Die Rolle Heinrichs des Löwen als Mäzen der frühen deutschen Literatur


Hausarbeit (Hauptseminar), 2001
24 Seiten, Note: 1

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis:

1) Einführung

2) Heinrichs Entwicklung zum Mäzen

3) Das Rolandslied des Pfaffen Konrad

4) Der deutsche Lucidarius

5) Der Tristant des Eilhart von Oberg

6) Geschichtsschreibung in Braunschweig

7) Schlussbetrachtung

8) Bibliographie

1) Einführung

Betrachtet man die Rolle Heinrichs des Löwen für die Entwicklung der frühen deutschen Literatur des Mittelalters, so kommt man nicht umhin, auch sein weiteres Wirken als Kunstmäzen zu beachten. Denn neben den bekanntesten Werken Rolandslied, Tristant und Lucidarius, betätigt sich Heinrich der Löwe auch auf den Gebieten der Buchmalerei, Architektur, Bildhauerei und Geschichtsschreibung als Förderer. Vor allem bei den nicht-literarischen Werken, die in der Zeit Heinrichs geschaffen werden, steht der Braunschweiger Hof im Mittelpunkt. Dies gilt allerdings erst für die späten Regierungsjahre des Herzogs, denn „offensichtlich also hat erst die erzwungene Reduktion der Herrschaft auf die Braunschweiger Eigengüter die Stadt effektiv und notgedrungen zur Residenz gemacht.“1 Wie ist es jedoch mit der herzoglichen Förderung früher deutscher Literatur beschaffen? Zu den bereits angesprochenen Hauptwerken, also dem Rolandslied des Pfaffen Konrad, dem Tristant des Eilhart von Oberg und dem Braunschweiger Lucidarius, gesellt sich noch die Geschichtsschreibung, die in Braunschweig durch die Chronica Slavorum des Helmold von Bosau und die Steterburger Chronik des Gerhard II. von Steterburg vertreten wird.

Besonders aber im Hinblick auf den Lucidarius ist die Forschung in jüngster Zeit zu neuen Erkenntnissen gekommen2. Dies gilt in nicht ganz so radikaler Form auch für die Entstehung des Rolandslieds und des Tristants. Diese aktuellen Forschungsstände müssen in der Einordnung Heinrichs des Löwen als Mäzen einer frühen deutschen Literatur ihre Beachtung finden. Gleiches gilt für eine eventuelle Beteiligung des Herzogs an der Kaiserchronik und am Herzog Ernst.

2) Heinrichs Entwicklung zum Mäzen

Bereits in seiner nahen Verwandtschaft zu Kaiser Friedrich I. Barbarossa manifestiert sich die Größe der machtpolitischen Rolle, die Heinrich der Löwe zu seiner Zeit einnimmt. Bereits sein Vater Heinrich der Stolze hat in der ersten Hälfte des 12. Jahrhunderts, nach dem Aussterben der Supplinburger, seine Ansprüche auf den deutschen Königsthron geltend zu machen versucht. Allerdings scheiterte er am Widerstand des Papstes und der deutschen Fürsten und statt des Welfen gab man dem Staufer Konrad III. die Krone. Nach der Verhängung der Reichsacht gegen ihn, verlor er zudem das Herzogtum Bayern. Erst unter Heinrich dem Löwen kommt dieses Gebiet wieder in welfischen Besitz.

Immer wieder werden im Leben Heinrichs des Löwen und vor allem auch in den Kunstwerken, die in seiner Umgebung entstehen, die bewusste Selbstdarstellung und der Königsgedanke in den Vordergrund treten. Schon durch seine direkte Abstammung von Kaiser Lothar III. fühlt sich der Herzog zu höheren Aufgaben berufen. Doch zunächst unterstellt er sich aus eigenen Stücken, obwohl er die weitaus größere Hausmacht besitzt, den Staufern. Grund hierfür ist vor allem seine Fehde mit Albrecht dem Bären und Rainald von Dassel, dem Erzbischof von Köln. Nach zahlreichen Kriegen und schließlich dem natürlichen Tod der beiden Widersacher, steigt Heinrich der Löwe 1168 durch seine zweite Ehe mit der englischen Prinzessin Mathilde zu einem der mächtigsten Fürsten Europas auf. Denn auch Mathilde kann durch ihre Großmutter, ehemalige Gemahlin Heinrichs V., auf eine kaiserliche Herkunft zurückblicken.

Obwohl der Herzog auf Grund seiner ungeheuren Macht nunmehr zum Feind beinah aller weltlichen und geistlichen Fürsten geworden ist und nur noch durch seinen Vetter Kaiser Friedrich I. Barbarossa geschützt wird, bricht Heinrich der Löwe in den 1170er Jahren diesem in völliger Überschätzung seiner Kräfte die Treue. Nachdem 1180 die Reichsacht gegen den Welfen verhängt wird und er bis auf seine Stammlande allen Besitz einbüßt, geht er 1182 ins englische Exil. Ab 1185 darf er nach einer offenen Unterwerfung unter Friedrich I. seinen Lebensabend in Braunschweig und den dazugehörigen Gebieten verbringen. Beinahe zeitgleich mit seiner Ächtung und dem damit verbundenen Schwund an Macht beginnt Heinrich der Löwe mit seiner Tätigkeit als Mäzen der Kunst. Hierbei drängt sich der Verdacht auf, der Herzog versuche nun seinem königlichen Selbstverständnis durch die Erschaffung eines königlichen Repräsentationsstils Genüge zu tun3. Nahezu parallel nebeneinander stehen die Aktivitäten zum Ausbau Braunschweigs um 1170 und die geförderte Arbeit am Rolandslied des Pfaffen Konrad. Vor allem auf der literarische Ebene ist die Heirat Heinrichs des Löwen 1168 mit Mathilde, der Tochter König Heinrichs II. von England und Eleonores von Aquitanien, in ihrer Zeit die größte Gönnerin der Literatur, ein entscheidender Antrieb.

Zunächst fasst der Welfe die alte Kaiserstadt Regensburg als ein mögliches „Zentrum“ seiner Kunstförderung ins Auge, wird aber durch den dort bestehenden Einfluss des Bischofs und auch des Königs abgeschreckt. Als Alternative bietet sich nun die herzogliche Burg Dankwarderode in Sachsen an. Hier an der Oker entsteht im 12. und 13. Jahrhundert aus fünf Einzelstädten Braunschweig. Heinrich der Löwe erkennt die gute Lage des Ortes, an dem sich „die West-Ost- Handelsstraße vom Niederrhein an die Elbe mit der Oker [kreuzt], auf der Metalle aus dem Harz nach Braunschweig transportiert, hier verarbeitet und schließlich über Oker, Aller und Weser weitergeleitet [werden]4 “. Zugunsten dieser neuen Auswahl des Herzogs wird die alte Kaisergrablege im nahen Königslutter vernachlässigt. Selbstverständlich kann aber im Falle Braunschweigs nun trotz aller Ausbauten, die die Stadt in den folgenden Jahren erfahren wird, nicht von einer Residenzstadt im Sinne des Spätmittelalters gesprochen werden. Der welfische Fürstenhof bleibt, allein schon bedingt durch die Dislozierung der Ländereien, zahlreichen Nachbarschaftsfehden, einer Pilgerfahrt und einigen Italienzügen, auf dauernde Ortswechsel angewiesen. Allerdings nimmt derlei Aktivität des Herzogs nach der Verhängung der Reichsacht entscheidend ab, so dass eine Konzentration auf den Hof in Braunschweig stattfinden kann, die für ein Mäzenatentum unabdingbar ist.

3) Das Rolandslied des Pfaffen Konrad

Bis noch vor einigen Jahren galt es als beinahe sicher, dass Meilensteine der deutschen Literatur in Form des Rolandslieds, des Lucidarius und des Tristants am Braunschweiger Hof Heinrichs des Löwen entstanden sind. Gab es an der Beweislage der beiden letzten Werke noch einige Zweifel, so stützte man sich im Falle des Rolandslieds vor allem auf die Aussagekraft des Epilogs:

Nu wnschen wir alle geliche dem herzogin Hainriche daz im got lone. di matteria di ist scone. di suze wir uon im haben: daz buch hiz er uor tragen, gescriben ze den Karlingen. des gerte di edele herzoginne, aines richen chuniges barn.5

Als anerkannt gilt mittlerweile, dass es sich bei dem genannten Herzog Heinrich um Heinrich den Löwen handelt, der den Stoff des Chanson de Roland auf Wunsch seiner Frau Mathilde aus England oder Frankreich kommen lässt6. Daraufhin wird es von dem Pfaffen Konrad ins Deutsche übersetzt. Diese Auftraggeberschaft des Welfen offenbart sich vor allem in der genealogischen Repräsentation Heinrichs innerhalb des Epilogs. Denn auch in sonstigen Stiftungen des Herzogs sind derartige Dotationsvermerke vorhanden. Besonders zu dem berühmten Gmunder Evangeliar des Löwen lassen sich eindeutige genealogische Parallelen ziehen7 Strittig bleibt allerdings die Frage, wo und auch wann das Rolandslied des Pfaffen Konrad entsteht. Bezüglich des Ortes kommen nach der eindeutigen Verbindung mit Heinrich dem Löwen nur Regensburg und Braunschweig in Frage. Selbstverständlich lässt sich dieses Problem nicht in seiner Singularität beantworten, sondern muss vielmehr unter Einbeziehung aller weiteren Faktoren wie beispielsweise dem zeitlichen Rahmen und der Sprache betrachtet werden. Denn vor allem „die stark bayerische Mundart des Epos und die häufigen Hinweise auf Bayern und Regensburg [...] machen es in hohem Maße wahrscheinlich, dass Konrad [...] aus Bayern stammt und wohl Geistlicher am Herzogshof in Regensburg gewesen ist“8. Allerdings ist nicht mehr davon auszugehen, dass der Pfaffe Konrad in Braunschweig gedichtet hat. Dagegen sprechen nicht nur die noch fehlenden Voraussetzungen in Sachsen, sondern eine ganz andere Tatsache, aus der sich auch zwangsläufig eine Datierung ergibt. Zwischen der im Jahr 1147 in Regensburg fertiggestellten Kaiserchronik und dem Rolandslied existieren zahlreiche wörtliche Übereinstimmungen, so dass der Pfaffe Konrad die Kaiserchronik gekannt haben muss. Die Übernahme einiger Textpassagen entspricht der Arbeitsweise des Verfassers, denn er übersetzt zunächst aus dem Französischen ins Lateinische, um daraufhin eine deutsche Fassung anzufertigen.

Für die Datierung ergibt sich nun, dass das Rolandslied auf jeden Fall nach 1147 entstanden ist, womit eine lange Diskussion zu einem Ende kommt9. Heinrich der Löwe hält sich im Jahr 1171 längere Zeit in seinen bayerischen Ländereien auf und kann dort einen entsprechenden Auftrag erteilt haben. Bezieht man nun „die Verse 9069ff. des Epilogs auf die Pilgerreise Heinrichs des Löwen ins Heilige Land im Jahr 1172 [...], kann man annehmen, dass das Werk [frühestens] 1172 abgeschlossen worden ist“10. Eine spätere Datierung, die sich auf die Grundlage stützt, dass Heinrich das Chanson de Roland erst aus seinem Exil mitgebracht habe, ist nicht schlüssig, da ansonsten vom Tod der Mathilde im Epilog berichtet würde.

[...]


1 Ehlers, Joachim „Heinrich der Löwe“ S. 74.

2 Hier ist vor allem Georg Steer zu nennen.

3 Untersucht und teilweise unterstützt wurde diese Meinung vor allem durch Karl Jordan, Karl Bertau, Joachim Bumke, Ulrich Victor, Bernd Schneidmüller und Joachim Ehlers.

4 Schneidmüller, Bernd „Die Welfen“ S. 217.

5 „Das Rolandslied des Pfaffen Konrad“ V. 9017-9025 (Beginn des Epilogs).

6 Steer, Georg „Literatur am Braunschweiger Hof Heinrichs des Löwen“ S. 348.

7 Bertau, Karl „Das deutsche Rolandslied und die Repräsentationskunst Heinrichs des Löwen“ S. 6ff.

8 Jordan, Karl „Heinrich der Löwe“ S. 245.

9 Bertau S. 4f.

10 Bumke, Joachim „Mäzene im Mittelalter“ S. 89.

Ende der Leseprobe aus 24 Seiten

Details

Titel
Die Rolle Heinrichs des Löwen als Mäzen der frühen deutschen Literatur
Hochschule
Philipps-Universität Marburg
Veranstaltung
Schrift und Hof. Hofkultur zwischen Mündlichkeit und Schriftlichkeit
Note
1
Autor
Jahr
2001
Seiten
24
Katalognummer
V167322
ISBN (eBook)
9783640838035
ISBN (Buch)
9783640838523
Dateigröße
429 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Germanistik, Mittelalter, Heinrich der Löwe, Mäzenatentum, Hofkultur, Mündlichkeit, Schriftlichkeit, Marburg, Literatur, Mäzen, Rolandslied, Braunschweig, Pfaffe Konrad, Lucidarius
Arbeit zitieren
Magister Artium Andre Hoffmann (Autor), 2001, Die Rolle Heinrichs des Löwen als Mäzen der frühen deutschen Literatur, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/167322

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