumen zusammensetzen, die in ihrem Zusammenwirken die traumatische Wirkung äußern. Dabei ist es aber nicht so, dass das Trauma das Symptom auslöst und dieses besteht dann selbständig weiter, sondern das Trauma wirkt die Erinnerung an das Ereignis und diese ist das gegenwärtig wirkende Agens. Noch nach Jahren wirkt die Erinnerung als Krankheitsursache fort; so kann quasi gesagt werden, „der Hysterische leide größtenteils an Reminiszenzen.“[50]

Der Vorfall und das Krankheitsphänomen entsprechen sich inhaltlich. Oft ist der Zusammenhang eindeutig, manchmal besteht „nur eine sozusagen symbolische Beziehung“.[51]

Dass ein Ereignis noch nach Jahren so intensiv wirkt und die Erinnerung daran zwar bei der Person nicht bewusst vorhanden ist, aber nicht aus dem Gedächtnis gelöscht, hängt mit der Art der Bewältigung des Ereignisses zusammen. Das Abreagieren kann geschehen durch eine unmittelbar anschließende Reaktion, entweder durch eine Tat oder indem die Affekte entladen werden, z.B. durch Weinen. Geschieht das ausreichend, verschwindet ein großer Teil des Affektes. Wird die Reaktion jedoch unterdrückt, bleibt die Erinnerung mit dem Affekt verbunden. Auch durch die Sprache kann ein Trauma oder die Erinnerung daran affektlos werden, Worte haben „kathartische“ Wirkung: Durch Assoziation mit anderen Vorstellungen, die das Ereignis relativieren, kann ihm von seiner Schärfe genommen werden. Da aber oft die Erinnerungen an traumatische Erlebnisse dem Kranken im Gedächtnis fehlen, müssen sie zur Bewältigung erst reproduziert werden. Das geschieht durch genaue Befragung des Arztes oder in einer Hypnose. Reproduktion der Erinnerung und Durcharbeitung des Affektes in Worten bewirken die Therapie der Krankheit.[52] Die dargelegte Methode der Psychotherapie „hebt [also] die Wirksamkeit der ursprünglich nicht abreagierten Vorstellung dadurch auf, daß sie dem eingeklemmten Affekte derselben den Ablauf durch die Rede gestattet, und bringt sie zur assoziativen Korrektur, indem sie dieselbe ins normale Bewußtsein zieht (in leichterer Hypnose) oder durch ärztliche Suggestion aufhebt“.[53]

Manchmal ist das Abreagieren nicht möglich. So kann auf das Erlebnis keine Reaktion folgen – z.B. beim Tod eines Menschen oder weil es unsittlich ist – oder es fand statt in „abnormen psychischen Zuständen“.[54] Erinnerungen werden zu Traumen und bleiben Traumen und affektkräftig, wenn ihnen die Reproduktion und das Abreagieren versagt sind.

Aus der erwähnten Tatsache, dass aus „abnormen psychischen Zuständen“ Traumen mit pathogenen Wirkungen entstehen und daraus, dass die Erinnerung an das Trauma meist nicht im Gedächtnis des Kranken, sondern im Gedächtnis des Hypnotisierten zu finden ist, folgern Breuer und Freud die Spaltung des Bewusstseins bei dem Hysterischen. Es besteht bei ihm die „Neigung zu dieser Dissoziation und damit zum Auftreten abnormer Bewußtseinszustände, die wir als ‚hypnoide’ zusammenfassen wollen“.[55] Die Grundlage und Bedingung der Hysterie sind also hypnoide Zustände. Die Vorstellungen, die in diesen Zuständen auftauchen, sind sehr intensiv, untereinander assoziierbar, aber von der Assoziation mit dem übrigen Bewusstseinsinhalt abgetrennt. Sie haben eine eigene Organisation und sind „ein mehr oder minder hoch organisiertes Rudiment eines zweiten Bewusstseins, einer condition seconde.“[56] Aus dieser Beobachtung ergeben sich zwei Arten der Hysterie: In der „disponierten Hysterie“ bestehen die hypnoiden Zustände schon vorher. Beim Trauma siedelt der Affekt dort die pathogene Erinnerung mit ihren somatischen Folgeerscheinungen an.[57] Das entspricht dem Janetschen Gedanken von der Dissoziation: es muss bei der Person eine konstitutionelle pathogene Schwäche vorliegen, eine Unfähigkeit zur vollkommenen psychischen Identität. Bei der „psychisch akquirierten Hysterie“ bewirkt ein schweres Trauma bei dem psychisch identischen Menschen die Abspaltung von Vorstellungen und Bildung der hypnoiden Zustände.[58] Befindet sich ein Mensch im hypnoiden Zustand, ist er „alieniert“, ganz im Gegensatz zu seinem wachen Leben, wo er geistig klar, willensstark und charaktervoll ist. Die Produkte der hypnoiden Zustände ragen als hysterische Phänomene ins wache Leben hinein.[59]

In diesem Zusammenhang verdienen die hysterischen Anfälle besondere Aufmerksamkeit. Im hysterischen Anfall finden Reproduktion und Erinnerung an das Trauma statt, das nicht abreagiert wurde. Diese Erinnerungen fehlen völlig oder nahezu vollständig dem Erinnerungsvermögen des normalen Bewusstseins und gehören stattdessen zu dem Vorstellungsinhalt des hypnoiden Bewusstseinszustandes, der mit dem normalen Bewusstseinszustand nicht interagiert durch Assoziation. Im hysterischen Anfall zeigt sich die höhere Organisation des zweiten Bewusstseins; der hysterische Anfall ist der „Moment, in dem sich dieses Hypnoidbewußtsein der gesamten Existenz [des Menschen] bemächtigt hat.“[60] So ist es typisch für den Verlauf einer Hysterie, dass sich die beiden Bewusstseinszustände abwechseln. Während des normalen Zustandes existiert der hypnoide Zustand unbewusst weiter und sein Vorstellungsinhalt wächst weiter. Ist er genügend angewachsen, bemächtigt sich das zweite Bewusstsein der Existenz des Kranken, schafft hysterische Dauersymptome und Anfälle. Schließlich übernimmt das erste Bewusstsein wieder die Führung. Die beiden Bewusstseins wechseln sich also ab in einem Kampf ums Vorrecht. Sie sind vom Inhalt unabhängig voneinander und in sich kongruent und konstant, „Anfall und normales Leben gehen nebeneinander her, ohne einander zu beeinflussen.“[61]

Sind auf den ersten Blick die Ansätze Janets und Breuer/ Freuds sehr ähnlich, so unterscheiden sie sich doch in einem entscheidenden Punkt: Bei Janet ist zur Ausbildung einer Hysterie die Dissoziation der Person nötig, eine angeborene konstitutionelle pathologische Schwäche. Bei Breuer und Freud kann eine Hysterie nicht nur beim pathologischen Menschen entstehen, sondern auch beim normal gesunden, durch ein Trauma.[62] Mit dem Verständnis der Hysterie als einer erworbenen Krankheit ist der ontologische Krankheitsbegriff der Psychiatrie aufgelöst, die Psychiatrie wird zur Psychologie für jedermann, der Gesunde wird darin einbezogen.

2.2.4 Max Dessoir: Das Doppel-Ich

Die Theorie der beiden Persönlichkeiten (Janet) bzw. der beiden Bewusstseinszustände (Breuer/ Freud) ist ausführlich von dem Arzt Max Dessoir beschrieben im Doppel-Ich,[63] das zeitlich vor Breuer/ Freud liegt und gleichzeitig mit Janet entsteht.[64]

Dessoir geht zunächst aus von Erfahrungen im täglichen Leben. An automatischen Handlungen, d.h. Aktionen, die nicht bewusst geschehen, aber dennoch Gefühl, Willen und Intelligenz voraussetzen, also nicht ohne Bewusstsein geschehen können, zeigt sich, dass seelische Prozesse außerhalb des dem Menschen Bewussten existieren.[65] Dessoir fasst „Bewusstsein“ als „Begleiterscheinung eines bestimmten Nervenzustandes“ auf. Eine bestimmte Verbindung von Nervenelementen kann bestimmte Handlungen bedingen, ohne dass der Mensch eine Kenntnis davon hat. Es gibt also ein Bewusstsein, von dem der Mensch eine Kenntnis hat und ein Bewusstsein, von dem der Mensch keine Kenntnis hat, eine verborgene Bewusstseinssphäre mit Verstand, Willen und Empfindung, fähig, Handlungen zu veranlassen. „Das gleichzeitige Zusammensein beider Sphären nenne ich Doppelbewusstsein.“[66]

Es sind zwei mehr oder weniger unabhängig handelnde Bewusstseinshälften, Dessoir bezeichnet sie als Ober- und Unterbewusstsein. Das Kriterium für eine solche separate Sphäre ist, ein Bewusstsein zu haben von einem Ich in der augenblicklichen Existenz und die Kontinuität mit der eigenen Vergangenheit, also Gedächtnis und Erinnerung. So finden die Handlungen des Unterbewusstseins zwar unterbewusst, aber nicht unbewusst statt. Die Annahme eines Doppelbewusstseins gilt für jeden Menschen[67], nicht nur den pathologischen, von dem Janet und Breuer/ Freud ihre Thesen ableiten.

Gleichwohl lassen sich für Dessoir aus der Psychopathologie Erkenntnisse für den gesunden Menschen ziehen, da sich beim pathologischen Menschen das Doppelbewusstsein sukzessiv zeigt.[68] So tritt im Schlafwandeln und bei Epilepsie deutlich ein anderes Sein auf, das durch die Kontinuität einer eigenen Gedächtniskette gekennzeichnet ist. Der Pathologische hat bei diesem „Kampf der beiden Ich“[69] jeweils ein anderes Bewusstsein, Gedächtnis, Charakter und Gefühlsleben, die scharf getrennt sind und nichts voneinander wissen.[70] Auch durch Untersuchungen an Hysterischen gelangt Dessoir zu Kenntnissen.[71] Im Normalzustand arbeiten Ober- und Unterbewusstsein zusammen, sind durch Ideenassoziation verbunden. Im hysterischen Anfall jedoch gelangt ein Teil des normal unterbewussten Reflexionsprozesses ins Oberbewusstsein und zeigt das sekundäre Bewusstsein.[72]

Aus der Tatsache, dass eine Person in der Hypnose die Erinnerung an durch Traumen verdrängte Ereignisse besitzt,[73] und daraus, dass in einer Hypnose das Gedächtnis wieder an das der letzten Hypnose, mag sie auch Wochen zurückliegen, anschließt, folgert Dessoir, dass die Hypnose bzw. das hypnotische Ich mit dem Unterbewusstsein gleichzusetzen ist. So ist das Unterbewusstsein „das sekundäre oder somnambule Selbst“.[74] Die Hypnose ist der Augenblick, in dem das zweite Selbst vollkommen sichtbar und führend ist.[75]

Daraus ergeben sich Konsequenzen für posthypnotische Suggestionen. In diesem Zustand wirken primäres und sekundäres Selbst in unterschiedlichem Anteil. Das hypnotische Selbst bleibt nach der Hypnose bestehen, unterhalb des Wachbewusstseins, erinnert sich an die Hypnose und ist bestrebt, ihre Befehle auszuführen.[76]

Auch mit der Frage nach der Identität der beiden jeweiligen Bewusstseinshälften und ihrem Zusammenhang beschäftigt sich Dessoir. Der Dualismus des Menschen aus Ober- und Unterbewusstsein ist verbunden. Das Unterbewusstsein hat die Eigenschaften, die von der Psychologie der Hypnose zugeschrieben werden: Instinkt, Gefühl, Beeinflussbarkeit, alles Eigenschaften, die unabhängig von der Kontrolle des bewussten Willens sind. Reguliert wird ihre Tätigkeit durch Hemmungszentren, die zwischen Ober- und Unterbewusstsein stehen. Wird deren regulierende Funktion gestört (durch Zustände, die von der Norm des wachen Lebens abweichen), kann das zweite Ich hervortreten.[77] Aber auch die beiden Ich sind zusammengesetzt. Das sekundäre Ich ist einerseits aufspaltbar in zwei Sphären, Perzeption und Reflexion.[78] Andrerseits haben Forscher, wie z.B. Janet, die Existenz einer noch tieferen Schicht entdeckt, die unter der sekundären lagert wie diese unter der ersten und eine eigene Gedächtniskette hat.[79] Das primäre Ich ist auch keine Einheit: „alle physiologischen, toxikologischen und pathologischen Veränderungen des Organismus ziehen Schwankungen der Persönlichkeit nach sich, jeder Wechsel der Umgebung, jeder Zeitraum von fünf oder zehn Jahren führt zu einer Umgestaltung des Individuums. Es entstehen sozusagen Teil-Ichs, die nichts voneinander wissen“.[80] Eine Identität erhalten diese Teil-Ichs durch Erinnerung.

Das Psychische ist also veränderlich. Wenn das Psychische als Bewusstseinsausdruck des Organismus gefasst wird, wird dessen Veränderlichkeit begreiflich. Dennoch bleibt das körperliche Substrat einheitlich. So bleibt „bei allem dem […] die Zusammenfassung des psychophysischen Parallelismus zur Lebenseinheit der Rätsel dunkelstes.“[81]

Dessoir setzt seine These vom Doppelbewusstsein in Bezug zu den Wissenschaften. In Bezug auf die Physiologie ergibt sich, dass das Ich die „Summe der auf Nervenvorgängen ruhenden Bewusstseinszustände bedeutet“.[82] Bei gleichem körperlichen Zustand tritt die gleiche psychische Tätigkeit, die gleiche Assoziationsrichtung und die gleiche Erinnerungskette wieder auf, also das gleiche Ich. Die Intensität des Bewusstseins beruht auf der Intensität der Nerventätigkeit.[83]

Biologisch gesehen ist das Bewusstsein die „Begleiterscheinung einer unvollkommenen Verbindung von Nervenbahnen oder […der] Mangel an Gewohnheit“, denn durch zunehmende Ausübung einer psychischen Tätigkeit verliert sie an Bewusstheit. Bewusstsein ist „Erwerbungsarbeit unserer Seele“, bzw. das Unbewusstwerden ist „Mechanisierung ursprünglicher Willenshandlungen“.[84]

Von der psychologischen Seite aus gesehen ergibt sich, dass nichts einmal bewusst Gewesenes völlig verloren gehen kann. Bilder, die bewusst nicht wieder hervorgeholt werden können, ruhen im Unterbewusstsein und gelangen zum Vorschein, wenn das sekundäre Ich sich zeigt, z.B. im Traum oder in der Hypnose. Diese unterbewussten Bilder würden auch im bewussten Leben hervorsteigen und als Halluzinationen hervortreten, wenn nicht die Hemmvorrichtung dagegen wirkte. Versagt die Hemmvorrichtung, entstehen die pathologischen Zustände. Treten die Halluzinationen übertrieben hervor, tritt eine Spaltung des Bewusstseins ein und es entwickelt sich eine Doppelpersönlichkeit, ein pathologisches Doppel-Ich. Der „halluzinatorische Wahnsinn“ ist somit eine Erkrankung des Verhältnisses zwischen erstem und zweitem Bewusstsein.[85]

Der Künstler setzt sich über die Hemmvorrichtung bewusst hinweg. Dadurch beginnt der Prozess der Externalisation. Das zweite Ich tritt ins erste, es findet ein Wechsel statt von Traum- und Wachbewusstsein, damit ein Persönlichkeitswechsel, ein Zusammenspiel der Eigenschaften des ersten und zweiten Ich, teils sinnliche, teils geistige Teile. Die schöpferische Einbildungskraft des Künstlers entsteht durch Phantasie, das dem sekundären Selbst angehört, Halluzination und Inspiration steigern sich durch das Zusammenwirken der sinnlichen und geistigen Ebene. So kann das Unterbewusstsein zu den höchsten Leistungen führen.[86] Eine Externalisation in übertriebenem Maße jedoch führt zum halluzinatorischen Wahnsinn, wie oben beschrieben.[87]

2.3 Die Psychologie des Unbewussten in der Literaturwissenschaft

2.3.1 Hermann Bahr: Die neue Psychologie

In seinem Essay Die neue Psychologie[88] beschreibt Hermann Bahr die veränderte Funktion der Psychologie in der Literatur. Nach dem „physikalischen“ Naturalismus muss eine neue Psychologie in die Literatur kommen; „états de choses, die ewigen Sachenstände hat man satt, und gründlich; nach états d’âme, nach Seelenständen, wird wieder verlangt.“[89] Die neue Psychologie muss auf den neuen Menschen bezogen werden in einer anderen Umwelt, mit einem anderem Geist und anderem Gemüt, „die ewigen Gefühle der Menschheit erscheinen in neuen Formen an uns […] Und jetzt darum verlangen wir sie auch in der Literatur“.[90]

Dieser neue Inhalt bedarf einer veränderten Methode. Sie ist deterministisch, dialektisch und dekompositiv. Deterministisch in der Hinsicht, dass sie den Menschen in den Zusammenhang seiner Entwicklung und seines Milieus stellt und speziell seine einzelnen Gefühle nach ihrer Herkunft, ihren Bedingungen, ihrem Zusammenwirken untersucht. Aber auch dialektisch werden die Gefühle angeschaut, d.h. „in der Bewegung ineinander, durcheinander, gegeneinander […], in dem ewigen Werden und Vergehen des einen aus dem anderen und in’s andere“.[91] Entscheidend aber ist das dekompositive Moment: Gefühle sollen in ihrer ursprünglichen Erscheinung dargestellt werden, in dem Zustand, bevor sie über die „Schwelle des Bewusstseins“ treten, „die Anfänge in den Finsternissen der Seele“[92], nicht das Ergebnis im Bewusstsein, sondern der komplizierte Prozess der Gefühle. Darin liegt auch der Unterschied zur alten Psychologie des Naturalismus. Sie hat das Resultat des Entstehungsprozesses von Gefühlen dargestellt, wie es sich im Bewusstsein befindet und wie das Gedächtnis, die Erinnerung es bewahrt. Die neue Psychologie beschreibt die Gefühle, noch bevor sie ins Bewusstsein treten, noch im sensualen Zustand. „Die Psychologie wird aus dem Verstande in die Nerven verlegt – das ist der ganze Witz.“[93] Gleichwohl ist das Darzustellende „wunderlich“ und „seltsam“, ein „Räthsel an den Grenzen des Bewusstseins“.[94]

In diesem Ansatz ist die Psychologie des Unbewussten ausgedrückt. Bahr betont, dass das Bewusstsein nur einen kleinen Teil der Gefühle fasst, die meisten der Eindrücke auf die Sinne, die Nerven gelangen nicht zum Bewusstsein. Jede bewusste Entscheidung und Einstellung ist das Resultat eines vielfältigen Prozesses, der ohne Wissen der Person auf den Nerven und in den Sinnen stattfand. „Darum wird die neue Psychologie, welche die Wahrheit des Gefühles will, das Gefühl auf den Nerven aufsuchen“.[95]

Bahr nennt als Beispiel Paul Bourget, der die Psychologie wieder in die Literatur eingebracht hat, indem er die feinen Töne und Abstufungen der menschlichen Empfindungen dargestellt hat. Jedoch hat er dazu die überkommene Form des Naturalismus benutzt. Für die Form der Darstellung, der „Objectivierung der inneren Seelenstände“[96] jedoch bedarf es einer anderen, neuen Methode. Um das Innere im Menschen zu zeigen eignet sich nichts besser als die „Ich-Form“, denn die „Beichte, welche die inneren Begleitungen der äußeren Handlungen aus erforschtem Gewissen bekennt, erspart alle vermuthenden Commentare des psychologischen Professors.“[97] So werden innere Zustände nicht berichtet, sondern gezeigt. Freilich, so räumt Bahr ein, bietet sich aber gerade hier eine besondere erzähltechnische Schwierigkeit, denn die unbewussten Vorgänge auf den Nerven und Sinnen im Zustand, noch bevor sie ins Bewusstsein treten, entziehen sich normalerweise der Selbsterkenntnis eines Ich.

Wie genau die Methode aussehen soll, darüber weiß Bahr keine Auskunft zu geben. Wenn sie jedoch einmal vorhanden ist, dann soll mit ihr eine ganz alltägliche Geschichte geschrieben werden. „Aber nicht in den äußeren Ereignissen, welche nur zufälliges Angebinde, noch in den bewussten Ausdrücken, welche falsche Abstractionen sind, sondern in ihrer Wirklichkeit auf modernen Nerven wollen wir sie erzählen und wollen sie mit solcher Intensität der Wahrheit ausstatten, bis in ihr das ganze Leben ist, was es nur immer überhaupt enthalten kann.“[98]

2.3.2 Hermann Bahr: Die Überwindung des Naturalismus und Heinrich Mann: Neue Romantik

Hermann Bahr stellt in seinem Aufsatz Die Überwindung des Naturalismus[99] die Moderne als dreiphasig dar. Die Phase des Naturalismus wird abgelöst durch die Psychologie, die die Zustände der Seele erforscht. Aber die Psychologie ist „wieder nur Auftakt und Vorgesang“. Aus ihr wird sich als dritte Phase der Moderne die „nervöse Romantik“ entwickeln. „Ich glaube also, daß der Naturalismus überwunden werden wird durch eine nervöse Romantik; noch lieber möchte ich sagen: durch eine Mystik der Nerven.“[100] Im Nervösen liegt „das Selbstische, die seltsame Besonderheit, das wunderlich Neue.“[101] Die neuen Menschen „sind Nerven […] Sie erleben nur mehr mit den Nerven, sie reagieren nur mehr von den Nerven aus. Auf den Nerven geschehen ihre Ereignisse und ihre Wirkungen kommen von den Nerven.“[102] Auch der Künstler wird ganz an die Nerven hingegeben sein. Sein Werk wird „etwas Lachendes, Eilendes, Leichtfüßiges“ sein, bar von „logischer Last“ und „schauerliche[r] Schadenfreude der Wirklichkeit“, „es ist ein geflügeltes, erdenbefreites Steigen und Schweben in azurne Wollust, wenn die entzügelten Nerven träumen.“[103]

Heinrich Mann ist in seinem Aufsatz Neue Romantik[104] abhängig von den dargestellten Ansätzen Hermann Bahrs.[105] So begreift er auch ein dreiphasiges Schema der Literaturentwicklung: Naturalismus, der durch die „subtile Psychologie, wie sie bereits zur Blüthezeit des Naturalismus aufkam“ überwunden worden ist und die „kommende Romantik“. Die „immer mehr condensirte Romantik“ und die subtile Psychologie hängen zusammen. Die „ganze intime Seelenanalyse [der Psychologie] dient stets, ausgesprochen oder nicht ausgesprochen, nur dazu, das Unerklärliche festzustellen, die Lücken und ‚Grenzen des Naturerkennens’ zu bestimmen.“[106] Und hier setzt die neue Romantik an, indem sie das Rätselhafte, Unerklärliche der Psychologie zum „mystisch Unheimlichen und Grausigen“ vertieft. Aus den unberechenbaren Faktoren im Leben zieht sie eine „Tragik von möglichst intensiver Nervenwirkung“ heraus.

Waren bei Bahr der Naturalismus einerseits und die Psychologie und nervöse Romantik andrerseits getrennt durch andere literarische Themen, Darstellungsmethoden und stilistische Merkmale, so stellt Mann eine Einheit zwischen allen drei Stufen fest. Sie liegt in romantischen Elementen.[107] Mann verweist auf verschiedene romantische Stilelemente in naturalistischen Werken und ihren Nachfolgern. Ein Gegensatz zwischen Naturalismus und „moderner Kunst“ liegt jedoch in naturwissenschaftlichem Determinismus kontra Indeterminismus.[108]

3. ANALYSE

3.1 Eine Erinnerung (1894) – Erinnerungsbewältigung

Wie schon der Titel andeutet, ist das Motiv Erinnerung zentral in der Novelle Eine Erinnerung. Dabei sind zwei Erinnerungen zu unterscheiden: Die Novelle als Erinnerungsnovelle setzt sich aus Rahmen und Binnenerzählung zusammen, wobei die intradiegetische Ebene die erste Erinnerung darstellt, vorgenommen von einem intradiegetisch-homodiegetischen Erzähler.[110] Innerhalb der Binnenerzählung (89-122)[111] wird eine metadiegetische Ebene eröffnet, in der sich das erzählte Ich an eine Begebenheit erinnert (115-18). Diese Erinnerung wird im Folgenden als zweite Erinnerung bezeichnet.[109]

Die beiden Erinnerungen unterscheiden sich hinsichtlich ihrer Erscheinungsweise. Die erste Erinnerung ist im Rahmen einer Erzählrunde bewusst hervorgeholt; die zweite ist eng mit der sie umgebenden intradiegetischen Erzählung verknüpft und taucht unmittelbar empor.

Der Ich-Erzähler Dillstedt befindet sich in einer prekären Situation: Er pflegt bereits „tägliche[n], gewohnheitsmäßige[n] Verkehr […] ohne allen Plan und Absicht für die Zukunft und in der unüberlegten Meinung, daß es immer so bleiben müsse“ (110) mit dem Hause Gomberg und der 20-jährigen Gabriele. Durch verschiedene Impulse umgebender Personen (Rainer, Herr und Frau Gomberg, der alte Diener) kommt Dillstedt ins Überlegen. Er versucht sich darüber klar zu werden, wie seine Einstellung gegenüber der Sache ist und wie er das Verhältnis zu Gabriele gestalten soll. Fünf Seiten lang ist diesem Abwägen verschiedener Gründe und Positionen gewidmet (110-15), ein Prozess, der sich in vielen Fragen äußert und im Durchspielen verschiedener Positionen zu einem Bewusstwerden der eigenen Lage drängt. „Ich mußte mich wundern, daß es mir so lange gelungen war, mich dieser Frage zu entziehen, die allerdings dem bisherigen, mir so lieben Stand der Dinge am gefährlichsten war.“ (113) Hier schwingt bereits eine Furcht mit, die sich im Verlauf der Überlegung verdichtet und schließlich konkretisiert im Erwägen einer Abweisung durch Gabriele. Damit ist das Stichwort gefallen: „Eine Abweisung!“ (115) Dieses Wort ruft ein Bild hervor: „Aber ich sah sie ja bereits vor mir stehen […]“ (115). Plötzlich ist sich Dillstedt jedoch nicht mehr sicher, ob es wirklich Gabriele ist, die ihm in diesem vorgestellten Bild eine Abweisung erteilt. „War sie das wirklich? Plötzlich schob sich etwas anderes über das Bild, ein anderes Gesicht über das ihre, blässer, kleiner, weiter entfernt – eine Erinnerung.“ (115) Die Vorstellung einer Abweisung hat eine Erinnerung assoziiert.

Bei den „Bildern […], die, froh, aus ihrem Dunkel hervorkommen zu dürfen, eines das andere drängten“ (115), handelt es sich um eine Kindheitserinnerung Dillstedts, die Liebe des Zehnjährigen zu der achtjährigen Tilli, die kränklich und schwach ist und für die Dillstedt gegenüber den anderen Kindern die Rolle des Beschützers einnimmt. Jedoch muss ihm Tilli am Ende des Ferienaufenthaltes eine Abweisung geben, weil sie schon als kleines Kind verlobt wurde.

[...]


[1] Einen solchen Ansatz verfolgt auch H. Thomé in seiner Habilitations-Schrift: Autonomes Ich und ‚Inneres Ausland’. Studien über Realismus, Tiefenpsychologie und Psychiatrie in deutschen Erzähltexten (1848-1914), Hermaea. Germanistische Forschungen, Bd. 70, Tübingen 1993. Thomé untersucht die literarische Rezeption der zeitgenössischen Psychologie und Psychiatrie vom Realismus bis zur Jahrhundertwende. Dabei interessiert ihn das Problem der Umsetzung von Wissenschaft in Literatur, die Probleme der literarischen Darstellung, wie z.B. Wahrnehmung dargestellt ist, die textuelle Elaborierung von Wahrnehmungsprozessen. Thomé zeigt zunächst, wie sich die Erzählliteratur des Realismus durch die Darstellung bzw. Beschäftigung mit dem Pathologischen hinbewegt zur dynamischen Psychiatrie, um dann in einem zweiten Schritt auf die literarische Rezeption der frühen dynamischen Psychiatrie überzuleiten, untersucht an den realistischen Autoren Immermann, Keller, Fontane und den naturalistischen Autoren Bölsche und Stehr. Für die Erzählliteratur der Jahrhundertwende sind die Themen „Dissoziation“ und „Kohärenz“ bedeutend. Nach einer Untersuchung zu Hermann Bahrs theoretischen Schriften in Bezug zur zeitgenössischen Wissenschaft wird eingehend realistisches und nachrealistisches Erzählen im wissenschaftsgeschichtlichen Kontext dargestellt. Näher untersucht Thomé Keyserling und Schnitzler.

Die für das vorliegende Thema sehr aufschlussreiche Monografie von H. Winter: Naturwissenschaft und Ästhetik. Untersuchungen zum Frühwerk Heinrich Manns, Würzburg 1994 (zit.: Winter, Naturwissenschaft und Ästhetik) untersucht, wie sich der frühe Heinrich Mann (in den folgenden Anmerkungen abgekürzt: HM) mit Wissenschaft auseinander setzt. Dabei wird Konfigurationen von Krankheit und Medizin, die aus der Wissenschaft abgeleitet sind, aber auch theoretischen Ansätzen wie Wundts physiologischer Psychologie oder der Thematik des Unbewussten in HMs Romanen In einer Familie und Die Göttinnen nachgegangen. Auch HMs theoretische Ansätze zur Neuen Romantik werden im Zusammenhang mit seiner Auseinandersetzung mit der Wissenschaft entworfen.

[2] W. Wundt: Beiträge zur Theorie der Sinneswahrnehmung, Leipzig, Heidelberg 1862 (zit.: Wundt, Sinneswahrnehmung).

[3] Wundt, Sinneswahrnehmung, 436-38.

[4] Wundt, Sinneswahrnehmung, 438.

[5] Wundt, Sinneswahrnehmung, 440.

[6] Wundt, Sinneswahrnehmung, 439-41.

[7] Wundt, Sinneswahrnehmung, 442-45.

[8] „Man hat aus diesem Grunde vielfach den Gegensatz des bewussten und unbewussten Seelenlebens überhaupt vollkommen geleugnet, man hat gesucht den Unterschied der sinnlichen Empfindung und der bewussten Vorstellung völlig zu verwischen, indem man ihn als einen gradweisen darstellte. […] Den materialistischen Schulen war das Bewusstsein nur eine potenzirte Empfindung, und den Idealisten galt die Empfindung als der erste und einfachste Akt des Bewusstseins; beiden aber war das Bewusstsein ein von vornherein Gegebenes, was keine Entwicklung seelischer Prozesse voraussetzte“, Wundt, Sinneswahrnehmung, 446.

[9] Wundt, Sinneswahrnehmung, 448.

[10] Wundt, Sinneswahrnehmung, 446-50.

[11] Wundt, Sinneswahrnehmung, 450.

[12] Wundt, Sinneswahrnehmung, 451.

[13] W. Wundt: Grundriss der Psychologie, Leipzig 71905 (1.Aufl. 1896) (zit.: Wundt, Grundriss Psychologie).

[14] Wundt, Grundriss Psychologie, 293.

[15] Wundt, Grundriss Psychologie, 295.

[16] Wundt, Grundriss Psychologie, 296.

[17] Das ist die „Ähnlichkeitswirkung“.

[18] „Berührungswirkung“ geht von Elementen aus, die sich einer Assimilation zwischen momentanem Eindruck und Erinnerung widersetzen und so wird der Erinnerungsvorgang in eine Sukzession von zwei Vorgängen umgewandelt, d.h. das Erinnerungsbild bleibt so als verschieden vom jetzigen Eindruck erkennbar. Wundt, Grundriss Psychologie, 298f.

[19] Wundt, Grundriss Psychologie, 299.

[20] „Die experimentelle Analyse der Gedächtniserscheinungen hat sowohl wegen ihres theoretischen wie ihres praktisch-pädagogischen Interesses besonders auch in der Anwendung auf komplexe Vorstellungen und Vorstellungsreihen die neuere Psychologie mannigfach beschäftigt.“ Wundt, Grundriss Psychologie, 302.

[21] Wundt, Grundriss Psychologie, 306.

[22] So H. Ellenberger: Die Entdeckung des Unbewussten, Bd. 1, Bern u.a. 1973 (zit.: Ellenberger: Entdeckung des Unbewussten), 438f. Ellenbergers groß angelegte, zweibändige Monografie gibt in Band 1 eine detaillierte Entwicklungsgeschichte der Psychologie und Psychiatrie zwischen 1775 und 1900 in Bezug auf das Problem des Unbewussten. Auch der kulturelle, soziale, politische und literarische Hintergrund wird beleuchtet. Der Arbeit Pierre Janets ist eines (circa 100 Seiten) der sechs Kapitel gewidmet.

[23] P. Janet: Der Geisteszustand der Hysterischen (Die psychischen Stigmata). Mit einer Vorrede von Professor Charcot, Leipzig, Wien 1894 (zit.: Janet, L’état mental. Nach der Originalausgabe Paris 1892: L’état mental des Hystériques). Erinnerungs- und Gedächtnisstörungen sind in Janets Untersuchungen ein Teil, auch die Ursache von Krankheitssymptomen bei Hysterischen.

[24] Bei der systematischen Amnesie verlieren die Kranken eine bestimmte Kategorie von Erinnerungen, das kann auch die Sprache sein oder die Vorstellung von Bewegung, was dann zu Lähmung führt. Die lokalisierten Amnesien sind gekennzeichnet durch den Verlust von Erinnerungen aus derselben Zeit, was ein einzelnes Ereignis sein kann oder auch ein ganzer Lebensabschnitt. Vollständiger Verlust aller Erinnerungen ist die Form der allgemeinen Amnesie. Bei Dauerformen der Amnesie geht die Fähigkeit verloren, neue Erinnerungen zu bilden. S. Janet, L’état mental, 68-79.

[25] Z.B. bei der Beobachtung einer Kranken, die nach einem hysterischen Anfall keine Erinnerung mehr hat an das frühere Leben und jetzt ein neues Bewusstsein hat. Nach dem nächsten Anfall aber kehrt das alte Sein zurück und das neue entfällt der Erinnerung. So wechseln sich nach jedem Anfall beide Sein ab. „Dank dieser Abwechslung der beiden Zustände erkennen wir, dass in Wirklichkeit überhaupt keine Erinnerung verloren gieng.“ Janet, L’état mental, 81.

[26] Janet, L’état mental, 79-83. Janet hat diese Methoden in seiner klinischen Praxis alle ausgeführt.

[27] Janet, L’état mental, 87f.

[28] Janet, L’état mental, 89.

[29] Janet, L’état mental, 90.

[30] Janet nennt sie „les possessions“, P. Janet: L’Automatisme Psychologique. Essai de Psychologie Expérimentale sur les formes inférieures de l’activité humaine, Paris 1889 (zit.: Janet, L’Automatisme), 435.

[31] Janet, L’Automatisme, 435.

[32] Janet, L’Automatisme, 436.

[33] Janet, L’Automatisme, 438.

[34] Der Begriff „Trauma“ taucht bei Janet noch nicht auf. Er spricht von „idée fixe“.

[35] Im normalen Bewusstsein weiß die Patientin nichts von der Wiederkehr des Ereignisses im Anfall, „il est donc vraisemblable que cette scène se passe au-dessous de cette conscience et amène tout les autres troubles par contre-coup.“ Janet, L’Automatisme, 438.

[36] So entstehen z.B. aus einem Schreck-Erlebnis Schreckens-Anfälle.

[37] “Association d’idées”, Janet, L’Automatisme, 439.

[38] Janet nennt sie „désagrégation psychologique“.

[39] Janet, L’Automatisme, 438-40.

[40] Nach diesen beiden Formen unterteilt Janet seinen Psychologischen Automatismus, s. Inhaltsverzeichnis S. 494-96.

[41] Das Problem der gespaltenen Persönlichkeit erfährt nach 1840 gesteigertes Interesse und ist bis 1880 eines der von Psychiatern und Philosophen am häufigsten diskutierten Themen. Im 19. Jh. werden immer mehr Fälle von multipler Persönlichkeit veröffentlicht. Es ist ein steigendes Bedürfnis zu verzeichnen, klinische Varianten zu unterscheiden und zu klassifizieren. Beliebtes Schema ist die Einteilung in simultane bzw. sukzessive Formen oder in ein Bündel von Persönlichkeiten. Nach 1910 formiert sich eine Welle der Gegenreaktion gegen die Vorstellung von der multiplen Persönlichkeit. H. Ellenberger, Entdeckung des Unbewussten, 186-209.

[42] Janet, L’Automatisme, 118.

[43] Janet, L’Automatisme, 117-19.

[44] Janet, L’Automatisme, 120-23.

[45] Janet, L’Automatisme, 123.

[46] Diese Fälle sind seltener als die der sukzessiven Persönlichkeiten. Janet, L’Automatisme, 314-23 gibt einige Beispiele.

[47] Janet, L’Automatisme, 441.

[48] Janet nimmt auch auf den Glauben der Betroffenen Bezug, es handle sich beim Auftreten einer zweiten Persönlichkeit, die unkontrollierte Handlungen und Worte veranlasst, um das Besessensein von einem Geist, Dämon, ein weit verbreiteter, kulturübergreifender Gedanke mit einer langen Tradition, s. Ellenberger, Entdeckung des Unbewussten, 35-49. Janet erklärt: „La croyance à la possession n’est que la traduction populaire d’une vérité psychologique.” Janet, L’Automatisme, 440f.

[49] Als Trauma „kann jedes Erlebnis wirken, welches die peinlichen Affekte des Schreckens, der Angst, der Scham, des psychischen Schmerzes hervorruft“, J. Breuer und S. Freud: Studien über Hysterie, Leipzig, Wien 41922 (zit.: Breuer/ Freud, Hysterie), 3.

[50] Breuer/ Freud, Hysterie, 5.

[51] Breuer/ Freud, Hysterie, 3. Das sind die Fälle, bei denen P. Janet von „association d’idées“ spricht.

[52] „Wir fanden […], anfangs zu unserer größten Überraschung, daß die einzelnen hysterischen Symptome sogleich und ohne Wiederkehr verschwanden, wenn es gelungen war, die Erinnerung an den veranlassenden Vorgang zu voller Helligkeit zu erwecken, damit auch den begleitenden Affekt wachzurufen, und wenn dann der Kranke den Vorgang in möglichst ausführlicher Weise schilderte und dem Affekte Worte gab. Affektloses Erinnern ist fast immer völlig wirkungslos; der psychische Prozeß, der ursprünglich abgelaufen war, muß so lebhaft als möglich wiederholt, in statum nascendi gebracht und dann ‚ausgesprochen’ werden. Dabei treten [die körperlichen Symptome] noch einmal in voller Intensität auf und schwinden dann für immer.“ Breuer/ Freud, Hysterie, 4.

[53] Breuer/ Freud, Hysterie, 13f. Jedoch messen Breuer/ Freud dem Verarbeiten des Traumas mit Hilfe von Worten höheren Wert zu, diese Methode „scheint uns […] die Wirksamkeit der direkten suggestiven Aufhebung, wie sie jetzt von den Psychotherapeuten [auch Janet spricht ja von der Suggestion als Therapie und hat sie auch an zahlreichen Patienten praktiziert] geübt wird, weit zu übertreffen.“ Breuer/ Freud, Hysterie, 14.

[54] Breuer/ Freud, Hysterie, 8.

[55] In dieser Anschauung träfen Breuer und Freud mit A. Binet und P. Janet zusammen. Breuer/ Freud, Hysterie, 9.

[56] Breuer/ Freud, Hysterie, 12. Über das Herkommen von hypnoiden Zuständen wissen Breuer und Freud nichts Genaues zu sagen. „Sie entwickeln sich oft, sollten wir meinen, aus dem auch bei Gesunden so häufigen ‚Tagträumen’, zu dem z.B. die weiblichen Handarbeiten so viel Anlaß bieten.“ Breuer/ Freud, Hysterie, 10.

[57] Breuer/ Freud, Hysterie, 9.

[58] Breuer/ Freud, Hysterie, 10.

[59] Ebd.

[60] Breuer/ Freud, Hysterie, 12. „Charcot hat bereits den Gedanken ausgesprochen, daß der hysterische Anfall das Rudiment einer condition seconde sein dürfte.“

[61] Breuer/ Freud, Hysterie, 13.

[62] In der Psychologie gibt es den Streit, wer das Unbewusste „entdeckt“ hat, Janet oder Freud. A. Lorenzer: Intimität und soziales Leid. Archäologie der Psychoanalyse, Frankfurt 1984 (zit.: Lorenzer, Intimität), 99-111 geht ebendieser Frage nach und konstatiert, dass Janet vor Freud die Lehre von der Wirksamkeit unbewusster Impulse entworfen hat und den Zusammenhang zwischen Symptom und lebensgeschichtlicher Erfahrung entdeckt hat. Der Unterschied liegt darin, dass durch den Gedanken der „Dissoziation“ die Bedeutsamkeit der Traumen relativiert wird. Indem die Krankheitsursache erblich bedingt ist, bleibt Janet allerdings dem „Degenerationsschema“ seiner Zeit verhaftet.

[63] Die Theorie vom Doppel-Ich entsteht, wie H. Ellenberger untersucht, aus einer längeren Entwicklung in der Psychologie. Erforschung und Praxis des Magnetismus und Hypnotismus führten zur Entwicklung von zwei Modellen der menschlichen Psyche, dem Dipsychismus und Polypsychismus. Die Lehre vom Dipsychismus, also Doppel-Ich ist v. a. von Dessoir im Doppel-Ich entwickelt worden; der Polypsychismus, der viele Unter-Ichs, eine Vielfalt von Persönlichkeiten postuliert, ist geprägt von Durand de Gros. Diese beiden Modelle sind einflussreich auf die nachfolgende Psychologie: „Der Dipsychismus ‚geschlossener’ Art war das Modell, nach dem Janet sein Konzept des ‚Unterbewußten’ und Freud seine erste Konzeption vom Unbewußten als der Gesamtheit der verdrängten Erinnerungen und Tendenzen formten. Jungs Theorie vom Unbewußten gehörte sehr bald zur ‚offenen’ Art, da hier das Unbewußte des Einzelnen gegenüber dem ‚kollektiven Unbewußten’ der Archetypen offen ist. Sowohl Freud als auch Jung gingen von einem ‚dipsychischen’ zu einem ‚polypsychischen’ Modell der menschlichen Persönlichkeit über. Bei Freud geschah dies, als er sein früheres Modell bewußt-unbewußt durch sein späteres dreigeteiltes Modell Ich-Es-Überich ersetzte, während Jung ein noch komplexeres System entwickelte.“ Ellenberger, Entdeckung des Unbewussten, 213-17.

[64] „Aus einem Brief des Herrn Prof. Janet in Le Hâvre erfahre ich, dass ein umfangreiches Werk des genannten Forschers ‚L’Automatisme psychologique’ zu gleicher Zeit mit diesem Vortrag in den Druck geht.“ M. Dessoir: Das Doppel-Ich, Schriften der Gesellschaft für Experimental-Psychologie zu Berlin. I.Stück, Leipzig 1890 (zit.: Dessoir, Doppel-Ich), 17, Anm.1. Dessoirs Werk lässt sich auch inhaltlich zwischen der experimentellen Psychologie und der im Werden begriffenen Psychoanalyse verorten.

[65] Dessoir, Doppel-Ich, 2-4.

[66] Dessoir, Doppel-Ich, 4. Man kann hier im Sinne Janets von simultanen Persönlichkeiten sprechen; sie arbeiten zur gleichen Zeit; s. Dessoir, Doppel-Ich, 8.

[67] Dessoir, Doppel-Ich, 5f.

[68] Es ist also zerlegt in zwei zeitlich getrennte Individuen mit je eigenem Bewusstsein und Gedächtnis und so auch besser zu untersuchen, Dessoir, Doppel-Ich, 8.

[69] Dessoir, Doppel-Ich, 9.

[70] Dessoir, Doppel-Ich, 7-9.

[71] Dessoir bezieht sich hier auf Arbeiten über Untersuchungen an Hysterischen des Psychologen A. Binet.

[72] Dessoir, Doppel-Ich, 9-13.

[73] „Eine heftige Erschütterung hat das Gleichgewicht des Seelenlebens gestört und einen Teil desselben in eine Tiefe gesenkt, die der Kenntnis des Individuums unerreichbar bleibt; in dem hypnotischen Schlaf aber entsteht ein Zustand, der diese Tiefe erschließt.“ Dessoir, Doppel-Ich, 14. Zu beachten ist, dass Dessoirs Text vor Breuer/ Freuds Studien über Hysterie entstand!

[74] Dessoir, Doppel-Ich, 15.

[75] Dessoir, Doppel-Ich, 20.

[76] So soll erklärt werden, warum Personen nach der Hypnose ihnen in der Hypnose aufgetragene Dinge vollführen, ohne dass ihnen klar ist, was sie gerade tun und weshalb. Dessoir verweist auf Pierre Janets L’Automatisme Psychologique (gerade im Druck befindlich), das genauso argumentiere. Die sonstige aktuelle Forschung (Paul Janet, Richet, Bernheim) interpretiere diese unbewusste Handlungsweise als Ideenassoziation. Dessoir, Doppel-Ich, 16-18.

[77] Dessoir, Doppel-Ich, 29.

[78] Dessoir, Doppel-Ich, 22-24.

[79] Dessoir konnte das in seinen Untersuchungen selbst nicht nachweisen, da eine Unterhypnose nur sehr schwer erzeugbar ist. Für „eine Vielfachheit des Ich [treten] sehr wenige Beobachter in die Schranken.“ Eine tiefere Bewusstseinsschicht lässt sich noch erzeugen, aber „zur Bildung einer neuen Persönlichkeit gehört jedoch noch eine dritte Erinnerungskette, die eben selten vorhanden zu sein scheint.“ Dessoir, Doppel-Ich, 26.

[80] Dessoir, Doppel-Ich, 29.

[81] Ebd.

[82] Dessoir, Doppel-Ich, 33.

[83] Ebd.

[84] Dessoir, Doppel-Ich, 35.

[85] Dessoir, Doppel-Ich, 35-37,39f.

[86] Dessoir, Doppel-Ich, 37f.

[87] Kritik an der Theorie vom Doppel-Bewusstsein übt Wilhelm Wundt: „Diese Theorie ist, wie mir scheint, ein ausgeprägtes Beispiel jener Art psychologischer Scheinerklärungen, die darin bestehen, dass man für die zu erklärenden Dinge einen neuen Namen einführt, mit dem dann die Erklärung für abgemacht gilt. Die Thatsache, um die es sich handelt, ist die, dass ein Mensch offenbar in gewissen Zuständen im ganzen nach ähnlichen psychologischen Gesetzen, wie sie für das gewöhnliche Bewusstsein gelten, Vorstellungen verbinden und Handlungen vollbringen kann, dass er sich aber dieser Vorstellungen und Handlungen nicht oder wenigstens nicht klar bewusst ist. Statt nun in den Gesetzen des Bewusstseins selbst die Deutung dieser Erscheinungen zu suchen, setzt man einfach ein zweites Bewusstsein voraus, dem man diese dunkel oder gar nicht bewussten Vorgänge zuschiebt. Mit der Einführung dieses Namens soll dann ohne weiteres das Problem gelöst sein.“ Die „Fiction des Unterbewusstseins“, die „erfundene Vorstellung einer ‚doppelten Persönlichkeit’ […] der modernen Hypnotismus-Psychologie ist [… zudem] offenbar nichts anderes als ein atavistischer Rest [der] uralten Besessenheitsvorstellungen“ des alten Dämonenglaubens, der hiermit in neuer Form wieder heraufsteige. W. Wundt: Hypnotismus und Suggestion, Leipzig 1892.

[88] In zwei Teilen, ursprünglich erschienen in der Zeitschrift Moderne Dichtung Aug./Sept. 1890.

[89] H. Bahr: Die neue Psychologie. I., in: Moderne Dichtung. Monatsschrift für Literatur und Kritik II.2 (1890), 507-9 (zit.: Bahr, neue Psychologie I), 507.

[90] Bahr, neue Psychologie I, 508.

[91] Ebd.

[92] Bahr, neue Psychologie I, 509.

[93] Ebd.

[94] H. Bahr: Die neue Psychologie. II., in: Moderne Dichtung. Monatsschrift für Literatur und Kritik II.3 (1890), 573-76 (zit.: Bahr, neue Psychologie II), 575.

[95] Ebd.

[96] Bahr, neue Psychologie II, 574.

[97] Ebd.

[98] Bahr, neue Psychologie II, 576.

[99] In der gleichnamigen Aufsatzsammlung von 1891. Als Quelle dient: H. Bahr: Zur Überwindung des Naturalismus. Theoretische Schriften 1887-1904, ausgewählt, eingeleitet und erläutert v. G. Wunberg, Sprache und Literatur 46, Stuttgart u.a. 1968 (zit.: Bahr, Überwindung Naturalismus).

[100] Bahr, Überwindung Naturalismus, 87.

[101] Ebd.

[102] Bahr, Überwindung Naturalismus, 88f.

[103] Bahr, Überwindung Naturalismus, 89.

[104] H. Mann: Neue Romantik, in: Die Gegenwart. Wochenschrift für Literatur, Kunst und öffentliches Leben XLII.29 (1892), 40-42 (zit.: Mann, Neue Romantik).

[105] Das hat in den Einzelheiten Klaus Schröter nachgewiesen. „Im Ganzen wie im einzelnen sind die Analysen der damaligen Literatur, die Kritik an ihr und die hieraus gezogenen programmatischen Folgerungen abhängig von Hermann Bahrs Aufsätzen ‚Zur Kritik der Moderne’.“ K. Schröter: Anfänge Heinrich Manns. Zu den Grundlagen seines Gesamtwerks, Germanistische Abhandlungen 10, Stuttgart 1965 (zit.: Schröter, Anfänge HMs). Schröters Monografie untersucht die literarischen Einflüsse im Jugend- und Frühwerk HMs 1892-1907 und ihre Bedeutung für sein späteres Werk. G. Schäffner: Heinrich Mann – Dichterjugend. Eine werkbiographische Untersuchung, Reihe Siegen. Beiträge zur Literatur-, Sprach- und Medienwissenschaft, Bd. 128, Heidelberg 1995, geht über den Befund Schröters hinaus. In der Neuen Romantik übernehme HM Gedanken von Brandes und Bourget. Ein Einfluss Bahrs sei jedoch nicht so ohne weiteres zu konstatieren wie bisher in der Forschung getan. Aus Korrespondenz und frühen Kritiken gehe hervor, dass sich HM „bereits vor dem Erscheinen von Bahrs Überwindung des Naturalismus (1891) intensiv und differenziert mit Naturalismus und Psychologismus auseinandergesetzt hat und daher von einer Kausal- oder Initialwirkung Bahrs schlecht die Rede sein kann, eher von einer Koinzidenz“ (101). Vielmehr „überträgt Heinrich Mann nun die Theorien Heinrich Lehmanns, eines Schülers des Mediziners Du Bois-Reymond und des Physikers Helmholtz, auf die Literaturtheorie. Dies steht im Zentrum seiner Überlegungen in ‚Neue Romantik’ und dem ordnet er selbst seinen ‚cher maître’ Paul Bourget unter.“ (100) Schäffner stellt zudem politische Präokkupationen beim ästhetischen Urteilen HMs heraus (Angst vor Proletariat, Hass auf Sozialdemokratie, Antisemitismus). Das Diktum und den Tenor in der Forschung, dass HM Bahr gefolgt sei, hätten Schröter und Banuls in die Welt gesetzt. Trotzdem ist der Aufbau und die nahezu wörtliche Übereinstimmung mit Bahr in bestimmten Sequenzen der Neuen Romantik nicht zu übersehen, die sich nicht durch Koinzidenz erklären lässt.

[106] Mann, Neue Romantik, 41. Als Vertreter der subtilen Psychologie nennt Mann, H. Bahr folgend, P. Bourget.

[107] Dieter Kafitz stellt fest, dass im literarischen Werk HMs der Übergang vom Naturalismus zur Psychologie und Dekadenz ein „dynamischer Vorgang“ ist. HMs Interesse im Naturalismus gelte Autoren, die eine vertrackte Psyche der Helden zergliederten, also Seelenanalyse betrieben. So ist der nachfolgende Psychologismus „allenfalls die Verstärkung einer bereits im Naturalismus angelegten Sichtweise. […] Vom Schriftsteller fordert er [HM] Beobachtung und Analyse, d. h., daß er von genuin naturalistischen Kategorien ausgeht. Die Übergänge zwischen Beobachtung und Analyse im Sinne naturalistischer Objektivität auf der einen Seite und psychologischer Zergliederung ohne wertenden Erzählereingriff auf der anderen sind fließend. […] Naturalistische Analyse und aus einem Décadence-Bewußtsein erfolgende Analyse liegen bei Heinrich Mann eng beieinander, die Konstruktion einer Entwicklung vom Naturalismus zum modernen Psychologismus wäre eine Vereinfachung.“ D. Kafitz: Heinrich Mann und der deutsche Naturalismus, in: Heinrich Mann-Jahrbuch 13 (1995), 7-29, 23-25.

[108] „Die ganz neue Basis, auf welcher, in bleibendem Gegensatze zu jeder früheren, alle moderne Kunst ruht, ist die Naturerkenntnis. Die einzige allgemein gültige Parole von Alt und Neu wäre: Hier freier Wille – hier Naturbestimmung.“ Mann, Neue Romantik, 41.

[109] Die Erzählungen werden anhand der Erzähltheorie von M. Martinez und M. Scheffel: Einführung in die Erzähltheorie, München 52003 (zit.: Martinez/ Scheffel, Erzähltheorie), interpretiert.

[110] „Konstitutiv als typische Bauelemente dieser Novellenform [der Erinnerungsnovelle] sind neben der erzähltechnisch-funktionalen, thematischen und poetologischen Bedeutung der Erinnerung, mit dem daraus folgenden, jeweils exakt zu bestimmenden Verhältnis von Vergangenheit und Gegenwart, die Rahmenkomposition, der oder die Ich-Erzähler und das Moment der Reflexion.“ Das Konzept der Erinnerungsnovelle hat „seine literaturgeschichtliche Herkunft in der Erzählkunst des Realismus […]. Rahmentechnik sowie Erinnerungsstruktur sind bekannte und auffällige Erzählprinzipien der Novellenkunst des deutschen Realismus.“ P. Hasubek: Auf der Suche nach der Vergangenheit. Zur Erinnerungsstruktur von Heinrich Manns frühen Erzählungen. Heinrich Mann und Theodor Storm, in: Heinrich Mann-Jahrbuch 10 (1992), 7-32 (zit.: Hasubek, Erinnerungsstruktur), 15, 26. Hasubek weist nach, dass HM in der Verwendung des Konzepts der Erinnerungsnovelle von Theodor Storm beeinflusst ist. Eine Erinnerung ist eine „in [einen] Rahmen gefaßte Erinnerungsnovelle, für die Theodor Storm das Vorbild abgab“, so auch G. Loose: Der junge Heinrich Mann, Das Abendland. Forschungen zur Geschichte europäischen Geisteslebens, Neue Folge 10, Frankfurt 1979 (zit.: Loose, junger HM).

[111] Als Textgrundlage dient: Heinrich Mann: Haltlos. Sämtliche Erzählungen. Band 1, Gesammelte Werke in Einzelbänden, hg. v. Peter-Paul Schneider, Bd. 2, Frankfurt 1995. Die Seitenzahlen sind im Text in Klammern angegeben.

Ende der Leseprobe aus 90 Seiten

Details

Titel
Erinnerung und Identität in frühen Erzählungen Heinrich Manns
Hochschule
Eberhard-Karls-Universität Tübingen
Note
1,00
Autor
Jahr
2006
Seiten
90
Katalognummer
V167207
ISBN (eBook)
9783640836291
ISBN (Buch)
9783640836482
Dateigröße
885 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
erinnerung, identität, erzählungen, heinrich, manns
Arbeit zitieren
Jasmin Holder (Autor), 2006, Erinnerung und Identität in frühen Erzählungen Heinrich Manns, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/167207

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