Wirklichkeitsauffassungen - Unterschiedliche Ansätze und ihre Folgen für die Wissenschaften


Bachelorarbeit, 2009

38 Seiten, Note: 2,8


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Inhalt

Einleitung

1. Voraussetzungen
1.1 Zum Wirklichkeitsbegriff
1.2 Konsensüber die Wirklichkeitsauffassung als notwendige Bedingung für wissenschaftlichen Diskurs
1.3 über die unterschiedlichen Voraussetzungen bei Naturwissenschaften und Geisteswissenschaften

2. Wirklichkeitstypen

3. Wirklichkeitsauffassungen im Vergleich
3.1 Relativismus
3.2 Idealismus
3.3 Materialismus
3.4 Gesellschaftsrelativismus

4. Wirklichkeitsauffassungen in der Geschichtswissenschaft
4.1 Teleologische Geschichte - Geschichtsidealismus
4.2 Historismus - gesellschaftsrelativistische Geschichtsauffassung
4.3 Geschichte als Narration - relativistische Geschichtsauffassung

5. zielgerichtet-dynamischer Gesellschaftsrelativistismus

Zusammenfassung

Bibliographie

Einleitung

Es existieren viele verschiedene Wirklichkeitsauffassungen, von denen viele plausibel klingen. Bei einem Vergleich der gängigsten Wirklichkeitsauffassungen stellt sich heraus, dass sie sich in grundlegenden Stellen widersprechen, obwohl für jede Position plausible Argumente existieren. Rührt dieser Umstand daher, dass die meisten Argumente nicht hinreichend analysiert wurden, oder existieren unterschiedliche Wirklichkeitsbegriffe, die allesamt ihre Berechtigung haben können? Um diesen Sachverhalt zu klären, ist es erforderlich eine Analyse der verschiedenen Wirklichkeitsauffassungen zu vollziehen. Es wird sich in der Analyse zeigen, dass in der Wissenschaft bestimmte Auffassungen bestimmte Konsequenzen für das Selbstverständnis einer Wissenschaft haben. Einige Auffassungen können bestimmte Wissenschaften legitimieren oder in den Bereich der Dichtung verlagern.

Die Geschichtswissenschaft ist einer der Wissenschaften, die oft in die Kritik geraten, da die Geschichte sich mit der Konstruktion von Aussagen beschäftigt, die zwar einfach falsifiziert, aber nur schwer verifiziert werden können. Die Aussage „Die Machtergreifung Hitlers war durch Hitlers Erfindung der Atombombe bedingt.“ kann leicht falsifiziert werden, wohingegen die Aussage „Die Machtergreifung Hitlers war eine Folge wirtschaftlicher Strukturen der Weimarer Republik.“ schwer eindeutig verifiziert werden kann.1 Somit ist diese Wissenschaft oft der Gefahr ausgesetzt zu einer Spekulation zu verkommen, obwohl sie sich mit etwas unbestreitbar realem beschäftigt, denn kaum jemand wird bestreiten, dass Hitler an die Macht gelangt ist.

Geschichte ist auch deswegen ein geeignetes Objekt, um diese Theorien zu prüfen, da Geschichtswissenschaft ihre Ergebnisse primär in der Form von sprachlichen Aussagen präsentiert, statt - wie häufig in der Naturwissenschaft üblich - die Form von mathematischen Formeln zu wählen2. Somit gerät die Geschichtswissenschaft häufig in den Verdacht eine Narration zu sein, aber gleichzeitig ist sie unserer im Alltag verwendeten Sprache näher.

Um die gesuchten Ergebnisse zu erzielen, erscheint es sinnvoll zuerst einen Ansatz über die Sprache zu wählen. Die drei Begriffe „Wahrheit“, „Wirklichkeit“ und „Aussage“ sind zentral in der vorliegenden Arbeit, wie sich im ersten Abschnitt zeigen wird. In jenem Abschnitt wird untersucht, was der Begriff „Wirklichkeit“ in dieser Arbeit umfasst und es wird darauf folgend spezifiziert, worin sich die Naturwissenschaften und die Geisteswissenschaften hinsichtlich ihrer Wirklichkeitsauffassungen unterscheiden. Sobald diese grundlegenden Mechanismen erörtert wurden, wird im Anschluss eine Liste von Argumenten erarbeitet, die uns bei dem Vergleich der Wirklichkeitsauffassungen in Kapitel drei dienen. Um den praktischen Aspekt nicht aus den Augen zu verlieren, werden Wirklichkeitsauffassungen in der Geschichtswissenschaft ebenfalls berücksichtigt. Nachdem diese Positionen erörtert wurden, wird eine Wirklichkeitsauffassung konstruiert, die im Hinblick auf die Geschichtswissenschaft, aber auch auf anderen Wissenschaften, einen besseren Ansatz bietet, als die in Kapitel drei und vier behandelten. Den Abschluss der Arbeit wird eine zusammenfassende Darstellung der Ergebnisse und ihre Folgen für die Wissenschaft bilden.

1. Voraussetzungen

1.1 Zum Wirklichkeitsbegriff

Vor der eigentlichen Abhandlung über Wirklichkeit, ist es notwendig, dass einleitend festgehalten wird, in welcher Form dieser Begriff verwendet wird. Die Begriffe Wirklichkeit und Realität liegen nah beieinander. Es gibt unterschiedliche Verwendungen jener Begriffe. In der Naturwissenschaft wird der Begriff Realität öfter gewählt, um eine physikalische Ordnung zu beschreiben, während in den Geisteswissenschaften beide Begriffe verschieden verwendet werden und die Bedeutung von Begriffen umfassen können. In dieser Arbeit soll zwischen verschiedenen Wirklichkeitstypen unterschieden werden, unter der wir sowohl die Beschaffenheit der physischen Welt, als auch sozial bedingte Konstrukte oder die individuell angenommene Beschaffenheit der Welt verstehen können. Die Realität ist folglich ein bestimmter Typus der Wirklichkeit.

Eine Wirklichkeit bzw. ein Wirklichkeitstyp ist eine Ordnung von mentalen und/oder physischen Entitäten, die sich in einer bestimmten Art und Weise zueinand er verhalten. An einem Wirklichkeitstyp können Aussagen, die sich auf jene Ordnung beziehen verifiziert werden.

Wirklichkeitsdefinitionen werden in Form von Theorien wiedergegeben. Theorien oder Darstellungen von der Wirklichkeit werden durch ein System von Aussagen gebildet. Aussagen sind jedoch selektiv in ihrer Beschreibung eines Sachverhaltes. Selbst ein System von Aussagen kann nie den zu beschreibenden Sachverhalt in einen Komplex zusammenfassen, der vollkommen vollständig ist, sondern nur eine perspektivenabhängige Selektion bieten. Bevor eine Analyse von Wirklichkeitsdefinitionen erfolgen kann, muss eine Analyse der Wirklichkeitsauffassungen erfolgen3. Diese These, dass Aussagen selektiv sind, lässt sich am Beispiel des Satzes „Hitler beging Selbstmord.“ beweisen, da der dem Satz zugrunde liegende Sachverhalt, sich ebenfalls durch die folgenden Aussagen beschreiben lässt:

„Hitler erlag einer Schusswunde.“

„Hitler schoss sich mit einer Pistole in den Kopf.“ „Ein Deutscher Politiker beging Selbstmord.“

„1945 beendete der Führer des Deutschen Reiches sein Leben.“

„1945 Schlug ein Eisenkolben auf eine Pistolenkugel, woraufhin sich das Schwarzpulver in der Kugel entzündete. Durch die dadurch verursachte Impulskraft wurde diese Kugel durch die Luft und einen Widerstand aus biologischer Masse geschleudert.“

Diese Sätze zeigen, dass bei Aussagen, die den gleichen Sachverhalt beschreiben, einerseits unterschiedliche Intentionen, und andererseits auch unterschiedliche Aspekte selektiert werden. Der gleiche Sachverhalt lässt sich auch mit Aussagen über die Bewegung der Subatomaren Teilchen, den Gefühlen der Anwesenden, der sinnlichen Wahrnehmungen der Anwesenden, der Bewegung von Hitlers Blutkörperchen und anderen Beschreibungen ergänzen. Die Möglichkeit der unterschiedlichen Schilderungen zeigt, dass die Sprecher der Sätze einerseits den Sachverhalt mit einer sprachlich ausgedrückten Intention schildern, und andererseits die Aspekte des Sachverhalts nur teilweise wiedergeben wird. Eine einzelne Aussage ist sowohl selektiv in der Intention, als auch in der Auswahl der geschilderten Prozesse. Da gewisse Intentionen sich ausschließen4 und ein einzelner Sachverhalt aus unendlich vielen physikalischen Prozessen besteht5, ist jedes System von Aussagen bzw. jede Theorie eine Selektion von Intention und Umfang.6 Ein möglicher Einwand gegen die These ist, dass uns nicht die Teilchenbewegung im Zusammenhang mit dem Selbstmord Hitlers interessiert, doch mit diesem Gegenargument liefert man tatsächlich nur ein Beleg dafür, dass eine Selektion stattfindet und die Teilchenbewegung durch die Selektion für unwichtig befunden wird.

Aus diesem Grunde erscheint es unsinnig, von vornherein eine Wirklichkeitsdefinition (bzw. ein bestimmtes System von Aussagen) einer anderen Wirklichkeitsdefinition (bzw. einem anderen System) vorzuziehen. Vor der Analyse von Kausalzusammenhängen (wie z.B. der Untergang des Dritten Reiches), ist es notwendig, dass geprüft wird, in welcher Weise die Kausalzusammenhänge betrachtet werden. Ein Vergleich von Theorien setzt eine Bestimmung der Wirklichkeitsauffassung voraus. In dieser Arbeit wird deswegen der Vergleich von Wirklichkeitsauffassungen - statt der von Wirklichkeitsdefinitionen - vollzogen. Diese Vorgehensweise ist notwendig, um eine gemeinsame Diskussionsbasis zu schaffen, die für jegliche Argumentation für oder gegen eine bestimmte Definition oder wissenschaftliche Theorie grundlegend ist.

1.2 Konsensüber die Wirklichkeitsauffassung als notwendige Bedingung für wissenschaftlichen Diskurs

Die Wissenschaft lebt von Aussagen. Seien es mathematische Definitionen, naturwissenschaftliche Formeln oder Thesen der Geisteswissenschaften - wissenschaftliche Erkenntnisse sind ohne Aussagen undenkbar. Die Erkenntnisse, die uns die Wissenschaften vermitteln, sind Erkenntnisse über eine Wirklichkeit.7 Wie an dieser Ausführung deutlich wird, hängen Wirklichkeit und wissenschaftliche Aussagen8 miteinander zusammen. Auf welche Art und Weise der Zusammenhang besteht soll im Folgenden dargestellt werden.

Die formale Logik lehrt, dass Aussagen Träger von Wahrheitswerten sind. Aussagen können wahr oder falsch sein.9 Doch worin besteht diese Wahrheit oder Falschheit eines Satzes? Die Wahrheit eines Satzes kann verifiziert werden. Das heißt, dass die Wahrheit eines Satzes mit Hilfe der Wirklichkeit überprüft werden kann.10 Durch diese elementaren Kenntnisse der Sprachphilosophie wird impliziert, dass eine Abhandlung über die Wirklichkeit nicht ohne eine Darstellung von Aussagen und deren Wahrheitswerten auskommen kann. Erkenntnis über die Wirklichkeit kann ohne Aussagen geschehen, jedoch werden jene Erkenntnisse mit Aussagen ausgedrückt. Wissenschaftlicher Diskurs ist ein Austausch solcher Aussagen. Unterschiedliche Auffassungen von Wirklichkeit haben folglich die Konsequenz, dass Aussagen unterschiedlich verifiziert werden und somit ist die Erkenntnis, die hinter jenen Aussagen gekleidet ist, nicht vermittelbar. Ein Naturwissenschaftler, der mit der Theorie von Newton arbeitet, und einer, der mit der Relativitätstheorie arbeitet, werden zu unterschiedlichen Ergebnissen kommen, wenn sie die Geschwindigkeit von Planeten bestimmen, ebenso wie ein Kulturrelativist und ein Kantianer zu anderen Ergebnissen kommen werden, wenn sie ethisch die Praktiken bestimmter Naturvölker bewerten. Während der Kantianer den kategorischen Imperativ als Basis der Bewertung - und als kulturunabhängige Wirklichkeit - heranzieht, wird der Kulturrelativist die jeweilige Kultur als Wirklichkeit des Naturvolkes zur Bewertung konsultieren. Wissenschaftlicher Diskurs ist folglich angewiesen auf eine allgemein akzeptierte Auffassung der Wirklichkeit. Ohne einen solchen Konsens besteht der Diskurs aus einzelnen Monologen, statt einem Dialog. Wir beschreiben den Begriff Wirklichkeit wie folgt:

Eine Wirklichkeit ist eine Entität, mit dessen Hilfe bestimmte Aussagen, die sich auf jene Entität beziehen, verifiziert werden.

An dieser Stelle sehen wir wo sich die Naturwissenschaften und die Geisteswissenschaften scheiden. Naturwissenschaften unterliegen einem Paradigma11, das als allgemein gültig eingestuft wird. Ein neues Paradigma, das der Vorhergegangenen überlegen ist, ersetzt das ältere Paradigma. Das Paradigma der newtonschen Mechanik beschreibt die Zeit als eine vom Raum unabhängige Konstante. Es herrscht eine klare Auffassung der Wirklichkeit mit festen Definitionen von Raum, Zeit, und Masse. Die Relativitätstheorie nach Einstein widerspricht grundlegenden Aussagen der Mechanik von Newton, indem die Zeit in Abhängigkeit zur Geschwindigkeit eines bewegten Gegenstandes gesetzt wird. Nach der Etablierung der Relativitätstheorie wird heutzutage kaum ein Wissenschaftler der Relativitätstheorie widersprechen und weiterhin an der newtonschen Mechanik festhalten. Auch wenn sich die Definition der Wirklichkeit mit der Zeit innerhalb der Naturwissenschaften ändert, so bleibt doch festzustellen, dass ein klar definierter Konsens über eine von uns unabhängige Wirklichkeit vorherrscht.12

Die Geisteswissenschaften können keinen klaren Konsens vorweisen. Es herrscht weder ein klar erkennbares Paradigma, noch ein Konsens über die Auffassung der Wirklichkeit. Es gibt Theorien, die eine von uns unabhängige, von der Gesellschaft abhängige oder vom Individuum abhängige Wirklichkeit bevorzugen. Auch wenn sich einige Theorien über die Auffassung der Wirklichkeit in den grundlegenden Stellen einig sind, so kann die explizite Definition abweichen. Naturwissenschaften können folglich Aussagen anhand ihres vorherrschenden Paradigmas leicht verifizieren, während die Geisteswissenschaftler vorher die Wirklichkeit durch die die Aussagen verifiziert werden sollen bestimmen müssen. Die Auffassung der Wirklichkeit und das aus ihr folgende Paradigma sind die grundlegenden Unterschiede zwischen Naturwissenschaften und Geisteswissenschaften.

1.3 über die unterschiedlichen Voraussetzungen bei Naturwissenschaften und Geisteswissenschaften

Wir haben gesehen, dass die Naturwissenschaft Paradigmenwechsel unterliegt. Die Wirklichkeitsauffassung bleibt jedoch die konstant. Die Wirklichkeit wird innerhalb der Naturwissenschaft als eine von uns unabhängige Entität verstanden. Die Naturwissenschaft basiert auf Beobachtungen und Folgerungen über die Natur des Beobachteten Diese Methodik der Wissenschaftlichkeit setzt bereits eine Auffassung der Wirklichkeit als eine von uns unabhängige Entität mit von uns unabhängig geltenden Gesetzmäßigkeiten voraus. Die Aussage „Der Mensch ist das Maß aller Dinge“13 steht in der Naturwissenschaft gar nicht erst zur Debatte. Die Methode der Naturwissenschaften hat zur Folge, dass ein Paradigmenwechsel eintritt, sobald ein neues Paradigma seine Leistungsfähigkeit unter Beweis gestellt hat - mit anderen Worten: sobald ein Paradigma mit der Methode des Beobachtens und Auswertens seine Überlegenheit demonstriert hat. Die Methodik der Naturwissenschaftler kreiert die Wirklichkeit der Naturwissenschaftler.

Die Geisteswissenschaften hingegen setzen bereits mit der Debatte über die Wirklichkeitsauffassungen ein, ohne von vornherein eine zu akzeptieren. Die Philosophie und Wissenschaftstheorie setzt direkt bei der Frage nach der Wirklichkeit an, aber auch andere Geisteswissenschaften, wie z.B. die Geschichte, setzen sich mit diesem Thema indirekt auseinander bei der Beantwortung der Frage, ob Geschichte objektiv sein kann. Da noch kein Konsens über die Wirklichkeitsauffassung besteht, führt dies zu vielen sich widerstreitenden Theorien.14

Nachdem wir im vorangegangenen Kapitel die Paradigmenbildung auf die Wirklichkeitsauffassung zurückgeführt haben, und in diesem Kapitel den Zusammenhang zwischen der Wirklichkeitsauffassung und der Methode der Naturwissenschaften erörtert haben, können wir feststellen, dass die Naturwissenschaften und die Geisteswissenschaften sich in ihren Voraussetzungen in der Art und Weise unterscheiden, dass die Geisteswissenschaft keine Wirklichkeitsauffassung von vornherein voraussetzt. Um Aussagen über historische Ereignisse zu verifizieren müssen wir einen Konsens über die Wirklichkeit haben. Ein Konsens über eine fest definierte Wirklichkeit setzt einen Konsens der Wirklichkeitsauffassung voraus. Es erscheint aus diesem Grunde sinnvoll die gängigen Kandidaten für einen solchen Konsens näher zu betrachten.

2. Wirklichkeitstypen

Vor der Betrachtung von Wirklichkeitsauffassungen müssen Wirklichkeitstypen erarbeitet werden um einen Vergleich zu ermöglichen. Wie Bereits in Kapitel 1 erörtert wurden hängen die Begriffe „Aussage“, „Wahrheit“ und „Wirklichkeit“ eng miteinander zusammen. Aus diesem Grunde ist es notwendig, um eine unvollständige Betrachtung bei der Herleitung jener Wirklichkeitstypen zu vermeiden, die Sprache hinzuzuziehen. Die Wirklichkeit wird durch Aussagen in der Kommunikation ausgedrückt. Sprache als wichtigstes Medium der Kommunikation ist deswegen bei der Erarbeitung jener Formen von Wirklichkeit unerlässlich.

Sprache ist eine tradierte Kommunikationsform, die sowohl bei primitivsten Völkern15, als auch bei Kindern ohne jegliche Bildung beobachtet werden kann. Die Wirklichkeit, die wir mit Hilfe der Sprache ausdrücken, muss zum Teil bereits intuitiv plausibel sein, da eine Sprache eine Methode der Verifikation notwendigerweise voraussetzt. Da Wissensvermittlung primär durch Sprache geschieht, und die Verifikation des Wissens ebenfalls möglich ist, liegt der Schluss nahe, dass zumindest ein Teil der Wirklichkeit intuitiv zugänglich ist, ohne eine intensive Bildung in der Philosophie genossen zu haben. Natürlich sind ein Großteil der Erkenntnisse der Wissenschaft nicht notwendigerweise intuitiv zugänglich, sondern nur durch intensive Bildung, jedoch ist auch jene Bildung angewiesen auf eine intuitiv zugängliche Basis, denn ohne jene Basis können wir keine Aussagen verifizieren, und somit kein Wissen vermitteln.

[...]


1 Wir können zwar gewisse historische Daten verifizieren, aber einen Kausalzusammenhang können wir nur durch Interpretation konstruieren - also nur hinreichend belegen, jedoch nicht eindeutig beweisen.

2 Natürlich sind mathematische Formeln auch Aussagen und Aussagen können formalisiert werden, jedoch sind uns sprachliche Aussagen näher als mathematische, da wir im Alltag mit Sprache Kommunizieren.

3 Eine Wirklichkeitsdefinition/Theorie der Wirklichkeit/Wirklichkeitsbeschreibung ist eine detaillierte Beschreibung der Wirklichkeit mit konkreten Definitionen der Mechanismen in der Wirklichkeit (z.B. Relativitätstheorie und Newtonsche Mechanik). Eine Wirklichkeitsauffassung ist eine allgemeine Auffassung darüber wie die Wirklichkeit beschaffen ist bzw. wie sie erfahrbar ist. Beispiele für Wirklichkeitsauffassungen sind Idealismus, Materialismus und Relativismus.

4 Frege weist die Intentionalität von Begriffen mit seinem Beispiel „Morgenstern“ und „Abendstern“, die beide die Venus beschreiben, nach. Die Begriffe referieren beide auf den gleichen Gegenstand, jedoch drücken beide Begriffe eine unterschiedliche Art des Gegeben-seins des Gegenstandes aus bzw. haben sie einen unterschiedlichen Sinn. Das was Frege als den Sinn des Satzes beschreibt, wird im vorliegenden Text als Intention bezeichnet. Es lässt sich mit der Aussage „Der Morgenstern ist der Abendstern.“ durchaus eine Erkenntnis gewinnen. Folglich ist dieser Satz, obwohl beide Begriffe den gleichen Gegenstand beschreiben, nicht ein Trivialer Satz der Form „a=a“. Vgl.: Frege, G.: Funktion, Begriff, Bedeutung.

5 Es ist denkbar, dass sich die Beschreibung mindestens durch Beschreibungen der Bewegungen sämtlicher subatomaren Teilchen im Universum ergänzen ließe.

6 Einen ähnlichen Gedanken - wenn auch nicht so scharf formuliert wie im vorliegenden Text - äußert Pape, wenn er schreibt, dass zwar einzelne Aussagen empirisch überprüfbar seien, jedoch „die Darstellung als Ganzes, das heißt die Interpretation der Fakten von einem bestimmten Standpunkt aus, […] relativ in Bezug auf Interessen, Wissen und den zeitlichen Horizont des jeweiligen Historikers und seines gesellschaftlichen Hintergrunds“ sei. Vgl.: Pape, J.: der Spiegel der Vergangenheit, S.69.

7 Die Formulierung „eine Wirklichkeit“ ist an dieser Stelle bewusst gewählt worden, da wir bisher noch keine Auffassung der Wirklichkeit näher bestimmt haben.

8 In diesem Text wird der Begriff „Aussage“ auf wissenschaftliche Aussagen beschränkt. Aussagen über fiktive Sachverhalte oder leere Beschreibungen fallen somit nicht in den Betrachtungsraum. Selbst Aussagen über Fiktives sind jedoch auf Etwas, was die Funktion einer Wirklichkeit wahrnimmt, angewiesen. Nur dadurch können sie verifiziert werden. Die Aussage „Robin Hood war ein exzellenter Bogenschütze“ kann durch die Legende von Robin Hood, die in dieser Situation die Funktion einer Wirklichkeit einnimmt, auf ihren Wahrheitswert hin überprüft werden. Leere Beschreibungen, wie Russels Beispiel „der König von Frankreich ist kahlköpfig“ erhalten ihren Charakter als leere Beschreibung durch die Tatsache, dass in der Wirklichkeit keine Entitäten existieren, die in dieser Beschreibung enthalten sind. Vgl.: Russel, B.: Einführung in die mathematische Philosophie, S.194. Somit ist auch zwischen leeren Beschreibungen oder Aussagen über Fiktives und einer Form der Wirklichkeit ein Zusammenhang vorhanden.

9 Es gibt versuche mehr Wahrheitswerte einzuführen um beispielsweise Aussagen über die Zukunft verifizieren zu können. Lukasiewicz konstruiert anhand des Seeschlachtbeispiels von Aristoteles einen dritten Wahrheitswert namens „Kontingent“ für Zukunftsaussagen, da sie einen Wahrheitswert besitzen, der unbestimmt ist.

10 Vgl.: Gottwald, S.: mehrwertige Logik, Eine Einführung in Theorie und Anwendung. Der Ausdruck „mit Hilfe der Wirklichkeit“ impliziert keine reine Referenz der Wirklichkeit, sondern einen Bezug. Es gibt verschiedene Theorien, die versuchen diesen Bezug zu klären. Ältere Theorien gehen von einer reinen Referenz aus, während modernere Theorien andere Ansätze, wie z.B. die Theorie der Protokoll- und Elementarsätze, die unter anderem von Carnap vertreten wurde, den Bezug anders ausdrücken. Für die vorliegende Argumentation reicht bereits aus, dass ein wie auch immer beschaffener Bezug besteht, der nicht bestritten werden kann. Vgl.: Schleichert, H.: logischer Empirismus, S.149fff.

11 Thomas Kuhn hat den Begriff des Paradigmenwechsels geprägt. Im Laufe seiner Karriere wurde der einst klar definierte Begriff des Paradigmas erweitert, wodurch der Begriff unklarer wurde. In dieser Arbeit soll als Paradigma ein vorherrschendes Denkmuster in einer eingegrenzten Zeit innerhalb einer Wissenschaft verstanden werden. Beispiele nach dieser Auffassung von Paradigmen wären die newtonsche Mechanik und die Relativitätstheorie von Einstein. Vgl.: Rose, U.: Thomas S. Kuhn - Verständnis und Missverständnis, zur Geschichte seiner Rezeption, S. 25-33.

12 Natürlich muss man berücksichtigen, dass der Konsens über die Beschaffenheit der unabhängigen Wirklichkeit in der Praxis nicht immer eindeutig ist. Es gibt in der Relativitätstheorie einige Punkte, die der Quantenmechanik widersprechen und umgekehrt. Jedoch herrscht ein Konsens darüber, dass eine von uns unabhängige Wirklichkeit existiert, auch wenn man die Wirklichkeit noch nicht exakt beschreiben kann.

13 Diese Aussage ist eine verkürzte Form des Homo-Mensura-Satzes, der Protagoras zugeschrieben wird und als erste Form des Relativismus begriffen werden kann.Vgl.: Eisler, R.: Wörterbuch der philosophischen Begriffe, Band 1, S.439.

14 In den Naturwissenschaften haben wir nach Kuhns Theorie kurze Phasen wissenschaftlicher Revolutionen, die durch lange Phasen der Normalwissenschaften abgelöst werden. In der Geschichtswissenschaft sei dies nach Pape nicht der Fall. Stattdessen herrschten „erbitterte Kontroversen um historische Interpretationen“. Teilweise sind einige Theorien völlig inkompatibel; Teilweise sind sie kompatibel. Die Kontroversen, die Pape in seinem Werk beschreibt, sind Konsequenzen daraus, dass keine dominierende Wirklichkeitsauffassung sich als Konsens in den Geisteswissenschaften durchgesetzt hat. Leider beachtet Pape diese grundlegende Kontroverse in seinem Werk nicht im Bezug auf den Zusammenhang zur Wirklichkeitsauffassung, sondern stattdessen im Bezug auf die gegenseitige Kompatibilität. Vgl.: Pape, J.: der Spiegel der Vergangenheit, S.177fff. Vgl.: Rose, U.: S. 158Fff.

15 Mit dem Ausdruck „primitivsten Völkern“ sind jene Völker gemeint, die weder über eine Schrift verfügen, noch über eine wissenschaftliche Methodik verfügen. Es ist in dieser Verwendung kein Ausdruck, der eine biologische Primitivität oder Wertigkeit impliziert.

38 von 38 Seiten

Details

Titel
Wirklichkeitsauffassungen - Unterschiedliche Ansätze und ihre Folgen für die Wissenschaften
Hochschule
Westfälische Wilhelms-Universität Münster
Note
2,8
Autor
Jahr
2009
Seiten
38
Katalognummer
V167491
ISBN (Buch)
9783640840106
Dateigröße
639 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Wirklichkeitsauffassungen, Wirklichkeit, Sprache, Objektivität, Sprachphilosophie, Verifikation, Wissenschaftstheorie, Relativismus, Konventionalismus, Idealismus
Arbeit zitieren
Bachelor of Arts Achuthan Thanabalasundaram (Autor), 2009, Wirklichkeitsauffassungen - Unterschiedliche Ansätze und ihre Folgen für die Wissenschaften, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/167491

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