Adipositas zählt zu den größten gesundheitlichen Herausforderungen unserer Zeit – und dennoch bleiben viele Fragen unbeantwortet. Warum steigen die Zahlen trotz zahlreicher Diäten, Programme und sogar chirurgischer Eingriffe weiter an? Und warum scheitern so viele Betroffene, sobald sie nicht mehr begleitet werden?
Dieses Buch beleuchtet das Spannungsfeld zwischen gesellschaftlichem Schlankheitsdruck, wachsender Adipositas und den oft unterschätzten psychischen Belastungen der Betroffenen. Es zeigt, warum die Ursachen so komplex sind, weshalb psychotherapeutische Unterstützung in Deutschland trotz hoher psychischer Komorbiditäten kaum vorgesehen ist – und wo Versorgungslücken bestehen.
Auf Basis aktueller Forschung, praktischer Einblicke aus Adipositaszentren und einer eigenen Fragebogenerhebung stellt die Autorin die zentrale Frage: Welche Rolle sollte Psychotherapie in der Adipositasbehandlung wirklich spielen?
Ein Buch für alle, die die Hintergründe verstehen wollen – jenseits einfacher Erklärungen.
Inhaltsverzeichnis
- Einleitung
- 1. Methoden und Fragestellung
- 2. Adipositas
- 2.1 Definition
- 2.2 Epidemiologie
- 2.3 Komorbiditäten
- 2.3.1 Körperliche Komorbiditäten
- 2.3.2 Psychische Komorbiditäten
- 2.3.2.a Affektive Störungen
- 2.3.2.b Essstörungen
- 2.3.2.c Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung (ADHS)
- 2.3.2.d Borderline-Persönlichkeitsstörung (BPS)
- 2.3.3 Stigmatisierung
- 2.4 Ätiologie - Theorien
- 2.4.1 Ernährung und Lebensstil
- 2.4.2 (Pathologisches) Essverhalten
- 2.4.3 Genetik
- 2.4.4 Neurophysiologische / endokrinologische Parameter
- 2.4.4.a Belohnungssystem
- 2.4.4.b Stress
- 2.4.4.c Darmmikrobiom
- 2.4.5 Sonstige aufrechterhaltende Faktoren
- 2.4.6 Zusammenfassung Ätiologiemodelle
- 3. Behandlungsmöglichkeiten von Adipositas
- 3.1 Prävention
- 3.2 Konservative Therapie (S3-Leitlinie zur Therapie der Adipositas)
- 3.2.1 Ernährungs- und Bewegungstherapie
- 3.2.2 Essverhalten – Verhaltenstherapie
- 3.2.3 Medikamentöse Therapie
- 3.3 Chirurgische Therapie
- 3.3.1 Indikation von Adipositaschirurgie
- 3.3.2 Schlauchmagen
- 3.3.3 Laparoskopischer Roux-en-Y-Magenbypass
- 3.3.4 Zusammenfassung / Probleme
- 4. Psychotherapie bei Adipositas
- 4.1 Aktueller Stand von Psychotherapie bei Adipositas
- 4.1.1 Verhaltenstherapie / kognitive Therapie
- 4.1.2 Psychodynamische / Analytische Therapien
- 4.1.3 Interpersonelle Therapie
- 4.1.4 Dialektisch behaviorale Therapie
- 4.2 Zusammenfassung / Probleme
- 4.1 Aktueller Stand von Psychotherapie bei Adipositas
- 5. Indikationsweg von Psychotherapie in der konservativen Behandlung von Adipositas
- 5.1 Probleme auf dem Indikationsweg
- 5.2 Interdisziplinäre Diagnostik im Rahmen konservativer Adipositasbehandlung
- 5.3 Zugang zu multiprofessionellen Adipositaszentren in Deutschland
- 6. Anwendung psychologischer Diagnostik in Adipositaszentren - Fragebogenerhebung
- 6.1 Suche und Auswahl von Adipositaszentren
- 6.2 Fragebogenerstellung
- 6.3 Fragebogenverbreitung
- 6.4 Auswahl der Testverfahren
- 6.4.1 AD-EVA (Interdisziplinäres Testsystem zur Diagnostik und Evaluation bei Adipositas und anderen durch Ess- und Bewegungs-verhalten beeinflussbaren Krankheiten)
- 6.4.2 BAROS (Bariatric Analysis and Reporting System)
- 6.4.3 BQL (Bariatric Quality of Life Index)
- 6.3.4 FEV (Fragebogen zum Essverhalten)
- 6.4.5 SCL-90-R / SCL-90-S (Symptomcheckliste)
- 7. Auswertung der Fragebogenerhebung
- 7.1 Datenrücklauf
- 7.2 Ergebnisse
- 7.2.1 Ergebnisdarstellung: Fragen 1-5
- 7.2.2 Ergebnisdarstellung: Frage 6
- 7.2.3 Ergebniszusammenfassung
- 7.3 Qualität der Ergebnisse
- 7.4 Beantwortung der Leitfragen
- 8. Zusammenfassung
- 9. Fazit
Zielsetzung & Themen
Diese Arbeit widmet sich der Darstellung der psychotherapeutischen Behandlungsmöglichkeiten bei Adipositas und einer kritischen Untersuchung des aktuellen Versorgungsstandes adipöser Patienten innerhalb der konservativen Behandlung in Deutschland. Das primäre Ziel ist es, zu analysieren, inwieweit Psychotherapie in der deutschen Gesundheitsversorgung Zugang zu Adipositaspatienten findet und wie dieser begründet und umgesetzt wird, insbesondere angesichts der hohen psychischen Komorbidität bei Adipositas.
- Definition und Epidemiologie von Adipositas.
- Körperliche und psychische Komorbiditäten von Adipositas.
- Ätiologische Theorien und aufrechterhaltende Faktoren der Adipositas.
- Konservative und chirurgische Behandlungsmöglichkeiten von Adipositas.
- Aktueller Stand und Probleme des Zugangs zu psychotherapeutischer Versorgung bei Adipositas.
- Anwendung psychologischer Diagnostik in spezialisierten Adipositaszentren in Deutschland.
Auszug aus dem Buch
2.4 Ätiologie - Theorien
Theorien zur Ätiologie der Adipositas sind heterogen und vielschichtig - ebenso wie das breite Spektrum der Betroffenen. Teilweise wurden Bedingungsfaktoren für die Entstehung und Aufrechterhaltung einer Adipositas bereits im Unterkapitel zu psychischen Komorbiditäten und Stigmatisierung angedeutet und es wird deutlich, dass eine scharfe Trennung zwischen reinen Ursachen und aufrechterhaltenden Faktoren hierbei schwer möglich ist. Die Vielzahl an gesellschaftlichen und individuellen Faktoren und ihre Verknüpfungen machen es schwer, eine einheitliche Theorie zur Ätiologie des Phänomens Adipositas aufzustellen, und dies wird wohl auch in den nächsten Jahren so bleiben. Auch ist eine - zumindest theoretische - diagnostische Verortung im psychologischen Sinne nicht eindeutig oder unumstritten. Abgesehen von der Tatsache, dass die Codierung im ICD-10 eine „rein körperliche“ Einordnung vorgibt, so ist nicht eindeutig zu sagen, ob Adipositas eher in ein Zwangsspektrum, oder aber als Sucht zu verorten wäre, denn sie weist gewissermaßen Kriterien beider Störungsklassen auf. Vor allem der Aspekt von belohnungsassoziiertem Lernen (Mann, 2014, S. 98) macht Überernährung vergleichbar mit anderen Süchten. Die Diskussion zur Zuordnung der psychopathologischen Diagnosekategorie wäre jedoch nicht erschöpfend und zufriedenstellend darstellbar und ist auch nicht Ziel dieser Arbeit. Stattdessen können unterschiedliche Einflussbereiche und Kriterien benannt und nach aktuellem Forschungsstand auch teilweise miteinander in Verbindung gebracht werden, um ätiologische Modelle zu skizzieren. In diesem Abschnitt sollen die wichtigsten Aspekte zur Ätiologie der Adipositas daher überblicksartig dargestellt werden.
Eine hyperkalorische Ernährung, also eine positive Energiebilanz ist in einfachster Weise die Erklärung für eine Gewichtszunahme. Der menschliche Organismus war im Verlauf der Evolution darauf angewiesen gewesen, Zeiten von Nahrungsknappheit überstehen zu können, was über die Speicherung von Depotfett und die Vorliebe fett- und kohlenhydratreicher Nahrung gelang. Heutzutage, in einer vorher nie dagewesenen Situation von Nahrungsmittelüberfluss in den westlichen - und zunehmend auch in wirtschaftlich schwächeren Ländern - ist der evolutionsgeschichtliche Vorteil der körpereigenen Energiespeicherung zu einem drastischen Nachteil vieler Individuen geworden. Gepaart mit einem bewegungsarmen Lebensstil ist schnell eine positive Energiebilanz geschaffen.
Beachtet werden muss jedoch auch, dass sich nicht allein die Quantität der verfügbaren Nahrungsmittel drastisch erhöht hat, sondern auch die Qualität einer Veränderung unterliegt: Industriell verarbeitete Speisen, wie Fastfood, Fertiggerichte und Süßigkeiten haben eine enorm hohe Kaloriendichte, also eine hohe Zahl an Kilokalorien bei wenig Ballaststoffen und damit einem geringen Sättigungseffekt. Hinzu kommt, dass ganze Industriezweige der Nahrungsmittelbranche wirtschaftlichen Erfolg anstreben, indem sie Produkte vermarkten, welche der menschliche Organismus eigentlich nicht benötigt, die jedoch das Belohnungssystem (siehe Abschnitt: 2.4.4.a Belohnungssystem) der Konsumenten derart ansprechen, dass Verzicht nach einer Gewöhnung immer schwerer wirkt, ähnlich einer Sucht. Am häufigsten wird hierbei von einer „Zuckersucht“ gesprochen (vgl. Grimm, 2013); die Schädlichkeit von Zucker für den menschlichen Organismus wird von einigen Autoren mit der von Alkohol gleichgesetzt (Lustig, Schmidt & Brindis, 2012).
Zusammenfassung der Kapitel
Einleitung: Stellt Adipositas als bedeutendes Gesundheitsproblem dar, thematisiert die unklare Ätiologie, die psychische Belastung Betroffener und die hohe Rückfallquote nach Interventionen.
1. Methoden und Fragestellung: Beschreibt die systematische Literaturrecherche und die Entwicklung eines Fragebogens zur Erfassung der psychologischen Diagnostik in Adipositaszentren in Deutschland.
2. Adipositas: Definiert Adipositas, beleuchtet deren Epidemiologie, körperliche und psychische Komorbiditäten sowie Theorien zu ihrer Ätiologie (Ernährung, Lebensstil, Essverhalten, Genetik, neurophysiologische/endokrinologische Parameter, Stress, Darmmikrobiom und sonstige Faktoren).
3. Behandlungsmöglichkeiten von Adipositas: Umfasst Präventionsmaßnahmen, konservative Therapieansätze (Ernährungs- und Bewegungstherapie, Verhaltenstherapie, medikamentöse Therapie) und chirurgische Verfahren (Schlauchmagen, Magenbypass), einschließlich ihrer Indikationen und Probleme.
4. Psychotherapie bei Adipositas: Stellt den aktuellen Stand psychotherapeutischer Behandlungsmöglichkeiten bei Adipositas dar, einschließlich Verhaltenstherapie, psychodynamischer, interpersoneller und dialektisch behavioraler Therapien, und fasst deren Wirksamkeit und Probleme zusammen.
5. Indikationsweg von Psychotherapie in der konservativen Behandlung von Adipositas: Diskutiert die Probleme bei der Indikationsstellung und dem Zugang zu psychotherapeutischer Versorgung für Adipositaspatienten sowie die Rolle interdisziplinärer Diagnostik in Adipositaszentren.
6. Anwendung psychologischer Diagnostik in Adipositaszentren - Fragebogenerhebung: Beschreibt die Methodik der Fragebogenerhebung, die Suche und Auswahl der Adipositaszentren, die Fragebogenerstellung und die Auswahl der verwendeten Testverfahren.
7. Auswertung der Fragebogenerhebung: Präsentiert die Ergebnisse des Fragebogenrücklaufs, die Ergebnisdarstellung zu den gestellten Fragen und eine Zusammenfassung sowie Bewertung der Qualität der Ergebnisse, inklusive der Beantwortung der Leitfragen.
8. Zusammenfassung: Fasst die wichtigsten Erkenntnisse der Arbeit zusammen, insbesondere die Komplexität der Adipositasgenese, die eingeschränkten Erfolge konservativer Therapien und die Probleme im Zugang zur psychologischen Versorgung.
9. Fazit: Zieht ein abschließendes Resümee über die Diskrepanz zwischen theoretischem Wissen und praktischer Umsetzung in der Adipositasbehandlung und fordert eine Neuklassifizierung der Diagnose.
Schlüsselwörter
Adipositas, Psychotherapie, Adipositasbehandlung, psychologische Diagnostik, Adipositaszentren, Testverfahren, Essstörungen, Komorbiditäten, Ätiologie, Prävention, konservative Therapie, bariatrische Chirurgie, Versorgungsstand, Deutschland, multidisziplinäre Behandlung
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit befasst sich mit dem Indikationsweg und den Möglichkeiten psychotherapeutischer Behandlungen bei Adipositas, analysiert den aktuellen Versorgungsstand adipöser Patienten in der konservativen Behandlung in Deutschland und beleuchtet die Rolle psychologischer Diagnostik.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Zentrale Themen sind die Definition und Epidemiologie von Adipositas, ihre körperlichen und psychischen Komorbiditäten, verschiedene ätiologische Theorien, konservative und chirurgische Therapieansätze sowie der aktuelle Stand und die Herausforderungen der psychologischen Diagnostik und Psychotherapie bei Adipositas.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Das primäre Ziel ist es, den Zugang von Psychotherapie zur Adipositasbehandlung in Deutschland kritisch zu beleuchten und zu klären, inwieweit psychotherapeutische Maßnahmen in der konservativen Behandlung von Adipositas etabliert sind, begründet werden und umgesetzt werden können.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit basiert auf einer systematischen Literaturrecherche zum Forschungsstand und einer Fragebogenerhebung in spezialisierten Adipositaszentren in Deutschland, um den Stand der psychologischen Diagnostik empirisch zu erfassen.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil behandelt das Krankheitsbild Adipositas mit Definition, Epidemiologie, Komorbiditäten und Ätiologietheorien, gefolgt von der Darstellung verschiedener Behandlungsmöglichkeiten (Prävention, konservative und chirurgische Therapien) und einem detaillierten Einblick in die Psychotherapie bei Adipositas sowie den Indikationsweg.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die Arbeit wird charakterisiert durch Schlüsselwörter wie Adipositas, Psychotherapie, psychologische Diagnostik, Adipositaszentren, Essstörungen, Komorbiditäten, Ätiologie, konservative Therapie und bariatrische Chirurgie.
Warum wird Adipositas im ICD-10 als rein somatische Erkrankung klassifiziert und welche Implikationen hat dies?
Adipositas ist im ICD-10 unter E66 im Kapitel für "endokrine, Ernährungs- und Stoffwechselkrankheiten" gelistet, was eine primär somatische Einordnung impliziert. Dies führt dazu, dass psychologische Diagnostik und Psychotherapie oft nicht als indiziert angesehen werden und die Kostenübernahme durch die Krankenkassen erschwert ist, obwohl psychische Faktoren eine wichtige Rolle spielen.
Welche Probleme wurden bei der Anwendung psychologischer Diagnostik in Adipositaszentren in Deutschland festgestellt?
Die Befragung zeigte, dass psychologische Diagnostik oft nur in Vorbereitung auf bariatrische Operationen durchgeführt wird, keine einheitlichen Testverfahren verwendet werden und es an personellen sowie finanziellen Kapazitäten für eine umfassende psychologische Versorgung mangelt.
Welche Verbesserungen schlägt die Autorin für den Zugang zu psychologisch-psychotherapeutischer Versorgung bei Adipositas vor?
Die Autorin schlägt eine Aufstockung personeller Ressourcen in Adipositaszentren und bei ambulanten Psychotherapeuten vor, die Erweiterung der Finanzierung adipositasspezifischer Programme, die Verbesserung der Weiterbildungs- und Spezialisierungsmöglichkeiten für Therapeuten und strukturelle Verbesserungen in der Vor- und Nachsorge bei bariatrischen Operationen.
- Arbeit zitieren
- Elina Herrmann (Autor:in), 2018, Indikationsweg psychotherapeutischer Behandlungsmöglichkeiten bei Adipositas, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1676627