Das ängstliche Gender?

Zur Konstruktion des männlichen Helden im Nibelungenlied


Hausarbeit, 2009
23 Seiten, Note: 2,0

Leseprobe

Inhalt

1. Das ängstliche Gender? Zur Konstruktion des männlichen Helden im Nibelungenlied

2. Theoretische Betrachtung der Angstemotion aus moderner Sicht

3. Wortfeld angest und Synonyme

4 Konstruktion des idealen Helden
4.1 Siegfried - Angstfreiheit als Gefahr
4.2 Hagen - Angst vor dem Angstverdacht
4.3 Gunther - Die Lizenz zur Angst
4.4 Gernôt - Determiniertheit durch das Schicksal
4.5 Rüdeger - Vorbildlicher Held mit Gottvertrauen
4.6 Feinde und Gegner - Provokation durch Schmähung

5 Die Angst des Mannes vor der starken Frau?
5.1 Werbung um Brünhilde
5.2 Entmachtung der Frau durch Entziehung des materiellen Besitzes

6 Fazit

7 Bibliographie

1 Das ängstliche Gender? Zur Konstruktion des männlichen Helden im Nibelungenlied

Angst kennt ein jeder. Jeder hat schon in diversen Situationen seines Lebens Angst gehabt und sie auch schon mehrfach thematisiert. Diese Emotion ist schon seit langem Gegenstand der öffentlichen Kommunikation und sie hat auch in die Psychoanalyse Eingang gefunden. Ihre „Ursachen und Auswirkungen [werden] analysiert und über Maßnahmen gegen sie [wird] nachgedacht.“[1]

Doch Angst war nicht immer opportun. Wenn man eine Emotion in der mittelhochdeutschen Literatur betrachtet, muss man davon ausgehen, dass sie anders wahrgenommen, geäußert und bewertet wurde. Es ist nötig, sie als „historische Kategorie“[2] zu verstehen, „die abhängig ist von den jeweiligen epochenspezifischen sozialen und kulturellen Gegebenheiten und sich mit deren Veränderungen wandelt.“ [3] Ängste in der Literatur kommentieren, spiegeln und antizipieren das Geschehen und denHandlungsverlauf und sind ihm inhärent. Diese Emotion wird hier nur selten zerlegt und analysiert, denn sie hat topischen Charakter und tritt in bestimmten Lebenslagen und -krisen auf.[4]

Die grundsätzliche Frage, die ich mir in dieser Arbeit stelle, ist wie die Männlichkeit und somit das Heldenideal im Nibelungenlied über die Angstemotion bzw. über das Fehlen der Angstemotion konstruiert wird. Zunächst möchte ich die Emotion Angst theoretisch betrachten und anschließend das Wortfeld angest und seine Synonyme erschließen. Sie sollen zum besseren Verständnis dienen. Anschließend soll allgemein dargestellt werden, in welchen Situationen der ideale Held Angst empfindet oder auch nicht. In diesem Zusammenhang werde ich auf die Hauptfiguren eingehen und ihr Verhalten interpretieren. Insbesondere soll hier auf Siegfried, Hagen, Gunther, Gernot und Rüdeger eingegangen werden. Außerdem ist es an dieser Stelle auch wichtig darzustellen, wie die Helden ihre Gegner durch Schmähung als Feiglinge diffamieren und sie so zum kämpfen bewegen. Im letzten Teil der Arbeit werde ich auf den

Genderaspekt eingehen. Hier soll näher betrachtet werden, wie sich die Helden gegenüber den beiden weiblichen Protagonistinnen verhalten. Ich stelle die These auf, dass die Männer hier Angst vor der starken Frau haben bzw. die Frau als Platzhalter für andere Ängste der Männer eingesetzt wird, um die Männer nicht negativ zu besetzen und das Heldenideal aufrecht zu erhalten. Diesbezüglich soll auf die Entmachtung und Unterwerfung von Brünhild und Kriemhild besonders eingegangen werden.

2 Theoretische Betrachtung der Angstemotion aus moderner Sicht

Die moderne psychoanalytische Forschung hat sich im 20 Jahrhundert stark mit der Emotion der Angst beschäftigt, weshalb es viele verschiedene Ansätze gibt, Angst zu definieren, zu analysieren und zu interpretieren. Ich werde mich im Folgenden auf den Aufsatz „Angst“ von

Joachim Stöber und Ralf Schwarzer beziehen, da sie für die mittelalterliche Literatur anwendbarste Darstellung bieten. Die Autoren zitieren für die Definition von Angst zunächst Krohne: Angst ist ein „affektiver Zustand des Organismus, der durch erhöhte

Aktivität des autonomen Nervensystems sowie durch die Selbstwahrnehmung von Erregung, das Gefühl des Angespanntseins, ein Erlebnis des Bedrohtwerdens und verstärkte Besorgnis gekennzeichnet ist.“[5] Anders ausgedrückt „ist Angst das bewusste Erleben eines Erregungszustandes, der als quälend und bedrückend empfunden wird.“[6] Es ist hierbei wichtig, zwischen Angst als Zustand und Ängstlichkeit als Persönlichkeitsmerkmal zu unterscheiden. Angst als Zustand ist demnach eine emotionale Reaktion auf eine Situation, wohingegen Ängstlichkeit eine überdauernde Disposition einer Person darstellt. Personen mit hoher Ängstlichkeit nehmen bedrohliche Situationen für ihr Selbstwertgefühl stärker wahr als andere. Sie bemerken bedrohliche Situationen auch viel schneller und daher ließe sich behaupten, „dass die Hauptfunktion von Angst die schnelle Entdeckung von Bedrohungen sei.“[7] Ängste lassen sich allgemein in zwei große Bereiche einteilen: die körperliche Bedrohung und die Selbstwertbedrohung, wobei sich diese abermals in Sozialangst (z.B. Schüchternheit, Publikumsangst) und Leistungsangst (Prüfungsangst) gliedern lässt. Angst übt in der Regel einen negativen Effekt auf Leistung aus. Der Grund hierfür ist, dass das „Arbeitsgedächtnis mit aufgabenirrelevanten Inhalten belegt ist [...] bzw. Aufmerksamkeit von der eigentlichen Aufgabe abzieht.“[8] So muss mehr Aufwand vom Ängstlichen aufgebracht werden als von jemandem von geringerer Ängstlichkeit, um die gleiche Leistung zu erzielen. Besonders geeignet für das Thema „Konstruktion der Männlichkeit im Nibelungenlied“ scheint mir das mehrdimensionale Modell von Billings und Moos. [9] Es unterscheidet drei Kategorien der Angstbewältigung:

(a) bewertungszentrierte Bewältigung
(b) problemzentrierte Bewältigung und
(c) emotionszentrierte Bewältigung

Bei (a) wird die Angstquelle logisch analysiert und gegebenenfalls eine

Neubewertung vorgenommen. Ein gutes Beispiel hierfür ist ein Bewerbungsgespräch, das vom Bewerber zunächst als Bedrohung empfunden wird, dann aber als Herausforderung umgewertet werden kann. (b) ist die aktive Beseitigung von Bedrohung, auch unter Einsatz des sozialen Netzwerks. Emotionszentrierte Bewältigung (c) findet über emotionale Regulation statt, die alle Versuche unternimmt, die Angstreaktion zu kontrollieren, sei es durch tief durchatmen oder durch verbale oder verhaltensmäßig-expressive Affektabfuhr. Diese theoretische Darstellung soll nun dazu dienen, der Angstemotion der Helden im Nibelungenlied näher zu kommen bzw. zu begründen, warum die Männer nur selten oder gar keine Angst in Situationen empfinden, in denen diese Emotion aber durchaus angebracht wäre. Dass man moderne Psychoanalyse auf die literarischen Figuren des Mittelalters nicht eins zu eins anwenden kann, zeigt schon der Wörterbucheintrag zum Wort angest. Im Kapitel „Wortfelder“ sollen nun die Angstbegriffe des Nibelungenliedes näher betrachtet werden.

3 Wortfeld angest und Synonyme

Im Text des Nibelungenliedes treten Wörter, die für die Angstemotion stehen, äußerst selten auf. An dieser Stelle sollen aber nun die Wortfelder um angest, sorge und fürchten näher bestimmt werden und dabei auch genauer auf die Bedeutungen der einzelnen Wörter eingegangen werden. Zunächst möchte ich drei Wörterbucheinträge zum Wort Angst, bzw. angest vergleichen. Das Deutsche Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm bietet folgende Definition:

Angst: „nicht näher bestimmbares gefühl der b eklemmung, des (existentiellen) bedrohtseins, der schutzlosigkeit vor gefahr, das sich häufig nach außen in körperl. reaktionen wie herzklopfen, blässe oder zittern zeigt, gefühl der sorge.“[10] (sic.)

Interessant ist, dass dieses Gefühl im 19. Jahrhundert als „nicht näher bestimmbar[...]“ bezeichnet wird und sich so eine gewisse Unschärfe in der Erklärung aufwirft. Jedoch wird das Angstgefühl und auch der Emotionsausdruck relativ klar geschildert, auch wenn der Begriff hier schwammig bleibt. Matthias Lexer bietet uns zwar keine Erklärung für angest, übersetzt das Wort aber mit neuhochdeutschen Synonymen:

„angest: stf. und stm. bedrängnis; angst, furcht, besorgnis“[11]

Eine Erklärung, die den mittelhochdeutschen angest-Begriff vom neuhochdeutschen Wort Angst abgrenzt, bietet das mittelhochdeutsche Wörterbuch von Wilhelm Müller.

angest: stf. und stm. „das nhd. ‚angst‘ mit dem wir den begriff vomutlosigkeit, furcht zu verbinden pflegen, entspricht dem alten angest durchaus nicht, oder nur zufällig. - angest bedeutet den zustand, in dem man sich von noth und gefahr bedroht sieht, selbst auch dann, wenn man mit der größten herzhaftigkeit gegen sie angeht, oder sie gefaßt trägt.“[12] (sic.)

Diese Definition erachte ich als nicht sonderlich zufriedenstellend, denn sie sagt eigentlich nichts über die Emotion an sich aus. Vor allem bei der Betrachtung des idealen Helden im Nibelungenlied spricht der Erzähler nie von angest, sondern von zorn, wenn die Männer in Bedrängnis geraten. Nun kann man zwar davon ausgehen, dass die Angstemotion in der Kampfsituation übersprungen wird und sofort auf Zorn übergeht, aber dies rechtfertigt noch nicht die Erklärung Müllers. Der Ausdruck „sie gefass t trägt“ zielt meines Erachtens auf das christliche Märtyrertum ab. Dies soll aber in dieser Arbeit vernachlässigt werden.

Im weiteren Verlauf sollen nur die Einträge von Lexer näher berücksichtigt werden, da sie für das Vorhaben am geeignetsten scheinen. Ich gebe hier Auszüge aus den Wörterbucheinträgen ohne weiteren Kommentar an, da sie selbsterklärend sind.

angestlîchen: adv. in gefahr bringender, angst erregender weise

(Lexer, Sp )

erschrecken: int. auf- i. zurückspringen, auffahren, aufschrecken (besonders aus dem schlafe); erschrecken vor

vürhten: swv. furcht, angst besorgnis empfinden, mit refl. dat. sich fürchten, in angst, besorgt sein

vorhte, vorht: stf: furcht, angst, besorgnis

sorge: stswf sorge besorgnis, kummer, furcht, allgem. u. häufig im pl. sorgen: v. swv. besorgt, bekümmert sein

unsorclîchen: adv. ohne besorgnis, furchtlos

vreislîch: gefahr u. verderben bringend, schrecken erregend, furchtbar, schrecklich, wild, grimmig, verwegen, entsetzlich

verzaget: part. adj. mutlos, verzagt, scheu zagelîche: adj. hasenmäßig, feige, verzagt

zage: swm. verzagter, feiger mensch, überh. als schimpfwort: elender geselle, durchtriebener kerl, faulpelz u.dgl.

4 Konstruktion des idealen Helden

Der ideale Held wird im Mittelalter frei von Angst konstruiert. In Kampfszenen, in denen es um sein Leben geht, reagiert er mit Zorn und Wut, der Gegner dagegen meist mit Angst oder Feigheit, wenn man diesen negativ besetzen will. Der Zorn des Helden ist der Antrieb, furchtlos in den Kampf zu ziehen und wenn es sein muss, durch das Schwert eines anderen Helden ehrenhaft zu sterben.

„In der Heldenepik begegnet als Leitmotiv des von Krieg und Kampf erfüllten, herausgehobenen Menschen der anfallsartig auftretende Zorn. Die Kehrseite des Zorns ist die Angst, die jedoch als Befindlichkeit des Heroen nicht akzeptiert ist. Das ‚Sich-Hinwegsetzen‘ über die Furcht ist daher ebenfalls ein Charakteristikum der heroischen Heldenideals.“ [13]

Hierbei erkennen wir schon, dass für den Helden für die Angstbewältigung eigentlich nur ein Prozess in Frage kommt, nämlich die problemzentrierte Bewältigung, die darin besteht, den Gegner auszuschalten. Bemerkenswert ist außerdem, dass die Helden in den meisten Situationen keine Angst haben, denn die Angstemotion wird übersprungen und äußert sich sofort in Zorn, den Jan- Dirk Müller folgendermaßen darstellt: „ zorn ist nicht ein Affekt der Betroffenheit, sondern heißt der offene Ausbruch von Gewalt.“[14]

Doch ist es dem idealen Helden auch gestattet, in bestimmten Situationen Angst zu empfinden? Eigentlich nur, wenn er die mala mors, einen unguten Tod zu fürchten hat. [15] Beispiele hierfür sind die Tötung durch eine Frau oder von einem Mann von geringem Stand, anderem Glauben oder Fabelwesen, wie Riesen oder Zwerge.

Angstbesetzt sind sonst nur Gegner und Feinde, denn „[d]ie Emotion der Angst ist ausgelagert und stigmatisiert den Gegner. Die Verdrängung der Furcht und das Ausagieren von Zorn im Kampf sind zentrale Elemente des heroischen Kriegerideals.“[16]

Hinzu kommt ein anderes Motiv, nämlich die Angst vor der Angstbezichtigung und somit der Verlust des Ansehens, wenn man als Feigling gilt.

[...]


[1] Lehmann, S.211

[2] Lehmann, S. 211

[3] Lehmann, S. 211

[4] Lehmann, S. 213

[5] Stöber, Joachim und Ralf Schwarzer: Angst. In: Emotionspsychologie. Ein Handbuch. Otto, Jürgen H. (Hg.). Weinheim: Psychologie Verlags Union 2000, S. 189f

[6] Stöber, Schwarzer, S. 195

[7] Stöber, Schwarzer, S. 192

[8] Stöber, Schwarzer, S. 193

[9] vgl. Stöber, Schwarzer, S. 195

[10] Grimm, Jacob und Wilhelm Grimm: Deutsches Wörterbuch. 2. Bd. AffrontAnsüszen. Stuttgart/Leipzig: S. Hirzel Verlag 1998. Spalte 1000f.

[11] Lexer, Matthias: Mittelhochdeutsches Wörterbuch. Stuttgart: S. Hirzel Verlag 1974.

[12] Müller, Wilhelm: Mittelhochdeutsches Wörterbuch. S. Hirzel Verlag Stuttgart 1990.

[13] Ridder, 211

[14] Müller, Jan-Dirk: Das Nibelungenlied. Berlin: Erich Schmidt, 2002. S. 118.

[15] vgl. Haubrichs, S. 92

[16] Ridder, 211

Ende der Leseprobe aus 23 Seiten

Details

Titel
Das ängstliche Gender?
Untertitel
Zur Konstruktion des männlichen Helden im Nibelungenlied
Hochschule
Universität Wien  (Institut für deutsche Philologie)
Veranstaltung
Zürnen, Zittern, Zaudern, Zagen – Aggression und Angst in der mittelhochdeutschen Erzähldichtung
Note
2,0
Autor
Jahr
2009
Seiten
23
Katalognummer
V167277
ISBN (eBook)
9783640837311
ISBN (Buch)
9783640837656
Dateigröße
495 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Nibelungenlied, Angst, Gender, Männlichkeit, Heldentum
Arbeit zitieren
Veronika Luther (Autor), 2009, Das ängstliche Gender?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/167277

Kommentare

  • Noch keine Kommentare.
Im eBook lesen
Titel: Das ängstliche Gender?


Ihre Arbeit hochladen

Ihre Hausarbeit / Abschlussarbeit:

- Publikation als eBook und Buch
- Hohes Honorar auf die Verkäufe
- Für Sie komplett kostenlos – mit ISBN
- Es dauert nur 5 Minuten
- Jede Arbeit findet Leser

Kostenlos Autor werden