Das Narrenschiff - Zur Ikonographiegeschichte eines populären Bildtyps


Bachelorarbeit, 2010
58 Seiten, Note: 1,0

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1.Weltbibel1 in Zeiten des Umbruchs

2. Von Ensisheim zum „schluraffen landt“2
2.1. Sebastian Brant
2.2. Brant und die frühe Bildpublizistik
2.3. Das Narrenschiff

3. Die Holzschnitte des Narrenschiffs
3.1. Entstehungsgeschichte
3.2. Bildanalyse und Bildinterpretation bei ausgesuchten Beispielen
3.2.1. Holzschnitt zu Kapitel 103
3.2.2. Holzschnitt zu Kapitel 1
3.2.3. Holzschnitt zu den Kapiteln 3 und 83
3.2.4. Der Holzschnitt zu Kapitel 98

4. Der Narr und ’sein’ Schiff
4.1. Sebastian Brants Narren
4.2. Das Schiff nach Narragonien

5. Die Stultifera Navis

6. Wort und Bild im „Narrenschiff“

7. Literaturverzeichnis

8. Abbildungsverzeichnis

1.Weltbibel in Zeiten des Umbruchs

„[...] ein gelehrter Doctor wol bekandt, Mit Namen Herr Sebastian Brandt habe aus sonderlichem Bedacht ein gantzes Schiff voll Narrn gemacht.“34 , ist die Einschätzung eines Zeitgenossen von Sebastian Brant, dem Autor des „Narrenschiff“5, zu den Beweggründen und Umständen, die diesem Werk zugrunde liegen mögen. Man spürt eine gewisse Art der Unsicherheit, welche den Urheber des Satzes wohl plagte und die man auch heute bei der näheren Beschäftigung mit dem Thema immer noch wiederfinden kann. Selbst nach mittlerweile über 500 Jahren mit dem gedruckten Ursprung des Bildes des allgemeinen Narrentum der Menschheit6, ist auch noch nicht der Letzte vom „Narrenschiff“ als eine Art Weltbibel des 16. Jahrhunderts überzeugt. Obwohl einige sich nicht scheuen, sie mit der echten Bibel in Hinblick auf die Häufigkeit des Zitierens des jeweiligen Inhaltes zu vergleichen.7

Während weniger schmeichelhafte Attribute, wie die Kunstlosigkeit der gesamten Komposition, die all zu trockene Sprache und die nicht mehr als leidlichen Verse8 den Eindruck einer eher verfehlten Moralsatire hinterlassen, steht dem ein ganz einfacher Fakt entgegen – der enorme Erfolg, der nicht nur auf die Popularität des Buches zur Zeit Brants reduziert werden kann. An dieser Stelle soll aber nicht vorweggenommen werden, wer sich wann und in welcher Form mit Brant und seinen Narren auseinandergesetzt hat. Dazu wird sich im Folgenden noch Gelegenheit bieten.

Zunächst möge das Augenmerk auf der Umbruchs- und Übergangszeit liegen, die in sich eine treibende Kraft in Richtung Zukunft, sowie einen starken Drang am Punkt des Seins zu verharren, barg. Der Übergang vom späten Mittelalter in die Frühe Neuzeit war alles andere als sanft und reibungslos. Es bahnten sich große geistige und soziale Veränderungen an und viele empfanden es als eine Zeit von Unordnung und Verwirrung, in der die festgelegte Ordnung des Mittelalters ins Wanken geriet und man sich von einer Krise mit enormem Ausmaß bedroht sah.9 In allen Bereichen des Lebens sahen sich die Menschen mit Neuerungen konfrontiert, die nicht immer Begeisterung hervorriefen, sondern eher Befremdung, welche wiederum den Rückzug zum Bekannten und Bestehenden forcieren konnte. Das gesamte vertraute Dasein schien sich in einem allgemeinen Auflösungs- und Zerfallsprozess zu befinden. Das Heilige Römische Reich Deutscher Nationen zeigte sich an manchen Stellen als zerrissen und schwach, die Kirche lies sich von den Streitigkeiten der Konzilzeit erschüttern und die Autoritäten verloren an Vertrauen, wenn man sich mit außenpolitischen Bedrohungen, wie z.B. den Türken, die 1453 Konstantinopel eroberten, konfrontiert sah.10 Man verzeichnete viele verlustreiche Kriege, denn Fortschritt bedeutete auch die Entwicklung neuer Techniken und Waffen. Es entstanden immer mehr einzelne Territorialstaaten und die Entdeckung der ’Neuen Welt’ etablierte nicht nur neue Handelsrouten, sondern im gleichen Moment entstanden fortschrittliche europäische Machtzentren.

Der auch in deutschen Gefilden um sich greifende Humanismus brachte eine ganz neue Betrachtungsweise von Natur, Geist und Wissenschaft mit sich und stellte ein Symbol für das vorwärtstreibende Element der Zeit dar. Es wurde ein vernunftbestimmtes, selbständiges, wesentlich freies und unabhängiges Menschenideal proklamiert. Eine rationalistische Weltsicht stand nun im Mittelpunkt jeglicher Betrachtungen und auch Brant blieb hiervon nicht unberührt, denn er stellte den typischen Vertreter einer Übergangszeit dar. Die Vorstellung einer klaren Epochengrenze, mit dem Mittelalter und seinem strengen Katholizismus auf der einen Seite und der Frühen Neuzeit mit Humanismus und Reformation auf der anderen, ist hinfällig. Es bereitet teilweise noch immer Schwierigkeiten Brant und sein Werk der einen oder der anderen Epoche zuzuordnen, doch dazu später mehr.11

Am bedeutendsten, weil Grundlage für die dramatische Entwicklung des Buchwesens und somit Bedingung für die weitaus schnellere und umfassendere Verbreitung von Informationen, war unumstritten die Erfindung des modernen Buchdrucks in der Mitte des 15. Jahrhunderts. Johannes Gutenberg ermöglichte es damit, das Buch zu einer Massenware zu machen und politische Ereignisse, geistige Strömungen, soziale Umbrüche und religiösen Diskussionen einem breiten Publikum in einer viel geringeren Zeit als zuvor darzustellen. Der Druck mit beweglichen Lettern war 1450 genau genommen nur eine von mehreren Neuerungen. Eine veränderte Gussform ermöglichte die Herstellung von gleichen Buchstabentypen in beliebiger Anzahl, die richtige Zusammensetzung des Schriftmetalls, das Finden der geeignetesten Druckerschwärze plus eine verbesserte Konstruktion der Druckerpresse ließen es zu, dass innerhalb kürzester Zeit eine große Anzahl von Drucken produziert werden konnten.12 Das Wissen um das neue Verfahren verbreitete sich von Mainz aus innerhalb weniger Jahre in ganz Europa. Meist ließen sich die Drucker in großen Handelsstädten oder an Bischofssitzen nieder, denn dort waren genügend Auftraggeber und Abnehmer für ihre Waren vorhanden und auch die Beschaffung von Papier und anderen benötigten Materialien konnten über gut verzweigte Vertriebs- und Geschäftsverbindungen garantiert werden. Die Druckerzeugnisse mit den besten Absatzmöglichkeiten waren Prognostica, Almanache und Vorhersagekalender aber auch Grammatiken für das Lateinische und Schriften mit religiösem Inhalt, in Zeiten der Reformation hauptsächlich die Schriften Luthers und die ihnen folgenden Streitschriften.13 Ganz besonderer Beliebtheit erfreuten sich Anleitungen jeglicher Form, welche gewisse Bereiche des alltäglichen Lebens reglementierten. Von der Vorschrift zum richtigen Beten bis hin zum guten Benehmen bei Tisch oder in der Ehe, gab es für jedermann etwas Gedrucktes zu konsumieren. Nicht selten wurden solche Leitlinien durch Illustrationen unterstützt und nach 1460 setzte sich zur Herstellung dieser der Holzschnitt durch. Er stellt: „[...] eine Form der Graphik [dar], die sich in Europa in der ersten Hälfte des 15. Jahrhunderts entwickelt hatte.14, und war auch für die Druckereien vor allem eine günstige Alternative zu anderen Verfahren, da sie nun Text und Illustration in demselben, also im Hochdruckverfahren, herstellen konnten.

Nicht immer waren die Erzeugnisse von solch hoher gestalterischer Qualität wie die, die aus der Offzin von Johann Bergmann von Olpe stammen. Er wirkte in erster Linie als Humanist und förderte und beeinflusste die dort hergestellten Arbeiten mehr aus idealistischen Gründen als aus der finanziellen Not heraus. Diesem Umstand ist es sicher mit zu verdanken, dass uns das „Narrenschiff“ mit seinen Holzschnitten noch in der heutigen Zeit so beeindrucken kann, denn die erste Ausgabe erschien 1494 zur Zeit der Baseler Fastnacht bei dem besagten Druckherr.15 Der aufmerksame Betrachter wird seine Person im „Narrenschiff“ stets am eigenen Drucker-Signet wiedererkennen. Zu sehen ist das Wappenschild der Familie.16 Er tat nicht schlecht daran, es im „Narrenschiff“ das erste Mal zu benutzen und sich somit mit diesem Werk zu verbinden. Doch vor allem war es seine Freundschaft mit Sebastian Brant, die seine Drucker- und spätere Verlegertätigkeit am meisten beeinflusste.

Dieser sah nämlich die Zeit gekommen, um sich von dem überlieferten Schema der Tugend- und Lasterdarstellung zu trennen und sich von der bloßen Aufzählung von Vergehen zu distanzieren. Gegen Ende des Mittelalters beherrschte das moraldidaktische Schrifttum das literarische Leben und die Dichter der Epoche fühlten sich oft zu Sittenpredigten berufen, um das Gute zu fördern und dem Bösen den Kampf anzusagen.17 Der Einzelne war vorher Glied einer stabilen Ordnung gewesen und nun aber auf sich allein gestellt. Da die Kirche ihren Einfluss auf das Leben der Menschen partiell eingebüßt hatte, sah Brant sie nun ohne Halt und Ziel hilflos dahintreiben. Seine Aufgabe und Pflicht als Schriftsteller der Zeit war es, ihre Erziehung und Belehrung zu übernehmen und genau das versuchte er mittels einprägsamer Symbolfiguren im „Narrenschiff“. Er konzipierte es als Lehrdichtung und so wurde es auch seinerzeit größtenteils begeistert aufgenommen.18

Die enorme Reichweite, die dieses Werk entwickelte, sei es geographisch oder zeitlich gesehen, verleiht der Aussage: „[...] meist sind es Narren, die im Theater dieser Welt die Hauptrollen spielen.“19 einen hohen Wahrheitsgehalt. Genannte Hauptdarsteller sind es, die im „Narrenschiff“ nicht nur Symbolfigurcharakter durch den Text erhalten, sondern hauptsächlich durch die 112 Holzschnitte, von denen jeder einzelne eine neue Bühne zu sein scheint. Das Hauptaugenmerk hier soll somit auf den Illustrationen liegen.

Als erstes wird es wichtig sein, sich mit der Person des Autors detaillierter zu beschäftigen und das mit Hilfe der Arbeiten von Joachim Knape20 und Thomas Wilhelmi21. Ein gesonderter Schwerpunkt stellt dabei das Flugblatt bzw. die Flugschrift und deren Rolle in Brants Schaffenszeit dar. Unter anderem wird dieser Abschnitt maßgeblich auf den Publikationen vom Michael Schilling22 23, Alfred Messerli24 und Wolfgang Harms25 basieren. Als Grundlage für die Betrachtung der Holzschnitte im „Narrenschiff“ fungiert Winklers Abhandlung über Dürer und die anderen Reißer, durch deren Tätigkeiten Kunstwerke unterschiedlichster Qualität entstanden.26 Auf alle folgenden wissenschaftlichen Betrachtungen, seien es die von Barbara Könneker27 oder Manfred Lemmer28 hatte diese ohne Zweifel einen großen Einfluss. Bei der Bildinterpretation dienten die gesammelten Aufsätze von Winfried Marotzki und Horst Niesyto29 als Anleitung. Nina Hartl ist die, die mit ihrem Buch30 zur „Stultifera Navis“, einen längst fälligen und ausführlichen Beitrag zur lateinischen Übersetzung des „Narrenschiff“ veröffentlicht hat und geht es um das Verhältnis von Illustration und Text sind die Aufsätze von Konrad Hoffmann31 und Adelheit Virmont32 gute Ausgangspunkte um aufkommende Unklarheiten zu bearbeiten.

Wie viel Bedeutung kann den Illustrationen des „Narrenschiff“ also wirklich beigemessen werden?

Dies soll im Folgenden die Leitfrage verkörpern. Sie beinhaltet den Wunsch zu erkennen, inwiefern die Entstehungsgeschichte und die beteiligten Personen, Gestaltung und Inhalt der Holzschnitte bedingten. Wie viel Einfluss sie im Endeffekt wirklich auf den Leser bzw. das Transportieren von Lehrinhalten hatten und in welchem Verhältnis der Text des „Narrenschiff“ zu seinen Illustrationen steht. Hätte ein Erfolg in dieser Größenordnung auch ohne Dürer als vermeintlichen Hauptreißer stattfinden können? Oder wären ohne die kunstvollen graphischen Darstellungen auf 112 Bildtafeln die Narren Brants im Theater dieser Welt lediglich Statisten geblieben?

2. Von Ensisheim zum „schluraffen landt“

2.1. Sebastian Brant

Sebastian Brants Lebenslauf lässt sich dank der guten Quellenlage gut rekonstruieren. Schwierigkeiten ergeben sich lediglich bei den ersten Jahren seines Daseins, das höchstwahrscheinlich am 31. August 1457 begann. Manche datieren sein Geburtsjahr auch mit 1458.33

Sein Vater Diebold Brant war Besitzer einer großen Herberge mit dem Namen „Zum Goldenen Löwen“.34 Durch seine Tätigkeit in der Stadt, garantierte er seiner Familie ein annehmbares finanzielles Auskommen und auch die Tatsache, dass die männlichen Vorfahren alle Mitglieder im Stadtrat waren, zeugt von einem hohen Ansehen der Familie Brant in Straßburg. Die Mutter Barbara musste 1468 nach dem frühen Tod Diebolds mit einem der beiden jüngeren Brüder von Sebastian die Wirtschaft alleine weiterführen. Der zweite Bruder verdingte sich ab 1495 als Drucker in seiner Heimatstadt. Trotz des frühen Schicksalsschlags blieb die Familie stets wohlhabend.

Obwohl höchst interessant, kann die Schulzeit von Sebastian Brant nur wage nachvollzogen werden. Von seinem sechsten bis zum zehnten Lebensjahr besuchte er wahrscheinlich die Schule des Pfarrkapitels von St. Thomas in Straßburg,35 eine Konfessions- und Pfarreischule. Danach führte ihn sein Weg offenbar nach Baden-Baden, um eine Lateinschule besuchen zu können, die es anno dazumal in Straßburg nicht gab. Mit 18 Jahren immatrikulierte er sich an der Basler Universität, was für die Zeit in der Brant lebte, doch recht spät war. Gründe hierfür sind wahrscheinlich in der familiären Situation zu suchen, die ihn nach dem Tod des Vaters möglicherweise dazu zwang, die Schule zu vernachlässigen und der Mutter zur Seite zu stehen.

Als Famulus des Magister Jacobus Hugonis sah sich Brant in der günstigen Position Rechtswissenschaften und Klassische Sprachen zu studieren, ohne die dafür fälligen Immatrikulationsgebühren an der damals erst 15 Jahre alten Universität zahlen zu müssen. Es ist anzunehmen, dass er bis zum Sommer 1480 mit Hugonis beim Magister Hieronymus Balin in seine Burse wohnte.36 In diese Zeit fallen auch seine Studien der Sprachen Latein und Griechisch.

Das erfolgreiche Studium der Jurisprudenz machte ihn im Wintersemester 1477/78 zum Bakkalaureus. 1484 erhielt er sein Lizentiat, was wiederum ungewöhnlich spät war. Dafür könnten eventuell eine finanzielle Notlage oder Krankheit verantwortlich gewesen sein. Doch auch seine Promotion im kanonischen- sowie im zivilen Recht erlangte er erst im Sommer 1489. Während seiner gesamten Studienzeit übernahm Sebastian Brant nicht nur Vorlesungen im juristischen Bereich, sondern leitete auch durchgängig eine in Poesie, bei der er nicht nur lateinische und zeitgenössische Literatur vorstellte, sondern auch seine eigenen Arbeiten einem Publikum zuführte.37

Brants Privatleben verlief offensichtlich in ruhigen Bahnen. 1485 heiratete er mit 28 Jahren Elisabeth Bürgi, Tochter eines Messerschmieds aus Basel. Ebenso ihre Familie war angesehen und vermögend. Mit ’Elsy’ bekam er nicht nur sieben Kinder, sie erwarben auch einige Häuser in der Stadt. Aufgrund seiner Darstellungen der Ehe und der Frauen im Narrenschiff38 wird der Verbindung keine glückliche Existenz nachgesagt, was aber wenig Gehalt hat, wenn man das allgemeine Frauenbild zu Brants Zeit näher betrachtet. Einzig und allein sein ältester Sohn Onophrius wirft ein paar ungeklärte Fragen auf. Er wurde schon 1492 immatrikuliert und wäre somit erst sieben gewesen. Folglich kann er nicht aus der Ehe mit Elisabeth stammen. Während Wilhelmi seine ungewöhnliche Namensgebung nicht zu deuten weiß39, ist es doch gerade diese, die einige nähere Informationen suggeriert. Onophrius wurde höchstwahrscheinlich von Brant mit in die Ehe gebracht und nicht von seiner Frau. Indizien hierfür sieht Wolfgang Harms in einem Heiligenblatt von 1494, welches Brant zu Ehren des Heiligen Onophrius bei Bergmann von Olpe herausbringt. Für ihn ist er nämlich das Ideal der asketischen Lebensführung.40 Somit stammt sein ältester Sohn entweder aus einer früheren, unbekannten Ehe oder er ist das Resultat einer unehelichen Schwangerschaft. Dies bleibt ungeklärt.

Neben seinen literarischen Ambitionen, dazu im nächsten Kapitel mehr, wurde Sebastian Brant außerordentlicher Professor an der Universität Basel. Er hielt dort Vorlesungen über kanonisches und ziviles Recht, was bis dato noch nie jemand vor ihm kombiniert lehrte. Ab 1492 wurde ihm das Amt des Dekan übertragen. Zusätzlich verdiente er Geld als Gutachter, Berater, Advokat und Richter. Außerdem erhielt er weitere gute Einkünfte, wenn er als Lektor, Korrektor, Kommentator, Bearbeiter und Übersetzer bei den hiesigen Verlegern und Druckern tätig wurde.41

1500 kehrte Sebastian Brant in seine Heimatstadt Straßburg zurück. Warum das genau geschah, ist strittig. Während Wilhelmi die politische Lage der Stadt Basel als plausiblen Grund einstuft (Es zeichnete sich eine Loslösung der Stadt nach dem Schwabenkrieg vom Reich ab.)42, stellt Lemmer die beruflichen Ambitionen Brants in den Vordergrund.43 Den erwartete in Straßburg nämlich eine Stelle als Rechtskonsultent, welche er bis 1503 inne hatte. Aller Wahrscheinlichkeit nach wird es eine Mischung aus beiden Ansätzen gewesen sein, die Sebastian Brant zur Rückkehr in seine Vaterstadt bewegte.

Die 1503 erworbene Position als Stadtschreiber barg ein hohes Maß an Macht und Einfluss. Brant überarbeitete die Gesetze und Verordnungen der Stadt und sorgte für ihre schriftliche Fixierung. Er ordnete nicht nur das Stadtarchiv neu, sondern verbesserte die Verhältnisse im städtischen Armen- und Krankenwesen. Als Vertretung der Stadt nach außen wurde er 1502 zum kaiserlichen Rat ernannt, später zum Pfalzgraf und zusätzlich zum Beisitzer im Hofgericht zu Speyer.

Mit diesem hohem Maß an Verpflichtungen blieb Brant in seiner Straßburger Zeit nicht mehr viel Zeit, um publizistisch tätig zu sein. Außer ein paar Übersetzungen, u.a. einer Vergil-Ausgabe und einiger weniger Gelegenheitsgedichte, ist nichts in diese Richtung zu verzeichnen.44

Der Autor des „Narrenschiff“ starb am 10. Mai 1521 in Straßburg und wurde in St. Thomas beigesetzt.

2.2. Brant und die frühe Bildpublizistik

Wie erwähnt, war Sebastian Brant auf dem Gebiet der Juristerei bis zu seinem Lebensende erfolgreich tätig, doch nun ist es an der Zeit, sein Dasein als Literat genauer zu untersuchen. Obwohl er im Allgemeinen meist nur mit dem „Narrenschiff“ in Verbindung gebracht wird, kann man seine publizistische Tätigkeit keinesfalls darauf beschränken. Als Brant in Basel sesshaft war, übte er dort Tätigkeiten aus, die mit der Arbeit eines heutigen Verlagslektors vergleichbar sind. Das Auswählen von zu veröffentlichen Texten, das Beschaffen von Vorlagen, kritische und kommentierende Übersetzungen, sowie die Planung und Überwachung von Drucken und Illustrationen gehörten zu seinen Aufgaben.45

Ungefähr um 1470 konnte man ein vermehrtes Auftreten von sogenannten Flugblättern verzeichnen, die dann um die Wende zum 16. Jahrhundert eine erste Blüte erlebten.46 Brant zeigte sich beim Herausgeben seiner eigenen Entwürfe sehr engagiert. Doch was genau machte dieses neue Medium so verlockend?

Unter Fb.47 versteht man einseitig mit Lettern oder einem graphischen Druckverfahren (Holzschnitt, Kupferstich, Radierung) oder aus einer Kombination beider Verfahren bedruckte offene Bll. [...] Eine Fs.48 ist dagegen vom Erscheinungsbild her ein Heftchen oder kleines Buch, das durch ein- oder mehrmaliges Falten eines beidseitig bedruckten Foliobogens entsteht.49

Fällt allerdings der Begriff Einblattdruck, so sind damit die Erzeugnisse der Inkunabelzeit vor 1500 und im 16. Jahrhundert gemeint, wenn sie Holzschnitte enthalten.50

Das Flugblatt gehörte zum Klein- und Tagesschrifttum. Viele Buchdrucker und Verleger waren rein am möglichen Gewinn, die es einbrachte, interessiert. Am Herstellungsprozess waren Verleger, Autor, Drucker, Bildentwerfer, Zeichner und Formschneider bzw. Stecher beteiligt. Die genaue Anzahl pro Flugblatt bleibt unbekannt, denn erstens wurde es nicht auf dem Produkt vermerkt und zweitens ist es sehr wahrscheinlich, dass eine Person oft mehrere Funktionen übernahm. Auf über 80 Prozent blieben die Textautoren anonym.51 Das hatte zum einen den Grund, dass durch die teilweise strenge Zensur Autoren Bestrafungen oder Verfolgungen ausgesetzt waren und zum anderen war das partielle geringe Ansehen des Mediums Flugblatt ein Umstand, der zu einem befürchteten Prestigeverlust des Verfassers führen hätte können. Über das Honorar der Autoren gibt es kaum Informationen. Es wird aber angenommen, dass es gering war oder sie wurden durch Freiexemplare vergütet. Der produktivste Flugblattproduzent der Zeit war Hans Sachs.52

Der sogenannte ’Normaltyp’53 war einseitig bedruckt und bestand aus einem hochformatigen ganzen oder halben Druckbogen. Die Reihenfolge entsprach Titel-Bild-Text, während Titel und Text in Typendruck gesetzt wurden. Das Bild konnte entweder ein Holzschnitt, Kupferstich oder eine Radierung sein. Besondere Bedeutung für den gewinnbringenden Vertrieb hatte natürlich die marktgerechte Gestaltung. Oft gab es einen mehrzeiligen Titel, der durch seinen Schlagzeilencharakter die Neugierde der Käufer wecken sollte. Durch sprachliche Wendungen, wie beispielsweise die Reizwörter: „[...] new, erschröcklich, wunderbar, trawrig [...].“54, wollte man den Absatz steigern. Die sich darunter befindliche Graphik nahm ca. ein Viertel oder bis zu einer Hälfte des Blattes ein. Ihre Breite war so angelegt, dass sich an den Rändern kein Platz für zusätzlichen Text bot. Alle Teile wurden zentriert angelegt, unter dem Bild befand sich der mehrspaltige Text. Als Abschluss der Ränder nutzte man Bordüren. Alles in allem entstand so ein ausgewogenes Verhältnis von Text- und Bildanteilen.55

Für den kommerziellen Erfolg trieb man eine kalkulierte Rätselhaftigkeit der Textaussage voran. Wichtig war eine verständliche Sprache, um die Momente der Unterhaltung, Spannung, Rührung und Komik gut in Szene setzen zu können. Um dem Ganzen auch eine gewisse Glaubwürdigkeit und Überzeugungskraft zu verleihen, betonte man immer wieder die Seriosität und Wichtigkeit des Vortragenden, soweit bekannt. Man nutzte eine vertrauens- und konsensbildende Sympathiewerbung, was später, als die Herausstellung von Lehr- und Nutzanwendungen in den Mittelpunkt rückten, sehr wichtig wurde. Das Bild, der Blickfang für den Käufer, diente als ikonographisches Analogon zum Geschriebenen. Somit übernahm es die Funktion eines Lesestimulus und stimmte den Konsumenten auf den Text ein. Nützlich wirkte sich das auf die Menschen aus, die entweder gar nicht oder nur sehr schlecht lesen konnten. Das Auge des Betrachters folgte einem sogenannten ’Dreischritt’: vom visuellen Skandal zur Bildüberschrift und dann zum Text.56

[...]


1 Brant, Sebastian: Das Narrenschiff. Hrsg. von Manfred Lemmer. 4. Aufl.. Tübingen: Max Niemeyer Verlag GmbH 2004 (= Neudrucke Deutscher Literaturwerke 5). S. XV.

2 Brant, Sebastian: Das Narrenschiff. Studienausgabe. Stuttgart: Phillip Reclam jun. GmbH & Co. 2005. S. 491.

3 Lemmer 2004: S. XV

4 Ebd. S. XX

5 Brant, Sebastian: Das Narrenschiff. Ein Hausschatz zur Ergetzung und Erbauung. Berlin: Verlag Franz Lipperheide 1872.

6 Könneker, Barbara: Wesen und Wandlung der Narrenidee im Zeitalter des Humanismus. Brant-Murner-Erasmus. Wiesbaden: Franz Steiner Verlag GmbH 1966. S. 13.

7 Lemmer, Manfred: Zum Fortleben des Narrenschiff vom 16. bis 18. Jahrhunderts. In: Sébastian Brant, son époque et ’la Nef des fols’. Sebastian Brant, seine Zeit und das ‘Narrenschiff’. Hrsg. von Actes du Colloque international. Strasbourg: Gouthier-Louis Fink 1994 (= Collection Recherches Germanique N° 5). S. 122.

8 Lemmer 2004: S. XXV

9 Vgl.: Könneker 1966b: S. 118 – 124.

10 Vgl.: Ebd. S. 10.

11 Stieglecker, Roland: Die Renaissance eines Heiligen. Sebastian Brant und Onuphrius eremita. Wiesbaden: Harrassowitz Verlag 2001. S. 95.

12 Die Lübecker Buchdrucker des 15. und 16. Jahrhunderts. Buchdruck für den Ostseeraum. Hrsg. von Alken Bruns, Dieter Lohmeier. Heide in Holstein: Westholsteinische Verlagsanstalt Boyens 1994. S. 11.

13 Vgl.: Ebd. S. 41

14 Vgl:. Ebd. S. 22.

15 Schneider, Cornelia: Das Narrenschiff. Mainz: Universitätsdruckerei H. Schmidt GmbH & Co. 1994 (= Schriftenreihe des Gutenberg-Museums Mainz Nr. 1). S. 27.

16 Vgl. Ebd. S. 29.

17 Könneker, Barbara: Sebastian Brant ”Das Narrenschiff”. Interpretation von Barbara Könneker. München: R. Oldenburg Verlag 1966. S. 11.

18 Vgl.: Ebd. S. 9.

19 Kemper, Raimund: Dan nyeman ist der nütz gebrist. Zur Weisheitslehre im Narrenschiff. In: Fifteenth Century Studies 7 (1983). S. 210

20 Knape, Joachim: Dichtung Recht und Freiheit. Studien zu Leben und Werk Sebastian Brants 1457-1521. Baden-Baden: Verlag Valentin Koerner 1992 (= Saecula Spiritalia 23).

21 Wilhelmi, Thomas: Sebastian Brant. Bern: Peter Lang Verlagsgruppe 1990 (= Arbeiten zur mittleren deutschen Literatur und Sprache 18).

22 Schilling, Michael: Bildpublizistik der Frühen Neuzeit. Aufgaben und Leistungen des illustrierten Flugblatts in Deutschland bis 1700. Tübingen: Max Niemeyer Verlag 1990 (= Studien und Texte zur Sozialgeschichte der Literatur Bd. 29).

23 Schilling, Michael: Die Flugblätter Sebastian Brants in der Geschichte der Bildpublizistik. In: Sebastian Brant (1457 - 1521) Memoria 9 (2008). S. 143 – 167.

24 Messerli, Alfred: War das illustrierte Flugblatt ein Massenlesestoff? In: Wahrnehmungsgeschichte und Wissensdiskurs im illustrierten Flugblatt der Frühen Neuzeit (1450 - 1700). Hrsg. von Wolfgang Harms, Alfred Messerli. Basel: Schwabe & Co. AG Verlag 2002. S. 23 – 33.

25 Harms, Wolfgang: Das illustrierte Flugblatt in Verständigungsprozessen innerhalb der frühneuzeitlichen Kultur. In: Wahrnehmungsgeschichte und Wissensdiskurs im illustrierten Flugblatt der Frühen Neuzeit (1450 - 1700). Hrsg. von Wolfgang Harms, Alfred Messerli. Basel: Schwabe & Co. AG Verlag 2002. S. 11 – 23.

26 Winkler, Friedrich: Friedrich Dürer und die Illustrationen zum Narrenschiff. Die Baseler und die Straßburger Arbeiten des Künstlers und der altdeutsche Holzschnitt. Berlin: Deutscher Verein für Kunstwissenschaften 1951.

27 Könneker, Barbara: Sebastian Brant ”Das Narrenschiff”. Interpretation von Barbara Könneker. München: R. Oldenburg Verlag 1966.

28 Die Holzschnitte zu Sebastian Brants >Narrenschiff<. 121 Bildtafeln. Hrsg. von Manfred Lemmer. Leipzig: Insel-Verlag 1964.

29 Bildinterpretation und Bildverstehen. Methodische Ansätze aus sozialwissenschaftlicher, kunst- und medienpädagogischer Perspektive. Hrsg. von Winfried Marotzki, Horst Niesyto. Wiesbaden: VS Verlag für Sozialwissenschaften 2006 (= Medienbildung und Gesellschaft Bd. 2).

30 Hartl, Nina: Die ‚Stultifera Navis’. Jakob Lochers Übertragung von Sebastian Brants ‚Narrenschiff’. Münster: Waxmann Verlag GmbH 2001 (= Studien und Texte zum Mittelalter und zur frühen Neuzeit Bd. 1).

31 Hoffmann, Konrad: Wort und Bild im >Narrenschiff<. In: Literatur und Laienbildung im Spätmittelalter und in der Reformationszeit. Hrsg. von Ludger Grenzmann, Karl Stackmann. Stuttgart: J. B. Metzlersche Verlagsbuchhandlung und Carl Ernst Poeschel Verlag GmbH 1984. S. 392 – 417.

32 Virmond, Adelheid: Das Verhältnis von Text und Illustration in Sebastian Brants Narrenschiff. Diss. masch. Berlin: Freie Universität Berlin 1979.

Voss, Frederike: Das Mittelniederdeutsche Narrenschiff (Lübeck 1497) und seine Hochdeutschen Vorlagen. Weimar: Böhlan Verlag 1994.

33 Wilhelmi, Thomas: Sebastian Brant. Bern: Peter Lang Verlagsgruppe 1990 (= Arbeiten zur mittleren deutschen Literatur und Sprache 18). S.6.

34 Vgl.: Ebd. S.7.

35 Vgl.: Ebd. S.8.

36 Vgl.: Schneider 1994: S.15.

37 Vgl.: Wilhelmi 1990: S.15.

38 Vgl.: Brant 2005: S. 212 – 214.

39 Vgl.: Wilhelmi 1990: S. 18.

40 Harms, Wolfgang: Sebastian Brant und die Möglichkeit der frühen Bildpublizistik. In: Sébastian Brant, son époque et ’la Nef des fols’. Sebastian Brant, seine Zeit und das ‘Narrenschiff’. Hrsg. von Actes du Colloque international. Strasbourg: Gouthier-Louis Fink 1994 (= Collection Recherches Germanique N° 5). S. 25.

41 Vgl.: Wilhelmi 1990: S. 21.

42 Vgl.: Ebd. S. 29.

43 Vgl.: Lemmer 1964: S. 36.

44 Vgl. Wilhelmi 1990: S 34.

45 Vgl.: Schneider 1994: S.15.

46 Vgl.: Ebd.

47 Meint Flugblatt.

48 Meint Flugschrift.

49 Brednich, Rolf Wilhelm: Flugblatt, Flugschrift. In: Enzyklopädie des Märchens. Handwörterbuch zur historischen und vergleichenden Erzählforschung. Hrsg. von Rolf Wilhelm Brednich u.a. Bd. 4. Berlin: De Gruyter Verlag 1984. S. 1339 – 1358.

50 Brednich, Rolf Wilhelm: Einblattdrucke und illustrierte Flugblätter. In: Enzyklopädie des Märchens. Handwörterbuch zur historischen und vergleichenden Erzählforschung. Hrsg. von Rolf Wilhelm Brednich u.a. Bd. 2. Berlin: De Gruyter Verlag 1979. S. 337 – 345.

51 Vgl.: Schilling: 1990. S. 14.

52 Vgl.: Ebd. S. 15.

53 Das illustrierte Flugblatt der frühen Neuzeit. Traditionen-Wirkungen-Kontexte. Hrsg. von Wolfgang Harms, Michael Schilling. Stuttgart: S. Hirzel Verlag 2008. S. 74.

54 Schilling 1990: S. 53.

55 Vgl.: Ebd.

56 Vgl.: Harms/Messerli 2002: S. 11 – 23.

Ende der Leseprobe aus 58 Seiten

Details

Titel
Das Narrenschiff - Zur Ikonographiegeschichte eines populären Bildtyps
Hochschule
Universität Rostock  (Institut für Germanistik)
Note
1,0
Autor
Jahr
2010
Seiten
58
Katalognummer
V167684
ISBN (eBook)
9783640846696
ISBN (Buch)
9783640842971
Dateigröße
3720 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Die Arbeit enthält 58 Seiten.
Schlagworte
Sebastiab Brant, Albrecht Dürer, Flugblatt, Flugschrift, Holzschnitt, Narr, Stultifera Navis, Bildanalyse, Frühe Neuzeit
Arbeit zitieren
Stefanie Berteit (Autor), 2010, Das Narrenschiff - Zur Ikonographiegeschichte eines populären Bildtyps, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/167684

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