Hörspiel als Widerstand am Beispiel von "Todesraten" von Elfriede Jelinek und Olga Neuwirth


Hausarbeit (Hauptseminar), 2005

28 Seiten, Note: 1


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Einleitung

1 Kunstlerische Zusammenarbeit Jelinek/ Neuwirth
1.1 Allgemeines
1.2 Asthetisches Konzept bei Neuwirth
1.3 Asthetisches Konzept bei Jelinek
1.4 Ahnlichkeiten im asthetischen Verfahren

2 Exkurs: Ein Sportstuck
2.1 Einige Charakteristika des Stucks
2.2 Themen
2.3 Inszenierung am Tiroler Landestheater

3 Horspiel „Todesraten“

4 Literatur

5 Anhang: Kurzbiographien

Einleitung

In meiner Arbeit befasse ich mich mit der kunstlerischen Zusammenarbeit von Elfriede Jelinek und Olga Neuwirth am Beispiel des Horspiels „Todesraten“. Die Arbeit gliedert sich folgendermaRen:

Im ersten Teil werde ich auf die kunstlerische Zusammenarbeit zwischen Jelinek und Neuwirth eingehen und mich mit ihren asthetischen Konzeptionen auseinandersetzen. Dabei werde ich versuchen die Gemeinsamkeiten von Jelineks Sprachverfahren und Neuwirths Musikkomposition herauszuarbeiten.

Im zweiten Teil werde ich in einem Exkurs auf Jelineks Theaterstuck „Ein Sportsstuck“ eingehen, da dieses einerseits die Grundlage fur das Horspiel „Todesraten“ bildet und andererseits, weil es heuer am Tiroler Landestheater inszeniert wurde und dies erst die zweite Inszenierung in Osterreich war. Dabei werde ich, die zwei Figuren „Andi“ und „die alte Frau“ etwas naher beschreiben, da ihre Monologe die Basis fur das Horspiel „Todesraten“ bilden.

SchlieRlich, werde ich auf das 1997 fur den Bayrischen Rundfunk entstandene Horspiel „Todesraten“ eingehen.

Aufgrund des weiten Stoffgebietes und den engen Rahmen einer Proseminararbeit kann ich nur auf einige wenige Aspekte, die mir wichtig erscheinen, eingehen. Es ware sicherlich noch auRerst aufschlussreich, wenn man naher die Texte von Kolesch betrachten wurde und auf ihren Vergleich zwischen Theater und Stimmen eingehen wurde, aber das wurde dann leider eindeutig den Rahmen einer Proseminararbeit sprengen. Auch eine nahere Betrachtung des Phanomens der Gewalt in Jelineks „Sportstuck“ wurde eigentlich noch wichtig und interessant sein, aber das Stoffgebiet ist einfach zu umfangreich und so kann ich nur fragmentarisch einige Aspekte behandeln.

1 Kunstlerische Zusammenarbeit Jelinek/ Neuwirth 1.1 Allgemeines

Elfriede Jelinek und Olga Neuwirth arbeiten seit 1989 kunstlerisch zusammen. Sie verwirklichten gemeinsam die Projekte „Der Wald“ (1989/90), „Aufenthalt“ (1992/93), „Todesraten“ (1997), „Bahlamms Fest“ (1999) und „Lost Highway“ (2002/03). Gemeinsam suchen die Schriftstellerin Jelinek und die Komponistin Neuwirth nach zeitgemaReren Formen des Musiktheaters und erreichten internationale Aufmerksamkeit durch die Oper „Bahlamms Fest“, welche 1999 uraufgefuhrt wurde.

Die beiden Kunstlerinnen haben viele Ahnlichkeiten, welche sich nicht nur in ihrem kunstlerischen Schaffen, das durch starke Analogien gepragt ist, zeigen, sondern auch in ihrem politischen Engagement und ihren AuRenseiterpositionen in den Kunstsparten, in denen sie arbeiten. Jelinek gilt seit Jahren als „Nestbeschmutzerin“ in Osterreich, nachdem sie 1983 ihren ersten GroRen Skandal mit ihrem Stuck „Burgtheater“ lieferte, in dem sie den Umgang mit der NS- Vergangenheitsbewaltigung in Osterreich kritisierte. Dabei thematisierte sie insbesondere die Vergangenheit von der renommierten Burgschauspielerin Paula Wessely und wurde deswegen stark kritisiert. Aber auch Olga Neuwirth hat eine AuRenseiterrolle inne und wird als „enfant terrible" der klassischen Musikszene Osterreichs bezeichnet, da sie auf Harmonie in ihrer musikalischen Werke verzichtet. Sie selbst gibt ihrer Musik den Namen „Katastrophenmusik.“

Eine Gemeinsamkeit, die Jelinek und Neuwirth teilen, ist ihre Ansicht vom Rezipienten oder Publikum: sie wollen keine Kunst machen, um sich entspannen oder amusieren zu konnen, sondern eine, die zum Nachdenken anregt und vom Empfanger ein aktives Reflektieren einfordert. So heiRt es bei Neuwirth:

„Was ich aber auch nicht verstehe ist, dass Musik das Mitdenken immer verhindern soll. Musik soll immer gleich entspannend sein - oder sie ist Entertainment. Das fordert man nicht automatisch von anderen Kunstrichtungen.“[1]

Die Zusammenarbeit zwischen den zwei Kunstlerinnen erfolgt so, dass die jungere und wenigere bekannte Kunstlerin Neuwirth die Texte auswahlt, die ihr als Material fur die Entwicklung neuer musiktheatralischer Formen dienen. Teilweise ist dabei das Verhaltnis zwischen Librettistin - Komponistin verschwommen, denn Neuwirth darf nach Absprache mit Jelinek auch ofter in das Original eingreifen, wodurch ein erstes Stadium der Textauflosung entsteht, welches die Komponistin so beschreibt:

„Mit dem Rasenmaher durch den Text rasen. Die Aushohlung der Vorgabe Es bleibt ein Skelett uber, in dem die Grundvoraussetzungen und Intentionen der Originalvorlage vorhanden sind und mir gleichzeitig einen Ausgangspunkt anbietet fur einen noch nicht pre- definierten Raum und einer nicht absolut definierten Zeit. So kann ein sich standig erneuerndes Spiel in Gang gesetzt werden, in dem die Grenzen zw. Sangern und Instrumentalisten, Ensemble und Tonband (bzw. Live-Elektronik), Raum und Nicht-Raum, Real und Irreal, Gerausch und Klang verwischen. Durch die Interaktion zwischen diesen Bereichen (wodurch Musiktheater ja erst entsteht) kann eine Tendenz aufgezeigt werden von konstantem Aufbau und Zerfall, Selbstbehauptung und Integration der einzelnen Teilbereiche - ein standig changierendes Kompendium verschiedener Zustande und Zeiteinheiten zu einer neuen, anderen Ganzheit.“[2]

Bei der Bearbeitung des Textmaterials bricht Neuwirth radikal die Satzstrukturen auf: Es treten dann abgerissene Worter an die Stelle, wo bei Jelinek noch ausformulierte sprachliche Gesten zu finden sind. Neuwirth radikalisiert Jelineks Verfahren der Demontage. Die aus Aneinanderreihung von inhaltsleeren Alltagsfloskeln reduzierte Sprache wird zugespitzt und so die Absurditat des Dialogs, die Kunstlichkeit der Wirklichkeit betont. Die Ausweglosigkeit der ins Leere fuhrenden Kommunikationssituation und die emotionale Verarmung wird durch die Uberlagerung und das Aufeinanderprallen der Sprachartikel deutlich:

„Die sprachlichen Schablonen werden von Neuwirth so sehr zugespitzt, dass das Absurd- Groteske, aber auch das Irrationale, das in ihnen latent vorhanden ist, freigesetzt wird. Wie Extrakte reihen sich nun die einzelnen Au&erungen aneinander, uberlagern einander und geraten miteinander in Widerspruch:“[3]

Die Arbeit von Jelinek fur die Musik ist unter anderem auch durch ihren biographischen Hintergrund bedingt. Sie wurde schon im Kindesalter von ihrer ehrgeizigen Mutter zur Musik bewegt und sozusagen zum „reinsten Wunderkind dressiert“ mit intensiven Musikunterricht. Noch in der Schulzeit begann sie am Wiener Konservatorium Orgel, Blockflote, und spater auch Komposition zu studieren.

Schon Anfang der 70er Jahre, ganz zu Beginn ihrer schriftstellerischen Tatigkeit, verfasste sie ihre ersten Horspiele und bereits 1974 wurde das Horspiel „wenn die sonne sinkt ist fur manche schon buroschluR“ von der Zeitung „Die Presse“ zum erfolgreichsten Horspiel des Jahres erklart. Sie selbst sagt:

"Meine ersten Erfahrungen mit Dramatik waren Horspielerfahrungen. Weil ich auch Musikerin bin und Komposition studiert habe, habe ich uberhaupt keine Schwierigkeiten, mich in einen Horraum hineinzuversetzen und eine Partitur fur Sprecher zu erstellen."[4]

Neuwirth sieht in der Zusammenarbeit mit Jelinek eine Metaebene des Verstandnisses und zwar in der Herangehensweise an Sprache. Jelinek arbeite an der Sprache an sich, arbeite mit Topologien, die verzerrt werden um etwas klarzumachen, zu kritisieren oder zu analysieren. Neben der Arbeit an der Sprache, die sehr musikalisch gepragt ist, sieht sich Neuwirth auch sehr verbunden mit dem „bosen schwarzen judischen Humor [5] von Jelinek. Sie teilen den gleichen Humor und Neuwirth sieht darin ein weibliches Einverstandnis: „weil wir uns alle nicht so ernst nehmen konnen, wie sich die Manner ernstnehmen.“[6]

1.2 Asthetisches Konzept bei Neuwirth

Neuwirths Musikstucke stellen Klangwelten dar, die an verschlungene Labyrinthe erinnern.

„Die labyrinthische Verschlungenheit der realen Welt bildet den Ansatzpunkt fur Olga Neuwirths Komponieren.“[7]

Sie mischt dabei naturliche und elektronische Klange und arbeitet auch naturliche Klange ein, die elektronisch verfremdet wurden. Sie verandert aber nicht nur die Klangfarbe traditioneller Instrumente, sondern auch manchmal die menschliche Stimme. Ihre Klangwelten weisen eine verwirrende Fulle von Klangmustern auf, hinter denen sich eine systematische Dekonstruktion akustischer Alltagserfahrungen verbirgt: Es wird hier Alltägliches und Bekanntes stark verfremdet und in neue Kontexte gestellt. In gleichem Maße, wie die Erkennbarkeit von Klängen abnimmt, werden sie und ihre Klangqualitäten durchlässig für mögliche Assoziationen des Hörers.

[...]


[1] Totschnig S. 98 zitiert Schulz, Reinhard. Ernste Musik und Ende. S. 28

[2] Neuwirth: Uberlegungsfragmente zu einem Musiktheater, 1994

[3] Totschnig, S. 79 zitiert Janke, Pia. Ver-ruckte Bilder, S. 95

[4] Jelinek, Interview mit Gunna Wendt, BR 1996

[5] Gesprach Neuwirth/ Michael Kerber

[6] 01 Diagonal

[7] Totschnig, S. 53 zitiert Drees, Stefan. Gegen die Absurditaten des Alltags, S. 64

Ende der Leseprobe aus 28 Seiten

Details

Titel
Hörspiel als Widerstand am Beispiel von "Todesraten" von Elfriede Jelinek und Olga Neuwirth
Hochschule
Leopold-Franzens-Universität Innsbruck
Note
1
Autor
Jahr
2005
Seiten
28
Katalognummer
V167664
ISBN (eBook)
9783640846580
ISBN (Buch)
9783640842698
Dateigröße
499 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Elfriede Jelinek;, Olga Neuwirth, Jelinek, Todesarten
Arbeit zitieren
Verena Wiesner (Autor), 2005, Hörspiel als Widerstand am Beispiel von "Todesraten" von Elfriede Jelinek und Olga Neuwirth, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/167664

Kommentare

  • Noch keine Kommentare.
Im eBook lesen
Titel: Hörspiel als Widerstand am Beispiel von "Todesraten" von Elfriede Jelinek und Olga Neuwirth



Ihre Arbeit hochladen

Ihre Hausarbeit / Abschlussarbeit:

- Publikation als eBook und Buch
- Hohes Honorar auf die Verkäufe
- Für Sie komplett kostenlos – mit ISBN
- Es dauert nur 5 Minuten
- Jede Arbeit findet Leser

Kostenlos Autor werden