Dennis Plunkett - Das Bild einer Figur in Derek Walcotts "OMEROS"


Magisterarbeit, 1995

115 Seiten, Note: 2


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Inhaltsverzeichnis

0. Einleitung
0.1 Zur Vorgehensweise
0.2 Zur Sekundärliteratur
0.3 Zur äußeren Form

1. Gesamtüberblick
1.1 Omeros: Ein Epos
1.2 Inhaltsübersicht
1.3 Figurengruppen

2. Eine Rekonstruktion der Fakten von Plunketts Biographie
2.1 Rekonstruktion der Fakten
2.2 Plunketts enge Verbindung zum Militär
2.2.1 Datierung anhand von geschichtlichen Ereignissen
2.2.2 Der Rang des Regimental Sergeant Major
2.2.3 Midshipman Plunkett
2.3 Datierung und Chronologie

3. Namensanalyse
3.1 Vorbemerkung
3.2 Etymologie
3.2.1 Der Nachname Plunkett
3.2.2 Der Vorname Dennis
3.2.3 Der Vorname Maud
3.3 Historische Vorlagen
3.4 Literarische Vorlagen

4. Emblematik und Symbolik
4.1 Vorbemerkung
4.2 Das Emblem der Wunde
4.3 Das Emblem des Schweins
4.4 Farbsymbolik Khaki / Olive

5. Figurenentwicklung
5.1 Einleitung zur Figurenentwicklung
5.2 Die Loslösung von Großbritannien
5.3 Die Bindung an St.Lucia
5.4 Das Verhältnis von Dennis zu Maud

6. Verarbeitung mythologischer und literarischer Vorlagen
6.1 Vorbemerkung
6.2 Verarbeitung Homerischer Texte
6.3 Verarbeitung von Vergils Aeneis
6.4 Verarbeitung von James Joyces Ulysses
6.5 Vorbilder in eigenem Werk und Biographie

7. Schlußbemerkung

8. Literatur
8.1 Primärliteratur
8.2 Zitierte Sekundärliteratur
8.3 Zitierte Nachschlagewerke
8.4 Bibliographie zu Omeros

Anhang

0. Einleitung

0.1 Zur Vorgehensweise

Die vorliegende Arbeit beschäftigt sich mit der Figur des Dennis Plunkett in Derek Walcotts Omeros. Sie versucht, wie die Formulierung der Aufgabenstellung es vorgibt, das Bild der Figur Plunkett einzufangen und detailliert aufgeschlüs- selt nachzuzeichnen. Wie bei einer intensiven Untersuchung eines Gemäldes soll versucht werden, Hintergründe, Bilder- sprache, Konfigurationen und Bezüge zu anderen Werken her- auszuarbeiten. Das erste Kapitel "Gesamtüberblick" konzen- triert sich dabei auf das Herauslösen der Figur aus dem Kon- text des Gesamtwerkes. Dabei werden zunächst das Werk in seiner Struktur betrachtet und die wesentlichen inhaltlichen Merkmale und Figurenkonfigurationen erläutert. Das zweite Kapitel "Eine Rekonstruktion der Fakten von Plunketts Bio- graphie" ist der Versuch einer Biographie der Figur, so wie sie dem Leser, über das Werk verteilt, vermittelt wird. Die Information wird dafür herauspräpariert und in eine chrono- logische Ordnung gebracht. Auffällige Datierungsschwierig- keiten, die Chronologie und Kausalität betreffen, werden im Anschluß daran genauer diskutiert und bewertet. Das dritte Kapitel "Namensanalyse" möchte die Vielzahl von Interpreta- tionsmöglichkeiten des Namens aufzeigen. Dieser Teil, der sich mit möglichen etymologischen, historischen und litera- rischen Quellen des Namens Dennis Plunkett beschäftigt, illustriert, auf welch eindrucksvoll vielschichtige Weise Walcott seine Figuren entwirft. Aufgrund der engen Verbin- dung zu der Figur Maud Plunkett, wird auch der Vorname die- ser Figur untersucht. Die Bildersprache Walcotts, deren Funktion nicht allein die der Illustrierung, sondern auch der Verknüpfung von Figuren und Stoffen ist, wird in dem Kapitel "Emblematik und Symbolik" mit dem Schwerpunkt auf die Embleme Wunde und Schwein berücksichtigt. Wie auch bei dem späteren Kapitel "Die Verarbeitung mythologischer und literarischer Vorlagen", in dem die Verbindung zu Mythologie und Sub-Texten aufgezeigt werden soll, ist eine der Schwierigkeiten die Beschränkung des Untersuchungsgegenstan- des. Da sowohl die Bildersprache als auch die Mythologie eine Fülle von Beziehungen aufweisen, wird versucht, nur die Plunkett zuzuordnenden Elemente und Beziehungen in die Ar- beit hineinzubringen. Gerade bei der Untersuchung paralleler Phänomene bei anderen Figuren, die es z.B. beim Emblem der Wunde gibt, ist eine solche Einschränkung bedauerlich, aber letztendlich nötig, um den Rahmen der Arbeit nicht zu über- schreiten.

Während sich die bereits genannten Kapitel mit der De- tailzeichnung der Figur auseinandersetzen, also die vertika- le Tiefe der Figur auszuloten versuchen, beschäftigt sich das fünfte Kapitel "Figurenentwicklung" mit der horizontalen Evolution der Figur. Bei der Darstellung dieser Entwicklung mußte allerdings die Chronologie der Erzählung, in der der Leser die Information erhält, aufgelöst werden, um eine Kau- salität im Werdegang darstellen zu können und Textbezüge zueinander sichtbar zu machen.

0.2 Zur Sekundärliteratur

Die vorhandene Sekundärliteratur zu Derek Walcotts Omeros erscheint gemessen an den renommierten Auszeichnungen, die das Buch erhielt, gering und oberflächlich. So konzentrieren sich die meisten Autoren auf Walcotts Verhältnis zum kultu- rellen Erbe und zur Kolonialgeschichte. Eine große Lücke aber läßt sich bezüglich der Auseinandersetzung mit dem Text und den Techniken Walcotts erkennen. Dieses ist vermutlich zum einen auf eine starke Betonung der Literaturkritik sei- tens der angelsächsischen Forschung, zum anderen auf die Komplexität des zu bearbeitenden Werkes zurückzuführen. Wenn James Joyce sich über sein Werk Ulysses mit den Worten äu- ßert -

I've put in so many enigmas and puzzles that it will keep the professors busy for centuries arguing over what I meant, and that's the only way of insuring one's immortality1 -, so läßt sich für Walcott, dessen Imitation von Joyce in Ome- ros eine wichtige Rolle spielt, ähnliches behaupten. Hinzu- weisen aber ist sicherlich auf die Arbeiten von Rei Terada, deren Monographie Derek Walcott's Poetry: American Mimicry, ihre Dissertation und eine Sammlung von ihr bereits früher veröffentlichten Aufsätzen, viele interessante Aspekte von Walcotts Gesamtwerk behandelt. Auch der Sammelband Critical Perspectives on Derek Walcott, herausgegeben von Robert D. Hamner, ist eine gute Quelle für ansonsten schwer zugäng- liche Texte aus vorzugsweise amerikanischen Literaturzeit- schriften. Auf einen sicherlich interessanten und anregenden Primärtext, The Antilles: Fragments of Epic Memory. The Nobel Lecture, mußte allerdings verzichtet werden, da das Werk nicht zu beschaffen war. Ansonsten bietet die Lektüre des Gesamtwerkes Walcotts einen guten Zugang zu Omeros, da sich in vielen seiner früheren Werke ähnliche Motive und Techniken wiederfinden lassen. Auf Verbindungen zwischen Walcotts früheren Werken und Omeros in bezug auf die Figur Plunkett wird in dem Unterkapitel "Vorbilder in eigenem Werk und Biographie" genauer eingegangen.

0.3 Zur äußeren Form

Die wiedergegebenen Textstellen aus Omeros wurden so zi- tiert, daß die Terzinenform erhalten bleibt. So ist es mög- lich, daß zwischen zwei Zeilen eine Leerzeile geschaltet ist, um das Ende und den Anfang einer neuen Terzine anzuzei- gen. Auslassungen wurden mit (...) gekennzeichnet. Bei Aus- lassungen über die Terzine hinaus wurde eine Leerzeile zwi- schengeschaltet. Bei kürzeren Zitaten, die direkt im Haupt- ext eingebettet sind, repräsentiert der einfache Querstrich (/) das Zeilenende und der zweifache Querstrich (//) das Terzinenende. Um eine übermäßige Fülle an Fußnoten zu ver- meiden und die Lesbarkeit der Arbeit zu verbessern, sind die Zitatangaben zu Textstellen aus Omeros in eine runde Klammer hinter die Textstelle gesetzt. Die erste Ziffer bezieht sich auf die Seitenzahl, die zweite Ziffer auf die Terzinennum- mer, von Seitenanfang gezählt. Bei längeren Zitaten über mehrere Terzinen ist immer die erste Zeile des Zitates für die Terzinennummer relevant.

Zwischen der Bezeichnung Ich-Erzähler, unter der die Figur in Omeros verstanden werden soll und Walcott, womit der Autor Derek Walcott gemeint ist, wird unterschieden. Obwohl der Ich-Erzähler deutlich als persona des Autors zu erkennen ist, würde eine Gleichsetzung die vorhandenen fik- tionalen Qualitäten des Ich-Erzählers vernachlässigen.

Im Anhang findet sich die Ballade The Bridal of Malahide von Gerald Griffin. Dieses schwer erhältliche Werk wurde mir in einer qualitativ bereits eingeschränkten Photokopie von der Gilbert Library in Dublin zugeschickt, so daß eine Abschrift die beste Möglichkeit war, sie dieser Arbeit hinzuzufügen. Weitere bibliographische Einzelheiten wurden leider nicht aufgeführt, so daß sich die Angaben zu der Ballade auf den Titel des Werkes beschränken, aus dem diese kopiert wurde.

1. Gesamtüberblick

1.1 Omeros: Ein Epos

"Provincialism loves the pseudo-epic"2. So beginnt Walcott Kapitel Sieben seines ersten autobiographischen Gedichtsban- des Another Life. Omeros, sein 325 Seiten starkes Werk, ist autobiographisch, und auch für Omeros trifft das Attribut "pseudo-epic" zu. "Pseudo-epic" bedeutet aber nicht geschei- terte Imitation, sondern bewußte Kontrastierung mit den In- halten klassischer Epen. Dennoch ist es legitim, Omeros als ein Epos zu bezeichnen, weil es Stilmittel des Epos, wie z.B. die Anrufung der Musen ("O open this day with the conch's moan, Omeros" (12,9)) imitiert und subtilere Cha- rakteristika, wie z.B. zahlreiche Elemente des gravis stilus aus der Rota Virgilii enthält3. Es müßte aber einschränkend hinzugefügt werden, daß Omeros sich eben nicht als ein Hel- denepos im herkömmlichen Sinne versteht. Walcotts Werk er- zählt nicht von Helden, Göttern und Kriegern, sondern von Fischern, Kellnerinnen und Schweinezüchtern, von den Bewoh- nern seiner Heimatinsel St.Lucia.

[I]f these heroes have been given a stature disproportionate to their cramped lives, remember I beheld them at knee-height[.]4

In Another Life ist es die Perspektive eines Kindes auf St.Lucia, aus der Walcott seine Kindheit und Jugend schildert. In Omeros versucht er, die ungetrübte Perspektive eines Inselbewohners wiederzugewinnen.

I looked down from the wrong height, not like Philoctete limping among his yams and the yam flowers. (250,2)

Walcott selber äußerte sich in einem Zeitungsinterview, das ich aus zweiter Quelle zitiere, zu der Bezeichnung Epos wie folgt:

"I do not think of it as an epic," Mr.Walcott said in a recent interview in New York. "Certainly not in the sense of epic design. Where are the battles? There are a few, I suppose. But 'epic' makes people think of great wars and great warriors. That isn't the Homer I was thinking of; I was thinking of Homer the poet of the seven seas."5

In diesem Zitat spricht er sich gegen das Verständnis von epic als etwas Monumentales, Gewaltiges aus. Auch der gran- diose Entwurf und die göttliche Vorsehung, die viele mit diesem Begriff verbinden, scheinen ihm für Omeros unzutref- fend. Stattdessen legt Walcott den Schwerpunkt seines Ver- ständnisses von Epos auf die poetischen Qualitäten Homers und nicht auf die inhaltlichen. Als die Figur des Omeros den Ich-Erzähler durch den Malebolge von Soufrière führt, un- terhalten sich die beiden Figuren über diese Problematik.

"Those gods with hyphens, like Hollywood producers,"

I heard my mouth babbling as ice glazed over my chest.

"The gods and the demi-gods aren't much use to us."

"Forget the gods," Omeros growled, "and read the rest." (283,2)

Walcott widerspicht demnach nicht der Bezeichnung, sondern dem heutigen Verständnis des Begriffs Epos.

Die äußere Form von Omeros ist ebenso episch angelegt. Die Erzählform in Dreizeilern aus elf- und zwölfsilbigen Versen wirkt zunächst wie eine Adaption der Dantesquen Terzinen, der terza rima. Das unregelmäßige Reimschema aber, das bis auf einen kurzen Abschnitt in Kapitel XXX, S. 173 f. eingehalten wird, ist nicht das der terza rima, aba bcb cdc, sondern gleicht zumeist eher dem des kreuzgereimten Vierzeilers bzw. quatrain mit dem Reimschema abab cdcd mit einem gelegentlichen Zweizeiler bzw. couplet.6

1.2 Inhaltsübersicht

Omeros ist in sieben Bücher aufgeteilt, die unterschiedliche Schwerpunkte in Ort und Geschehen haben. Buch Eins und Zwei haben ihren Schauplatz auf der Insel St.Lucia. Die Protago- nisten sind die afrikanischstämmigen Fischer Achille, Hector und Philoctete sowie die Freundin von Achille, Helen, der britischstämmige Ex-Soldat und Schweinezüchter Dennis Plun- kett und seine Frau Maud, und die persona des Dichters Wal- cott, der Ich-Erzähler. Während Buch Eins als eine Exposi- tion der verschiedenen Figurenkonstellationen verstanden werden kann, ist Buch Zwei bereits eine erste Entrükung, eine erste Odyssee von der erzählerischen Gegenwart der Haupthandlungsstränge in die Vergangenheit. Es beginnt mit der Reise des jungen Midshipman Plunkett, eines Namensvet- ters der Figur Dennis Plunkett, durch die Niederlande des 18. Jahrhunderts. Walcott, dessen einer weißer Großvater aus den Niederlanden stammte, teilt die "weiße Hälfte" seiner Genealogie auf die Figuren des Midshipman und des Dennis Plunkett auf und läßt Dennis Plunkett eine genealogische Odyssee beginnen, an deren Ende das Auffinden des Namensvet- ters in den Geschichtsschreibungen der Insel steht.

Das dritte Buch schildert eine halluzinierte Rückreise des schwarzen Fischers Achille in das Dorf seiner Vorfahren in Afrika. Diese zweite, schwarzafrikanische Hälfte von Wal- cotts eigener Identität erlebt eine Odyssee, die ihn um Jahrhunderte und über Tausende von Kilometern zurückführt. Das vierte Buch verlagert den Handlungsort schwerpunktmäßig nach Nordamerika und behandelt die persönlichen Erfahrungen des Ich-Erzählers und die Diaspora der nordamerikanischen Indianerstämme. Der Ich-Erzähler unternimmt im fünften Buch eine Reise durch die alte Welt, schwerpunktmäßig durch die alten Imperien Griechenland, Rom, Portugal, Spanien, Osma- nien (Türkei) und Großbritannien, und kehrt in das derzeitig mächtigste Imperium, die USA, zurück. Im sechsten Buch wird der Schauplatz wieder nach St.Lucia verlagert. Dieses Buch handelt vom Tod und von der Heilung. Es sterben die beiden Charaktere Hector und Maud; die Figuren Philoctete, Plunkett und die persona des Dichters werden von ihren Wunden geheilt. Das siebte Buch beschreibt in einer Nachahmung von Dantes Göttlicher Komödie, wie der Ich-Erzähler von der Doppelfigur des Seven Seas/Omeros durch die Sulphatgruben von Soufrière geführt wird.

1.3 Figurengruppen

In Omeros sind drei Figurengruppen dominant7. Als Differen- zierungsmerkmal verwendet Walcott die Hautfarbe seiner Figu- ren. So läßt sich eine Figurengruppe um die Charaktere Achille, Helen, Hector und Philoctete, zum gewissen Grad auch um Ma Kilman, erstellen. Die Randfiguren, wie der Poli- tiker Statics und die anderen Fischer, sollen hierbei ver- nachlässigt werden, obwohl sie zu den Charakterisierungs- merkmalen der einzelnen Gruppen einen teilweise erheblichen Beitrag leisten. Die zweite Gruppe ist die der weißen Bewoh- ner St.Lucias, vornehmlich vertreten durch die Figuren Maud und Dennis Plunkett. Midshipman Plunkett, der nicht weiter individualisiert wird, sondern eher ein Typ8 bleibt, kann auch in diese Gruppe eingefügt werden, bzw. kann mit Dennis Plunkett zu einer Figur verwoben werden, so wie es Walcott auf Seite 100 tut. Die dritte und vom Verständnis her schwierigste Konfiguration besteht aus dem Ich-Erzähler und der Doppelfigur Seven Seas/Omeros. Es ließe sich aufgrund ihrer Funktion auch der Geist des verstorbenen Vaters des Ich-Erzählers zu dieser Figur Seven Seas/Omeros hinzufügen. Sie könnte aber auch als eine Erweiterung der Identität des Ich-Erzählers verstanden werden, auf die Walcott mit der Fragestellung "which is the boy's, which is the father's?" (68,5) anspielt. Die Figur des Ich-Erzählers ist zudem komplexer und vielschichtiger als die anderen, da sie als persona des Dichters Walcott sowohl durch dessen tatsächliche als auch durch seine fiktionalen Qualitäten determiniert wird. "[E]very 'I' is a / fiction finally" (28,1), nennt Walcott diese Problematik.

Festzustellen ist, daß erstgenannte Figurengruppen als zwei Hälften der Genealogie des Ich-Erzählers zu begreifen sind. Walcott, dessen Großväter beide Weiße waren, von denen der eine aus den Niederlanden, der andere aus Warwickshire in England stammte, und dessen Großmütter Nachfahren der von Afrika nach St.Lucia gebrachten Sklaven waren, verarbeitet in den Odysseen und Wunden der Figuren seine eigene persön- liche Geschichte, was durch das nachfolgende Zitat ausge- drückt wird.

Half of me was with him. One half with the midshipman by a Dutch canal. But now, neither was happier or unhappier than the other. (135,7)

Die Verknüpfung der drei Figurengruppen wird auch dadurch erkennbar, daß jeweils ein Vertreter der Gruppen durch eine Wunde gekennzeichnet ist (vgl. 4.2).

2. Eine Rekonstruktion der Fakten von Plunketts Biographie

2.1 Rekonstruktion der Fakten

Dennis Plunkett ist ein pensionierter britischer Soldat, genauer ein Regimental Sergeant Major (269,5), der seit dem Krieg (25,1) mit seiner Ehefrau Maud auf der Insel St.Lucia lebt und dort eine Schweinezucht betreibt. Seine Frau Maud züchtet Orchideen. Plunkett hatte ihr gegenüber zwei Tage (28,4) vor seiner Abreise nach Afrika den Wunsch geäußert, sie zu heiraten und sich mit ihr auf eine Insel zurückzuzie- hen, nachdem Maud versucht hatte, ihn zu verführen (304 f.). Er wurde im Krieg während der Gegenoffensive Montgomerys gegen das Afrika-Korps unter der Führung von Rommel (25,3) am Kopf verwundet (27,7). Die Verwundung hat zu einem länge- ren Gedächtnisverlust bei Plunkett geführt ("(...) I could remember nothing for months, in casualty." (27,7)). Nach dem Krieg hatte er ursprünglich geplant, eine Pilgerfahrt durch das auseinanderfallende Empire zu machen, wovon ihn Maud abhielt (90,6). Neben der Schweinezucht war Plunkett auch für eine Kadettenausbildung auf der Insel zuständig. Zu den von ihm ausgebildeten Kadetten gehörte auch der Ich-Erzähler (268,7). Von den anderen britischen Bewohnern der Insel haben sich die Plunketts distanziert, da sie nach Plunketts Meinung ihre Klassenherkunft verleugnen und durch stereotype Verhaltensweisen versuchen, ihr soziales Ansehen zu stei- gern.

Im Hausstand der Plunketts war neben Philoctete und streken- weise Achille auch Helen, eine karibische Schönheit, als Hausmädchen beschäftigt. Plunkett überraschte sie eines Tages dabei, wie sie sich den Schmuck seiner Frau über- streifte (96,3). Er ließ sie hierbei gewähren, da er sich sexuell von ihr angezogen fühlte. Gedanklich verfolgte er sie tagsüber auf seinem Besitz (97,6). Sie wurde schließlich von Maud entlassen, da diese behauptete, Helen hätte ihr ein gelbes Kleid gestohlen, während Helen dies bestritt und sagte, sie hätte es von ihr als Geschenk erhalten (64,5). Dennis Plunkett mischte sich in diesen Streit nicht ein.

Während der Regenzeit in der Juli-Mitte (54,7), in der Plunkett zur Untätigkeit gezwungen ist, kommt es zu einem heftigen Ausbruch seines Zornes, als seine Frau auf dem Klavier eine irische Melodie spielt, und er schlägt daraufhin den Dekel des Klaviers beinahe auf den Fingern Mauds zu. Kurz nach diesem Streit versöhnen sie sich wieder. Es scheint, als ob Maud und Dennis, trotz ihrer räumlichen Nähe, mit sich selber alleine sind ("She had never felt more alone. (...) They looked very close." (65,6)).

Plunkett befürchtet, daß die Geschichte der Insel eines Tages von schwarzen Propagandisten (92,7) verzerrt darge- stellt werden könnte. Er beschließt, die Geschichte St.Luci- as für Helen aufzuschreiben (64,8). Dabei versucht er, die Rolle der Briten in der Geschichte der Insel hinreichend zu betonen. Seine pseudohistorischen Recherchen, deren Ziel die Darstellung einer Analogie zwischen der "Battle of the Saints" und der Belagerung Trojas ist (100,3), führen ihn zu dem Namen eines Midshipman Plunkett, der in der Schlacht relativ unheroisch - er stürzte in seine eigene gezogene Klinge - zu Tode kam. Diesen 19-jährigen gleichnamigen Mid- shipman begreift er als eine Art Sohn, den er der Insel ge- opfert hat: "He had given her a son (103,6)". Die Ehe mit Maud ist kinderlos. Der "fehlende Sohn" wird des öfteren erwähnt (29,1/ 87,7/90, 6/305,8). Während seiner histori- schen "Recherchen" zieht Dennis sich sehr aus seiner Umwelt zurück (65,1). Erst nach der Entdeckung des Midshipman be- schließt er, seine Recherchen zu beenden (102,7).

Eine Reise nach England, das er bis dato idealisierte, ver- ändert Plunketts Perspektive. Die Umwälzungen, angefangen bei der Bevölkerungszusammensetzung und den Preisen, lassen ihn erkennen, daß, wenn er nicht nach St.Lucia ausgewandert wäre, er als Angehöriger der Arbeiterklasse niemals eine Aufstiegschance besessen hätte (252,8). Dies macht ihn be- sonders deshalb wütend, weil für diese Gesellschaft seine Kameraden Tumbly und Scott, beides Angehörige der Arbeiter- klasse, umgekommen waren. Er wünscht sich auf die Insel zurück (253,1), deren Landschaft er bereits der Englands vorzieht (61,5).

Wenige Tage vor ihrem Tod fährt Plunkett seine Frau zur Frühmesse. Auf ihrem Weg dorthin werden sie beinahe von Hectors Taxi von der Straße gedrängt und von ihm wüst als Touristen beschimpft. Dieses ärgert ihn mehr als die vorher- gegangene Lebensgefährdung: "(...) I haven't spent damned near twenty years on this godforsaken rock to be cursed like a tourist (256,7)". Aber als Hector ihn erkennt und sich bei Plunkett entschuldigt, ist dieser versöhnt und bekennt ge- genüber Maud seine Schuld an dem Geschehenen (257,3). Wäh- rend Maud in der Kirche ist, geht Dennis am Hafen spazieren und empfindet dort gegenüber einem alten Frachtkahn große Anhänglichkeit (258,6). Seine Rückfahrt mit Maud und ihre letzten gemeinsamen Tage sind harmonisch. Nach dem Tod von Maud findet eine Beerdigungsfeier statt (264), an der auch der Ich-Erzähler teilnimmt. Am nächsten Tag treffen der Ich- Erzähler und Plunkett in der Bank aufeinander (268). Später versucht Plunkett mit Hilfe der Voodoo-Zauberin Ma Kilman, Kontakt zu Maud im Jenseits aufzunehmen. An sein Leben al- leine gewöhnt er sich langsam. Sein Verhältnis zu seinen Angestellten verändert sich, er behandelt sie nicht mehr wie Hausdiener, sondern baut ein individuelles Verhältnis zu den einzelnen Arbeitern auf (309,6).

2.2 Plunketts enge Verbindung zum Militär

2.2.1 Datierung anhand von geschichtlichen Ereignissen

Auffällig in der Darstellung der Lebensdaten des Dennis Plunkett ist die enge Verbindung zwischen persönlicher Bio- graphie und historischen Daten des britischen Empires. Der dubiose Stammbaum, der für ihn von einem Angestellten im Kriegsministerium zusammengestellt wurde (87,2), zeigt für jede Schlacht eine Blume und für jeden Feldzug eine Blüte an ("flowers for battles, buds for a campaign" (87,3)) . Plun- ketts familiärer Hintergrund ist durch und durch militärisch geprägt. Entsprechend sieht sein Stammbaum wie folgt aus:

Plunkett's ances-tree (his pun) fountained in blossoms and pods from a genealogical willow[.] (87,1)

Diese groteske Mischung aus lebendigen Blüten und toten Vor- fahren steigert Walcott noch dadurch, daß er einen Großonkel bei Bloemfontein, Schlachtenschauplatz und Hauptstadt des Oranje-Freistaats in Süd-Afrika, fallen läßt9. Der Name die- ses Schlachtenschauplatzes spiegelt die vorhergehende Schil- derung des blühenden Stammbaumes wider. Bloem ist die hol- ländische Form von bloom, 'the blossom or flower of a plant'10. Das Wort fontein hat keinen selbständigen Eintrag im OED, ist aber zumindestens von der angenommenen Ausspra- che ein Homophon von fontaine, eine orthographische Variante von fountain.

Plunkett ist älter als Jahrgang 1916/17, da sein Vater als Soldat im I. Weltkrieg während der ersten, erfolglosen Somme-Offensive (24.6-26.11.1916), vermutlich durch Gift- gas11, gefallen ist (87,2). Im II. Weltkrieg wird Plunkett während der Gegenoffensive Montgomerys gegen das AfrikaKorps unter der Führung von Rommel (25,3) am Kopf verwundet (27,7). Da die Offensive mit der Kapitulation der Heeresgruppe Afrika am 13. Mai 1943 endete, liegt seine Verwundung noch vor diesem Zeitpunkt.

Die Plunketts sind seit August 1947, dem Zeitpunkt der Unabhängigkeit Indiens und Pakistans vom Vereinigten König- reich, verheiratet ("The flag then was sliding down from the hill-stations of the Upper Punjab" (30,4)). Sie leben seit den späten Vierziger Jahren auf der Insel St.Lucia ("They'd been out here since the war and his wound" (25,1)).

2.2.2 Der Rang des Regimental Sergeant Major

Der R.S.M., so ist die gebräuchliche Abkürzung, ist der höchste Rang, den ein einfacher Soldat (Private) ohne zu- sätzliche Offiziersprüfung erreichen kann. Zu dem Aufgaben- bereich eines R.S.M. gehören im wesentlichen Disziplinarmaß- nahmen und der Drill der Offiziersanwärter. Charakteristi- sche Eigenschaft eines R.S.M. ist seine Position zwischen den Rängen, d.h. er wird weder von den Offizieren als Offi- zier noch von den Soldaten als einer von ihnen akzeptiert. Durch seinen Aufgabenbereich und das damit verbundene Her- umkommandieren hat sergeant-major als Verb in der Mitte des 20. Jahrhunderts Eingang in die englische Sprache gefunden und bedeutet 'Speak (to) or shout (at) in a brusque, stento- rian, or commanding manner.'12 Walcott vermag somit bereits durch den Rang der Figur gewisse Charaktereigenschaften zu vermitteln. Erwähnenswert ist an dieser Stelle, daß mit dem Namen sergeant-major auch eine Fischart der Karibik (Abudef- duf saxatilis) bezeichnet wird, die durch auffällig viele Streifen gekennzeichnet ist.13 Auch andere Figuren in Omeros

(..f o r t g eset zt )

aitches [vgl. Omeros (87,7)] / of soldiers from rival shires, from the brimstone trenches / of Agincourt to the gas of the Somme", aus LII, in: Derek Walcott, Midsummer (London, 1984), S. 72.

werden mit Tieren verglichen oder treten in Verbindung mit bestimmter Tiermetaphorik auf. Auf eine genauere Untersuchung wurde jedoch im Rahmen dieser Arbeit verzichtet.

Bezeichnend ist, daß Plunkett in Omeros durchgehend, bis auf wenige Hinweise auf seinen wirklichen Rang (269,5/304,1), als Major bezeichnet wird. Diese Erhöhung des tatsächlichen Ranges ist vermutlich auf zwei Gründe zurückzuführen. Plun- kett besitzt Eigenschaften, die er zunächst nur den Mitglie- dern des Victoria Clubs unterstellt. Auch er versuchte zu- nächst, seine gesellschaftliche Herkunft zu verbessern bzw. seine Wurzeln zu verleugnen. Die Amtsanmaßung ist somit Teil dieser Verleugnung, die der Ich-Erzähler bei seinem Zusam- mentreffen mit Plunkett auf Seite 269 entlarvt. Ein zweiter Grund ist aber sicherlich auch, daß Plunkett versucht, sich tatsächlich wie ein Offizier nach dem viktorianischen Ideal, gerade Maud gegenüber, zu verhalten. Er wird somit durch den Autor "befördert", da Plunkett diesem Ideal und dem damit verbundenen Sendungsbewußtsein gegenüber der "unzivilisier- ten" Welt näher kommt als die wirklichen Offiziere des Empi- res.

2.2.3 Midshipman Plunkett

Die Figur des Midshipman Plunkett ist als eine Erweiterung bzw. Variation der Figur Dennis Plunkett zu interpretieren. Am deutlichsten ist dieses an der Passage festzumachen, als Dennis Plunkett sich den Tag der Schlacht um die Insel St.Lucia vorstellt. In seiner Phantasie verschwimmen die Ereignisse der historischen Schlacht mit den eigenen Erinne- rungen an die Schlacht in der Wüste Afrikas (vgl. 5.2).

He saw the boy's freckled face, the forehead turning under the thatch of red hair, the blue eyes, plum lips, and, without the full cotton middy, the burning shoulders raw from the heat, and the other midships ranged on these iron steps. Some, inaudibly laughed, facing the sun's lens. They were buffing sword-handles with cleaning fluid, like the dropping of a swift on a statue's head, or like Maud's dinner-candles, all of them wondering how much time they had left in the sun near the shade of the tanks, each feature repeating the same half-naked, shadowy grin, in a sepia album; he crouched with them there, holding his Enfield, a tin basin to piss in under his raw knee and the grinning boy was where they all were now. (100,5)

Während der Midshipman sein Schwert mit Reinigungsmitteln poliert, hockt der junge Dennis Plunkett, sein Enfield-Ge- wehr haltend, wie in einer Erinnerungsphotographie aus dem Krieg. Enfield ist der Name eines Dorfes in Middlesex, in dem die britische Regierung seit Mitte des 19. Jahrhunderts eine Waffenfabrik besitzt, in der primär kleinere Feuerwaf- fen, u.a. Schlagbolzengewehre, hergestellt werden. Enfield wird attributiv für verschiedene Militärbegriffe verwendet wie z.B. Enfield rifle14. An dieser Stelle dient der Begriff als Hinweis darauf, daß es sich um Dennis Plunkett und nicht um Midshipman Plunkett handelt. Auffällig ist, daß die Figur des Midshipman bewußt oberflächlich gezeichnet wird. Durch die ausschließlich auktoriale Erzählperspektive und die relative Kürze der Schilderungen erhalten wir keine Innen- perspektive der Figur. Sie wirkt dadurch eindimensional und schemenhaft. Diese Technik der Figurenzeichnung gleicht dem Stil der Geschichtsschreibung. Im Gegensatz dazu ist die Schilderung der Landschaft poetisch und eindrucksvoll. Die Information, die wir über den Midshipman erhalten, ist dürf- tig.

He was a very thorough and observant young officer with an honour- able career ahead of him, but a bit raw. (79,7) Schon die Trennung des Wortes "honourable" in "honour" und "able", versteckt als Zeilensprung, spielt auf den bevorste- henden Tod des jungen Offiziers an. Anstelle von "ehrenhaft" läßt sich auch ein "able of honour" erkennen. Da der Tod des Midshipman nicht ehrenhaft ist, besitzt er somit nur die Möglichkeit, eine ehrenhafte Karriere zu machen. Walcott greift dieses Wortspiel noch einmal auf, als Plunkett seine Recherchen beendet. "Able semen, he [Plunkett] smiled. He had gone far enough" (102,7). "Able semen" ist ein Wortspiel mit dem Homophon "seamen", was in der Verbindung mit "able", kurz für "able-bodied", Vollmatrose bedeutet.15 Mit "able semen" ist auch die "Fruchtbarkeit" von Plunketts Recherchen, das Auffinden eines Namensvetters und eines Sohnes, "a namesake and a son" (94,2), gemeint.

Zwischen den Schilderungen des Todes des Midshipman und der Verletzung Plunketts zeigen sich des weiteren Ähnlichkeiten.

Oh yes! that business

of Tumbly's eyes. The sky in them. (27,7)

He grabbed air as the helmsman wheeled hard at the helm, then the sky showed through a hole. (85,7)

In beiden lebensbedrohenden Situationen führt Walcott das Bild des offenen Himmels ein. Plunkett nimmt den Himmel in den Augen seines gerade gefallenen Kameraden wahr.

Midshipman ist nicht nur die Bezeichnung eines Offiziersran- ges bei der Marine, sondern es ist auch der Name eines Fi- sches.

A batrachoid fish, Porichthys margaritatus: so called from the rows of round luminous bodies along the belly, like the buttons of a naval cadet's coat.16

Eine ähnliche Doppelbedeutung von Dienstrang und Fischname läßt sich auch bei "sergeant-major" finden, was die enge Verbindung dieser beiden Namensvertreter illustriert.

2.3 Datierung und Chronologie

Wie bereits angeführt, lassen sich konkrete Zeitpunkte in Plunketts Biographie wie Geburt, Verletzung, Hochzeit und Umzug nach St.Lucia aus kriegs- und besatzungsgeschichtli- chen Daten bestimmen. An anderen Stellen aber lassen sich zeitlich widersprüchliche Angaben finden. Diese Zeitangaben machen nur dann Sinn, wenn man sie in Verbindung mit den mythologischen Vorbildern der Figur untersucht. So sind die Zeitangaben in den beiden nachfolgenden Zitaten Hinweise auf die Figur des Odysseus, dessen zwanzigjährige Abwesenheit von Ithaca sich aus zehn Jahren Krieg gegen Troja und zehn Jahren Irrfahrt zusammensetzt.

(...) a different life had to be made whenever the war was over, even if it lasted ten years, if she would wait, (28,5)

I am not a honky. A donkey perhaps, a jackass, but I haven't spent

damned near twenty years on this godforsaken rock to be cursed like a tourist. (256,6)

Letzteres Zitat, das von beinahe zwanzig Jahren spricht, steht im Kontrast zu der bereits zu Anfang aufgestellten Zeitangabe:

They'd been out here since the war and his wound. (25,1)

Der Zeitraum der Erzählung läßt sich zumindest grob anhand der vollzogenen Unabhängigkeit der Insel vom Vereinigten Königreich auf eine Zeit nach 1979 datieren. Vermutlich aber handelt es sich um die späten 80er Jahre , da der Ich-Erzäh- ler, der als persona Walcotts zu deuten ist, seinen Wohnsitz in Boston hat und Walcott erst 1981 nach Boston umzog, um dort an der Boston University zu lehren17. So sind es doch mindestens dreißig Jahre, die Plunkett und seine Frau auf St.Lucia leben. Verwirrend ist die Bezeichnung der Ehe zwi- schen Dennis und Maud als "silver anniversary of bright wa- ter" (25,1), da "silver anniversary" regulär ein 25-jähriges Jubiläum bezeichnet und die Ehe 1947 geschlossen wurde.

Über den Zeitraum zwischen 1947 und dem Zeitraum der erzählten Zeit wird der Leser nicht informiert. Außer das Plunkett als Ausbilder von Kadetten auf St.Lucia tätig war, werden keine weiteren Details aufgezeigt. Nur daß Dennis Plunkett Schweine und seine Frau Orchideen züchtet, ist be- kannt.

Bei dem Versuch einer chronologischen Ordnung der einzelnen Handlungen stößt man auf verschiedene Schwierigkeiten. Die Ordnung ist in sofern von Interesse, da sich anhand der zeitlichen Abläufe auch Kausalitäten, z.B. die psychologisch plausible Entwicklung einer Figur wie Plunkett, nachvollzie- hen lassen. In Omeros können explizite Zeitangaben wie Jah- reszeiten und Monatsnamen und implizite Zeitangaben wie He- lens Schwangerschaft gefunden werden, welche die Grenzen der erzählten Zeit festlegen. Der Zeitpunkt des Monsuns, als Plunkett seiner Frau den Deckel des Klaviers beinahe auf die Finger schlägt, ist Mitte Juli ("the industrious torrents of mid-July" (54,7)). Zu dem Zeitpunkt des Unwetters ist Achil- le bereits ein erstes Mal von Helen nach einem Streit zwi- schen ihnen getrennt (37 ff.) und arbeitet auf der Farm Plunketts, der ihm trotz der vorhergegangenen Streitigkeiten um das gelbe Kleid einen Job gibt.

He was glad that Plunkett still gave him a break after Helen and the house. (48,2) Achille vermutet, daß Helen bei Hector ist. Dieser aber ver- sucht, bei dem Unwetter sein Kanu zu retten (50 f.). In der Szene wird beschrieben, wie Hector sein Kanu verliert ("he saw the canoe founder" (51,5)), aber auf Seite 116 wird ge- schildert, daß Hector sein Sammeltaxi durch den Verkauf sei- nes Kanus finanzierte ("the van that Hector bought / from his canoe's sale" (116,6)). Neben diesen widersprüchlichen Aussagen über das Kanu ist auch der Zeitpunkt des Erwerbs des Sammeltaxis unklar, da Hector es schon zu dem Zeitpunkt des Streites zwischen Achille und Helen besitzt ("Hector, whose transport this was, led her inside it" (39,2)), ein Geschehen, das wiederum dem Sturm und dem Kampf um das Kanu vorausgeht.

In bezug auf die Figurenentwicklung bei Plunkett stoßen wir auf ein Problem der Chronologie, wenn der Zeitpunkt der letzten Reise nach England etabliert werden soll. Diese Reise findet in einem Juni statt.

Much of the river was quietly preserved like the area-railing near Putney Boat-House, where garden-boxes in June exploded with chrysanthemums[.] (251,5) On wet summer afternoons that grew dark as February, its gutters muttered in patois in the indigo light that spelt a hurricane or thunder over Marble Arch. (253,4)

Es läßt sich annehmen, daß diese Reise mindestens ein Jahr vor dem Juli (54,7) in der Gegenwart der erzählten Zeit stattgefunden hat. Ein Indiz hierfür ist der Einsatz des Perfekt "On their last trip home he'd been shaken by it all[.]" (251,2).

Indem Walcott nun aber die Schilderung der Reise nach England an den Schluß der Figurenentwicklung stellt, kehrt er die Chronologie der erzählten Zeit in der Erzählzeit um. Dadurch wirkt die Reise wie ein letzter Schritt in der Loslösung von England.

Der Grund für die Chronologie in der erzählten Zeit liegt vermutlich in der Intention Walcotts, Plunkett mit dem Ich-Erzähler und Achille zu parallelisieren. Notwendige Vor- aussetzung für den Beginn einer Odyssee, wie sie die drei Figuren erleben, ist der Verlust der Heimat oder dessen, was Heimat repräsentiert. Achille verliert Helen ("he knew he'd lost Helen" (125,5)), der Ich-Erzähler seine Heimat ("I had nowhere to go but home. Yet I was lost" (172,8)). Plunkett, der durch den Krieg einen Teil seiner Identität verloren hat ("He was himself or as / much as was left" (93,1)), hat auch seine ursprüngliche Heimat verloren und begibt sich darauf- hin auf die Suche nach einer neuen Heimat. Trotz dieser Parallele zwischen den drei Figuren fügt Walcott drei Varia- tionen des Motivs Odyssee in die Figurenentwicklung ein. Betrachtet man Achille und Plunkett als die zwei Hälften der Genealogie des Ich-Erzählers ("Half of me was with him. The other half with the midshipman" (135,7)), so ergibt sich ein jeweils antithetisches Verhältnis der einen Figur zu der anderen.

Indem Walcott nun die Chronologie der erzählten Zeit umkehrt, werden Plunkett und Achille gleichzeitig paralleli- siert und kontrastiert. Durch das simultane Vergleichen und Entgegensetzen von Figuren in Omeros und mythologischen Figuren erscheinen sie durch die Fülle an Bezügen sowohl eng miteinander verbunden als auch individuell und einzigartig (vgl. 6.1). Vor dem Hintergrund der multikulturellen Ein- flüsse im karibischen Becken illustriert Walcott so die von ihm geforderte Verschmelzung von individuellen Bevölkerungs- gruppen zu einer eigenständigen kulturellen Identität der Karibik.

3. Namensanalyse

3.1 Vorbemerkung

Der Name Plunkett ist mit großer Wahrscheinlichkeit ein sprechender Name. Die Vermutung liegt insofern nahe, als Walcott anderen Figuren in Omeros, wie z.B. Achille, Hector, Philoctete und Helen, bewußt Namen der Protagonisten der Homerischen Epen gibt, die als sprechende Namen zu deuten sind. Zudem gibt er diesen Figuren auch Eigenschaften ihrer Vorbilder, wie z.B. Philoctete eine übelriechende Wunde, und er läßt Hector und Achille miteinander streiten und kämpfen. Es wäre jedoch zu eindimensional, wenn man diesen Figuren die Eigenschaften ihrer antiken Vorläufer pauschal übertra- gen würde. So formuliert Walcott gegen Ende seines Werkes:

Names are not oars that have to be laid side by side, nor are legends[.] (312,8)18

Die direkten Verbindungen, welche die Figuren zu ihren Vor- bildern haben, und auf die noch ausführlicher eingegangen wird, sind somit nur punktuell, und erst durch ihre Verknüp- fung werden diese singulären Qualitäten zu einem komplexen Figurenbild gewebt. Es ist demnach kein Widerspruch, wenn in der Namensanalyse vordergründig inkompatible Qualitäten auf- einanderstoßen. So muß auch das einzelne verifizierte Ergeb- nis immer in Relation zu der Fülle anderer Erkenntnisse gesehen werden und seine Bedeutung nicht überinterpretiert werden, da dies der Komplexität des Figurenentwurfes nicht gerecht würde.

Um die sprechende Qualität des Namens Plunkett freizulegen, gibt es mehrere interpretative Ansätze. Hierbei muß aller- dings berücksichtigt werden, daß es verschiedene Ebenen der Interpretation gibt, auf denen unterschiedliche Erklärungen angeführt werden, deren Gültigkeit nicht durch die Existenz anderer Erklärungsmöglichkeiten in Frage gestellt werden sollten. Diese Interpretationsebenen sollen hier als etymo- logisch, historisch und literarisch bezeichnet werden. Es muß aber weiterhin auch bedacht werden, wie diese Interpre- tationsebenen zu gewichten sind. Wie weiter unten aufgezeigt werden wird, ist die literarische Interpretationsebene si- cherlich die zwingendste, gleichzeitig aber auch die unzu- gänglichste, was die oben angeführte sprechende Qualität eines solchen Namens wiederum relativieren muß. Die Tatsache aber, daß Walcott ein weitgehend unbekanntes literarisches Vorbild für seine Namensgebung verwendet, schließt nicht dessen Relevanz aus.

3.2 Etymologie

3.2.1 Der Nachname Plunkett

Der Name Plunkett läßt sich zunächst als ein Herkunftsname einordnen. Sowohl Charles Bardsley19, P.H. Reaney20, als auch Patrick Hanks und Flavia Hodges21 leiten ihn von dem bretonischen Ortsnamen Plouquenet in dem Département Illeet-Vilaine ab.22 Als weitere Erklärung führen alleine Hank und Hodges den berufsbezeichnenden Namen an.

An alternative explanation is that this is a metonymic occupational name for a maker or seller of blankets, from ME blaunket (ANF blancquet, a dim. of blanc white), but replacement of /b by /p is not usual in English.23

[...]


1 Richard Ellmann, James Joyce (New York, 1959), S. 535. Ellmann verweist auf einen Brief an Frank Budgen vom 5. September 1934. Diese Quellenangabe konnte allerdings in Richard Ellmann (Hg.), Letters of James Joyce, 3 Bde. (London, 1966), nicht bestätigt werden.

2 Derek Walcott, Another Life (London, 1973), S. 41.

3 Zu den Elementen des gravis stilus gehören u.a. miles, dominans, Hector, Ajax, equus, urbs, castrum, laurus und cedrus (s. Paul Klopsch, Einführung in die Dichtungslehren des lateinischen Mittelalters (Darm- stadt, 1980), S. 151). In Omeros finden sich bereits auf der ersten Seite des ersten Kapitels "laurier-cannelles" (3,2) und "cedar" (3,2). Auch die anderen Elemente bis auf Ajax lassen sich an mehreren Stellen im Text finden.

4 Walcott, AL, S. 41.

5 D.J.R. Bruckner, "A Poem in Hommage to an Unwanted Man", in: Robert D. Hamner, Critical Perspectives on Derek Walcott (Washington, D.C., 1993), S. 396.

6 Vgl. Gero von Wilpert, Sachwörterbuch der Literatur, 3. Auflage (Stuttgart, 1961), s.v. Terzine et Vierzeiler, und Chris Baldick, The Concise Oxford Dictionary of Literary Terms (Oxford, 1990), s.v. terza rima et quatrain.

7 Der Schauplatz Nordamerika wird im Rahmen dieser Untersuchung der Figurenkonfiguration nicht berücksichtigt.

8 Vgl. Manfred Pfister, Das Drama, 6. Auflage (München, 1982), S. 245.

9 Im Burenkrieg besetzte General Roberts am 15. März 1901 Bloemfontein. Auf diesen Krieg wird noch einmal auf Seite 262 angespielt, indem der Name der Stadt Mafeking, gelegen an der Grenze zwischen Transvaal und Botswana, genannt wird, in der General Baden-Powell die Stellung gegen die Buren verteidigte und von Roberts Truppen im Mai/Juni 1901 entlastet wurde ("Mafeking's relief" (262,7)).

10 OED, 2. Auflage (Oxford, 1989), s.v. Bloom, sb.1.

11 Bereits in Midsummer greift Walcott das Motiv der

Giftgasangriffe im I. Weltkrieg auf. "Leaves piled like the dropped

12 OED (²1989), s.v. sergeant-major, B. v.t. & i.

13 Vgl. OED (²1989), s.v. sergeant-major, n. 3.

14 Vgl. OED, (²1989), s.v. Enfield.

15 Vgl. OED (²1989), s.v. seaman.

16 OED (²1989), s.v. midshipman, sb. 2.

17 Vgl. Eugene Benson, L.W. Conolly (Hrsg.), Encyclopedia of Post- Colonial Literatures in English, 2 Bde. (London, 1994), s.v. Walcott, Derek.

18 Vgl. Rei Terada, Derek Walcott's Poetry: American Mimicry (York, Pennsylvania, 1992), S. 195.

19 Vgl. Charles Wareing Bardsley, A Dictionary of English and Welsh Surnames (London, 1901), s.v. Plunkett, Plunket, Plunkitt.

20 P.H. Reaney, R.M. Wilson, A Dictionary of British Surnames, 2. Auflage (London, 1976), s.v. Plucknett.

21 Patrick Hanks, Flavia Hodges, A Dictionary of Surnames (Oxford, 1988), s.v. Plunkett.

22 "[H]abitation name from a metathesized form of Plouquenet in Ille-et-Villaine [sic], Brittany, so called from Bret. plou parish (from L plebs people) + Guenec, the personal name (a dim. of guen white) of a somewhat obscure saint." Zitiert nach: Hanks et al., S.424, s.v. Plunkett. Vermutlich ist mit dem "obscure saint" der heilige Guénolé gemeint, der im 5. Jh. den sagenumwobenen König Gradlon, eine mit der Artus-Legende verknüpften Figur, vor einer von dessen Tochter Dahut, später bekannt als Fee Morgane, ausgelösten Flutkatastrophe gerettet haben soll (vgl. Frank und Almut Rother, Die Bretagne (Köln, 1978), S. 151). Diese Episode konnte jedoch durch Butler's Lives of the Saints, Herbert Thurston, Donald Attwater (Hg.), (1956), nicht verifi- ziert werden.

23 Hanks et al., S. 424, s.v. Plunkett.

115 von 115 Seiten

Details

Titel
Dennis Plunkett - Das Bild einer Figur in Derek Walcotts "OMEROS"
Hochschule
Rheinische Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn  (Englisches Seminar, Professor Lengeler)
Note
2
Autor
Jahr
1995
Seiten
115
Katalognummer
V167660
ISBN (Buch)
9783640842957
Dateigröße
1336 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Arbeit beinhaltet im Anhang die Ballade "The Bridal of Malahide" von Gerald Griffin.
Schlagworte
Omeros, Plunkett, Walcott, Karibische Literatur, St.Lucia, Bridal of Malahide
Arbeit zitieren
Thilo Veenema (Autor), 1995, Dennis Plunkett - Das Bild einer Figur in Derek Walcotts "OMEROS", München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/167660

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