Historische Vorbilder des Totalitarismus in George Orwell`s '1984'


Hausarbeit, 2008

16 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Struktur und Ideologie
2.1. Der Staat „Oceania“
2.2. Die Diktaturen Hitlers und Stalins als Vorbilder

3. Der unterdrückte Mensch
3.1. Unterdrückung in „Oceania“
3.2. Die Diktaturen Hitlers und Stalins als Vorbilder

4. Die Propaganda
4.1. Die Einspeisung der “Ingsoc”-Ideologie
4.2. Die Diktaturen Hitlers und Stalins als Vorbilder

5. Die Angst-Politik

6. Resümee

1. Einleitung

„Wer immer den Wert der Literatur spürt, wer immer die zentrale Rolle sieht, die sie in der Entwicklung der Menschheitsgeschichte spielt, muß auch erkennen, daß es eine Frage von Leben und Tod ist, sich dem Totalitarismus zu widersetzen (...).“1

George Orwell

In einer Radioansprache der BBC im Jahre 1941 spricht George Orwell diese eindringliche Warnung vor der totalitären Regierungsform aus. Zu einer Zeit, in der sowohl in der UdSSR als auch Deutschland totalitäre Diktaturen herrschen, um sich greifen und damit über ihre Grenzen hinaus Schrecken verbreiten. Als Zeitzeuge im nahegelegenen, vom Totalitarismus bedrohten Britannien erlebt der sich politisch zum demokratischen Sozialismus bekennende2 Orwell mit, wie die Völker unter Stalin und Hitler nach und nach Rechte und Freiheiten verlieren, belogen, entmündigt, unterdrückt, gefoltert und sogar getötet werden. Auch, wenn er sich in seiner Radiorede auf die drohende Frage des Überlebens oder Sterbens der Literatur bezieht, so klingt trotzdem die Sorge aus diesen Worten, dass der Fall der freien Literatur nur ein Anfang sein kann.

Ein Anfang, der ohne Widerstand einen vernichtenden Verlauf nehmen und in einem menschenverachtenden, totalitären Staatssystem gipfeln kann, wie es Orwell in seiner Dystopie 1984 entworfen hat. Er vollendet den Roman 1948 und lässt darin seinen Hauptprotagonisten Winston Smith 36 Jahre später, 1984, in einer unheilvollen Zukunft das perfektionierte, pervertierte totalitäre Regime des Big Brother hinterfragen. Dass als real-historische Vorbilder dieses Staates „Oceania“ unter anderem die Diktaturen Stalins bzw. Hitlers dienten, ist naheliegend und wird auch von der Forschung klar dargelegt. So schreibt zum Beispiel John Atkins in seiner literarischen Studie „George Owell“: „The rulers of 1984 are the direct heirs of Hitler and Stalin (...).“3

In dieser Arbeit soll ansatzweise herausgearbeitet werden, inwiefern Orwells 1984 auf den Beobachtungen und Erfahrungen mit den totalitären Systemen seiner Zeit fußt und inwiefern man Hinweise auf z.B. realgeschichtliche Begebenheiten im Roman wiederfinden kann. Das hauptsächliche Augenmerk soll hier auf die vergleichbaren Merkmale der Systeme gelegt werden.

2. Struktur und Ideologie

“Therefore, from the point of view of the new groups who were on the point of seizing power, human equality was no longer an ideal to be striven after, but a danger to be averted.”4

2.1 Der Staat „Oceania“

In seinem Staat „Oceania“ entwirft Orwell das Bild eines totalitären Systems, dessen Regierung die einzig existente Partei „Ingsoc“ und deren Haupt „Big Brother“ ist. Die Gesellschaft von „Oceania“ ist nach einem streng hierarchischem Kastensystem aufgebaut, dass aus der „Inner Party“ (etwa 2% der Bevölkerung), der „Outer Party“ (etwa 13% der Bevölkerung) und den „Proles“ (etwa 85% der Bevölkerung) besteht; wobei die „Inner Party“ die Oberschicht und Staatslenkung, die „Outer Party“ das ausführende Organ und die „Proles“ das arbeitende Volk repräsentiert (Vgl. 1984, 208).

Es existiert keine Gewaltenteilung und kein geltendes Gesetz („ (...) nothing was illegal, since there were no longer any laws“ (1984, 6), sogar Vergangenheit und die damit verbundene Geschichtsschreibung unterliegt der Kontrolle des Systems; alle innen- sowie außenpolitische Belange des Staates und seiner Bevölkerung liegen in der Hand von Ingsoc (1984, 211). Das außenpolitische Ziel Ingsocs besteht in der praktisch allerdings nicht möglichen Auslöschung der beiden anderen Welt-Supermächte „Eurasia“ und “Eastasia“; wobei „Oceania“ immer mit einer der beiden Mächte im dauernden Kriegzustand lebt und mit der jeweils anderen verbündet ist (Vgl. 1984, 185). Innenpolitisch zeichnet sich „Oceania“ als Terrorstaat aus, der die Mitglieder der beiden „Parties“ quasi lückenlos durch die „Telescreens“ überwacht und die unterste Bevölkerungsschicht am Existenzminimum überleben lässt. Jede Bevölkerungsschicht ist primär mit der kriegsbedingten wirtschaftlichen Not und den damit einhergehenden erschwerten Lebensbedingungen ausgelastet, wobei den „Parties“ - besonders der „Inner Party“ - verschieden Privilegien wie z.B. Luxusgüter zuteil werden. Abgesehen von der Organisation des so erschwerten Überlebens, werden die ungebildeten „Proles“ durch verschiedene innenpolitisch gesteuerte Maßnahmen, wie Film oder auch Glücksspiel in Schach gehalten. Die Mitglieder der „Parties“ hingegen müssen sich in verschiedenen parteieigenen - meist propagandaverbundenen - Gruppierungen organisieren, wie z.B. der „Junior Anti Sex League“ (Vgl. 1984, 10) und an täglichen „Two Minutes Hate“-Vesammlungen teilnehmen (Vgl. 1984, 9). Neben der totalen Überwachung wird die Staatstreue der Bevölkerung durch die „Thought Police“ (Vgl. 1984, 3) überwacht und gegebenenfalls reglementiert, wobei letzteres kaum öffentlich geschieht, sondern vielmehr Menschen einfach verschwinden und zum Teil nie wieder auftauchen. Hier werden verschiedene z.T. nur gerüchteweise bekannte Bestrafungsmaßnahmen veranlasst, die von der Verbringung in „joycamps“ (1984, 306), also Zwangsarbeitslagern über Folter bis hin zur „vaporization“ (Vgl. 1984, 19), also der Liquidierung reichen.

2.2 Die totalitären Staaten Hitlers und Stalins als Vorbilder

Insbesondere die menschenverachtenden Strafen sind es, die den Leser dazu veranlassen an die Zwangsarbeits- bzw. Konzentrationslager und Gulags5 oder auch Umerziehungslager unter den Diktaturen Hitlers und Stalin zu denken. In dieser real-politischen Zeit der deutschen und russischen Geschichte verschwanden ebenfalls viele parteifeindlich Gesinnte und wurden in erwähnte „Einrichtungen“ verbracht, um die häufig ein beängstigender Mythos entstanden war - immerhin kehrte kaum jemand wieder zurück. Orwell hingegen dürften viele Details der Menschenverfolgung der Nationalsozialisten bekannt gewesen sein, da 1984 ja bereits nach dem Fall des Dritten Reiches entstand. Die eindringliche und erschütternde Weise in der Orwell die Folterung und Umerziehung des Winston Smith schildert lässt darauf schließen, dass ihm die Praxen dieser Terrorherrschaften nicht unbekannt waren. Doch das sind nicht die einzigen Parallelen zwischen der Wirklichkeit und Orwells Fiktion.

Der gesamte Aufbau des Systems „Ingsoc“ gleicht dem der Real-Diktaturen, ebenso wie diese einander glichen. „Orwell war einer der ersten Linken, (der) die Ähnlichkeiten der Systeme unter dem Begriff des Totalitarismus zusammenfasste“6 In der Tat waren die Regierungen ebenfalls hierarchisch gegliedert, wobei Hitler bzw. Stalin und deren jeweilige Parteien die Spitze bildeten. Judikative, Legislative und Exekutive unterstanden letztinstanzlich allein dieser Spitze, die im Gegensatz zu „Ingsoc“ ein allerdings parteiideologisches Rechtssystem einführten. Alle individuellen Aspekte des Lebens unterlagen regulierter Führung - was unter der nationalsozialistischen Bezeichnung „Gleichschaltung“ geführt wurde und in der UdSSR hauptsächlich durch die erzwungene Kollektivierung aller individueller Besitztümer seinen Anfang nahm. Auch in „Oceania“ stellt „wealth, in the sense of personal possesions“ (1984, 190) eine Gefahr für die Vormachtsstellung der Partei dar.

Doch auch die erwähnte „Thought Police“ findet ihr Pendant in der Geschichte. Als ausführende Gewalt und überwachendes Organ fungierten die durch die kommunistische Partei der Sowjetunion kontrollierte Geheimpolizei NKWD und die nationalsozialistische Gestapo, respektive SS. Besonders Letztere war durch die schwarze Uniformierung und schwere Stiefel gekennzeichnet, wie sie auch die „Thought Police“ in 1984 trägt (Vgl.1984, 222). Ein weiteres Kennzeichen der nationalsozialistischen Realität in 1984 sind die diversen organisierten Gruppierungen, wie die „Junior Anti Sex League“ oder auch die „Youth League“ und deren Untergruppierung „The Spies“, die mit den Jugendorganisationen Hitlerjugend bzw. den Jungen Pionieren Stalins verglichen werden kön]nen - und ebenfalls besonders zur Denunziation etwaiger Parteifeinde angeleitet wurden.

Letztlich führt Orwell auch verschiedenste Hinweise auf Dogmen der einen oder anderen Diktatur an, welche zu viele an der Zahl sind um sie hier ausführlich zu behandeln. Beispielhaft sei hier noch die „Ingsoc“-interne Vorstellung des idealen Menschen zitiert, die auffällig dem propagierten Rassenbild Hitlers gleicht: „ (...) tall muscular youths and deep bosomed maidens, blond-haired, vital, sunburnt, carefree-existed and even predominated“ (1984, 60).

[...]


1 Rundfunkansprache im BBC Overseas Service, 1941, in: Lewy, Gunther, Neumann, H. /Scheer, H. (Hrsg.): Plus Minus 1984, Freiburg 1983, S. 72

2 Neumann, H. /Scheer, H. (Hrsg.): Plus Minus 1984, Freiburg 1983, S. 13

3 Atkins, John: George Orwell - A Literary Study, Sussex 1954, S. 249

4 Orwell, George: 1984, Orlando: Signet Classics 1977, S.74

Das Werk 1984 von George Orwell wird im Folgenden nach dieser Ausgabe unter Verwendung des Sigle > 1984 < und Angabe der entsprechenden arabischen Seitenzahl zitiert.

5 Lowenthal, Richard: Beyond Totalitarism, in: Howe, Irwing (Hrsg.): 1984 - Revisted, New York 1983, S.236

6 Büthe, Lutz: Auf den Spuren George Orwells, Hamburg 1984, S.304

Ende der Leseprobe aus 16 Seiten

Details

Titel
Historische Vorbilder des Totalitarismus in George Orwell`s '1984'
Hochschule
Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf  (Anglistisches Institut)
Veranstaltung
Utopian Novels
Note
1,3
Autor
Jahr
2008
Seiten
16
Katalognummer
V167874
ISBN (eBook)
9783640847921
ISBN (Buch)
9783640843695
Dateigröße
428 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
historische, vorbilder, totalitarismus, george, orwell`s
Arbeit zitieren
Laura Helm (Autor), 2008, Historische Vorbilder des Totalitarismus in George Orwell`s '1984', München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/167874

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