Der Coriolanusstoff bei Shakespeare und Livius gibt Aufschluss darüber, welche gesellschaftlichen Erwartungen an das Individuum zu beiden Zeiten gestellt worden sind. Diese Hausarbeit untersucht das den Werken unterliegende Idealbild der Beziehung von Gemeinschaft und Individuum und drückt dieses Spannungsverhältnis in einem selbstverfassten englischsprachigen Soliloquy aus, das den Coriolanusstoff bei Shakespeare ergänzen soll.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Lateinisch-Deutsche Textgrundlage
2.1 Lateinischer Text
2.1.1 Coriolanus’ Verschwörung
2.1.2 Volumnias Rede
2.2 Übersetzung
2.2.1 Coriolanus’ Verschwörung
2.2.2 Volumnias Rede
3. Textinterpretation
3.1 Coriolanus’ Verschwörung
3.2 Volumnias Rede
4. Zwischenfazit
5. Shakespeares Coriolanus
5.1 Persönliche Beziehungen und familiärer Einfluss
5.2 Volumnias Rede
5.3 Persönliche Interpretation
5.3.1 Soliloquy
5.3.2 Interpretation
6. Fazit
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht das Spannungsverhältnis zwischen individueller Autonomie und sozialer Verantwortung anhand der literarischen Inszenierung der Coriolanus-Figur. Im Zentrum steht die vergleichende Analyse der Darstellungsweisen bei Titus Livius in Ab urbe condita und William Shakespeare in Coriolanus, um zu ergründen, wie das Verhältnis von Individuum und Gemeinschaft moralisch, psychologisch und politisch verhandelt wird.
- Gegenüberstellung der antiken Geschichtsschreibung von Livius mit dem frühneuzeitlichen Drama Shakespeares
- Analyse sprachlich-stilistischer Mittel und rhetorischer Strategien in den Reden Volumnias
- Bedeutung römischer Tugenden wie pietas erga patriam, virtus und moderatio
- Psychologische Dimensionen familiärer Dynamiken, insbesondere die toxische Mutter-Sohn-Beziehung
- Kreative Vertiefung von Coriolanus’ innerem Entscheidungskonflikt durch ein selbst verfasstes englisches Soliloquy samt Interpretation
- Aktualitätsbezug zur zeitgenössischen Debatte über Individualisierung und gesellschaftlichen Zusammenhalt
Auszug aus dem Buch
5. Shakespeares Coriolanus
Faszinierend sind nicht Coriolanus’ Stärken, sondern seine Schwächen. Shakespeare offeriert Einblicke in die Natur seiner Schwäche. Instrumentalisiert Livius die Coriolanus-Episode für die Wertevermittlung im Sinne eines hegemonialen Roms, zeichnet sich Shakespeares Coriolanus durch eine tiefere Analyse von Coriolanus’ innerem Konflikt aus und präsentiert eine skeptische Charakterisierung des gefeierten Kriegshelden. Für Shakespeare ist Rom stets zutiefst patriarchalisch, mit einem strikten militärischen Ehrenkodex und einer Pflicht gegenüber dem Staat, denen alle anderen Werte untergeordnet werden müssen. Es ist von ständigen Machtkämpfen zerrissen, bei denen sich die Aggression häufiger gegen Freunde und Verbündete richtet als gegen äußere Feinde. Aus dieser Ansicht heraus porträtiert Shakespeare Coriolanus als tragischen Held.
Notwendige Voraussetzung für eine Analyse wie Shakespeare das Spannungsverhältnis zwischen individuellem Stolz und sozialer Verantwortung in "Coriolanus" interpretiert, ist das Verständnis darüber, dass im Werk eine dreifache Interaktion zwischen Individuum, Institutionen und der Gesellschaft als Ganzes, die wiederum sowohl Resultat als auch Ursache der beiden anderen ist, vorliegt. Zu den Institutionen zählt vor allem Coriolanus’ Familie – spezifischer seine Mutter.
Die Beziehung zwischen Coriolanus und seiner Mutter Volumnia ist wie auch in Livius’ Werk zentral. Volumnias Rede zum Ende ausgenommen, sind alle Szenen, in denen sie auftaucht, von Shakespeare ausgedacht. Shakespeare verleiht Volumnia nicht nur die Rolle als Mutter von Coriolanus, sondern zeigt auf, dass sie seine Beziehung zu Rom maßgeblich beeinflusst.
Volumnia zeichnet sich vor allem durch für Rom typisch maskuline Eigenschaften aus: Während die häusliche Sphäre der Gesellschaft die „weibliche“, die politische die „männliche“ war, ruft Volumnia durch ihre Begeisterung über Krieg und Politik eher Assoziationen zu Männlichkeit hervor. Im patriarchalischen Rom genossen Frauen nur wenig Ansehen und ihr Stand war abhängig von dem des Vaters oder Ehemanns. Menenius – ein enger Freund von Coriolanus - behauptet, dass die Konsuln sich um die Bürger wie “fathers” (1.1.74) sorgen würden. Dieser Sprachgebrauch offenbart, dass Politik mit Maskulinität assoziiert wird. Trotz Volumnias Begeisterung für Politik gibt es für sie also nur einen sozial akzeptierten Weg, ihre Ambitionen zu erfüllen: Coriolanus für diese zu nutzen.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Führt in die anthropologische und zeitlose Fragestellung nach der Rolle des Individuums in der Gemeinschaft ein und skizziert den methodischen Gang des Vergleichs zwischen Livius und Shakespeare.
2. Lateinisch-Deutsche Textgrundlage: Stellt die lateinischen Textauszüge aus Livius’ Ab urbe condita zu Coriolanus’ Verschwörung und Volumnias Rede zusammen mit den eigens erstellten deutschen Übersetzungen bereit.
3. Textinterpretation: Analysiert die sprachlich-stilistischen Mittel der Livius-Passagen und arbeitet heraus, wie Coriolanus’ Wut und Verbannung sowie Volumnias rhetorisch wuchtige Rede zur moralischen Belehrung des Lesers inszeniert werden.
4. Zwischenfazit: Fasst Livius’ Perspektive zusammen, der die unbedingte Unterordnung des Einzelnen unter das Gemeinwesen fordert und individuellen Rachegelüsten die Bewahrung der römischen Eintracht gegenüberstellt.
5. Shakespeares Coriolanus: Beleuchtet das elisabethanische Drama unter psychologischen Vorzeichen, analysiert die familiäre Prägung durch Volumnia, interpretiert deren finale Überzeugungsrede und vertieft Coriolanus’ Zerrissenheit anhand eines eigens gedichteten Soliloquys.
6. Fazit: Bündelt die Ergebnisse beider Autoren als Gegenpole zwischen bedingungsloser Gemeinschaftsunterordnung (Livius) und tragischer Zerstörung durch rigide Normen (Shakespeare) und überträgt die Thematik auf moderne Individualisierungsprozesse.
Schlüsselwörter
Coriolanus, Titus Livius, William Shakespeare, Volumnia, Ab urbe condita, Individualismus, Gemeinschaftsorientierung, Pietas, Römische Tugenden, Tragödie, Emotionale Manipulation, Soliloquy, Concordia
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit befasst sich mit dem literarischen Coriolanusstoff und vergleicht, wie der römische Geschichtsschreiber Livius und der englische Dramatiker William Shakespeare das Verhältnis zwischen individuellem Geltungsdrang und gesamtgesellschaftlicher Verantwortung darstellen.
Welche zentralen Themenfelder werden analysiert?
Zu den thematischen Schwerpunkten zählen die antike Werteordnung Roms, rhetorische Strategien persuasiver Reden, psychoanalytisch geprägte Mutter-Sohn-Beziehungen, Rollenkonflikte sowie das Zusammenspiel von Ehre, Stolz und Loyalität.
Was ist das primäre Ziel beziehungsweise die leitende Forschungsfrage?
Hauptziel ist die Beantwortung der Frage, wie das Spannungsverhältnis zwischen persönlicher Autonomie und sozialer Einbindung in den Werken von Livius und Shakespeare jeweils dramaturgisch und ideengeschichtlich inszeniert wird.
Welche wissenschaftlichen Methoden kommen zur Anwendung?
Die Untersuchung nutzt philologische Textarbeit inklusive eigener Textübersetzung aus dem Lateinischen, detaillierte stilistisch-rhetorische Textanalysen, vergleichende Literaturwissenschaft sowie ein methodisch-kreatives Verfahren in Form eines selbst verfassten Soliloquys im Shakespeare-Stil nebst analytischer Interpretation.
Was wird im Hauptteil der Arbeit konkret behandelt?
Im Hauptteil werden zunächst die relevanten Abschnitte aus Livius (Coriolanus’ Verrat und die Rede seiner Mutter) philologisch analysiert. Daran schließt sich die Interpretation von Shakespeares Tragödie an, mit Fokus auf die erzieherische Gewalt Volumnias, die metrische Struktur ihrer Rede und die psychologischen Ursachen für Coriolanus’ Nachgeben.
Welche Schlüsselbegriffe charakterisieren die untersuchte Problematik am besten?
Zentrale Begriffe sind pietas erga patriam, virtus, moderatio, Hybris, Individualisierung, Entfremdung, familiäre Abhängigkeit und Staatsräson.
Worin liegt der entscheidende Unterschied zwischen Livius’ und Shakespeares Interpretation?
Während Livius ein moralisch-didaktisches Ziel verfolgt und die unbedingte Unterordnung des Bürgers unter das Staatswohl einfordert, dekonstruiert Shakespeare das Heldenbild psychologisch und zeigt das Scheitern des Individuums an einer unerbittlich patriarchalen, militaristischen Ordnung auf.
Welche Rolle spielt Volumnia bei der Umstimmung des Kriegshelden?
Volumnia nutzt in beiden Versionen gezielte emotionale Erpressung, familiäre Scham und patriotische Appelle. Bei Shakespeare offenbart sich zudem eine tiefgreifende psychische Abhängigkeit des Sohnes, der die Anerkennung seiner Mutter über sein eigenes Überleben stellt.
Welchen Zweck erfüllt das von der Autorin bzw. dem Autor eingefügte Soliloquy?
Da Shakespeare die dramatische Wendung in der berühmten Schweigeszene (Akt 5, Szene 3) ohne erklärenden Monolog belässt, schließt das selbst verfasste Soliloquy diese Leerstelle und macht Coriolanus’ innere Zerrissenheit zwischen militärischem Stolz, Todesahnung und mütterlicher Bindung unmittelbar greifbar.
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- Anonym (Autor:in), 2025, Der Coriolanusstoff bei Livius und Shakespeare, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1673126