Aus einer relativ frühen Schaffensperiode stammen Brechts zwischen 1918 und 1933 entstandenen Kurzgeschichten und Prosa, die aufgrund des zeitlich-historischen Hintergrundes als „Weimarer Geschichten“ bezeichnet werden. Interessant an diesen sind – neben der Tatsache, dass Brecht sie des Öfteren in Zeitungen publizierte - insbesondere die Beweggründe und Aussageabsichten, und wie jene durch die damaligen zeitgenössischen Lebensumstände zustande kamen.
Mit diesem Augenmerk untersucht die vorliegende Hausarbeit drei von Brechts Weimarer Geschichten: Was bewegte Brecht, als er den „Javameier“, die „Pleiteidee“ und die Geschichte „Auf einem Schiff“ schrieb, auf welche Missstände wollte er aufmerksam machen, und inwiefern trug der historische Hintergrund zu Brechts Schaffen bei?
Inhaltsverzeichnis
- 1. Einleitung
- 2.1 Begriffserläuterung: Die Weimarer Zeit
- 2.2 Die Verhältnisse der Weimarer Zeit am Beispiel von Brechts „Die Pleiteidee“
-
3. Betrachtung und Analyse von Brechts „Javameier“
- 3.2 Brechts Inspiration zum „Javameier“
- 4. Betrachtung und Analyse der „Geschichte auf einem Schiff“
- 5. Fazit
- Literaturverzeichnis
Zielsetzung & Thematische Schwerpunkte
Diese Arbeit widmet sich der Untersuchung von drei von Bertolt Brechts „Weimarer Geschichten“ – „Javameier“, „Die Pleiteidee“ und „Auf einem Schiff“. Das primäre Ziel ist es, die Beweggründe Brechts, seine Aussageabsichten und den tiefgreifenden Einfluss der zeitgenössischen Lebensumstände der Weimarer Republik auf sein Schaffen zu analysieren, wobei insbesondere zwei der Geschichten vergleichend betrachtet werden.
- Analyse von Bertolt Brechts Prosa und Kurzgeschichten aus der Weimarer Zeit (1918-1933).
- Darstellung des historischen, politischen und wirtschaftlichen Hintergrunds der Weimarer Republik als Kontext für Brechts Werke.
- Kritische Beleuchtung der menschlichen Kommunikation und des Umgangs mit neuen Medien (Zeitung, Radio).
- Untersuchung von Brechts erzählerischen Techniken, der Verwendung von Ironie und satirischen Elementen.
- Erforschung des Topos von Sein und Schein sowie der Inszenierung in Brechts Geschichten.
- Aufzeigen gesellschaftlicher Missstände und Brechts künstlerisches Aufbegehren dagegen.
Auszug aus dem Buch
2.2 Die Verhältnisse der Weimarer Zeit am Beispiel von Brechts „Die Pleiteidee"
Dass es durchaus einen nicht zu vernachlässigenden Gesichtspunkt darstellt, die Verhältnisse der Weimarer Zeit zu kennen, um die in dieser Zeit entstandenen Geschichten Brechts besser verstehen zu können, lässt sich gut an der Geschichte „Die Pleiteidee“ aufzeigen. In dieser Geschichte will der „Geldmann“ Kückelmann zu Reichtum kommen. Zu diesem Zweck päppelt er den völlig abgemagerten und verwahrlosten Bettler Josef Kleiderer mit reichhaltigem Essen wieder auf, und schließt auf den nunmehr wohlgenährten Mann eine Lebensversicherung in Höhe von 100.000 Mark ab. Danach verlässt er den Bettler wieder, wartet dessen erneuten körperlichen Verfall ab, schleppt ihn dann erneut zu dem Bankier, der die Versicherung ausgestellt hatte, und bringt diesen dazu, ihm aufgrund des erbärmlichen Gesundheitszustandes seines angeblichen Schwagers Kleiderer die Papiere wieder abzukaufen – für 40.000 Mark. Im Anschluss folgt das selbe Spiel erneut: Kückelmann versorgt Kleiderer mit nahrhaften Speisen, „[...] freute sich kindlich über Kleiderers erneutes Aufblühen und bewies unter anderem schlagend, daß auch Anhören seriöser Musik bei Kaffee und Importe fett macht“, und beginnt das Ganze von vorn.
Der weitere Verlauf der „Pleiteidee“ soll an dieser Stelle nicht weiter von Belang sein; wichtig ist jedoch dieser erste Teil, um die Hintergründe der Entstehungszeit anschaulich zu machen: Die Geschichte im historischen Kontext - und unabhängig von weiteren, durchaus vielschichtiger Interpretationsmöglichkeiten - betrachtend kann der geneigte Leser nun in etwa eingrenzen, wann diese Geschichte spielen muss. Nämlich in der Zeit vor 1923 und nach dem ersten Weltkrieg, der 1918 endete. Dies wird daraus ersichtlich, dass Kückelmann die Lebensversicherung über 100.000 Mark abschließt, um so zu Wohlstand zu kommen. Hätte er solch eine Aktion nach 1923 getätigt, hätte sie ihn jedoch keineswegs vor der drohenden Armut und zurück in einen gehobenen Lebensstandard gerettet: Im Zuge der Ruhrbesetzung durch Franzosen und Belgier aufgrund ausstehender deutscher Reparationszahlungen, die im Versailler Vertrag zusammen mit der Klärung der Kriegsschuldfrage über Deutschland verhängt worden waren, kam es zur Hyperinflation in der Weimarer Republik. Das Geld war nichts mehr wert, für die im Text genannten 100.000 Mark hätte man nicht einmal mehr ein Brot kaufen können. Weitere politische Umsturzversuche wie der gescheiterte Hitlerputsch in München – bei dem im Übrigen Brecht neben anderen auf der von den Nationalsozialisten angefertigten schwarzen Liste der zu verhaftenden Personen stand - trugen ebenfalls nicht dazu bei, die politische Lage zu stabilisieren, so dass Maßnahmen gegen die Hyperinflation hätten ergriffen werden können.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Dieses Kapitel führt in Bertolt Brechts „Weimarer Geschichten“ ein und umreißt das Ziel der Arbeit, drei dieser Geschichten im Kontext der Weimarer Republik zu analysieren und deren Beweggründe und Aussageabsichten zu beleuchten.
2.1 Begriffserläuterung: Die Weimarer Zeit: Hier wird der historische Hintergrund der Weimarer Republik (1918-1933) detailliert erläutert, um die Entstehung von Brechts Werken besser verständlich zu machen, inklusive politischer Instabilität und Wirtschaftskrisen.
2.2 Die Verhältnisse der Weimarer Zeit am Beispiel von Brechts „Die Pleiteidee“: Dieses Kapitel demonstriert am Beispiel von Brechts Geschichte „Die Pleiteidee“, wie die Kenntnis der hyperinflationären Verhältnisse der Weimarer Zeit für das Verständnis seiner Werke unerlässlich ist und illustriert die Wertlosigkeit von Geld.
3. Betrachtung und Analyse von Brechts „Javameier“: Eine tiefgehende Analyse von Brechts „Javameier“, die Kaschers Inszenierungstalent, die Theatermetapher für das Leben und die Kritik an der unkritischen Rezeption von Nachrichten thematisiert.
3.2 Brechts Inspiration zum „Javameier“: Dieses Unterkapitel beleuchtet Brechts Faszination für englische Detektivgeschichten als Inspiration für „Javameier“, wobei jedoch Brechts eigene kritische Aussage, die sich zwischen den Zeilen verbirgt, betont wird.
4. Betrachtung und Analyse der „Geschichte auf einem Schiff“: Das Kapitel analysiert die Geschichte vom Schiffsuntergang, wobei der Fokus auf den gruppendynamischen Kommunikationskonflikten und der Kritik an der unkritischen Medienrezeption liegt.
5. Fazit: Das Fazit fasst die gemeinsame Kritik an der menschlichen Kommunikation und dem Umgang mit neuen Medien in „Javameier“ und „Geschichte auf einem Schiff“ zusammen und betont Brechts distanzierte Erzählweise, die kollektive statt individuelle Schicksale hervorhebt.
Schlüsselwörter
Bertolt Brecht, Weimarer Geschichten, Weimarer Republik, Kurzgeschichten, Literaturanalyse, Medienkritik, Kommunikation, Hyperinflation, Gesellschaftskritik, Satire, Javameier, Die Pleiteidee, Geschichte auf einem Schiff, historischer Kontext, Erzählweise.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit analysiert drei von Bertolt Brechts „Weimarer Geschichten“ im Hinblick auf seine Beweggründe, Aussageabsichten und den Einfluss der zeitgenössischen Lebensumstände der Weimarer Republik auf sein literarisches Schaffen.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Zentrale Themenfelder sind Brechts Prosa, die Geschichte der Weimarer Republik, die Kritik an Kommunikation und neuen Medien sowie Brechts erzählerische und satirische Techniken.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Das primäre Ziel ist es, zu untersuchen, was Brecht zum Schreiben dieser Geschichten bewegte, auf welche Missstände er aufmerksam machen wollte und inwiefern der historische Hintergrund sein Schaffen beeinflusste.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit verwendet eine literaturwissenschaftliche Analyse, die die ausgewählten Kurzgeschichten im Kontext des historischen und gesellschaftlichen Umfelds der Weimarer Republik interpretiert.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil behandelt die Begriffserläuterung der Weimarer Zeit, die detaillierte Analyse von Brechts „Die Pleiteidee“, „Javameier“ und „Geschichte auf einem Schiff“ sowie Brechts Inspirationen für seine Werke.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die Arbeit wird charakterisiert durch Schlüsselwörter wie Bertolt Brecht, Weimarer Geschichten, Medienkritik, Kommunikation, Hyperinflation und Literaturanalyse.
Welche Rolle spielt die Hyperinflation der Weimarer Republik in Brechts „Die Pleiteidee“?
Die Hyperinflation ist zentral, da die Geschichte vor 1923 spielt und aufzeigt, wie der im Text genannte Betrag von 100.000 Mark durch die spätere Geldentwertung jeglichen Wert verloren hätte, was die wirtschaftliche Unsicherheit der Zeit illustriert.
Inwiefern kritisiert Brecht den Umgang mit Medien in seinen „Weimarer Geschichten“?
Brecht kritisiert den unkritischen Umgang der Bevölkerung mit Informationen aus Zeitungen und dem Radio, indem er in Geschichten wie „Javameier“ und „Geschichte auf einem Schiff“ auf die Gefahr von Fehlinformationen und die Notwendigkeit einer kritischen Rezeption hinweist.
Was bedeutet die „Theater-Metapher“ im Zusammenhang mit Brechts „Javameier“?
Die Theater-Metapher bezieht sich auf die Vorstellung, dass das Leben eine Bühne ist, auf der jeder Mensch eine Rolle spielt. Im „Javameier“ deutet sie an, dass der Protagonist Kascher sein Leben inszeniert und die von ihm erzählte Kriminalgeschichte möglicherweise eine fiktive Inszenierung ist.
Wie unterscheiden sich „Javameier“ und „Geschichte auf einem Schiff“ in ihrer thematischen Ausrichtung trotz gemeinsamer Kritikpunkte?
Obwohl beide Geschichten die menschliche Kommunikation und Medienkritik behandeln, fokussiert „Javameier“ stärker auf die Inszenierung von Wirklichkeit und die Glaubwürdigkeit von Nachrichten, während „Geschichte auf einem Schiff“ die gruppeninternen Konflikte und Kommunikationsstrategien unter extremem Druck hervorhebt.
- Arbeit zitieren
- Simon Denninger (Autor:in), 2006, Bertolt Brecht – Was ihn antrieb. Analyse von drei Weimarer Geschichten, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1673186