Computer als Gedächtnismaschinen? Die Darstellung des Kollektiven Gedächtnisses im Datenuniversum


Hausarbeit (Hauptseminar), 2000

24 Seiten, Note: sehr gut


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Inhalt

0. Einleitung

1. Das kollektive Gedächtnis – zwei Theorien
1.1 Versuch einer Begriffsbestimmung
1.2 Maurice Halbwachs: das Gedächtnis der Gruppen
1.3 Peter M. Hejl
1.4 Zusammenfassung

2. Kultur als kollektives Gedächtnis und Zeichensystem

3. Kollektives Gedächtnis und Medien
3.1 Medienbegriff und kollektives Gedächtnis
3.2 Medienbegriff und Speicherfunktion
3.3 Computer als Medium

4. Sind Computer Gedächtnismaschinen
4.1 Winkler: Das priviligierte Medium des kollektiven Gedächtnisses?
4.2 Formale Sichtweisen des Computers als Gedächtnismedium
4.3 Abschließende Fragen

Literaturverzeichnis

0. Einleitung

Das Thema des kollektiven Gedächtnisses und seiner medialen Darstellung hat sich in den achtziger und neunziger Jahren zu einem Forschungsschwerpunkt der Kulturwissenschaften entwickelt. Allerdings blieben diese Untersuchungen meist auf die Einschreibung in traditionelle analoge Medien, besonders die Schrift, beschränkt. Eine mögliche zukünftige Rolle der digitalen Netzwerke wurde bisher kaum diskutiert.

In einem Kapitel seines Werks „Docuverse“ widmet sich nun Hartmut Winkler den Computern als „Gedächtnismaschinen“. Ausgangspunkt seiner „Medientheorie der Computer“ ist die These, daß die Wünsche der Menschen als Antriebsmotoren der Medienentwicklung anzusehen seien. Auch der Computer (der bei ihm als Synonym für das „Datenuniversum“ steht) stellt für ihn eine „Wunschmaschine“ in diesem Sinne dar.

Indem Winkler den Computer als primär sprachliches Medium betrachtet, konstatiert er den Wunsch nach einer Aufhebung der Differenz zwischen Sprache 1 (Sprache im Außenraum, entsprechend der Saussureschen parole) und Sprache 2 (Sprache als System im Gedächtnis der Menschen, die langue bei Saussure) im Datenuniversum. In der Sprache 2 erkennt er eine Netzstruktur, die er der Hypertextstruktur der Datennetze gegenüberstellt. Das Rechneruniversum zielt für ihn auf eine Externalisierung dieser Sprache als System.[1]

Mit der Externalisierung des Gedächtnisses im Datenuniversum beschäftigt sich das Kapitel „Gedächtnismaschinen“. Winkler geht davon aus, daß das menschliche Gedächtnis seit jeher im Außenraum in technologische Stützen eingeschrieben wird. Eine Medientheorie des Computers kann allerdings nicht vom individuellen Denken her konzipiert werden, da sich schon immer Mensch en und Maschin en im Plural (oder Technik) in einer bereits vorgefundenen, symbolischen Welt gegenüber gegenüber standen. Der Computer soll also nicht vom individuellen Gedächtnis, sondern vom kollektiven Gedächtnis und intersubjektiven Raum aus begriffen werden. Winkler fragt, wie die Beziehung zwischen dem Gedächtnis und seinen instrumentalen Prothesen beschrieben werden und ob der Computer als „priviligiertes Medium“ eines opak gewordenen kollektiven Gedächtnisses gedacht werden kann. (Winkler 1997:81-82)

Dieser Frage möchte ich in meiner Arbeit weiter nachgehen.

Mit Halbwachs und Hejl stelle ich im ersten Kapitel zwei Theorien des kollektiven Gedächtnisses vor, die ich für besonders geeignet halte, die Gedächtnisfunktionen in den differenzierten Gesellschaften der Gegenwart zu beschreiben.

Im zweiten Kapitel beziehe ich mich auf einen Aufsatz von Roland Posner, der Kultur aus der Perspektive der Semiotik als Zeichensystem und „Gedächtnis“ von Gesellschaft beschreibt.

Die Beziehung zwischen kollektivem Gedächtnis, Medien und Computer wird im dritten Kapitel behandelt, wobei ich besonders auf den Medienbegriff näher betrachte.

Im vierten und letzten Kapitel möchte ich versuchen, mit dem zuvor erarbeiteten Instrumentarium die Frage nach dem Datenuniversum als symbolische Maschine des kollektiven Gedächtnisses zu diskutieren. Dazu gebe ich das Winklersche Fazit wieder und schlage drei weitere, eher formale Perspektiven vor, den Computer als „Gedächtnismaschine “ anzusehen. Zum Abschluß möchte ich kurz auf einige allgemeine Probleme in der Beziehung zwischen Computer und kollektivem Gedächtnis eingehen.

1.Das kollektive Gedächtnis – zwei Theorien

1.1. Versuch einer Begriffsbestimmung

Die Gedächtnisforschung erlebt seit einiger Zeit eine Konjunktur. Neue Impulse gehen von zwei unterschiedlichen Disziplinen aus, den Kognitionswissenschaften und den Kulturwissenschaften.

In den Kognitionswissenschaften wird ein konstruktivistisches Modell des individuellen Gedächtnisses favorisiert (hierfür steht die Richtung des Radikalen Konstruktivismus in Deutschland, s.a. Schmidt 1991). Als zentrale Thesen dieses Modells können genannt werden:

- Gedächtnistätigkeit ist Konstruktionsarbeit, Wahrnehmungen, Erlebnisse und Informationen werden bearbeitet.
- Das Gedächtnis speichert nur, was neu und relevant ist, Vergleichsparameter für Neuheit und Relevanz liefert es aus sich selbst . Es ist hoch selektiv.
- Das Gedächtnismaterial ist nach Sinnkategorien geordnet.
- Gedächtnisinhalte sind an Affekte gebunden, Affekte gehen in Bewertung des Inhalts ein.

Die kulturwissenschaftliche Perspektive, vertreten u.a. von Aleida und Jan Assmann, versteht Kultur als Gedächtnis von Gesellschaft. Das Konzept des „Kollektiven Gedächtnisses“, von Maurice Halbwachs zuerst 1925 formuliert, wird weiterentwickelt und modifiziert. Als „Kulturelles Gedächtnis“ definiert Jan Assmann „den jeder Gesellschaft und jeder Epoche eigentümlichen Bestand an Wiedergebrauchs-Texten, -Bildern und -Riten, in deren ‚Pflege‘ sie ihr Selbstbild stabilisiert und vermittelt, ein kollektives geteiltes Wissen vorzugsweise (aber nicht ausschließlich) über die Vergangenheit, auf das eine Gruppe ihr Bewußtsein von Einheit und Eigenart stützt“. Er grenzt es ab gegen das „kommunikative“ oder „Alltagsgedächtnis“ einerseits (nur dieses ist für ihn Gegenstand von Halbwachs‘ Analyse) und gegen die objektivierte Geschichtswissenschaft andererseits. Assmann faßt das „Kollektive Gedächtnis“ als Oberbegriff, der „Kulturelles“ und „kommunikatives“ Gedächtnis einschließt. (Assmann 1988:9-10, 15)

Ob der Begriff des Kollektiven Gedächtnisses nur als Metapher zu sehen ist, wird kontrovers diskutiert: Wenn Halbwachs von einem „Gruppengedächtnis“ spricht, scheint er es als Subjekt einzusetzen. Gegen diesen Gebrauch spricht sich auch Assmann aus. Paul Ricoeur (Ricoeur 1998) schlägt vor, den Begriff eines kollektiven Gedächtnisses nicht als ursprünglichen, sondern als rein operativen Begriff zu verwenden. Eigenschaften des individuellen Gedächtnisses können in analoger Übertragung einem Gruppengedächtnis zugeschrieben werden. Dieser Begriff stellt dann keine lokalisierbare Einheit dar, ist aber für eine Mentalitäten- oder Kulturgeschichte von großem Nutzen.

Ich werde im folgenden zwei Theorien des Kollektiven Gedächtnisses ausführlicher darstellen: Maurice Halbwachs‘ Konzept eines Gedächtnisses der Gruppen und den Ansatz von Peter M. Hejl, der das Produktionsmodell des individuellen Gedächtnisses auf gesellschaftliche Gedächtnisse übertragt. Maurice Halbwachs‘ Theorie scheint mir gerade in ihrer Alltagsorientierung aktueller als die neueren Ansätze von Jan und Aleida Assmann, die Identität aus einer über Jahrhunderte angelegten Hoch- und Schriftkultur herleiten, die m.E. in den modernen Gesellschaften Ende des 20.Jahrhunderts immer stärker an Bedeutung verliert.

1.2 Maurice Halbwachs: Das Gedächtnis der Gruppen

Der französische Soziologe Maurice Halbwachs beschreibt in seinen Werken „Les cadres sociaux du mémoire“ (1925) und „La mémoire collective“ (1950 aus dem Nachlaß veröffentlicht) Gedächtnis als soziales Phänomen. Halbwachs war Schüler von Henri Bergson und Emile Durkheim, in seiner Theorie kann man die Bestrebung erkennen, die Gedächtnisphilosophie Bergsons mit dem Begriff des Kollektivbewußtseins Durkheims zu verbinden.

Das Gedächtnis des Einzelnen ist für Halbwachs immer schon kollektiv geprägt: „es gibt kein mögliches Gedächtnis außerhalb derjenigen Bezugsrahmen, deren sich die in der Gesellschaft lebenden Menschen bedienen, um ihre Erinnerungen zu fixieren und wiederzufinden“. Das kollektive Gedächtnis muß als eigenständige Entität betrachtet werden, die mehr ist als eine Kombination der individuellen Gedächtnisinhalte. „Das Individuum erinnert sich, indem es sich auf den Standpunkt der Gruppe stellt, und das Gedächtnis der Gruppe verwirklicht und offenbart sich in den individuellen Gedächtnissen“ (Halbwachs 1985:23). Erinnerungen entstehen erst in der Kommunikation mit der sozialen Umgebung. Es gibt keine Wahrnehmung ohne Erinnerung an bestimmte Begriffe, die durch die Konventionen der Gruppe bestimmt werden, und gleichzeitig keine rein innere Erinnerung ohne vorausgegangene Wahrnehmung. (1985:363-364)

Den Begriff der Gruppe wird von Halbwachs nicht deutlich definiert, als Beispiele nennt er Familien, religiöse Gruppen und soziale Klassen, bleibt also unterhalb der Ebene einer Nationalkultur.

Neben der sozialen ist die materielle, räumliche Umgebung für Halbwachs entscheidend für eine Traditionsbildung einer Gruppe. In ihrer Permanenz erlangen die Dinge Bedeutung und stützen eine „relative Beständigkeit der sozialen Gruppe“. „Jeder Gegenstand, auf den wir stoßen, [...] erinnert uns an eine vielen Menschen gemeinsame Seinsweise“. Die Gegenstände haben „einen Sinn, den wir spielend entziffern“ (1967:2 , 129, 128). Dabei denkt Halbwachs weniger an herausgehobene Monumente, sondern an eine alltägliche häusliche oder städtische Umgebung, das Mobiliar, die Plätze der Stadt.

Zentral ist der Begriff der sozialen Rahmen bei Halbwachs („Cadres sociaux“). Rahmen werden erst allgemein als „gesellschaftliche Bezugsrahmen“ (1985:21) definiert. Später aber präzisiert Halbwachs: Rahmen ordnen Ereignisse ein, sind aber auch mit diesen identisch: „Die Ereignisse sind Erinnerungen, aber der Rahmen ist gleichfalls aus Erinnerungen gebildet“. „Rahmen sind kein statisches System von Daten und Örtlichkeiten“ und auch nicht nur momentan von unserem Bewußtsein wahrnehmbaren Vorstellungen, sondern auch alle die, die durch einfache Reflexion, von diesen Rahmen ausgehend, erschlossen werden (1985:181). Die Rahmen verändern die Eindrücke, aber der Eindruck modifiziert auch den Rahmen. Die Rahmen müssen ständig gewechselt werden und an neue Erfordernisse angepaßt werden. (1985:189). Auch das Vergessen läßt sich über den Begriff der Rahmen erklären: es ist ein „Verschwinden dieser Rahmen oder eines Teils derselben“, und „erklärt sich aber auch aus der Tatsache, daß die Rahmen von einem Zeitabschnitt zum anderen wechseln“. Erinnert wird also nur, was einen Bezugsrahmen in der sozialen Gegenwart hat.[2]

Auch wenn ein Bezug auf die Sprache bei Halbwachs nur an wenigen Stellen explizit zu finden ist, so wird doch deutlich, daß er Sprache als grundlegend für die Konstituierung eines sozialen Gedächtnisses auffaßt: „Die verbalen Konventionen bilden also den zugleich elementarsten wie dauerhaftesten Rahmen des kollektiven Gedächtnisses“. Die symbolische Ordnung bestimmt unsere Erinnerungen. Ein Speichermodell des Gedächtnisses lehnt er ab: Die Vergangenheit wird nicht photographisch, als „Abzug“ in den individuellen Gedächtnissen gespeichert, sondern kann immer nur innerhalb eines Systems von gesellschaftlichen Konventionen wie z.B. Sprache konstruiert werden (1985:368-369). Erinnern ist damit eine Konstruktion, die durch die Gesellschaft bestimmt ist.

Aber Erinnerung wird nicht nur durch Konventionen geprägt, sondern Konventionen können selbst als Erinnerungen aufgefaßt werden. „Soziale Überzeugungen ... sind kollektive Traditionen oder Erinnerungen, aber sie sind zugleich auch Ideen oder Konventionen“ (1985:389).

Hartmut Winkler entwickelt aus dieser These ein zyklisches Modell: ein Prozeß (Handlungen, Traditionen, Erinnerungen) wird mit einer Struktur (Ideensysteme Konventionen, Sprache, verschränkt). Die Ereignisse schreiben sich in das kollektive Gedächtnis ein -> verdichten sich dort -> werden umgeformt zu gesellschaftlichen Überzeugungen und Institutionen -> wirken zurück in Denken und Handeln der Individuen. Damit ist das kollektive Gedächtnis nach Winkler noch deutlicher nicht als statischer Speicher, sondern als dynamischer Diskurs zu denken. Das prozessuale Modell des individuellen Erinnerns kann also metaphorisch auf das kollektive Gedächtnis übertragen weden. (Winkler 1997:99-100).

Gegen die „mémoire collective“, das lebendige Gedächtnis setzt Halbwachs die „histoire“, den Diskurs der Geschichtsschreibung. Während das Kollektivgedächtnis bemüht ist, Ähnlichkeiten zu erkennen und sich so in einen oder verschiedene Rahmen (oder Identitäten, der Begriff Identität kommt bei Halbwachs allerdings so nicht vor) einzuordnen, ist die Historiographie vor allem an der Beschreibung von Veränderungen interessiert (Halbwachs 1967:73). Sie trennt Vergangenheit von Gegenwart und ist bedeutungsneutral. Aleida Assmann modifiziert diese Gegenüberstellung und beschreibt das lebendige Gedächtnis („Funktionsgedächtnis“) und die Historie („Speichergedächtnis, Archiv“) als zwei Modi der Erinnerung, die zueinander in einer Vordergrund-Hintergrund-Beziehung stehen, also nicht in einer Opposition wie bei Halbwachs. Sie plädiert für eine Verschränkung dieser beiden Modi (Assmann 1999:136).

1.3 Peter M. Hejl

Ausgehend von einer Kritik am Speichermodell des individuellen Gedächtnisses beschreibt Peter M. Hejl das Gedächtnis von Gesellschaft mit dem Instrumentarium der Systemtheorie.

Ein soziales System besteht aus Komponenten (aktiven Einheiten, den Individuen) sowie aus der Organisation, die diese Komponenten bilden. Es liegt für ihn dann vor, wenn „eine Menge von Individuen eine gemeinsame Wirklichkeitsfestlegung oder – konstruktion ausgebildet (oder übernommen) hat und mit Bezug auf sie direkt oder indirekt interagiert“. Diese Wirklichkeitsfestlegung nennt er synreferentiell (Hejl 1991:303/304) – hier scheint mir der Rahmenbegriff von Halbwachs sehr nah. Im Gegensatz zu homogenen Gemeinschaften sind Gesellschaften in ihrer Struktur hoch arbeitsteilig, ihre Komponenten sind stark selektiv vernetzt. Wissensbestände treten auseinander, nur in spezialisierten Subsystemen ist noch erfolgreiche Kommunikation möglich.

„Das Gedächtnis von Gesellschaft ist: 1. Als gemäß dem sozialen Differenzierungsprozeß partikulares und nur teilweise zwischen den Komponenten übereinstimmendes Wissen über alle Komponentenindividuen verteilt und 2. In der zwischen ihnen bestehenden Organisation verkörpert.“ (1991:324)

Zurückgehend auf Durkheim, sieht Hejl Gesellschaft und ihr Gedächtnis als einen Organismus (1991:308), ein „überindividuelles Gehirn“ (Winkler 1997:118), das aber in sich hoch differenziert ist.

Komponenten und Organisation stehen in einem ständigen Wechselverhältnis. Erfahrungen machen oder etwas erinnern führt zu einer Veränderung der Komponenten und deren Verhalten, was wieder auf die Systemorganisation zurückwirkt und diese verändert. „‚Erfahrungen machen‘ oder ‚Merken‘ führt zu Komponentenveränderungen, die ihrerseits, wenn sie stabilisiert werden, in Veränderungen der Konnektivität, das heißt in Organisationsveränderungen münden“ (Hejl 1991:321)

Während im Speichermodell des Gedächtnisses Ereignisse immer nur einer „objektiv richtigen“ Bedeutung (Repräsentation) zugewiesen werden, ist das Produktionsmodell (des individuellen und des Kollektiven Gedächtnisses) handlungsorientiert. Es begreift Erinnern als „aktuelle Produktion im Zusammenhang von jeweils wahrgenommenen Handlungsnotwendigkeiten“ (1991:329)

1.4 Zusammenfassung

Halbwachs‘ und Hejls Beschreibungsmodelle der Prozesse des kollektiven Gedächtnisses scheinen mir trotz methodischer Unterschiede wichtige Gemeinsamkeiten aufzuweisen:

Beide gehen von differenzierten Gesellschaften aus, in denen nur in einzelnen sozialen „Gruppen“ (Halbwachs) oder „Subsystemen“ (Hejl) noch übereinstimmende sinngebende Erinnerung möglich ist. Erinnern und Handeln des Einzelnen spielt sich nie nur in einem sozialen Rahmen ab, vielmehr ist jeder durch unterschiedliche Konnektivitäten mit der Gesellschaft vernetzt. Gedächtnis ist für beide nicht statischer Speicher, sondern dynamischer Prozess. Auch wenn Halbwachs Theorie noch stark an stabilen sozialen Gruppen orientiert ist, deren „Gedächtnis“ relativ konstante Identitäten hervorbringt, so enthält sein Ansatz m.E. doch das Potential zur Beschreibung extrem dynamischer gesellschaftlicher und technischer Entwicklungen, wie sie die Industriestaaten in der zweiten Hälfte dieses Jahrhunderts bestimmt haben.

2. Kultur als kollektives Gedächtnis und Zeichensystem

Es ist wohl unbestritten, daß die Semiotik als Wissenschaft aller kulturellen Ausdrucksformen zu betrachten ist. Sie „ist eine Disziplin, die sich mit der gesamten Kultur beschäftigen kann und muß“. „Sie untersucht alle kulturellen Phänomene als Kommunikationsprozesse“ (Eco 1972:38). „Kulturen sind Zeichensysteme“ (Posner 1991:39).

Dennoch finden sich in der semiotischen Literatur bisher nur wenige Auseinandersetzungen mit dem Begriff des Kollektiven Gedächtnisses. Zu nennen ist Aleida Assmanns Artikel im Handbuch der Semiotik. Indem die Menschen Wissen durch Zeichen fixieren, wird der Kommunikationsraum erweitert. Kulturen basieren auf solchen Zeichen, die Information sowohl synchron als Gesellschaftsbildung im Raum als auch diachron als Traditionsbildung einer Gesellschaft über mehrere Generationen hinweg organisieren und so ein intersubjektives, überzeitliches Gedächtnis aufbauen. Sie faßt den Begriff einer „Kulturellen semiotischen Praxis“ jedoch sehr eng und bezieht sich nur auf Zeichen, die „einer dafür auszubildenden Kunst der Deutung bedürfen“, also magische, literarische und „Verstellungszeichen“. (Assmann 1997:711-712)

Dagegen versucht Roland Posner in dem Aufsatz: „Was ist Kultur?“ mit dem Instrumentarium der Semiotik Aussagen über Kultur als Ganzes treffen. Er betrachtet Kultur als „Gedächtnis“ der Gesellschaft, „sie ist ein kollektiver Mechanismus für die Informationsspeicherung [Hervorhebung des Autors] (Posner 1991:65). Er unterscheidet soziale Kultur (Gesellschaft = Menge von Individuen), materiale Kultur (Zivilisation = Menge von Texten) und mentale Kultur (Mentalität = Menge von Codes) (1991:37-38). Dabei versteht er unter einem Text nicht nur jede sprachliche Niederlegung, sondern jedes Artefakt, dem in einer Kultur eine Standardfunktion zugeordnet ist und das kodiert ist, d.h. dem in einer Kultur durch einen Code ein oder mehrere Signifikate zugeordnet werden (1991:46). „Ein kulturelles Zeichensystem besteht aus individuellen und kollektiven Zeichenbenutzern, die Texte produzieren, in denen mittels konventioneller Kodes Botschaften formuliert sind, welche den Zeichenbenutzern die Bewältigung ihrer Lebensprobleme ermöglichen“ (1991:53-54).

Ein kollektives Gedächtnis manifestiert sich in der Herstellung von Texten mit Hilfe kultureller Codes und ihrer Rezeption mit Hilfe von Indikationsprozessen. Da einzelne Texte stets gefährdet sind, wird das Überleben der codierten Information durch Vervielfältigung der Texttoken oder Einbeziehung in ein Ritual gesichert. Als besonders stabil können Informationen gelten, die in der Struktur von zentralen Codes gespeichert sind und bei jeder Anwendung mitformuliert werden, z.B. die Zeitmodalitäten in den Grammatiken der natürlichen Sprachen, die unsere Zeitkonzeptionen bestimmen.

Eine weitere Form der Informationsspeicherung sind Monumente, die den Kode überdauert haben, der sie produzierte. Hier muß laut Posner die Gesellschaft durch Rekonstruktion des Kodes und der Signifikate die Botschaften in neue, sinnschaffende Texte übersetzen.

Diese „Verfahren der Textformulierung, Ritualisierung, Gattungsbildung, Grammatikalisierung und Monumentalisierung“ sind es, „die die Identität einer Kultur aufrechterhalten und die strukturellen Information enthalten, die deren weitere Entwicklung bestimmt.“ (1991:66-67) Andererseits wirken sie aber auch als starke Informationsfilter, die die Reichhaltigkeit von kulturellen Informationen extrem reduziert.

Auch Posners Ausführungen über die Zentralität von Codes scheinen mir für medientheoretische Überlegungen interessant : Ein Code ist dann zentral in einer Kultur, wenn er 1. über eine weite Distribution verfügt, 2. in großer Frequenz verwendet wird und 3. ein hohes Prestige genießt (1991:61). Aus dieser Zentralität könnte man sicher auch die Bedeutung eines Codes für die Niederlegung des kollektiven Gedächtnisses ableiten.[3]

3.Kollektives Gedächtnis und Medien

3.1 Medienbegriff und kollektives Gedächtnis

Joachim R. Höflich definiert Medien in einem allgemeinen Sinne als „jede Art von Vermittlung ... , die dazu dient Kommunikation zu ermöglichen“, wobei er als Beispiele u.a. Sprache, Schrift, Kleidung, Artefakte nennt (Höflich 1996:17). Dieser sehr weite Medienbegriff deckt sich fast vollständig mit dem Posnerschen Textbegriff (s.o.). Auch Böhme-Dürrs Definition von „Medien als Mittel zur Kommunikation, also zur Weitergabe von Zeichen“ paßt sich in diesen Begriffsrahmen ein, wenn man jedes Artefakt als Zeichenträger (zumindest) seiner Funktion auffaßt. Sucht man Verbindungslinien zwischen kollektivem Gedächtnis und Medien herzustellen, halte ich es für sinnvoll, zuerst auf diesen generellen Medienbegriff zurückzugreifen, bevor man diesen später noch differenziert (siehe 3.2).

Ein kollektives Gedächtnis kann sich erst mit der symbolischen Einschreibung in seiner Inhalte in Medien, sei es Sprache oder Werkzeug, konstituieren. Besonders deutlich hat der französischen Paläontologe Leroi-Gourhan die Beziehung zwischen Evolution, kollektivem Gedächtnis, Sprache und Technik beschrieben. Als entscheidend für die Entwicklung der Menschheit betrachtet er die Fähigkeit zur Symbolisierung oder allgemeiner zur Externalisierung des Gedächtnisses. Gedächtnisinhalte werden extern durch Zeichen in Sprache oder Werkzeug repräsentiert, ein intersubjektives Gedächtnis ist so schon lange vor der Erfindung der Schrift gegeben (Winkler 1997:106). Dem Medium Sprache kommt eine entscheidende Rolle zu: “Das individuell konstruierte Gedächtnis und die Einschreibung persönlicher Verhaltensprogramme sind vollständig durch das Wissen kanalisiert, dessen Bewahrung und Übertragung die Sprache in jeder ethnischen Gemeinschaft sichert.“ (Leroi-Gourhan 1980:285).

3.2 Medienbegriff und Speicherfunktion

In diesem sehr allgemeinen Sinne könnte also jedes Medium als Speichermedium des Gedächtnisses beschrieben werden.

Betrachtet man jedoch einige engere Mediendefinitionen, die vor allem an den technisch vermittelten Massenmedien orientiert sind, so fällt auf, daß eine Speicherfunktion nicht erwähnt ist . Auch Posner (Posner 1985:255) spricht nur von Produktion, Distribution und Rezeption von Zeichen. Selbst das Buch als traditionelles Speichermedium schlechthin wird in diesem Zusammenhang nur implizit genannt. Dagegen geht Kittler (Kittler 1993:8) nur vom Modell des Computers aus, wenn er Übertragung, Speicherung, Verarbeitung von Information allgemein als Medientechnologien bezeichnet.

Andererseits ist hervorzuheben, daß das Speichermodell des Gedächtnisses, in der frühen Computer- und KI-Forschung in Übertragung ihrer Erkenntnisse zur Datenspeicherung entstanden (auch der Begriff „memory“ für Computerspeicher macht dies kenntlich), als überholt angesehen werden muß. Erinnerung wird vielmehr, wie schon in Kap. 1.1 erwähnt, von der neueren Forschung als Konstruktionsprozeß verstanden.

Hier ergibt sich ein Widerspruch zwischen einem dynamischen kollektiven Gedächtnis und seiner statischen Speicherung in den Medien. Dieses Problem wird auch von Winkler angesprochen (s.u. Kap. 4.1).

3.3 Computer als Medium

Winkler sieht den Computer in einer Entwicklung von der Denkmaschine über das Werkzeug zum heutigen Medium. Wahrscheinlich kann der Computer erst seit der Ausbreitung des Internet, d.h. mit seiner globalen Vernetzung, als Medium im engeren Sinne, also als technisches Kommunikations- und Informationsmedium verstanden werden (in Posner 1985 wird er z.B. noch nicht erwähnt).

Um die Beziehung zwischen Computer und kollektivem Gedächtnis darzustellen, scheinen mir folgende Definitionen nützlich:

Rutenfranz (Rutenfranz 1997:73) definiert Computer als Apparaturen zur universalen Kombination und Rekombination von Symbolen. Rammert unterscheidet den maschinellen (Sachperspektive) und symbolischen (Medienperspektive) Charakter des Computers (Rammert zitiert nach Rutenfranz 1997:99-100). Eine ähnlich Trennung findet sich bei Santaella, die den Computer als materiellen Apparat und semiotisches Medium beschreibt (Santaella 1998:126-129).

Hier ließe sich eine Verbindung zum Textbegriff Posners herstellen und Computer (und Medien im allgemeinen) in doppelter Weise als Texte verstehen: einmal sind sie solche Texte als einzelnes Artefakte, mit denen sich bestimmte Signifikate verknüpfen (Kommunikation, Informationsvermittlung), zum zweiten übermittelt sie weitere Texte (e-mails, den Katalog einer Bibliothek).

Ausgehend von der These, die auf Leroi-Gourhan zurückgeht, daß alle Technik von der Sprache her gedacht werden sollte, betrachtet Winkler die Medien als ‚symbolische Maschinen‘, deren technischer und symbolischer Teil nicht getrennt , sondern in ihrer Verbindung beschrieben werden sollte (Winkler 1997:366). Daß die vermittelte Botschaft immer durch den Charakter des Mediums geprägt wird, ist nach MacLuhan schon ein Gemeinplatz. Trotzdem scheint mir eine völlige Ineinssetzung, wie sie auch in Winklers Computerbegriff deutlich wird, ohne vorhergehende analytische Trennung fragwürdig.

4. Computer als Gedächtnismaschinen?

4.1 Winkler: Das priviligierte Medium des kollektiven Gedächtnisses?

Laut Hartmut Winkler kann das Gedächtnis nicht als isolierte Einheit beschrieben und in Bezug zu einer Medienmaschine gesetzt werden. Das individuelle Erinnern hängt immer vom kollektiven Gedächtnis ab, im individuellen Gedächtnis schlagen die Prozesse (Sprechen, Handeln) in eine Struktur der Beharrung (Sprache) um. Das individuelle Gedächtnis ist ständigen Auf- und Abbauprozessen unterworfen.

In dem Fazit zu seinem Kapitel stellt Winkler zunächst eine parallele Position von Menschen und Medien zum gesellschaftlichen Prozeß fest: der Mechanismus der Traditionsbildung bleibt konstant, egal ob Inhalte in Gedächtnisse oder Körper, wie in oralen Gesellschaften, oder in Aufschreibesysteme eingeschrieben werden.

In Anlehnung an Vil´em Flusser, der Menschen und Medien als Knotenpunkte eines Netzes ansieht, durch dessen Fäden Informationen fließen (Flusser 1989:52), erkennt Winkler eine doppelte Bestimmung der Medien: Einmal bilden diese als materiale Manifestationen die Knoten im Netz, zum Zweiten bilden sie das Netz selbst in einer Makrostruktur, die das materiale Nebeneinander übersteigt. Allerdings wären alle Medien in dieser Weise als materielle Externalisierung des kollektiven Gedächtnisses anzusehen (s.a. Kap. 3), eine spezifische herausgehobene Position des Computers wäre dadurch noch nicht begründet (Winkler 1997:120-121).

Der Computer ist dennoch laut Winkler als priviligiertes Medium des kollektiven Gedächtnisses betrachten, da er das opak gewordene kollektive Gedächtnis (besonders Diskurs und Sprache) auf zwei Ebenen für das individuelle Denken wieder sichtbar machen kann:

a) Als tatsächliche Implementierung: Im Datenuniversum könnte die arbeitsteilige Gesellschaft in allen ihren Facetten repräsentiert sein, theoretisch könnte jeder Schreibtisch zum Netz geöffnet werden. Das Datenuniversum würde als ‚Tableau‘ (Foucault) erscheinen, Transparenz und Kohärenz, Differenzierung und Einheit wären garantiert, Differenz zwischen Sprechen und Sprache wäre wieder aufgehoben . Das kollektive Gedächtnis als Tableau wäre Bedingung des Sprechens und gleichzeitig Objekt. (124/125)
b) Metaphorisch als Kommunikation mit dem Netz = dem kollektiven Gedächtnis. Damit würde sich eine Verschiebung des Kommunikationsbegriffes ergeben: Gegenüber der ‚Kommunikation‘ wäre dann das gesellschaftliche Archiv, d.h. die Gesamtstruktur des kollektiven Gedächtnisses selber oder dessen symbolische Repräsentation. Das Archiv müßte als eigenständige Entität gedacht werden (Ascott: Datenuniversum als „Gesamtdatenwerk“). Diese Vorstellung einer ‚Weltbibliothek‘ ist nicht neu (Alexandria, die „Bibliothek von Babel“ bei Borges) aber erst mit dem Datenuniversum könnte die Lücke zwischen Diskurs und Real-Impletation geschlossen werden. Allerdings ergäbe sich dabei die Frage, ob die Grenzen der Metapher (Totalität nur als Utopie denkbar etc.) nicht auch die Grenzen der Implementierung definieren. (126-128)

In seiner Zusammenfassung schränkt Winkler diese Argumente jedoch wieder ein. Problematisch erscheint ihm die Traditionsbildung im Datenuniversum, die im Gegensatz zu einer über Jahrhunderte entwickelten Traditionsbildung im Bücheruniversum anarchisch wirken muß. Der Widerspruch zwischen einem Ideal der unbegrenzten Speicherung als Kopräsenz alles jemals gespeicherten (Datenuniversum als Archiv) auf der einen Seite und einem Ideal der Updates, die nur die aktuellsten Informationen verfügbar halten (Diskurs) ist seiner Meinung nach im Datenuniversum nicht gelöst. Wenn das wechselseitige Umschlagen von Prozeß in Struktur und Struktur in Prozeß das kollektive Gedächtnis konstituiert, so müßte auch dieser Umschlag im Datenuniversum dargestellt werden können. (Winkler 1997:129-130)[4]

4.2 Formale Sichtweisen des Computers als Gedächtnismedium

Sicher wird die von Winkler formulierte Utopie des Datenuniversums als vollständige Abbildung der gesellschaftlichen Strukturen und Diskurse, also der sozialen, materialen und mentalen Kultur (Posner) immer Wunsch bleiben. Dennoch kann meines Erachtens das Datenuniversums aus einer eher semiotisch-medientheoretisch-formalen Sicht zu Recht als „priviligiertes Medium des kollektives Gedächtnisses“ beschrieben werden, und zwar aus folgenden Gründen:

a) Datenuniversum und menschlicher Geist als symbolverarbeitende Systeme

Das symboltheoretische Paradigma der Kognitionswissenschaften geht davon aus, daß in kognitiven Prozessen Informationsverarbeitung über Symbole durchgeführt wird. Kognitive Vorgänge sind also Semiosen, in denen symbolische Zeichen verarbeitet werden. Unterschiedliche Auffassungen bestehen über die Rolle von Repräsentation und Interpretation, gegen eine zu starke Betonung des Repräsentationsaspekts wendet sich z.B. Smythe, der interne Zeichenprozesse des menschlichen Geistes immer als Zusammenspiel zwischen Repräsentation und Interpretation sieht (vgl. Dölling 1998).

Im Gedächtnis der Individuen werden folglich Informationen der Außenwelt enkodiert, d.h. aufgenommen, symbolisch verarbeitet, mit schon vorhandenen Inhalten verglichen und ‚abgelegt‘ (daß dies nicht als abbildende Speicherung zu verstehen ist, wurde schon oben erörtert). Andererseits werden diese Gedächtnisinhalte in Kommunikation mit der Umwelt wieder externalisiert, symbolisch niedergelegt in Sprache, Schrift, Technik.

Auch der Computer kann als symbolverarbeitendes System betrachtet werden (vgl. Kapitel 3.3). Über ein Programm gesteuert, werden auf mehreren Ebenen analoge Informationen in digitale umgewandelt und umgekehrt. Im Unterschied zu der Informationsverarbeitung beim Menschen fehlt jedoch in maschinellen Zeichenprozessen die Interpretationskomponente.

Ebenso weisen die Hypertextfunktionen des Internet Ähnlichkeiten mit assoziativen Denk- und Erinnerungsprozessen des Menschen auf. In dem Netz der Hyperlinks werden Semiosen nachgebildet, die potentiell unbegrenzt sind. Diese strukturellen Parallelen hebt auch Winkler hervor, wobei er das Gedächtnis als überwiegend sprachlich determiniert ansieht, ja er setzt sogar Sprache mit Gedächtnis gleich.

Nimmt man also an, daß Menschen und Computer in vergleichbarer Weise Informationen speichern und verarbeiten, so ließe sich daraus, selbst bei Berücksichtigung der oben genannten Einschränkungen, eine besondere Beziehung zwischen dem Medium Computer und dem Gedächtnis ableiten.

b) Der digitale Code als zentraler Code

Folgt man Roland Posners Definition eines zentralen Codes (s.o. Kapitel 2), dann treffen m.E. alle von ihm genannten Bedingungen auf den digitalen Code des Datenuniversums zu. Eine weite Verbreitung des Codes der Datennetze kann man mindestens seit Anfang der 90er Jahre feststellen, mit stetig steigender Tendenz und Häufigkeit, und „Netz-Kompetenz“ wird im Arbeitsleben und Bildungswesen schon fast zur unabdingbaren Voraussetzung.

Sicher ist dabei zu bedenken, daß es sich um einen versteckten Code handelt, durch den andere analoge Codes (Schrift, Bilder) wieder codiert sind. Dieser Binärcode ist der Mehrzahl der Nutzer weder direkt zugänglich, da er unter der „Oberfläche“ arbeitet, noch verständlich. Dennoch ist das Bewußtsein vorhanden, mit einem digitalen Code umzugehen und die eigene Identifikation mit dieser „Computerarbeit“ groß.

c) Der Computer als multimediales Hypermedium und Hybridmedium

Auch wenn Winkler den Computer als vorwiegend sprachliches Medium betrachtet, so sind es doch sicher seine multimedialen Eigenschaften, die einen großen Teil der Faszination des Netzes ausmachen. Und erst mit dieser Multimedialität läßt sich m.E. die ‚priviligierte‘ Beziehung zum kollektiven Gedächtnis begründen: im Datennetz als „ Hypermedium “ (Rutenfranz 1997:102) können unterschiedliche analoge mediale Darstellungen in unterschiedlichen Zeichensystemen (Schrift, Video, Hörfunk etc.) simuliert werden, die unterschiedliche Sinnesmodalitäten ansprechen.

Joachim R. Höflich (Höflich 1997) beschreibt den Computer als Hybridmedium, in dem verschiedene Formen der Kommunikation in unterschiedlichen Medienrahmen stattfinden. Der Computer ist a) Abruf- und Austauschmedium, b) Medium interpersonaler Kommunikation, c) Forum und Diskussionsmedium. Höflich lehnt sich hier an den Goffmanschen Rahmenbegriff an, aber es ließe sich auch eine Parallele zu den „Rahmen“ bei Halbwachs ziehen: im Datenuniversum kann der Nutzer wie in der realen Umwelt zwischen unterschiedlichen Kommunikationsumgebungen und -gruppen wechseln.

4.3 Abschließende Fragen

Zum Abschluß möchte ich auf einige Probleme hinweisen, die sich bei der Betrachtung der Beziehung zwischen kollektivem Gedächtnis und Datenuniversum im allgemeinen und speziell in der Darstellung Winklers ergeben.

Für Winkler scheint das kollektive Gedächtnis im Datenuniversum als quasi objektive oder transsubjektive, einheitliche Ebene darstellbar zu sein. Die Datennetze sollen die unüberschaubaren Strukturen der modernen Gesellschaften wieder sichtbar machen – kann diese Darstellung überhaupt überschaubar bleiben? Und, vorausgesetzt solch ein umfassendes Tableau wäre nicht nur Utopie – wäre dann nicht trotzdem dieses Tableau für die Subjekte nur innerhalb der für sie signifikanten oder handlungsrelevanten Rahmen ‚lesbar‘ (vgl. Hejl)? Eine eigene Wirklichkeitskonstruktion des Subjekts (oder einzelner Gruppen) ist in diesem Modell des ‚Tableau‘ nicht vorgesehen, denn daraus würde folgen, daß auch ein medial-symbolisch niedergelegtes kollektives Gedächtnis den Individuen nur in den für sie signifikanten Ausschnitten zugänglich sein würde.

Wenn man mit den Theorien des kollektiven Gedächtnisses davon ausgeht, daß in einer Gesellschaft unterschiedliche Gruppenidentitäten mit unterschiedlichen kollektiven Erinnerungen existieren, dann trägt m.E. die Gesellschaft diese Differenzierung in ihre Medien weiter. Im Datenuniversum würden sich differenzierte kollektive Gedächtnisse manifestieren, die aber keineswegs zu einem einheitlichen Gedächtnis zusammengedacht werden könnten. Wie alle anderen Medien wirken sicher auch die digitalen Netze als ‚Informationsfilter‘ im Sinne Posners (vgl. Kap. 2). Auch im Gebrauch der Datennetze entstehen unterschiedliche ‚User-Identitäten‘ (vgl. Höflich 1997).

Siegfried J. Schmidt weist darauf hin, daß gerade das Wachstum der elektronischen Archive den Nutzern erst die hochgradige Selektivität der Nutzung bewußt macht (Schmidt 1996:68). Das opake gesellschaftliche Gedächtnis würde also im Datenuniversum nicht durchsichtig, wie von Winkler proklamiert, sondern im Gegenteil würde seine unüberschaubare Vielfalt verstärkt deutlich.

Hier schließt sich die Frage nach einer Sinngebung im Rechneruniversum unmittelbar an. Daß diese Signifikatbildung in den Datennetzen nicht stattfindet, räumt auch Winkler ein (Winkler 1997:178). Im Gegensatz zum Gedächtnis kennen die Computer kein Vergessen oder keine „Verdichtung“[5]. Die Signifikanten der Web-Sites werden vielmehr in einem Tableau divergierender Einstellungen, Interessen, Weltanschauungen nebeneinander präsentiert. Als möglichen Ausweg schlägt Winkler u.a. die Einführung von Relevanzkriterien, eine Hierarchisierung und Rückkopplung der Nutzeraktivitäten mit dem Netz vor (179-184).

Solch eine Hierarchisierung von Informationen würde aber die weitere Differenzierung des Datenuniversums nach sich ziehen und alle Unifizierungsutopien nichtig werden lassen. Schon jetzt existieren Bestrebungen, ein eigenes Wissenschaftsnetz zu etablieren. Die Zahl der gebührenpflichtigen Informationen im Netz wird wahrscheinlich steigen. Für sehr spezialisierte Information, z.B. digitalisierte Handschriften, wird das Netz nur Gateway sein.

Dennoch werden die Menschen wohl weiter nach immer perfekteren Zeichensystemen und Medien suchen, in denen sie Gedächtnisinhalte symbolisch in der Außenwelt darstellen und damit wieder zum Teil eines kollektiven Gedächtnisses werden lassen.

J. F. Lyotard hat dies so formuliert:

„Mit sicherheit gilt, daß stets eingeschrieben (inscrire) werden muß, ob beim cortex oder bei dem, was wir, übersetzt in soziokulturelle termini, schreiben (écriture) genannt haben. Denken ohne einzuschreiben, also ohne stütze (support), geht nicht. Diese stütze kann alles mögliche sein. Es gibt momentan Veränderungen in der stütze. Man besitzt vielleicht noch nicht die ‚richtige‘ stütze. Vielleicht sind all die bildschirme noch schlechte stützen, weil sie genüber der handschrift und der tafel noch zu analog sind.(...) Jedenfalls liegt die minimale Voraussetzung im einschreiben“ (J.F. Lyotard 1987 zitiert nach Assmann 1999:178).

Literaturverzeichnis

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Assmann, Aleida. 1999. Erinnerungsräume. München: Beck.

Assmann, Jan. 1988. „Kollektives Gedächtnis und kulturelle Identität“. In: Assmann, Jan u. Tonio Hölscher (Hgg.): Kultur und Gedächtnis. Frankfurt a.M.: Suhrkamp, S. 9-19.

Böhme-Dürr, Karin. 1997. „Technische Medien der Semiose“. In: Semiotik. Ein Handbuch. Bd. 1. Berlin: de Gruyter, S. 357-383.

Dölling, Evelyn. 1998. „Einleitung: Zeichen und Kognition.“ In: Dölling, Evelyn (Hg.): Repräsentation und Interpretation. Berlin: Techn. Univ., S. 5-13.

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Halbwachs, Maurice. 1985. Das Gedächtnis und seine sozialen Bedingungen. Frankfurt a.M.: Suhrkamp.

Halbwachs, Maurice. 1967. Das kollektive Gedächtnis. Stuttgart: Enke.

Höflich, Joachim R. 1996. Technisch vermittelte interpersonale Kommunikation. Opladen: Westdeutscher Verl.

Höflich, Joachim R.. 1997. „Zwischen Massenmedialer und technisch vermittelter interpersonaler Kommunikation – der Computer als Hybridmedium und was die Menschen damit machen.“ In: Beck, Klaus, Gerhard Vowe (Hgg.) Computernetze – einMedium öffentlicher Kommunikation. Berlin: Spiess 1997, S. 85-104.

Hejl, Peter M. 1991. „Wie Gesellschaften Erfahrungen machen oder: Wie Gesellschaftstheorie zum Verständnis des Gedächtnisproblems beitragen kann“. In: Schmidt, Siegfried J. (Hg.) Gedächtnis. Frankfurt a.M.: Suhrkamp, S. 293-336.

Kittler, Friedrich.1993. Draculas Vermächtnis. Leipzig: Reclam.

Leroi-Gourhan, André. 1980. Hand und Wort. Frankfurt a.M.: Suhrkamp.

Posner, Roland. 1985. „Nonverbale Zeichen in öffentlicher Kommunikation.“ In: Zeitschrift für Semiotik. 7: 235-272.

Posner, Roland. 1991. „Kultur als Zeichensystem“. In: Assmann, Aleida ; Dietrich Harth (Hgg.). Kultur als Lebenswelt und Monument. Frankfurt a.M.: Fischer Taschenbuch Verl.

Rutenfranz, Uwe. 1997. Wissenschaft im Informationszeitalter. Opladen: Westdeutscher Verl.

Santaella, Lucia. 1998. „Der Computer als semiotisches Medium.“ In: Nöth, Winfried & Karin Wenz (Hg.) Medientheorie und die digitalen Medien. Kassel: University Press, S. 121-157.

Schmidt, Siegfried J. 1991. „Gedächtnisforschungen.“ In: Schmidt, Siegfried J. (Hg.): Gedächtnis. Frankfurt a.M.: Suhrkamp, S. 9-55.

Schmidt, Siegfried J. 1996. Die Welten der Medien. Braunschweig: Vieweg.

Winkler, Hartmut. 1997. Docuverse. München: Boer.

[...]


[1] Diese Ausgangsthesen Winklers sollen hier nicht näher diskutiert werden. Ich werde im folgenden nur dort auf sie Bezug nehmen, wo sie den Gedächtnisaspekt berühren.

[2] Auch die kognitionswissenschaftliche Gedächtnisforschung geht von abstrakten, verallgemeinernden Wissenseinheiten, den Schemata aus, die einer Rekonstruktion von Erinnerungen zugrundegelegt werden. In der KI-Forschung bezeichnet der Begriff der frames eine Datenstruktur, die eine stereotypisierte Situation oder einen Sachverhalt repräsentiert und mit der verschiedene Informationen verknüpft sind. (Kluwe 1966: 205-206)

[3] Vergleicht man Halbwachs‘ Theorie des kollektiven Gedächtnisses mit Posners semiotischem Ansatz, so ergeben sich u.a. folgende Fragen, deren Beantwortung diese Arbeit aber nicht leisten kann: - Können Halbwachs‘ Rahmen als Codes verstanden werden? - Erfordern unterschiedliche Rahmen unterschiedliche Codes? - Sind Erinnerungen Texte?

[4] In der Opposition Diskurs - Archiv kann man Parallellen erkennen zu Aleida Assmanns Unterscheidung in Funktions- und Speichergedächtnis oder Halbwachs‘ mémoire und histoire (s. Kap. 1.2). Sicher ist Winkler Recht zu geben, daß diese Traditionsbildung noch nicht gelöst ist, es gibt jedoch z.B. in Schweden konkrete Bestrebungen zur dauerhaften Konservierung von elektronischen Dokumenten, die in solch eine Richtung weisen.

[5] Winkler greift hier den Begriff Freuds aus der Traumanalyse auf.

24 von 24 Seiten

Details

Titel
Computer als Gedächtnismaschinen? Die Darstellung des Kollektiven Gedächtnisses im Datenuniversum
Hochschule
Technische Universität Berlin  (Arbeitsstelle für Semiotik)
Veranstaltung
Hauptseminar Mediensemiotik
Note
sehr gut
Autor
Jahr
2000
Seiten
24
Katalognummer
V16801
Dateigröße
520 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Computer, Gedächtnismaschinen, Darstellung, Kollektiven, Gedächtnisses, Datenuniversum, Hauptseminar, Mediensemiotik
Arbeit zitieren
Eva Reblin (Autor), 2000, Computer als Gedächtnismaschinen? Die Darstellung des Kollektiven Gedächtnisses im Datenuniversum, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/16801

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