Die virtuelle Gesellschaft: Quatäre Interaktion und die Virtualisierung des Seins

Eine Überprüfung der These der virtuellen Gesellschaft von Achim Bühl


Bachelorarbeit, 2006

44 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Begriffsdefinitionen
2.1 Kommunikation
2.2 Interaktion
2.3 Quatäre Interaktion
2.4 virtuell

3. Kommunikation und Interaktion
3.1 Zwischenräume
3.2 Das Konzept Interaktion
3.3 Interaktion
3.4 Kopplung vs. Interaktion
3.5 Hybride Kopplung
3.6 Interfaces und versteckte Interaktion
3.7 Intelligente hybride Systeme
3.8 Sich anpassende Maschinen

4. Theorie der virtuellen Gesellschaft
4.1 Technologie
4.2 Ökonomie
4.3 Sozialstruktur
4.4 Politik und Öffentlichkeit
4.5 Recht und Justiz
4.6 Ökologie
4.7 Kultur
4.8 Geschlechterverhältnis
4.9 Individuen

5. Resümee

Anmerkungen

Literaturverzeichnis

1. Einleitung

In den 1980ern und 1990ern hat die Medienvielfalt stark zugenommen. Hierbei sind vor allem der Computer und das Internet die zentralen Errungenschaften, dessen Einführung in vielen Bereichen unseres Lebens weitläufige Wellen geschlagen haben. Ich für meinen Teil könnte mir beispielsweise kaum mehr vorstellen wie es gewesen sein muss eine solche Arbeit, wie diese Bachelor’s Thesis, mit der Schreibmaschine verfassen zu müssen. Darüber hinaus sind andere Technologien und Verfahren ebenfalls kaum aus unserer heutigen Lebenswelt wegzudenken, wie z.B. die E-Mail oder das Mobiltelefon. Ich bin der Meinung dass auch das Internet immens wichtig ist für unsere Gesellschaft und unserer Lebenswelt. Die globale Vernetzung verändert die Welt und macht sie kleiner, im Sinne des globalen Dorfes. Darüber hinaus wird voraussichtlich die Digitalisierung unserer Lebenswelt im 21. Jahrhundert weiter voran schreiten. Man mag vielleicht schon erahnen wie wichtig die neuen Technologien und Verfahren für unsere Gesellschaft sind und wie wichtig sie und ihre Weiterentwicklungen noch werden können.

Die meisten Gelehrten sind sich einig, dass sich die Gesellschaft strukturell und inhaltlich verändert und dass die sog. neuen Technologien eine bedeutende Rolle dabei spielen. Jedoch steht zur Diskussion auf welche Art und Weise sie das tut bzw. wie tief greifend diese Veränderungen sind.

Verschiedene Kritiker sind unterschiedlicher Meinung auf welche Art und Weise sich diese Veränderung der Gesellschaft vollziehen, indem sie jeweils Gesellschaftsbegriffe verwenden um den Kern der Transformation zu beschreiben. Neben den geläufigen Begriffen wie der Informationsgesellschaft oder der Netzwerkgesellschaft taucht auch der Begriff der virtuellen Gesellschaft auf. Achim Bühl bestimmt in seinem Werk „Die virtuelle Gesellschaft des 21. Jahrhunderts - sozialer Wandel im digitalen Zeitalter“ die Virtualisierung des Seins zum Ausgangspunkt aller Veränderungen der Gesellschaft. Wobei die Virtualisierung erst durch die Erfindung einiger neuerer Technologien, wie dem Computer, überhaupt möglich ist. Das ist genau der Punkt, warum dieses Thema so interessant ist. Der Computer nimmt eine wichtige Rolle in unserer modernen Gesellschaft ein, wodurch Virtualisierung und Digitalisierung möglich wird.

Achim Bühl ist der Ansicht, dass sich in naher Zukunft ein relevanter Teil des menschlichen Lebens im Cyberspace abspielen wird, und somit der Übergang von der Industrie- zur virtuellen Gesellschaft vollziehen wird. Diese Arbeit hat das Ziel herauszuarbeiten, inwieweit Bühl mit seiner These Recht hat. Dazu werden Gesellschaftsbereiche behandelt und die jeweiligen Auswirkungen der Virtualisierung. Es soll herausgestellt werden in wie weit der jeweilige Gesellschaftsbereich von der Virtualisierung des Seins beeinflusst ist bzw. noch beeinflusst werden könnte. Zuvor wird jedoch der kommunikationstheoretischer Hintergrund, die quatäre Interaktion, der Virtualisierung beleuchtet.

2. Begriffsdefinitionen

2.1 Kommunikation

Kommunikation: lat. communicare „teilen, mitteilen, teilnehmen lassen; gemeinsam machen, vereinigen; zusammenhängen, in Verbindung stehen“ (Wissenschaftlicher Rat der Dudenredaktion 2000) Kommunikation bezeichnet auf der Alltagsebene den wechselseitigen Austausch von Gedenken, wobei jede aktive (z.B. verbale) und auch passive (durch Gestikulation, Mimik und Haltung bzw. Körpersprache) Auskunft bzw. Übermittlung von Information beinhaltet werden. Man ist sich insgesamt einig, dass es keine Nicht-Kommunikation zwischen Menschen gibt. Man kann sich nicht nicht verhalten, da in jeder Situation, in der sich ein Individuum auch befinden mag, jegliche Verhaltensweisen Kommunikation darstellen und von anderen Individuen dementsprechend interpretiert werden. Das bloße Herumstehen und sog. Nichtstun ist somit auch schon Kommunikation.

Im weiteren Sinn ist Kommunikation die wechselseitige Übermittlung von Daten oder Signalen, die einen bestimmten Bedeutungsinhalt haben. Dies ist auch zwischen tierischen oder pflanzlichen Lebewesen und technischen Objekten oder Systemen der Fall. Dem zu folge kann auch Kommunikation zwischen Menschen und Objekten stattfinden, z.B. die Mensch-Maschine-Kommunikation.

Während Franz Dröge davon ausgeht, dass die Kommunikation auf funktionalistischen Prinzipien des Inhaltsaustauschen zwischen Individuen basiert (Vgl. Dröge 1972) und Wilbur Schramm sogar in seiner Kommunikationstheorie davon ausgeht, dass Kommunikation nur zwischen Individuen stattfinden kann, die von der Subjektivität der einzelnen Teilnehmer bestimmt ist, in der Interpretation und Reaktion nur auf Beeinflussung hin ausgeht (Vgl. Schramm 1986), stellt sich Niklas Luhmanns differenzierungstheoretische Systemtheorie im Bezug auf Kommunikation offener dar. Als Systemtheoretiker betrachtet Luhmann Kommunikation abstrakter auf Systeme bezogen, welche nicht zwangsläufig Individuen z.B. Menschen sein müssen. (Vgl. Luhmann 2004)

Kommunikation bezeichnet folglich vor allem das Verbinden von mindestens zwei Systemen bzw. komplexen Systemen. Damit ein kommunikativ interagierendes System (Personen, hoch entwickelte EDV, Körperzellen) funktionieren kann ist es bemüht Informationen in anderen Systemen entstehen zu lassen. Dazu werden unterschiedliche Medien zur Informationsübertragung benutzt, z.B. elektromagnetische Wellen, Schall, Sprache, Enzymaustausch. Entscheidend für den Erfolg dieses Prozesses ist die korrekte Codierung und Decodierung der Informationen (Vgl. Luhmann 2004). Ich möchte an dieser Stelle festhalten, dass Kommunikation ein wesentliches Element von Systemen ist, ohne welches kein System existieren kann.

2.2 Interaktion

Die Begriffe Kommunikation und Interaktion sind eng miteinander verwandt. Sie sind sogar an einigen Stellen synonym anwendbar, wenn z.B. Kommunikation Wechselseitigkeit beinhalten soll. Interaktion bezeichnet das wechselseitige Einwirken von Akteuren bzw. Systemen. Niklas Luhmann versteht im Rahmen seiner Systemtheorie unter Interaktion Kommunikation unter Anwesenden (Vgl. Luhmann 2004).

Interaktion ist in der Biologie ein Funktionsbegriff im Ökosystem. Organismen wirken aufeinander, wobei eine wechselseitige Beziehung zwischen Organismen und Stoffen entsteht.

In der Informatik ist Interaktion gleich Kommunikation, wobei gegenseitige Beeinflussung einzelner Komponenten eines Systems gemeint ist. In der Kybernetik spricht man auch von Subsystemen die miteinander gekoppelt sind. Änderungen in einem Subsystem rufen Änderungen in einem oder mehreren anderen Subsystemen hervor. In der bereits angesprochenen Mensch-Maschine-Interaktion hat der Begriff Interaktion eine etwas andere Bedeutung. Hier geht es in erster Linie um die Gestaltung der Benutzerschnittstelle zu Software und Hardware. In der Informatik ist das Ziel eine ergonomische Software zu gestalten, wobei im Kommunikations-Design Orientierung, Navigation, Maskengestaltung, System- Reaktionen und Meldungen eine hohe Aufmerksamkeit gewidmet werden soll. Hierbei gibt es mittlerweile sogar eine Norm (EN ISO 9241) für das sog. Interactiondesign. Auch Hochschulen beschäftigen sich immer mehr mit Interface-Problematiken. Die FH Potsdam ist die erste deutsche Hochschule die einen entsprechenden Studiengang anbietet.1

2.3 Quatäre Interaktion

Quatäre Interaktion ist Interaktion in virtuellen Räumen. Sie ist deshalb quartär, da sie weder primär (von Angesicht zu Angesicht) noch sekundär (einseitiger Technikeinsatz) noch tertiär (beidseitiger Technikeinsatz) ist, sondern in virtuellen Räumen stattfindet. Diese Unterteilung stellt die Abwandlung bzw. Ergänzung nach dem erweiterten Medienkonzept von H. Pross durch Manfred Faßler dar (Vgl. Faßler 1997).

2.4 virtuell

Als virtuell gilt die Eigenschaft einer Sache, die nicht in der Form existiert, in der sie zu wirken scheint, aber in ihrem Wesen und ihrer Wirkung einer real existierenden Sache gleichartig ist.

Das Wort selbst führt über den französischen Begriff virtuel (Fähig zu wirken, möglich) zurück auf das lateinische Wort virtus (Tugend, Tüchtigkeit, Kraft, Vermögen, Männlichkeit) (Wissenschaftlicher Rat der Dudenredaktion 2000).

Virtualität spezifiziert also ein gedachtes, oder über seine Eigenschaften konkretisiertes Objekt, das zwar nicht physisch, aber doch in seiner Funktionalität oder Wirkung sehr wohl vorhanden ist.

Nachdem nun die wichtigsten Begriffe bereits erklärt sind, folgen mit dem Kapitel 3 nähere Erläuterungen zur Kommunikation und Interaktion sowie näheres über die quatäre Interaktion und virtuelle Realität.

Die Ausführungen werden sich fast ausschließlich auf das 8. Kapitel Kommunikation versus Interaktion? aus Was ist Kommunikation? von Manfred Faßler beziehen. Dies tue ich aus folgenden Gründen: Zum einen gibt dieses Kapitel den wissenschaftlichen Hintergrund zur Virtualisierung sehr gut wieder und zum anderen soll das Kapitel die Kommunikationstheoretische Perspektive in meine Arbeit mit einbeziehen.

Im Kapitel 4 Theorie der virtuellen Gesellschaft beschäftige ich mich eingehend mit Bühls These und in wie fern diese korrekt ist. Dazu werde ich im wesentlichen Bühls Erklärungsstrang folgen und herausarbeiten in wie fern der jeweilige Teilbereich der Gesellschaft von der Virtualisierung betroffen bzw. beeinflusst ist. Die Gesellschaft wird in Anlehnung an Bühl in die Teilbereiche Technologie, Ö konomie, Sozialstruktur, Politik & Ö ffentlichkeit, Recht und Justiz, Ö kologie, Kultur, Geschlechterverhältnis und Individuum geteilt.

3. Kommunikation und Interaktion

3.1 Zwischenräume

Die Kommunikation sollte man zwischen dem Verfahren der Verständigung und dem Verstehen als psychischen Vorgang unterscheiden. Hierbei ist das Verfahren konventionalisiert, routiniert, medial gestützt und ordnungsbeständig. Das Verstehen ist hingegen als Kommunikation von Kommunikanten (Vgl. Schmidt 1994,131 ff), also als mentaler Prozess, zu verstehen, wobei sich das Individuum ein eigenes Modell von der Außenwelt erstellt (Vgl. Faßler 1997,195).

In dieser Verschiedenheit von Verständigung und Verstehen ist die Unterscheidung von sozialem System und psychischem System enthalten. Diese sind jedoch nicht als autarke sich abweisende Systeme gedacht, vielmehr sind sie ihre jeweiligen Adressaten. Sie bilden einen gemeinsamen Zwischenraum auf den sich Aufmerksamkeit und Wahrnehmung konzentrieren. Die Gestaltungsproportionen dieses Zwischenraumes bilden die Akteure in Interaktion und Kommunikation aus. Laut Manfred Faßler ließe sich ohne diesen „behaupteten Zwischenraum […] weder eine sozialtheoretische Interaktionstheorie noch eine informationstechnologische Konzeption von Interaktivität formulieren. In der Gestaltung dieser Zwischenräume findet die Abstraktion der Mitte, also der Quellcode für Kommunikation, ihre Realität. Der Gebrauch der Medien erfolgt dabei in Formen der Interaktion.“ (Faßler 1997,196)

Weiterhin schlägt Faßler vor Interaktion in vier Segmente zu teilen. In Anlehnung an das erweiterte Medienkonzept von Pross2 sieht dies wie folgt aus:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Nowotny ist der Ansicht, dass die Zwischenräume von Kommunikation und Interaktion nur dann beobachtbar sind, wenn es um Jemanden geht, d.h. um etwas dass Wert ist (Vgl. Nowotny 1996). Ohne diesen Wert fände keine Kommunikation irgendeinen begründeten Anstoß. Hierbei könnte der Wert bzw. Jemand als eine Interpretation gesehen werden, da jeder von uns eine Wertung, eine Beurteilung vornimmt, wenn er sich einer Sache zuordnet.etwas äußert sich in Formulierungen wie ‚ das halte ich für einen guten Vorschlag ’ oder ‚ das ist aber eine miserable Idee ’. Ohne eine solche Verarbeitung wäre Wahrnehmung lediglich passiv. (Vgl. Faßler 1997,196)

Interaktion in der sozialwissenschaftlichen Theoriegeschichte bezeichnet einen zwischenmenschlichen Austausch, der sich auf sprachliche oder para-sprachliche Informationsträger bezieht. Dabei ist die primäre Interaktion sozusagen die Ur-Form. Es ist eine räumliche Körperwahrnehmung, die durch bildhafte passive oder aktive Erinnerung und über vokale Sprache zustande kommt. Mit ihr sind zwei Zusicherungen verbunden. Zum einen wird vorausgesetzt, dass das Gegenüber innerhalb des verständlichen Kommunikationsrahmens bleibt. Und zum anderem, dass das, was an dem Gegenüber zu sehen und von ihm zu hören ist auch seinen Absichten entspricht, also wahrhaftig ist. (Vgl. Faßler 1997,197)

Jedoch sind die Voraussetzungen einer direkten Zweierbeziehung nur dann schlüssig, wenn die Geschichte von Medien nicht berücksichtigt wird. Es muss also davon ausgegangen werden, dass jede Beziehung keine medienfreie Zone ist. Verstehen wird auch hier nur durch gegenständliche, familiäre, kulturelle und mediale Routinen des Wahrnehmen, Zuordnens und Gruppierens möglich. Zu berücksichtigen ist allerdings, dass sich der Persönlichkeitsgrad der Kommunikation durch techno-mediale Zusätze und Einflüsse ändert. (Vgl. Faßler 1997,197)

3.2 Das Konzept Interaktion

Das Forschungsmuster der Interaktion und dessen Entwicklung sei nicht ohne die Unterscheidung von Verstehen und Verständigung erklärbar. Dieses Muster bildet sozusagen die Trennlinie zwischen einer verstehenden Soziologie, insbesondere die, vor allem von Max Weber, deutscher Prägung und einer pragmatischen Soziologie nordamerikanischer Prägung. Verstehen setzt in der stark philosophischen Grundorientierung auf Identität des Gesellschaftsverständnisses zwischen den Subjekten. Verständigung hingegen orientiert sich an der Erwartung, dass andere dasselbe Verständnis von einem Zusammenhang haben und dieses ähnlich bzw. gleich nutzten. Beide Strömungen sind nicht kollektivistisch, dennoch unterscheiden sie sich in einem weiteren Punkt, dem Zeitraum. Während der Zeitraum, der über Verstehen angesprochen wird, über die Integrität von Subjekt und Gesellschaft bestimmt wird, also groß ausgelegt ist, so ist der Zeitraum, der über Verständigung angesprochen wird über die konkrete Handlungsweise bestimmt, und daher kleiner gemeint. (Vgl. Faßler 1997,197 f)

Gestisch und sprachlich wendet sich der Mensch in der face-to-face-Beziehung an den anderen, und darin auch an sich selbst. Daraus bildet sich ein Zusicherungsrahmen, indem der menschliche Organismus ein Selbst bildet. Es entsteht eine unmittelbare Wirklichkeit, eine Situation, die mit anderen Situationen durch die von allen geteilten Sprach-, Sach- und Symbolsystemen verbunden wird. Auf diesem Beziehungsablauf konstruiert sich der Mensch, d.h. dadurch wird der Mensch erst zum Menschen wie wir ihn kennen. Die Möglichkeit der freien Bewegung in den Systemen, wobei im Austausch mit anderen Menschen Individualität entsteht, bildet eine der starken Grundannahmen. (Vgl. Faßler 1997,198)

Die informatische Interaktionskonzeption knüpft an den Grundgedanken, dass zwei Akteure sich über ein Vermittlungssystem aufeinander beziehen an. Allerdings ist für sie Interaktion an Sende- und Rückkanal zwischen zwei Computern gebunden. Soziale Interaktionsbedingungen - oder -absichten - die evtl. hinter jeder technisch-medialen Interaktion stehen, sind dabei nebensächlich. Dem Konzept der Interaktion kommt dabei die zentrale Bedeutung für Akzeptanz und Nutzungsoptimierung der Speicherkapazitäten zu. Interaktion bezeichnet hierbei einen Auslagerungsvorgang im Kreuzfeld von Off- und Online, in dessen Verlauf das Datum zur Information wird, diese in den Wissensrahmen eingeführt oder verworfen wird, und in unterschiedlicher Weise Handeln bedingt, das innerhalb oder außerhalb desselben Mediums zum Datum werden kann. (Vgl. Faßler 1997,198 f)

Zur interaktiv eingesetzten Sprache gehört neben der vokalen und textlichen Sprache auch die beabsichtigte und zeitlich eingeräumte Unterbrechung der funktionalen und rituellen Verläufe, worin die Chance auf zeitlichen und räumlichen Abstand gegeben ist. (Vgl. Faßler 1997,199)

3.3 Interaktion

Zur Idee bzw. Befürchtung, dass die Technik den Menschen verschwinden ließe, hatte Ellul3 angemerkt, dass die Gefahr nicht im Verschwinden des Menschen bestünde, sondern in der Kapitulation vor dem System von Techniken, in der passiven Hinnahme der Verhaltensanforderungen. Es geht also in dieser Frage um die logischen und konzeptionellen Verbindungen von Technik und Handeln, von Infrastruktur, Kommunikation und Macht. Die Technik ist von den Sinnen und Bedeutungsordnungen der Wahrnehmung und des Handelns und Entwerfens nicht herauszunehmen, und zwar im selben Maße wie Sinn, Struktur und Aktion von Ensemble soziokultureller Technik zu lösen sind. (Vgl. Faßler 1997,203 f)

3.4 Kopplung vs. Interaktion

Betrachtet man die Nutzungssituation, die man bei Computern kennt, so meint Nutzung die Verbindung zwischen Kapazitäten (techno-medial), Kommunikation (prozedural) und Kompetenz (individuell). Und Verbindung versteht Faßler als eine zeiteinheitlich beobachtbare Synthese von Material, Absicht und Bedeutung. Ohne diese Verbindung wäre der Computer gesellschaftlich nicht nutzbar. Die Art der Verbindungsherstellung seitens des Menschen wird im Allgemeinen als Interaktion bezeichnet. (Vgl. Faßler 1997,204f)

Mit Interaktion ist immer auch anschlussfähiges Verhalten, bestätigende Reaktionen auf angebotene Symbole, Bedeutungsordnungen und Fragenprofile gemeint. Und sie impliziert, dass man sich auf vorgedachte, vorgemachte Beziehungsmuster und Schemata verlässt. Und genau dies geschieht in der Mensch-Computer-Interaktion. Um z.B. ein elektronisches Spiel zu schreiben oder eine e-Mail abzuschicken ist eine operationelle Angleichung individueller Wissens-, Verhaltens- und Kommunikationsfähigkeiten erforderlich. Im Verlauf der Interaktion greift man auf programmierte Welt- und Wissensmodelle zu, die als Software und Netware konfektionierte Deutungen bereithalten und dabei quasi-institutionelle Funktionen übernehmen. Der Bereitstellungsmodus beinhaltet des Weiteren, dass das neue Ergebnis/Ereignis elektronisch gespeichert und reproduzierbar und prozessierbar wird sowie eine erweiterte bzw. erweiternde Kombination mit anderen Kommunikations- und Wissensreserven erfolgt. (Vgl. Faßler 1997,205)

Diese vielleicht aufwendig erscheinende Bestimmung der Mensch-Computer-Interaktion unterscheidet zwischen Interaktion und Kopplung. Kopplung bezieht sich auf eine zeitlich dichte, distanzlose Ereignisfolge, die also ohne Unterbrechung innerhalb eines Übertragungskanals erfolgt. Sie kann im informationstechnischen Sinne interaktiv sein und beschreibt die Befehlsfolgen, die die Daten so aufeinander abstimmt, dass lesbare Texte, bespielbare Simulationsräume oder virtuelle Schreibtische als Arbeitsflächen entstehen. Wenn an diesen gearbeitet wird ist schon eine hybride Situation entstanden, da die herkömmliche material-gegenständliche Bestimmung von Arbeit sozusagen die Seiten gewechselt hat. Diese enge Kopplung ist für einige Informatiker und vielen Kritikern der Grund bzw. der Vorgang in dem die Grenze zwischen Materialität, Gegenständlichkeit, Körper und Maschine sich aufzuheben scheinen. Es scheint, als ob der Mensch im Verlauf der Computernutzung keine Distanzmöglichkeit, keine Zeit für reflektierende Selbstbeobachtung hat. (Vgl. Faßler 1997,206)

Jedoch sei dem laut Faßler nicht so. Grundsätzlich habe kein System die Chance im Moment des Handelns sich selbst zu beobachten. Also bedeutet dies strukturell nichts Neues. Des Weiteren geht es um die Koordination von unvergleichbaren Geschwindigkeiten (subatomarer und normaler Geschwindigkeit), wodurch ein neuer Handlungsort/-raum für den Menschen entsteht. Es ist ein Daten-Ort, an dem Daten zu Information diese zu Wissen wird und umgekehrt, um gespeichert zu werden. (Vgl. Faßler 1997,206)

Diese geradezu paradoxe Formulierung des Daten-Orts bezeichnet das, was inzwischen als virtuelle Realität geläufig bezeichnet wird, in der Verbindung der physikalisch-mathematischen Realität des Computers und der physiologisch-sozialen Realität des Menschen. Hiermit sind zwei Realitätsbereiche angesprochen, die verschiedene Integrationsleistungen erfordern. Computer sind physikalisch-mathematische Systeme, die hochkomplex die Grenzen zwischen Innen und Außen der digitalen Maschine verarbeiten können. Ihr Grenzsystem ist über den epistemic cut definiert, der logisch zwischen physikalischen Abläufen (virtueller Realität) und lebendigen Handlungszusammenhängen und physiologisch-gegenständlicher Wirklichkeit unterscheidet. Wie Höller (1993,114) schreibt, trennt dieser Anwendungsschnitt eine inhaltlich durch den Anwendungskontext bestimmte Anwendung von dem informatischen Kommunikationssystem. Die physikalisch-digitale Maschine operiert zwar mit einer menschlich unerreichbaren Geschwindigkeit und eröffnet einen Potential-Raum, der durchaus global genutzt werden kann. Zugleich ist die Funktionalität an die physikalischen Bedingungen des RAM4 gebunden. (Vgl. Faßler 1997,206 f)

Es entsteht eine Kreativität des Potential-Raumes, Dessen konservative und mit Wissen von gestern beschichtete Speicherstruktur in einen offenen Interaktionsprozess mit komplexen und reichhaltigen gegenwärtigen Nutzungsverläufen tritt, ohne dass die Trennung zwischen den Realitätssphären ignoriert wird. Das nötige informationelle Gleichgewicht zwischen Mensch-Computer darf nicht vorab durch das informatische Funktionsmodell des Computers festgelegt sein. In diesem Idealbild des Wechselverhältnisses von konservativen und dissipativen Strukturen wird der elektronische Potential-Raum ein sozialer Zusatz- Raum. (Vgl. Faßler 1997,207)

3.5 Hybride Kopplung

Gegenüber dem Kopplungs-Konzept reserviert Interaktion für den Menschen nicht nur die Kommunikationsebenen Information, Mitteilen und Verstehen, wie sie Niklas Luhmann anbietet. Sie enthält weiterhin die Chance, die Module der Information und ihren Ordnungsstatus, sowie den Status des Mitteilens und Verstehens abzulehnen. Interaktion weist also nicht ausschließlich auf Ü bertragung hin, sondern ist an Ü bersetzung, an Bedeutung gebunden. Dafür muss der Anwender allerdings den Kopf frei haben, d.h. es muss Zeit bleiben den Kanal nicht zu bedienen, die Kopplung zu unterbrechen, damit Reflektiert werden kann. Wenn man diesen Gedanken auf die Programmierung bezieht so muss Software so aufgebaut sein, dass sie die Unterschiede von Systemteilen wie Informationsmodulen nicht verändern. Sehr wichtig dabei: die Software müsse in das Abbild der Interaktion, der Produktion oder der Institution den Menschen mit einbeziehen, d.h. eine offene Zwecksetzung berücksichtigen. Aber genau das geschieht in der Hybridkopplung nicht. (Vgl. Faßler 1997,207 f)

Das ist nun so zu verstehen, dass ein rufendes Modul von dem gerufenem Modul nicht nur die angefragten Daten erhält, sondern dass auch eine unterschiedliche Bedeutung der Daten importiert wird. Der PotentialRaum wird also nicht in einen sozialen Zusatz-Raum umgewandelt. „Die Gefahr besteht darin, dass der rückgelieferte Wert in einer falschen Bedeutung weiterverarbeitet wird.“ (Frick 1995,212 f).

Wenn die Balance zwischen maschinen-konservativen und sozial-dissipativen Strukturen zugunsten der ersten umkippt spricht man von pathologischer Kopplung (Vgl. A. Frick 1995,212 f), weil sie die begrenzte Funktionalität oder die offene Zweckstruktur tendenziell zerstört. Diese pathologischen Kopplungseffekte sind es auch, die oft bei Computerkritikern für das Mensch-Computer-Verhältnis vermutet werden. (Vgl. Faßler 1997,208)

[...]

Ende der Leseprobe aus 44 Seiten

Details

Titel
Die virtuelle Gesellschaft: Quatäre Interaktion und die Virtualisierung des Seins
Untertitel
Eine Überprüfung der These der virtuellen Gesellschaft von Achim Bühl
Hochschule
Universität Osnabrück
Note
1,3
Autor
Jahr
2006
Seiten
44
Katalognummer
V167549
ISBN (eBook)
9783640841707
ISBN (Buch)
9783640839988
Dateigröße
630 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Virtual Reality, Interaktion, Kommunikation
Arbeit zitieren
Thomas Oeljeklaus (Autor), 2006, Die virtuelle Gesellschaft: Quatäre Interaktion und die Virtualisierung des Seins, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/167549

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