Wundergeschichten in der Realschule

Grenzen und Möglichkeiten im Umgang mit neutestamentlichen Wundergeschichten im Religionsunterricht der Realschule


Examensarbeit, 2010

76 Seiten, Note: 1,0

Anonym


Leseprobe

Inhalt

1. Der Begriff „Wunder“ - gestern und heute

2. Allgemeine fachwissenschaftliche Aspekte
2.1 Wundergeschichten in den Evangelien
2.2 Deutungsmöglichkeiten von Wundergeschichten

3. Entwicklungspsychologische Voraussetzungen
3.1 Frage nach der Altersgemäßheit anhand entwicklungspsychologischer Theorien
3.2 Folgerungen und Probleme für die Wunderdidaktik

4. Wundergeschichten aus der Perspektive von Jugendlichen
4.1 Studie zum Thema Wundergeschichten
4.2 Zur Bedeutung von Wundergeschichten im Leben der Schülerinnen und Schüler

5. Didaktische Überlegungen für den Unterricht
5.1 Hermeneutisch-didaktische Probleme im Umgang mit Wundergeschichten
5.2 Überwindung der hermeneutisch-didaktischen Probleme
5.3 Didaktische Probleme
5.4 Aufgaben und Möglichkeiten des Religionsunterrichts
5.5 Didaktische Ansätze und methodische Möglichkeiten zur Umsetzung allgemein
5.6 Begründung der Thematisierung von Wundergeschichten im Religionsunterricht durch den Lehrplan

6. Ausgewählte didaktische Zugänge mit Beispielen (Mk 10,46-52)
6.1 Wundergeschichten als Glaubensgeschichten
6.2 Wundergeschichten als Handlungsanweisungen
6.3 Wundergeschichten als Hoffnungsbilder

7. Schluss

8. Literatur

9. Anhang

1. Der Begriff „Wunder“ - gestern und heute

In unserer heutigen Zeit, in der die Wissenschaft und Technik einen großen Platz einnimmt, ist es besonders schwer über den Begriff „Wunder“ zu reflektieren. Wunder sind nach heutigem Verständnis außerordentliche Ereignisse, die unsere bekannte Naturordnung durchbrechen und damit wissenschaftlich nicht mehr erklärbar sind. Dieser Wunderbegriff widerspricht rationalem Denken. Das neuzeitliche Weltbild lässt aufgrund des Fortschritts der Wissenschaft keinen Raum mehr für Wunderglauben. Der Glaube an Dinge, die sich dem sinnlich-erfahrbaren Bereich entziehen und sich der Kategorie des Paranormalen zuordnen lassen, wird heutzutage in der Regel müde belächelt. Die meisten Menschen glauben einzig und allein an Dinge, die sinnlich wahrnehmbar sind und stellen auf diese Weise die Glaubwürdigkeit der Geschichten der Bibel in Frage. Rudolf Bultmann bringt das auf den Punkt, indem er sagt, dass man nicht „elektrisches Licht und Radioapparat benutzen, in Krankheitsfällen moderne medizinische und klinische Mittel in Anspruch nehmen und gleichzeitig an die Geister- und Wunderwelt des Neuen Testaments glauben kann.“[1]

Biblische Wundergeschichten entstammen einer Zeit, in der Menschen noch auf keine allgemeingültigen Naturgesetze zurückgreifen konnten. In der antiken Zeit galten Wunder als selbstverständlicher Bestandteil eines Weltbildes. Natürlich haben antike Menschen nicht jeden Tag Wunder erlebt, aber ein Wunder war für sie grundsätzlich nicht ausgeschlossen. Das Problem, dass ein Wunder etwas Unerklärbares war, kannte man in der Antike nicht. Für Menschen dieser Zeit waren Wunder eher ungewöhnliche und Staunen erregende Geschehnisse, „in denen außergewöhnliche Kräfte und überirdische Mächte zu spüren sind.“[2] Es gab keine Trennung zwischen einer diesseitigen und jenseitigen Welt. Göttliche Mächte konnten ständig in das Weltgeschehen eingreifen. Mit Wundern wurde damals meist eine Begegnung mit Gott gekennzeichnet. Es gab aber keinen einheitlichen Begriff für „Wunder“, wie wir das heute haben. Die synoptischen Evangelien benutzen überwiegend das Wort dynamis, das als ‚Machtentfaltung, Zeichentaten’ übersetzt wird. Sie betonen damit den „Hinweischarakter“[3], den diese Geschichten haben. Demnach sind Jesu Taten „Äußerungen der Kraft Gottes.“[4] Sie zeigen damit auch, dass es darauf ankommt und nicht auf das Mirakulöse und Spektakuläre, wie es das Wort Wunder nahe legt.[5]

Erst mit dem Entstehen der Naturwissenschaften begannen heftige Diskussionen um die Wundergeschichten des Neuen Testaments. Sind diese denn historisch beweisbar oder überhaupt möglich oder muss man an Wunder einfach glauben?[6] Hat das Gesetz der Schwerkraft nicht eindeutig bewiesen, dass Menschen nicht über Wasser gehen können? Wie kann ein in der Bibel selbst beschriebener, halb verwester Mensch, wieder lebendig werden? Dagegen sprechen doch eindeutig medizinische Erkenntnisse! Kann Wundergeschichten aufgrund dieser Überlegungen heute überhaupt noch eine Bedeutung zugesprochen werden?

All diese Fragen weckten mein Interesse, mich intensiv mit unter anderem diesen Fragen auseinander zu setzen. Diese Arbeit beschäftigt sich vor allem mit folgenden Hauptfragen: Gibt es eine bestimmte Definition von Wundergeschichten? Welche Stellungnahmen findet man in der neueren Forschung zu diesem Thema? Kann die Wunderfrage eindeutig beantwortet werden? Wie kann und soll man Wundergeschichten überhaupt verstehen? Welche Schwierigkeiten bringt Auslegung mit sich? Ist es überhaupt möglich, sich vor dem Hintergrund der Wissenschaft auf Wundergeschichten einzulassen? Welche Probleme ergeben sich für den Unterricht und wie soll man im Unterricht mit Wundergeschichten umgehen? Sollte man sie im Unterricht überhaupt noch behandeln? Laut Klaus Berger gehören Wundergeschichten „in Wahrheit zum härtesten Brot, dass das Neue Testament dem Theologen zu bieten hat.“[7] Wie sollen dann erst Schülerinnen und Schüler damit zurecht kommen?

Aus diesen Fragen ergibt sich folgende Gliederung für die Examensarbeit.

Zunächst soll fachwissenschaftlich auf das Thema eingegangen werden. Zum einen werden allgemeine Erkenntnisse dargestellt. Hier soll es um die Fragen gehen, welche Intention Wundergeschichten haben, welchem Aufbau sie folgen und was das für sie bedeutet. Dabei liegt der Fokus auf der biblisch-theologischen Perspektive. In einem zweiten Punkt steht dann die Frage im Zentrum, wie sich das Verständnis der Wundergeschichten im Laufe der Zeit verändert hat. Eine theologische und wissenschaftliche Reflexion über das Thema ist nötig und darf hier, obwohl es sich um eine didaktische Arbeit handelt, ebenso nicht außer Acht gelassen werden, denn der Lehrende muss sich zunächst darüber bewusst werden, wie er Wundergeschichten versteht. Erst dann kann er sich darüber Gedanken machen, wie er sie weiter vermitteln kann. Die Grundlage der Didaktik der Wundergeschichten ist ihre Exegese. Das soll natürlich nicht heißen, dass lediglich exegetische Erkenntnisse über diese Geschichten gelehrt werden, die im Wesentlichen auf historisch-kritischem Wege gewonnen wurden. Man darf die exegetischen Erkenntnisse aber nicht ignorieren, um nicht zu einem naiv-fundamentalistischen Verständnis zu gelangen. Kinder stellen in Bezug auf Wunder immer die Frage, ob sie denn wirklich so passiert seien. Die Erkenntnis, dass es sich um eine Glaubensgeschichte handelt und damit die historische Frage relativiert wird, ist ihnen nicht leicht verständlich zu machen. Somit komme ich von den Stellungnahmen theologischer Vertreter in einem zweiten Teil der Arbeit zur Psychologie, die sich ebenso mit diesem Thema auseinander gesetzt hat. Es werden einige wichtige Erkenntnisse der entwicklungspsychologischen Theorien angesprochen und es wird überlegt, in wie weit diese eine Hilfestellung für den Umgang mit Wundergeschichten im Unterricht darstellen. Daraufhin werden Wundergeschichten in einem dritten großen Teil der Examensarbeit von ihrer didaktischen Seite beleuchtet. Hier stellte ich mir zunächst die Frage, wie Menschen denn heute mit Wundern umgehen. Werden sie aufgrund wissenschaftlicher Erkenntnisse vorschnell als unmöglich deklariert? Wie begegnet der Mensch solchen paranormalen Ereignissen? Grundlage stellt hier eine empirische Studie zum Thema Wundergeschichten dar, anhand der sich einige wichtige Erkenntnisse im Gegensatz zu früheren Untersuchungen erschließen lassen. Im Anschluss werden zunächst die hermeneutischen und didaktischen Probleme hinsichtlich des Umgangs mit Wundergeschichten im Unterricht beleuchtet, um dann auf die Aufgaben und Möglichkeiten entsprechend einzugehen. Es stellt sich darauf die Frage, ob es Methoden und Umsetzungsmöglichkeiten gibt, mit deren Hilfe man die beschriebenen Probleme umgehen oder zumindest minimieren kann. Die viel diskutierte Frage, ob Wundergeschichten überhaupt noch in den Unterricht gehören, findet hier eine letzte Beantwortung und es werden Möglichkeiten dargestellt, wie man die für die christliche Tradition so wichtigen Texte auch den Schülerinnen und Schülern der Sekundarstufe I nahe bringen kann. Im Anschluss werden dann drei nach Kollmann „idealtypische“[8] didaktische Zugänge exemplarisch erläutert und ihre Vor- und Nachteile entsprechend erörtert. Dabei habe ich mich für die Bartimäusgeschichte in Mk 10,46-52 entschieden, da sich die Kinder zum einen am besten in Heilungsgeschichten wiederfinden können, zum anderen diese Geschichte sehr spannend und aufregend erzählt wird und bei Kindern sehr beliebt ist. Abgerundet wird die Arbeit durch einige wichtige und zusammenfassende Schlussfolgerungen.

2. Allgemeine fachwissenschaftliche Aspekte

2.1 Wundergeschichten in den Evangelien

Wundergeschichten nehmen im Neuen Testament einen breiten Raum ein, einen breiteren als im Alten Testament. Je nachdem, wie man sie abgrenzt zählt man ca. 30-35 Einzelerzählungen[9]. Hinzu kommen vier Logien[10] und elf Summarien[11].[12] Da es vor allem um die Wunder Jesu gehen soll, beschränkt sich diese Arbeit auf diese neutestamentlichen Wundergeschichten. Sie sind explizit in den Evangelien und der Apostelgeschichte überliefert. Die Wunder in der Apostelgeschichte stellen aber vorwiegend Spiegelungen der evangelischen Tradition dar, da sie nicht aus eigener Vollmacht des Paulus und seinen Jüngern geschehen, sondern wiederum in der Kraft Jesu Christi.[13]

Viele Jahre wurden Wundergeschichten vor allem durch Martin Dibelius und Rudolf Bultmann, „formgeschichtlich in Heilungs- und Naturwunder“[14] eingeteilt. Gerd Theißen ergänzt diese Kategorisierung durch Analyse der Motive und Themen und unterteilt Wundergeschichten in Exorzismen, Therapien, Normenwunder, Geschenkwunder, Rettungswunder und Epiphanien.[15] Besonders das Markusevangelium beinhaltet mehr Wundergeschichten, als Worte und Reden Jesu. Den Hauptanteil stellen dabei Heilungen und Dämonenaustreibungen dar.[16] Für Theißen sind die Wunder Jesu symbolische Handlungen, die „zugleich geschehene Taten gegenwartsrelevant für die Gemeinde thematisieren.“[17] Die Symbolik der Wundergeschichten weist über die Alltagserfahrungen hinaus. „Die Wundergeschichten wären dann nicht nur symbolische Handlungen, in denen das menschliche Dasein bewältigt wird. Sie besäßen ebenso eine symbolische Dimension, die über jede Daseinsbewältigung hinausweist.“[18] Durch die Wundergeschichten wird die konkrete Negativität menschlichen Daseins überwunden. Sie sind Widerstandsgeschichten. Konkrete Krankheitsfälle sind kollektive symbolische Handlungen, mit denen man der Not entgegenwirkte und sich Kraft zu ihrer Überwindung gab. Sie können so als Trost- und Mutmachgeschichten verstanden werden.[19] Dies zeigt zum Beispiel Mk 1,29-31, die Geschichte des Fieberkranken.

Der Aufbau der Wundergeschichten folgt einem viergliedrigen Schema, bestehend aus Einleitung, Exposition, Wunderhandlung und Demonstration, innerhalb dessen bestimmte Motive zum Vorschein kommen können. In der Einleitung werden die Personen eingeführt. In der Exposition wird die Notsituation, wie zum Beispiel die Krankheit, beschrieben. Daran schließt die Wunderhandlung als Höhepunkt der Geschichte an. Den Schluss bildet die Demonstration, in der die Reaktion der Zuschauer auf das Wunder beschrieben wird.[20]

Bei diesem Schema kann man Parallelen zu Wunderüberlieferungen aus der antiken Umwelt erkennen, vor allem Parallelen zu jüdischen und hellenistischen Wundererzählungen ( zum Beispiel Apollonios von Tyana[21]: Zeitgenosse Jesu, Wundertäter und Philosoph). Man kann also davon ausgehen, dass die Evangelisten auf ihnen vertraute Stilgesetze zurückgriffen. Teilweise wurden dort verwendete Motive auf Jesus übertragen. Man muss sogar damit rechnen, dass ganze Geschichten auf Jesus übertragen wurden.[22] Dies geschah aus dem Grund, die Vollmacht und Einzigartigkeit Jesu zum Ausdruck zu bringen, die in den Augen seiner Zeugen völlig anders ist, als die eines hellenistischen Heilers oder auch die des Elias, des großen Wundertäters des Alten Testaments. „Um wirklich des Bewusstseins leben zu können, in Sachen Wunder einzig da zu stehen, musste das Urchristentum neue Wundergeschichten erzählen, alte steigern, konkurrierende Erzählungen übertrumpfen.“[23]

Anhand der typischen Merkmale der Wundergeschichten sieht man, dass sie keineswegs typisch christlich sind, sondern „Allgemeingut im religiösen und geistigen Umfeld der Antike.“[24]

Man würde Wundergeschichten missverstehen, wenn man zu der Überzeugung käme, dass alle Wunder genauso geschehen wären. Dies zeigt gerade der Aufbau. Das will der Glaube und damit das Vertrauen, auf das die Wundergeschichten der Evangelisten abzielen, nicht erreichen. Glaube und Wunder gehören in den Evangelien unabdingbar zusammen. Außer bei Mk 9,42 kommt das Wort „Glaube“ in der synoptischen Tradition nur in Verbindung mit Wundern vor. Glaube bedeutet hier nach Karl Martin Fischer, das völlige Eingeständnis eigener Ohnmacht, das völlige Vertrauen auf Gottes Macht und der Wille, alle Hindernisse zu überwinden, um in der Nähe Jesus zu sein.[25] Nach Alfons Weiser wäre es auch ein Missverständnis zu glauben, dass dem Wunder eine Art Beweischarakter zukommen soll, d.h. dass Jesus durch die Wunder seine wahre Gottessohnschaft beweisen möchte. Dieses Verständnis würde den wirklichen Glauben überflüssig machen.[26] Wundergeschichten laufen so Gefahr als bloße Mirakel oder Spektakel missverstanden zu werden. „Ein Mirakel würde den Glauben erzwingen und ihn damit als freie Entscheidung aufheben“[27], weil dann das Handeln Gottes beweisbar und keine Frage des Glaubens mehr wäre. Nach biblischem Verständnis waren Wunder nicht so ungewöhnlich, dass sie nur etwas Göttlichem zugeschrieben werden konnten. Auch Moses, die Propheten und die Aposteln haben Wunder vollbracht. Manche Zeitgenossen haben selbst dem Satan und den Antichristen mit Wundermacht versehen. Das heißt, dass Wundertaten nicht nur als das Werk Gottes, sondern auch als das Wirken von Dämonen interpretiert wurden.

Jesus möchte seine Messianität durch Wundertaten nicht beweisen. Er lehnt es strikt ab, sich und seine Sendung durch Wunder zu legitimieren ( vgl. Mk 8,11f.). Er kann und will keine Wundertaten vollbringen, wo er keinen Glauben als Vertrauen in das Wirken Gottes vorfindet. Auch Glaube bedeutet nicht, die Wundergeschichten in allen Details für wahr zu halten. Es geht den Synoptikern nicht darum, möglichst genaue Berichte aus der Vergangenheit darzustellen, sondern um die Verkündigung des gegenwärtig wirksamen Christus. Darum verändern die Evangelisten die Geschichten und gestalten sie neu, denn ihre Absicht ist es, „ihren Lesern zu verkündigen, wer der Christus heute ist, nicht wer er einstmals war.“[28]

Die Meinung, dass Jesu Wunder im Dienste der Verkündigung stehen, ist unter den Neutestamentlern weit verbreitet.[29] Jesu Aussagen werden durch seine Wundertaten selbst bestätigt und dadurch legitimiert er sich, auch wenn er es selbst nicht bezweckte, als Sohn Gottes.[30] Wunder weisen auf das Handeln Gottes in Jesus Christus hin. Seine Autorität wird durch die begleitenden Wunder und Zeichen unterstrichen. In der Pfingstpredigt des Petrus heißt es: "Jesus von Nazareth, den Mann, von Gott unter euch erwiesen mit Taten und Wundern und Zeichen, welche Gott durch ihn tat unter euch"(Apg 2,22).

Günter Scholz ist der Meinung, dass Wundergeschichten davon überzeugen wollen, dass in Jesus die prophezeite und erwartete Heilszeit da ist, und darum nehmen sie fast durchgehend Bilder der Heilszeit auf, um sie jetzt lebendig und wahr werden zu lassen. Sie greifen auf die Symbolik des Alten Testamentes zurück, wie zum Beispiel Jesaia 35,5 und Jesaia 61,6 zeigen. Scholz vertritt somit die These, dass Wundergeschichten aus Bildworten, Bildern und Symbolen der Heilszeit entstanden sind.[31] „Für Jesus selbst, aber auch für die Gemeinde haben Heilungen Hinweischarakter. So sind sie nicht nur als Überwindung der Not des Einzelnen, als Tat der Liebe zu verstehen sondern sie verweisen zugleich auf den Anbruch der Gottesherrschaft, sie sind darin „Manifestationen“ der in Jesus anbrechenden Heilszeit.“[32]

Hans Weder ist überzeugt, dass Wunder die Zukunft Gottes vergegenwärtigen wollen.[33] Darauf stützt sich auch Alfons Weiser, indem er die Wunder Jesu als Zeichen des heranbrechenden Reiches Gottes deutet.[34] Die These, dass Jesus vor allem seine Heilungen und Exorzismen als Zeichen der heranbrechenden Gottesherrschaft verstanden hat, ist heute nahezu unumstritten.[35] Die Wunder wollen im Handeln Jesu das zeitliche Anbrechen dieses Königreiches verdeutlichen. Was am Anfang der Zeiten war und am Ende der Geschichte wieder sein wird, das bricht in Jesu Machttaten in die Gegenwart herein. Dass Jesus selbst seine Exorzismen als Zeichen der anbrechenden Gottesherrschaft verstanden hat, ist vor allem unter Berufung auf Mt 12,28, Mk 3,27 und Lk 11,20 unübersehbar.[36] In 11,20 heißt es in der vermutlich ältesten Fassung: „Wenn ich aber durch den Finger Gottes die Dämonen austreibe, dann ist das Reich Gottes zu euch gekommen.“ Weitere Andeutungen findet man in Lk 10,18 „Der Satan ist vom Himmel gefallen“, „sein Reich zerfällt“ ( Mk 3,24-26), „die Vertreibung der Dämonen ist Anbruch der Gottesherrschaft“ ( Mt 12,28). Gerd Theißen hat herausgearbeitet, dass in diesem Zusammenhang die Heilungen und Exorzismen zu Zeichen der universalen Wende werden. „Die zeitgenössische apokalyptische Weltsicht, die von der Annahme eines universalen Unheilszusammenhangs ausgeht, ist aufgebrochen.“[37] In den Wundertaten Jesu realisiert sich die wunderbare Verwandlung der ganzen Welt zur Herrschaft Gottes. Das Besondere ist, dass gegenwärtigen Heilungen und Exorzismen eine eschatologische Bedeutung zugesprochen wird. In ihnen beginnt eine neue Welt. Die Gegenwart wird im Kleinen zu einer Zeit des Heils.[38]

Die neutestamentliche Wunderüberlieferung setzt sich mit konkreten menschlichen Problemen auseinander, mit „Grenzsituationen menschlicher Aussichtslosigkeit: mit Besessenheit, Hunger, Angst, Erfolglosigkeit, Krankheit und Tod.“[39] So sind Wundergeschichten nach Ingo Baldermann „Verzweiflungs- und Hoffnungsgeschichten; sie erzählen von Menschen, die hoffnungslos dar nieder liegen und dann doch wieder aufstehen.“[40] Das Aufstehen wird in den Heilungen Jesu veranschaulicht. Die Wunder Jesu sind Zeichen dafür, dass das Leiden besiegbar ist. Die Wunderberichte sind darum nicht bloße Erzählungen aus vergangenen Zeiten, sondern rufen überall dort zu Verantwortung und Mitmenschlichkeit in dieser Welt auf, wo Armut, Hunger, Not, Schuld, Leiden und Grausamkeit anzutreffen sind. Das Reich Gottes wird gegenwärtig und auch Jesus wird gegenwärtig.

Wundergeschichten sind keine normalen Vorgänge, sondern „sie sind Zeugnisse von einer Macht, die fähig ist, das übliche Weltgeschehen zu durchbrechen.“[41] Wundergeschichten müssen von Jesus her als ‚Hoffnungsgeschichten gegen Aussichtslosigkeit’ wahrgenommen werden. Man muss sich bildhaft vorstellen, dass etwas „in unsere Welt hinein geholt wird, das noch nicht ist, aber werden wird.“[42] In der Begegnung der kranken und Not leidenden Menschen mit Jesus ist das bereits zur befreienden Wirklichkeit für sie geworden. Aufgrund dieses eschatologisch-soteriologischen Bezuges der Wunder Jesu muss man diese von den Wundern anderer zeitgenössischer Wundertäter abgrenzen. Dies verdeutlicht sogleich das Kernstück der Wunder Jesu: „Die Gegenwart als Zeit des Heils, als neuer Himmel auf Erden.“[43] Die Leidenden haben in Jesu Wundern den Himmel auf Erden, die Gegenwart des Reiches Gottes erfahren dürfen.

Zusammenfassend kann man festhalten, dass es verschiedene Möglichkeiten gibt, die Wunder Jesu zu lesen. Wichtig ist der eschatologische Charakter, den Wundergeschichten beinhalten. Verzweifelte Menschen werden geheilt und gewinnen neuen Glauben. Wundergeschichten haben Verkündigungsabsicht und sind aus der Ostertradition entstanden. Außerdem sollen Wundergeschichten auf die kommende Gottesherrschaft, auf das beginnende Handeln Gottes in Jesus Christus hinweisen. Dies wird vor allem durch die Exorzismen und Heilungen gezeigt. Jesus selbst beteuert bei den Heilungen, dass er das Reich Gottes verkündet.[44] Nicht nur in seinen Worten, sondern auch seinen Taten verweist er auf die Zukunft der Gottesherrschaft, die alle Unheilszwänge der Welt, unter welchen die Menschen geknechtet sind, überwinden wird. Das Wunder will nicht als Durchbrechung des „normalen“ Weltlaufes, die Gott aufgrund seiner Allmacht bewirken kann, verstanden werden, sondern als Vorzeichen der endgültigen Aufhebung aller Unheilszwänge, in die der Mensch als Sünder gebunden ist.[45]

2.2 Deutungsmöglichkeiten von Wundergeschichten

Die Frage nach dem historischen Wert und der Interpretation neutestamentlicher Wundergeschichten zählt zu den umstrittensten theologischen Themen der vergangenen drei Jahrhunderte. Bis in die Neuzeit gab es keine Verständnisprobleme. So wurden Wundergeschichten „supranaturalistisch“[46], als Eingriff Gottes in das Naturgeschehen, erklärt. Diese Überzeugung findet heute nur noch in fundamentalistischen Kreisen Anklang. Es änderte sich mit dem Auftakt zur historisch-kritischen Betrachtung der Wunder Jesu durch H.S. Reimarus zur Zeit der Aufklärung. Er begegnet den - bis jetzt immer für wahr gehaltenen Geschichten - mit einer rationalen Skepsis. Er sieht die Wunder Jesu als Betrug oder Fiktion, da er sie nicht rational erklären kann. Die Wundergeschichten seien Berichte von Menschen, welche alle Fehler und Mängel des Verstandes an sich hätten. Er ist der Meinung, man müsse aufgrund Leichtgläubigkeit und Wundersucht an dem historischen Wert zweifeln. Er schließt auch gezielten Betrug nicht aus und behauptet, dass sich Personen als geheilt ausgegeben hätten oder Jesus nur vorgespielt habe, den Teufel auszutreiben. Aus diesem Grund habe Jesus seine Wundertaten nur vor dem Volk dargeboten.[47]

Es gibt viele verschiedene Deutungsansätze neutestamentlicher Wundergeschichten. Für Jörg Frey und Gerd Theißen zeigt die Auslegungsgeschichte neutestamentlicher Wundergeschichten folgende Deutungsmodelle, auf die ich mich in dieser Arbeit beschränken möchte.[48]

Ein Standpunkt kristallisierte sich in Anlehnung an Reimarus im frühen 19. Jahrhundert mit dem die Vernunft als Maßstab setzenden Rationalismus heraus. Hier trat eine natürliche Erklärung der Wunder Jesu ein. Die Wundergeschichten beruhen auf Tatsachen, die nichts der Vernunft Widersprechendes an sich haben. Die Vertreter gehen von demselben Standpunkt aus wie Reimarus, kommen aber zu völlig anderen Ergebnissen. Die Wundergeschichten beruhen auf etwas Natürlichem, aber die Bibel erwähnt die natürlichen Ursachen nicht explizit. Das Wunderhafte, das im Widerspruch zu Naturgesetzlichkeiten steht, wird regelrecht herausinterpretiert, um deren Historizität zu beweisen. Vertreter dieses Ansatzes waren vor allem Carl Heinrich Venturini und Friedrich Bahrdt. Letzterer interpretierte den Seewandel beispielsweise so, dass Jesus auf im Wasser treibenden Holz spazierte.[49]

Einen gegensätzlichen Standpunkt vertritt David Friedrich Strauß, der Wundergeschichten als unhistorische Mythen charakterisiert. Er weist jene rationalen Erklärungsversuche ab und versucht unter Heranziehung alttestamentlichen Traditionsmaterials das Zustandekommen des im Neuen Testament gegebenen Bildes von Jesus als Wundertäter verständlich zu machen.[50] „Wunder sind nur als ‚mythische Gebilde’ denkbar. Sie werden als Dichtungen gedeutet, die im Tradierungsprozess des Jesusgeschehens in der Urgemeinde mit missionarischem Interesse entstanden sind. Teilweise lassen sie sich noch natürlich erklären, teilweise übersteigen sie aber auch das Maß des Rationalen.“[51] Das Interesse der mythischen Interpretation gilt den „theologischen Ideen, die - wie die Geschichte des Christentums - zeigt, unabhängig von der Historizität des Geschehens existieren.“[52] Die Wundergeschichten dienen damit lediglich der Beweiskraft der Messianität Jesu. Einzelne Heilungen und Dämonenaustreibungen spricht Strauß dennoch dem historischen Jesus zu. Problematisch an diesem Ansatz ist, dass Historisches und Dichtung ineinander fließen und beides nicht aus dem Zusammenhang gerissen werden darf. Aufgrund Straußens Forschung war in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts die Betrachtung der neutestamentlichen Wundergeschichten als unhistorische Mythen fest etabliert. Für die Frage nach dem historischen Jesus wurden Wundergeschichten nun völlig ausgeklammert.[53]

Ein weiterer wichtiger Ansatz findet sich bei Dibelius, Bultmann und Theißen. Sie leiten neutestamentliche Wundererzählungen aus der hellenistischen Religionsgeschichte ab. Hier wurden die griechisch-römischen Parallelen in den Mittelpunkt des Interesses gerückt. Aufgrund der vielen Übereinstimmungen kamen die Vertreter der klassischen Formgeschichte auf die Ungeschichtlichkeit der neutestamentlichen Wundergeschichten, da diese lediglich von den antiken Wundergeschichten auf Jesus übertragen wurden. Dibelius rechnet den Großteil der Wundergeschichten zu den Novellen. Diese übernahmen artfremde Motive bis hin zu ganzen nichtchristlichen Geschichten.[54] Bultmann wertet die Wundergeschichten als Glaubenszeugnisse der ersten Christen. Durch seine formgeschichtliche Analyse zeigt er, dass die neutestamentlichen Wundergeschichten weithin in der Form überliefert wurden, wie das in der jüdischen und hellenistischen Umwelt des Neuen Testaments üblich war. Sie folgen alle dem gleichen Darstellungsschema. Diese Feststellung lässt die Annahme, dass Wundergeschichten primär historische Berichte sind, nicht zu. Letztendlich bezieht Bultmann die Wundergeschichten auf hellenistischen, beziehungsweise ungeschichtlichen Ursprung zurück.[55] Innerhalb der Evangelien stehen Wundergeschichten deshalb ausschließlich im Dienst der Verkündigung, und sind nicht als historische Tatsachenberichte zu werten . Alfons Weiser schreibt dazu aber im Widerspruch: „Die Feststellung, dass es sich um eine schematische Darstellung handelt, bedeutet nicht schon, dass ein Ereignis, das uns im Sprachgewand schematischer Darstellung begegnet, in keinem Fall eine historische Grundlage hat.“[56]

Im Blick auf die neuere Forschung[57] geht man von einer historischen Wundertätigkeit Jesu in einem gewissen beschränkten Umfang aus, an der im Laufe der Überlieferungsgeschichte verschiedene Ausgestaltungen vorgenommen wurden.[58] Gerd Theißens Darstellung beschränkt Jesus eigentliche Wundertätigkeit auf Krankenheilungen und Dämonenaustreibungen. Alle anderen Wunder sind seiner Analyse nach eher untypisch für Jesus.[59] Bei den Rettungswundern läge beispielsweise eine Übertragung auf Jesus vor, die eine christologisch-soteriologische Aussageabsicht beinhalten. Er sieht diese - genauso wie Geschenkwunder und Epiphanien - stärker vom Osterglauben des Urchristentums beeinflusst.[60] Gerd Theißen schreibt in seinem Buch „Urchristliche Wundergeschichten“: "Zweifellos hat Jesus Wunder getan, Kranke geheilt und Dämonen ausgetrieben. Die Wundergeschichten geben diese historischen Ereignisse jedoch in einer gesteigerten Gestalt wieder."[61] Außerdem schreibt er: „Exorzismen und Therapien lassen sich im Kern…auf den historischen Jesus zurückführen. Andere Wunder haben nur indirekten Zusammenhang mit ihm: Sie sind vom Osterglauben geformte Dichtungen des Urchristentums. An der exorzistischen und therapeutischen Wundertätigkeit Jesu aber sollte kein Zweifel bestehen.“[62]

Heute bestreitet kein Bibelwissenschaftler mehr, dass Jesus außergewöhnliche Taten vollbracht hat. Zusammenfassend beantwortet die gegenwärtige exegetische Forschung diese Frage in einer differenzierten Weise: „Man wird schwerlich bezweifeln können, dass solche physischen Heilkräfte von Jesus ausgegangen sind, wie er selbst die Austreibung der Dämonen durch ihn als Zeichen der anbrechenden Gottesherrschaft verstanden hat (Lk 11,20; Mt 12,28). Eben so wenig wird man freilich bezweifeln dürfen, dass gerade auf diesem Feld der Überlieferung auch vieles legendär ausgestaltet ist und Legenden hinzugedichtet sind. Der Vergleich der überlieferten Texte untereinander, das Anwachsen der Traditionen schon innerhalb der vier Evangelien, der Stil der Erzählungen und die nicht wenigen Parallelen aus außerchristlicher antiker Literatur nötigen zu diesem kritischen Urteil.“[63]

Rainer Lachmann fasst die vielen verschiedenen Ansätze zusammen und unterscheidet dabei grob drei Arten des Verstehens von Wundergeschichten. Der „biblizistisch-übernatürliche“ Verstehenstyp bedeutet, dass man Wundergeschichten wörtlich versteht als Tatsachenberichte. Versteht man Wundergeschichten „rationalistisch-natürlich“, dann hält man Wundergeschichten für historische Tatsachenberichte, aber mit einem natürlichen Zustandekommen. Die dritte Art des Verstehens ist die „hermeneutisch-persönliche“.[64] Danach werden Wundergeschichten als Glaubenserzählungen ohne historisches oder naturwissenschaftliches Interesse verstanden. Die Wunder haben hier einen symbolisch-übertragenen, metaphorischen Sinn und bedürfen der Interpretation. Symbole verweisen auf verschiedene Wirklichkeiten, die teilweise nicht in Begriffe gefasst werden können.[65]

Werner Ritter betont die Verkündigungsabsicht der Wundergeschichten. Sie wollen eine Botschaft weitergeben. Geschichtliche Hintergründe und Zusammenhänge waren den Autoren zwar nicht unwichtig, aber sie waren sekundär und hatte dienende Funktion. Deshalb wäre es verfehlt, zuerst nach der Historizität der Wundergeschichten zu fragen. Biblische Texte sind „keine Verlaufsprotokolle von geschichtlichen Ereignissen.“[66] Den biblischen Autoren ging es beim Verfassen ihres Evangeliums weniger um eine Rekonstruktion von Fakten, sondern sie wollten im Erinnern „bestimmte Sachverhalte für die Gegenwart bedeutsam machen.“[67] An historischer Verifikation im heutigen Sinne lag ihnen nichts.[68]

Zusammenfassend lässt sich sagen, dass Wundergeschichten viele verschiedene Interpretationsansätze geboten haben und immer noch bieten. Sie haben für das Verständnis des Leben Jesu doch eine größere Bedeutung als vielfach angenommen wurde. Über die Historizität der Wunder Jesu können allerdings keine pauschalen Aussagen gemacht werden.[69] Wie man sehen konnte, gibt es sehr viele verschiedene Meinungen zu diesem Thema. Es ist unmöglich alle anzusprechen, daher habe ich mich auf die mir wichtig erscheinenden Ansätze beschränkt.

Nehmen wir alles zusammen, so müssen wir sagen: Wunder sind nichts ‚Unglaubliches’, sondern etwas auf den Glauben Bezogenes und für Jesus und das Christentum ganz und gar Wesentliches und Wichtiges. Sie wollen unser Denken in vorgefassten Bahnen aufsprengen und uns bereit machen, auch etwas Neues und Fremdartiges in unserem Leben zu erwarten. Aber sie verlangen von uns nicht, unseren kritischen Verstand aufzugeben und sie für bloße Tatsachen der äußeren Geschichte zu halten.[70]

3. Entwicklungspsychologische Voraussetzungen

3.1 Frage nach der Altersgemäßheit anhand entwicklungspsychologischer Theorien

Für eine reflektierte und schülerbezogene Wunderdidaktik führt kein Weg an den wissenschaftlichen Einsichten zum Stand der religiösen Entwicklung in den unterschiedlichen Altersstufen vorbei. Hierbei sind vor allem Jean Piaget, der Begründer der kognitiven Psychologie, James W. Fowler und Fritz Oser/ Paul Gmünder zu nennen. Deren Theorien helfen bei der Klärung der Frage, wie Menschen unterschiedlicher Altersgruppen biblische Wundergeschichten verstehen und welche religionspädagogischen Folgerungen daraus abzuleiten sind.

Nach Piaget wird im frühen Grundschulalter die präoperative Periode mit ihrem magisch-numinosen Denken überwunden. Die Kinder sind von einem konkret-operationalen Verstehen geprägt, sodass sie zunehmend zwischen der Welt des Faktischen, der Realität, und der Welt der Fiktion, der Phantasie, unterscheiden können. Sie sind aber noch nicht zu abstraktem Denken in der Lage. Symbole oder Metaphern werden noch nicht verstanden.[71]

Beeinflusst von Piaget entwickelte James W. Fowler eine strukturgenetische Theorie[72], um religiöses Lernen im Laufe der menschlichen Entwicklung zu beschreiben. Fowler gliedert den Glauben in sechs Stufen, die jeweils einem bestimmten Lebensabschnitt zugeordnet sind. In Stufe 1 entwickelt sich der intuitiv-projektive Glauben. Im Sinne Piagets steht hier das präoperationale Denken im Vordergrund, das mehr der Phantasie und der Intuition folgt als einer möglichst unverzerrten Wahrnehmung der äußeren Wirklichkeit. Die Vorstellungskraft baut noch nicht auf die Logik der Gesetze. Ohne Unterscheidung zwischen Symbol und Wirklichkeit werden Bilder, Geschichten und Märchen real aufgefasst. Mit Beginn des Schulalters, also ab dem sechsten Lebensjahr, spricht Fowler von einem mythisch-wortgetreuen Glauben. Dies entspricht dem konkret-operationalen Verstehen im Grundschulalter Piagets. Kinder nehmen religiöse Symbole noch wortwörtlich, sie verstehen sie eindimensional. Sie erkennen keinen Hinweischarakter oder symbolische Bedeutung. Für den Wunderglauben bedeutet dies, dass „die kindliche Vorstellungskraft trotz erster Integration wissenschaftlicher Elemente noch in der Vordergründigkeit und Konkretheit des Wundergeschehens verhaftet bleibt.“[73]

Die Kinder stehen noch im Bann von Autoritäten und Konventionen. Ihre eigene Identität ist weitestgehend durch Rollenzuweisungen von Bezugspersonen geprägt. Auch der Glaubensstil ist konventionell ausgerichtet und bildet eine Synthese aus verschiedenen Meinungen und Überzeugungen, die die Kinder bei anderen Menschen aufschnappen. Das bedeutet für biblische Texte, dass sie ohne tiefergehende Reflexion entweder abgelehnt oder geglaubt werden. Diese Entscheidung basiert auf einem nicht persönlich angeeigneten, religiösen Denken. Ein eigenes kritisches Urteil wird nicht gefällt. Der Glaube ist immer abhängig von anderen Personen.[74]

Bei Oser/Gmünder herrscht dagegen in der ersten Entwicklungsstufe, die etwas später - zwischen acht und zehn Jahren - auftritt, ein an absoluter Heteronomie orientiertes Gottesbild vor. Gott ist eine unmittelbar in die Welt eingreifende höhere Macht, welcher der Mensch völlig ausgeliefert ist.[75] In der zweiten Stufe glaubt man im Sinne eines Tauschverhältnisses[76] durch Gebet, Opfer oder Gelübde auf die Entscheidungen Gottes einwirken zu können. Man geht weiterhin von der Allmacht Gottes aus. In der Grundschule beherrschen die Kinder folglich ein supranaturalistisches Wunderverständnis, dass mit Gottes unmittelbaren Eingreifen in die Welt rechnet.[77] Für ein symbolisches Wunderverständnis sind die Verstehensmöglichkeiten noch nicht gegeben. Die Wundergeschichten werden als Objekte, als Abbildungen eines früheren Geschehens interpretiert, ohne ihren Symbolcharakter zu erkennen. Die Schülerinnen und Schüler sehen den Sinn der Wundergeschichten in dem Beweis der Allmächtigkeit Gottes und der Gottessohnschaft Jesu. Die Historizitätsfrage steht noch nicht im Vordergrund. Probleme treten aber auf, wenn man diese Frage verneint, da damit die Bedeutung der Wunder fragwürdig wird, da die Schülerinnen und Schüler nur das Faktische und Tatsächliche als Wirklichkeit gelten lassen. Sie halten das direkte Eingreifen Gottes und den menschlichen Einfluss auf Gott generell für möglich.[78] Auf der zweiten Stufe Osers/Gmünders wird so das Wunder also als ein Tauschverhältnis gesehen. Als Gegenleistung für den Glauben erhält man ein Wunder ( z.B. Heilung). Wundergeschichten werden fast nur noch auf die Grundschule abgewälzt. Fatal ist aber, dass die Kinder in diesem Alter noch nicht in der Lage sind, Wundergeschichten metaphorisch oder im übertragenen Sinn zu verstehen. Die Kinder sind auf der Suche nach Helden, nach übernatürlichen Zauberern oder Supermännern. Dadurch überhöhen sie die Person Jesu mythisch. Die Naturgesetzlichkeit, die durch Wunder die Wirklichkeit zerbricht, wird von den Kindern ungebrochen, auf naive Weise einfach hingenommen.[79]

Ab Beginn der Sekundarstufe aber - im Alter von 11-12 Jahren - erwacht das kritische und abstrakte Denken im Kinde. Die kritische Vernunft tritt in den Vordergrund und stellt die Historizität und Vorstellbarkeit in Frage.[80] Aufgrund der vielen Ungerechtigkeiten in der Welt, wird das Eingreifen Gottes nun negiert. Die Kinder trennen nun strikt zwischen Gott und Mensch und geben die Verantwortung für das eigene Leben und das Weltgeschehen in menschliche Hände. Nach Piaget geht das konkret-operationale Denken in ein formal-operatorisches Verstehen über. Nun ist man zu abstraktem Denken befähigt. Nun kann der Jugendliche mit abstrakten Inhalten wie Hypothesen gedanklich umgehen, Probleme theoretisch analysieren und wissenschaftliche Fragestellungen systematisch durchdenken. Er hat die höchste Form des logischen Denkens erreicht.[81]

Bei Fowler beginnt im frühen Jugendalter der synthetisch-konventionelle Glaube. Die Kinder entwickeln ein Gespür für die Mehrdeutigkeit von Symbolen und Erzählungen. Die vierte Stufe wird bei Fowler erst im späten Jugendalter erreicht. Diese ist von einem individualisierend-reflektierenden Glauben geprägt. Hier ist das formal-operationale Denken nun voll entfaltet.[82] Die Zugehörigkeit zu Gruppen mit deren Überzeugungen wird nun kritisch geprüft. Diese Stufe hat eine „entmythologisierende Wirkung“[83] und bringt nun ein klares, fast überzogenes Bewusstsein der eigenen Individualität und Autonomie hervor. Hier sind die Kinder nun zur Bildung eines eigenen Urteils fähig. Diese Phase bringt ein hohes Maß an Selbstreflexion und an traditionskritischem Bewusstsein hervor.[84] Auf Wundergeschichten bezogen bedeutet dies, dass eine Tendenz zur Entmythologisierung von Wunderaussagen entsteht. Es wird nicht mehr hingenommen was andere sagen oder denken, sondern das eigene kritische Urteil kommt zum Zuge. Entweder verwirft dieses Urteil mythologische Vorstellungen von der Vernunft her oder Wundergeschichten werden bildhaft verstanden und auf einen anderen Sinn übertragen.[85] Diese Stufe kann aber sogar so weit führen, dass alles in Frage gestellt wird – die Existenz Gottes, die Bibel, die bisher erfahrenen Werte und Einstellungen und damit natürlich auch die Bedeutung der Wundergeschichten.[86]

[...]


[1] Bultmann, Rudolf: Neues Testament und Mythologie, S.18.

[2] Lachmann, Rainer: Wunder, S. 383.

[3] Roloff, Jürgen: Neues Testament, S. 111.

[4] Ebd., S. 113.

[5] Ritter, Werner: Wundergeschichten, S. 276.

[6] Becker, Ulrich/ Wibbing Siegfried: Wundergeschichten, S. 3/4.

[7] Berger, Klaus: Darf man an Wunder glauben?, S. 11.

[8] Kollmann, Bernd: Neutestamentliche Wundergeschichten, S. 207.

[9] 4 Exorzismen, 16 Heilungen, 3 Totenauferweckungen, 6 Naturwunder, mehrere Begleitwunder.

[10] Beelzebub-Wort, Antwort Jesu an den Täufer, Spruch Jesu über die galiläischen Städte, Antwort Jesu an Herodes.

[11] Mk 1,32-34 parr; Mk 3,10f parr; Mk 6,5f par; Mk 6,53-56 par; Mt 9,35; Mt 14,14; Mt 15,29-31; Mt 19,2: Mt

21,14; Lk 7,21.

[12] Scholz, Günter: Didaktik neutestamentlicher Wundergeschichten, S. 147.

[13] Scholz, Günter: Didaktik neutestamentlicher Wundergeschichten, S. 13.

[14] Bednarzick, Willi: Angst-Glaube-Wunder, S. 93.

[15] Kollmann, Bernd: Neutestamentliche Wundergeschichten, S. 62/63.

[16] Blum, Hans-Joachim: Biblische Wunder - heute, S. 13.

[17] Bednarzick, Willi: Angst-Glaube-Wunder, S. 93.

[18] Theißen, Gerd: Urchristliche Wundergeschichten, S. 296.

[19] Theißen, Gerd: Urchristliche Wundergeschichten, S. 244 ff.

[20] Kollmann, Bernd: Neutestamentliche Wundergeschichten, S. 61.

[21] Scholz, Günter: Didaktik neutestamentlicher Wundergeschichten, S. 147.

[22] Theißen, Gerd: Urchristliche Wundergeschichten, S. 273.

[23] Ebd., S. 273.

[24] Lachmann, Rainer: Wunder, S. 382.

[25] Fischer, K. M.: Das Urchristentum, S. 55f.

[26] Weiser, Alfons: Was die Bibel Wunder nennt, S. 33ff.

[27] Fütterer, Elisabeth: Lernen durch Handeln, S. 14.

[28] Becker, Ulrich: Wundertaten und Wundererzählungen, S. 74.

[29] Vgl. Schweizer, E.: Das Evangelium nach Markus, S. 6-10; vgl. Eckey, W: Das Markusevangelium, S. 13.

[30] Bednarzick, Willi: Angst-Glaube-Wunder, S. 93.

[31] http://www.rpi-loccum.de/wunder1.html ( Stand: 28.11.2009).

[32] Scholz, Günter: Didaktik neutestamentlicher Wundergeschichten, S. 14.

[33] Weder, Hans: Wunder Jesu und Wundergeschichten, S. 29/30.

[34] Weiser, Alfons: Was die Bibel Wunder nennt, S. 33ff.

[35] Lachmann, Rainer: Wunder, S. 382.

[36] Weiser, Alfons: Was die Bibel Wunder nennt, S. 33ff.

[37] Becker, Ulrich: Wundertaten und Wundererzählungen, S. 77.

[38] Theißen, Gerd/ Merz, Annette: Der historische Jesus, S. 275-279.

[39] Becker, Ulrich: Wundertaten und Wundererzählungen, S. 71.

[40] Baldermann, Ingo: Gottes Reich-Hoffnung für Kinder, S. 35.

[41] Becker, Ulrich: Wundertaten und Wundererzählungen, S. 77.

[42] Sievers,E.: Wundergeschichten, S. 70.

[43] Theißen, Gerd/ Merz, Annette: Der historische Jesus, S. 279.

[44] Roloff: Neues Testament, S. 36-39.

[45] Joest, Wilfried: Dogmatik. Die Wirklichkeit Gottes, S. 180.

[46] Kollmann, Bernd: Neutestamentliche Wundergeschichten, S. 14.

[47] Kollmann, Bernd: Jesus und die Christen als Wundertäter, S. 18/19.

[48] Vgl. Frey, J.: Zum Verständnis der Wunder Jesu in der neueren Exegese, S. 4-7; vgl. Theißen, G.: Der historische Jesus, S. 260-262.

[49] Kollmann, Bernd: Neutestamentliche Wundergeschichten, S. 14.

[50] Kollmann, Bernd: Jesus und die Christen als Wundertäter, S. 21.

[51] Blum, Hans-Joachim: Biblische Wunder – heute, S. 106.

[52] Ebd., S. 106.

[53] Kollmann, Bernd: Jesus und die Christen als Wundertäter, S. 21/22.

[54] Kollmann, Bernd: Neutestamentliche Wundergeschichten, S. 16.

[55] Bultmann, Rudolf: Die Geschichte der synoptischen Tradition, S. 223-260.

[56] Weiser, Alfons: Was die Bibel Wunder nennt, S. 41.

[57] Vgl. Bee-Schroedter, Heike: Neutestamentliche Wundergeschichten im Spiegel vergangener und gegenwärtiger Rezeption; vgl. Theißen, Gerd: Der historische Jesus; vgl. Weder, Hans: Wunder Jesu.

[58] Bednarzick, Willi: Angst-Glaube-Wunder, S. 95.

[59] Theißen, Gerd: Urchristliche Wundergeschichten, S. 271-272.

[60] Bednarzick, Willi: Angst-Glaube-Wunder, S. 95.

[61] Theißen, Gerd: Urchristliche Wundergeschichten, S. 274.

[62] Ebd., S. 274.

[63] Bornkamm, Günther: Jesus von Nazareth., S. 120.

[64] Lachmann, Rainer: Wunder, S. 385.

[65] Ebd., S. 385.

[66] Ritter, Werner: Wunder-Geschichten vom gelingenden Leben als Aufgabe der Religionspädagogik, S. 270.

[67] Ebd., S. 270.

[68] Ebd., S. 270.

[69] Bernarzick, Willi: Angst-Glaube-Wunder, S. 95/96.

[70] Röhser, Günter: Übernatürliche Gaben?, S. 243-265.

[71] Kollmann, Bernd: Neutestamentliche Wundergeschichten, S.179.

[72] vgl. Fowler, J.W.: Stufen des Glaubens. Die Psychologie der menschlichen Entwicklung und die Suche nach Sinn, S.139 – 167.

[73] Kollmann, Bernd: Neutestamentliche Wundergeschichten, S. 179.

[74] Kießling, Klaus: Religiöses Lernen, S. 84.

[75] Kollmann, Bernd: Neutestamentliche Wundergeschichten, S. 179.

[76] Oser, Fritz/ Gmünder, Paul: Der Mensch, S. 91.

[77] Kollmann, Bernd: Neutestamentliche Wundergeschichten, S. 179/180.

[78] Kollmann, Bernd: Neutestamentliche Wundergeschichten, S. 179/180.

[79] Ebd., S. 179/180.

[80] Ebd., S. 180.

[81] Ginsburg, Herbert/ Opper,Sylvia: Piagets Theorie der geistigen Entwicklung, S. 204-228.

[82] Kollmann, Bernd: Neutestamentliche Wundergeschichten, S. 181.

[83] Kießling, Klaus: Religiöses Lernen, S. 85.

[84] Schweitzer, Friedrich: Lebensgeschichte und Religion, S. 220-222.

[85] Kollmann, Bernd: Neutestamentliche Wundergeschichten, S. 181.

[86] Solymár, Mónika: Arbeiten zur Religionspädagogik, S. 202.

Ende der Leseprobe aus 76 Seiten

Details

Titel
Wundergeschichten in der Realschule
Untertitel
Grenzen und Möglichkeiten im Umgang mit neutestamentlichen Wundergeschichten im Religionsunterricht der Realschule
Hochschule
Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg  (Theologie)
Note
1,0
Jahr
2010
Seiten
76
Katalognummer
V167628
ISBN (eBook)
9783640842384
ISBN (Buch)
9783640842247
Dateigröße
1146 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Religion, Wundergeschichten, Neues Testament, Jesus, evangelisch, Theologie, Religionspädagogik, Didaktik
Arbeit zitieren
Anonym, 2010, Wundergeschichten in der Realschule, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/167628

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