Horst Brücks: Die Angst des Lehrers vor seinen Schülern


Seminararbeit, 2011

19 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Die Ausgangsbasis: Brücks Gedanken über die Schule
2. 1 Die Spur der Beziehungsebene
2. 2 Der gesellschaftliche Auftrag der Schule
2. 3 Wege zur Verringerung der Angst

3. Das Seminar
3. 1 Die Konzeption
3. 2 Erinnerung an die eigene Schulzeit
3. 3 Innere und äußere Erwartungen an den Lehrer

4. Das Praktikum
4. 1 Die Wissenschaftlichkeit der Verfahren
4. 2 Die Interaktionsschemata im Unterricht
4. 3 Die Beziehungsdefinitionen im Unterricht

5. Das Tiefeninterview
5. 1 Psychoanalyse und Unterrichtsnachbereitung

6. Schluss

7. Literatur

1. Einleitung

Die vorliegende Arbeit trägt den Titel „Die Angst des Lehrers vor seinen Schülern“. Das damit angesprochenen Thema löst zuerst einmal Befremden beim Leser aus, weiß er doch in der Regel noch aus der eigenen Schulzeit, dass es sich im allgemeinen genau umgekehrt verhält, die Schüler fürchten den Lehrer. Dieser Umstand wird häufig noch als zweckdienstlich angesehen. „Wenn die Kinder spuren“ ermöglicht dies doch einen „reibungslosen“ Unterrichtsablauf – aber schon Epikur gab vor mehr als zweitausend Jahren zu bedenken: „Wer Furcht verbreitet, ist selbst nicht ohne Furcht“[1] Mindestens zwei allgemein bekannte Tatsachen sprechen darüberhinaus dafür, sich mit dem Buch Horst Brücks zu befassen. Einmal leiden Lehrer häufig unter psychosomatischen Erkrankungen oder begeben sich in die Obhut eines Psychotherapeuten und zum anderen kann man fast täglich in der Zeitung lesen, dass gewalttätige Schüler den Unterrichtsablauf in der Schule in Frage stellen. Als Brück 1978 sein Buch veröffentlichte wusste er von derartigen Problemen allerdings noch wenig, seine Motivation ist anders gelagert. Die erste Euphorie der Schulreform scheint verflogen, nicht alle Blütenträume einer immer strenger auf „Wissenschaftlichkeit“ bedachten Pädagogik sind gereift. Horst Brück erlebte dies am eigenen Leibe. Er kam voller Elan mit dem ganzen Rüstzeug der Lehrerausbildung und dem festen Vorsatz alles besser zu machen als die vorhergehende Lehrergeneration in die Schule. Dennoch musste er erkennen, dass auch sorgfältigste Unterrichtsplanung und das ganze Instrumentarium moderner Didaktik keine Garantie für einen gelungenen Stundenverlauf sind. Er erkannte, dass zum Unterrichtsgeschehen neben der inhaltlich – fachlichen eine Beziehungsebene gehört die von privat – familiären Elementen bestimmt ist. Und gerade diese Beziehungsebene liefert häufig die Fallstricke, die den Unterrichtsalltag für alle Beteiligten so schwierig werden lassen und die schon manche schöne Unterrichtskonzeption ins Wanken brachten. Zum Verständnis dieser Seite des Unterrichts war die Lehrerausbildung wie Brück sie genossen hatte, offensichtlich wenig hilfreich.

Fortan widmete er sich der Erforschung der Beziehungsebene in der Sekundärsozialisation, denn als solche muss er den Unterricht mehr und mehr auffassen, hinter diesem Erziehungsauftrag, der unter einem Stichwort wie – Einübung in die Erwachsenenwelt – zusammengefasst werden könnte, tritt für Brück die Vermittlung von Inhalten, immer an der Rand. Mit Hilfe gruppendynamischer und psychoanalytischer Methoden geht er an die Bearbeitung des von ihm erkannten Problems. Seine Stellung als in der Lehrerausbildung tätiger Hochschullehrer ermöglicht ihm, ein Ausbildungsseminar, das zur Vorbereitung eines Schulpraktikums dienen soll, ganz auf die Erforschung der Beziehungsebene im Unterrichtsgeschehen auszurichten. Im Folgenden möchte ich versuchen die Ergebnisse und Methoden des Brückschen Seminars darzustellen. Im Verlauf der Darstellung könnte sich erweisen, die Probleme psychische Schwierigkeiten beim Lehrer und Gewalt in der Schule, die ich mit dem Titel des Brückschen Buches assoziiert hatte, doch nicht außerhalb der Reichweite der Überlegungen Brücks liegen. Meine Arbeit wird, da sie sich fast ausschließlich auf Brück stützt, im Wesentlichen der von ihm gewählten Gliederung folgen. Ansonsten nutze ich noch das Internet.

2. Die Ausgangsbasis: Brücks Gedanken über die Schule

2. 1 Die Spur der Beziehungsebene

Die Wichtigkeit einer sorgfältigen Unterrichtsvorbereitung, die auf den Kenntnissen, die im Rahmen der universitären Lehrerausbildung oder ähnlichen Veranstaltungen erworben wurden stellt auch Horst Brück zu keinem Zeitpunkt in Frage. Dennoch weist er auf ein Defizit in der Lehrerausbildung hin, dessen Folgen sich häufig in gestörten Unterrichtsverläufen äußern. Ein typisches Beispiel für die Art der Störungen ist folgende von Brück geschilderte Szene:

„ … Der Unterricht war ziemlich zufriedenstellend verlaufen, und die Schüler waren in der dritten Stunde intensiv damit beschäftigt, mit Waschmalkreide, ein Bild zu dieser Geschichte zu malen. Ich stand etwas erschöpft, aber sehr zufrieden am Fenster in der Nähe von Uwes Tischgruppe. Ich freute mich über den allumfassenden Arbeitseifer…Ich stand in kurzer Entfernung hinter Uwe und sah dem Jungen zu, als dieser sich plötzlich halb zu mir umwendete und für alle deutlich hörbar, aber in eher beiläufigem Tonfall sagte: „Du Papa kannst Du mal eben gucken?“ Die Stille hielt an, aber die Köpfe hoben sich wie elektrisiert …“[2]

Brück setzt die Schilderung der Szene fort: im nächsten Moment geht der Rest der Stunde in tosendem Gelächter der Klasse unter und obwohl er dem Ausgelachten beistehen möchte, findet nicht das Rechte Mittel dafür: In einer anderen Szene sagt ein Mädchen, dass sie ihr Heft nicht mit nach Hause nehmen möchte um es zum erstenmal seiner Mutter zu zeigen:

Ich spiele doch immer, daß du meine Mama bist, und da zeig ich dir jetzt mein Heft, und dann brauch ich es doch nicht mehr mit nach Hause nehmen.“[3]

Derartige Erlebnisse und die Erfahrung der dabei vom Lehrer selbst empfundenen Hilflosigkeit weisen für Brück auf einen bedrängenden privaten Anteil der Lehrer – Schüler – Beziehung. Die übliche Lehrerausbildung beschränkt sich jedoch auf den allgemein wissenschaftlichen fassbaren Bereich, sie enthält damit geradezu die Aussperrung des persönlichen, besonders und des privaten Bereichs. Das besondere an dieser Feststellung ist, dass es sich also bei diesem blinden Fleck der Lehrerausbildung nicht um ein beliebig korrigierbares Versäumnis handelt, sondern hier wird geradezu der Preis für den Anspruch auf Wissenschaftlichkeit entrichtet; Wissenschaft will ja gerade zu objektiven und überpersönlich gültigen Verfahren und Ergebnissen gelangen.[4]

2. 2 Der gesellschaftliche Auftrag der Schule

Aus seiner eigenen Erfahrung als Lehrer weiß Brück, dass im Unterricht privat – persönliche Anteile mit beruflich – öffentlichen eng verschlungen sind. Die reflexive Bearbeitung, z.B. in der Unterrichtsvorbereitung hält sie säuberlich getrennt. Er gelangt zu der Feststellung, dass auch dies eine strukturelle Gegebenheit von Schule ist, denn die Wirkungen privater Betroffenheit enthalten, wie die oben zitierten Szenen verdeutlichen die Tendenz zur Zerstörung beruflich – institutioneller Formen. Anders ausgedrückt die angestrebte Arbeitssituation und Atmosphäre gerät in den Zustand der Auflösung, wenn sich Dinge wie die zitierten „Fehlstellungen“ ereignen. Was liegt diesen Phänomenen zugrunde? Brück setzt das beruflich – institutionell vom Lehrer geforderte Verhalten, mit dem „Erwachsenen“ schlechthin gleich. Die geschilderten Szenen hingegen deuten für Brück auf dessen völligen Gegensatz hin: Das Kindliche, Unerwachsene und Ungezogene. Die Reihe lässt sich fortsetzen: das Kreative, das Ungehemmte, das Spontane, das Undisziplinierte und Disziplinlose, das Impulsive, das Verstockte, das Trotzige, das Unmittelbare, das Vorbehaltlose, das Lachende, das Weinende, Liebende, das Hassende, das Aggressive und das Sexuelle.[5]

Für Brück besteht nun der eigentliche Zweck von Schule darin, die Kinder nach und nach dazu zu bewegen, ihre Kindlichkeit aufzugeben und sie durch Merkmale zu ersetzten, die in unserer Gesellschaft als „erwachsen“ bezeichnet werden. Im Unterricht ist die Kindlichkeit in zwei Formen mit von der Partie: in ursprünglicher Form auf Seiten der Kinder und in einer latenten auf Seiten des Lehrers, denn jeder Erwachsene behält einen Kindlichen Anteil zurück. Brück geht nun davon aus und die die Verlegenheit in die die Lehrer in den zitierten Beispielen geraten sind unterstützen diese These, das Erwachsenheit unter den Kindern verbreiten soll und keinesfalls seine eigene Erwachsenheit einbüßen darf. Brück kommt zu dem Schluss, dass die in der Ausbildung erworbene Lehrerqualifikation unter anderem dazu dienen soll seine eigene Angst abzuwehren.

Die verbliebene eigene Kindlichkeit bildet, aber dennoch wie Brück sich ausdrückt den allergischen Punkt, von dem aus stets wieder neue Ängste ausgehen können.[6]

[...]


[1] (Zitiert nach) Horst Brück, „Die Angst des Lehrers vor seinen Schülern“, Hamburg 1978, S. 44

[2] Brück, S. 25f

[3] Brück, S. 27

[4] Vgl. Brück, S. 29 ff

[5] Vgl. nach Brück, S. 36

[6] http://www.sueddeutsche.de/bayern/schule-die-angst-des-lehrers-vor-der-benotung-1.374526

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Details

Titel
Horst Brücks: Die Angst des Lehrers vor seinen Schülern
Hochschule
Universität Potsdam
Note
1,3
Autor
Jahr
2011
Seiten
19
Katalognummer
V167908
ISBN (eBook)
9783640907267
ISBN (Buch)
9783640907656
Dateigröße
476 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
horst, brücks, angst, lehrers, schülern
Arbeit zitieren
BA Christoph Staufenbiel (Autor), 2011, Horst Brücks: Die Angst des Lehrers vor seinen Schülern, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/167908

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