Familie vs. Peer-Group. Konkurrenz zweier Sozialisationsinstanzen


Hausarbeit, 2009
18 Seiten, Note: 1,0

Leseprobe

Inhalt

I. Einleitung

II. Sozialisation in der Familie
1. Die Familie als soziale Gemeinschaft
2. Die Bedeutung der Familie als Sozialisationsinstanz
a) Die sozialisatorischen Aufgaben der Eltern
b) Die spezifischen Rollen von Müttern und Vätern
3. Erziehungsstile und ihre Auswirkungen

III. Sozialisation in der Peer-Group
1. Peer-Group – Mehr als nur ein Freundeskreis
2. Bedeutung der Peer-Group als Sozialisationsinstanz
a) Die sozialisatorischen Leistungen der Peer-Group
b) Informelles Lernen in der Peer-Group
3. Peer-Group – Risiko oder Gewinn?

IV. Zusammenwirken beider Sozialisationsinstanzen – Familie vs. Peer-Group?
1. Ein Blick auf den wissenschaftlichen Forschungsstand
2. Wechselseitige Beziehungen zwischen Familie und Peers
3. Auswirkungen der Familien-Peer-Relation auf die Persönlichkeitsentwicklung

V. Abschlussbetrachtungen

VI. Quellen- und Literaturverzeichnis

I. Einleitung

Obwohl jeder Mensch sein eigenes Leben lebt, so leben wir doch nicht allein. Schon vor über zehntausend Jahren bildeten die Menschen Gemeinschaften, in denen sie einen Großteil ihrer Zeit verbrachten. Dies hat sich bis heute nicht geändert. Zur Ausbildung der individuellen Persönlichkeit bedarf es einer Reihe sozialer Beziehungen, weshalb der Mensch Zeit seines Lebens in Gruppen lebt.

Nach der Geburt knüpft das Kind bereits seine ersten Kontakte und wird Teil einer Gemeinschaft, die für sein weiteres Leben außerordentlich prägend sein wird: der Familie. Sobald der Herangewachsene den Kreis dieser Gemeinschaft verlässt, kommt es in Berührung mit Anderen, sei es im Bekanntenkreis seiner Eltern, im Kindergarten oder in der Schule. Mit zunehmendem Alter intensivieren sich die außerhäuslichen Kontakte, bis er selbst eine neue Gemeinschaft, eine eigene Familie, formt. Doch bis es so weit ist, gilt es einen langen und beschwerlichen Weg zurückzulegen.

Wie schwer ist es heute besonders für Kinder und Jugendliche, ihre eigene Identität herauszubilden und ihren Platz in der Gesellschaft zu finden? An dieser Stelle treten die Sozialisationsinstanzen unterstützend hinzu. Familie, Schule und Gleichaltrigengruppen sehen sich gleichermaßen mit den Aufgaben der Sozialisation konfrontiert: Weitergabe von Wissen und Fertigkeiten, Eingliederung des Heranwachsenden in die Gesellschaft, Vermittlung zwischen Eigenständigkeit und Integration sowie individueller Interessenvertretung und Gemeinschaftsbezug (vgl. Grundmann 2006, S. 17; Marbach 2005, S. 84). Oft wirken diese drei Sozialisationsinstanzen simultan, vor allem in der Phase der älteren Kindheit und der Jugend. Noch vor einiger Zeit dominierten Familie und Schule das Terrain der Sozialisation. In Form der Peer-Groups ist aber vor allem in den letzten Jahrzehnten ein überaus starker und einflussreicher Faktor hinzugetreten, der aus dem Prozess der Persönlichkeitsentwicklung nicht mehr fortzudenken ist.

Die folgende Arbeit beschäftigt sich mit der Frage, wie sich die Sozialisationsinstanzen Familie und Peer-Group zueinander verhalten, und inwiefern sich diese Relation auf den Sozialisationsprozess auswirkt. Ausgangspunkt ist hierbei die traditionelle These, dass beide Sozialisationsfaktoren in Konkurrenz zueinander stehen. Diese Annahme soll auch mit Hilfe von Ergebnissen empirischer Studien kritisch hinterfragt werden.

Zu diesem Zweck wird zunächst auf jede der beiden Instanzen separat eingegangen und ihre sozialisatorische Leistung dargestellt. Anschließend erfolgt die Erörterung meiner zentralen Fragestellung, die durch eine abschließende Zusammenfassung abgerundet wird.

II. Sozialisation in der Familie

1. Die Familie als soziale Gemeinschaft

Familie. Kaum ein anderes Wort löst so unterschiedliche Emotionen und Gedanken aus. Jeder Mensch verbindet damit andere positive und negative Erfahrungen und Erinnerungen, je nach Alter, Herkunft und erlebter Vergangenheit. Doch was ist eigentlich eine Familie? Wie kommt sie zustande und welche Erscheinungsformen gibt es?

Das soziale System Familie ist seit Anbeginn ihrer Existenz durch einen permanenten Wandel gekennzeichnet und unterliegt besonders seit den letzten fünf Jahrzehnten erheblichen strukturellen Veränderungen. In den 1960er Jahren erlebte die traditionelle Kernfamilie ihren Höhepunkt, was sich am deutlichsten darin wiederspiegelt, dass die Ehe von 90 % der Erwachsenen als Lebensform gewählt wurde (vgl. Hurrelmann 2004, S. 107). Seitdem sinken die Zahlen der geschlossenen Ehen und neben die traditionelle Familie treten andere Lebensformen. Ursächlich dafür ist vor allem die Differenzierung der gesellschaftlichen Systeme in den letzten zweihundert Jahren, durch welche die Familie nun nicht mehr gleichzeitig die Aufgaben der Nahrungsproduktion, Berufsausbildung und Altenpflege inne hat und zu einem sozialen System unter vielen anderen wird (vgl. Hurrelmann 2002, S. 129). Daraus folgt, dass sie in erster Linie nicht mehr als ökonomisches Zweckbündnis fungiert, sondern sich zu einer personenorientierten „sensiblen sozialen Gemeinschaft“ (Hurrelmann 2002, S. 129) wandelt, deren Zusammenhalt auf Liebe, Zuneigung, Emotionalität und Verbundenheit basiert.

Die traditionelle Kernfamilie als lebenslange Gemeinschaft, in welcher der Vater als Geldverdiener und die Mutter als Hausfrau und Erzieherin der Kinder fungiert, stellt nun nicht mehr den Regelfall dar. Vor allem in den westlichen Gesellschaften koexistieren vielmehr unterschiedlichste Familienformen. Nichteheliche Lebensgemeinschaften, Ehepaare mit oder ohne Kindern, Ein-Eltern-Familien oder Patchwork-Familien sind hier als ausgewählte Beispiele zu nennen. Es ist nunmehr klar ersichtlich, dass die Familie als soziales Gebilde sehr dynamisch und auf Grund ihrer Orientierung an den individuellen Bedürfnissen ihrer Mitglieder äußerst vielfältig auftritt (vgl. Schober-Penz 1998, S. 7). Schon deshalb scheint die alte Definition von der Familie als eine „auf der Ehebeziehung von zwei erwachsenen Menschen unterschiedlichen Geschlechts aufbauende solidarische Gemeinschaft mit Kindern“ (Hurrelmann 2002, S. 130) für meine Betrachtungen nicht angemessen. Auf Grund dessen greife ich für meine folgende Analyse auf die Definition von Klaus Hurrelmann zurück, der die Familie als Lebensform des dauerhaften Zusammenlebens von mindestens einem Elternteil und einem Kind charakterisiert (vgl. Hurrelmann 2002, S. 130). Mögliche Geschwisterbeziehungen innerhalb einer Familie werden hier nicht näher beleuchtet.

2. Die Bedeutung der Familie als Sozialisationsinstanz

a) Die sozialisatorischen Aufgaben der Eltern

Neben den Aufgaben der Produktion (Existenzsicherung), Reproduktion und Regeneration (Spannungsausgleich) hat die Familie die Aufgabe der Sozialisation inne, welche in den Industriegesellschaften als Kernfunktion angesehen wird (vgl. Schober-Penz 1998, S. 8).

Bereits seit Jahrhunderten gilt die Familie hier als zentrale Instanz und wird auch als „primärer Sozialisationsfaktor“ bezeichnet (vgl. Hurrelmann 2002, S. 127). Mutter und Vater stellen für ein Kind in der Regel die ersten Kontakte dar und sind deshalb außerordentlich prägend für dessen Persönlichkeitsentwicklung. Eine positive Eltern-Kind-Beziehung setzt somit einen Maßstab für die Entwicklung aller folgenden Beziehungen im Leben des Heranwachsenden. Welchen Beitrag leisten nun die Eltern, so dass sich ihr Kind zu einem eigenständigen und gesellschaftsfähigen Menschen entwickeln kann?

Bereits in den ersten Lebensjahren erwirbt das Kind Kompetenzen im Umgang mit anderen Menschen und in der Erkundung seiner sozialen Umwelt (vgl. Hurrelmann 2002, S. 137). Die Eltern haben in dieser Phase das Monopol der Sozialisation inne. Auch in den Jahren der späteren Kindheit und der Jugend wird der Sozialisationsleistung der Eltern die größte Bedeutung zugeschrieben. Im Grundgesetz Artikel 6 werden den Eltern dafür nicht nur Rechte gegeben, sondern auch Pflichten auferlegt: „Pflege und Erziehung der Kinder sind das natürliche Recht der Eltern und die zuvörderst ihnen obliegende Pflicht.“ (Bundeszentrale für politische Bildung 2003, S. 14)

Davon ausgehend bestimmt Klaus A. Schneewind für die Familie als Sozialisationsfaktor vier zentrale Aufgaben. Zu aller erst tragen Eltern die Verantwortung für die Pflege des Kindes und haben folglich die Pflicht, die Befriedigung der fundamentalen Bedürfnisse nach Nahrung, Wärme und körperlicher Unversehrtheit zu ermöglichen (vgl. Schneewind 2008, S. 257). Zum zweiten fungieren die Eltern als soziale Vorbilder, vor allem im Umgang mit anderen Menschen und in sozialen Beziehungen (vgl. Hurrelmann 2004, S. 109), und haben darum für den Aufbau einer entwicklungsförderlichen Eltern-Kind-Beziehung zu sorgen (vgl. Schneewind 2008, S. 257). Drittens obliegt den Eltern die Erziehung des Kindes, die darauf abzielen sollte, dem Heranwachsenden die Entwicklung zu einem selbstbestimmten, eigenständigen und gemeinschaftsfähigen Menschen zu ermöglichen. Als vierte Aufgabe betont Schneewind den Faktor der Bildung, die sowohl „auf direktem Wege im alltäglichen Umgang mit ihren Kindern als auch auf dem Wege der Kooperation mit weiterführenden außerfamilialen Bildungsinstanzen“ (Schneewind 2008, S. 258) erfolgen sollte. Diese äußerst wichtige Funktion beinhaltet dabei Aufgaben wie die Sicherung der Teilnahme am Bildungsangebot, das Schaffen materieller Voraussetzungen, die individuelle Förderung (Hausaufgabenkontrolle, Nachhilfeunterricht) sowie geeignete Motivierungsmaßnahmen (vgl. Hofer; Wild; Noack 2002, S. 218). In welcher Form diese Aufgaben erfüllt werden, hängt vom Erziehungsstil der Eltern ab. Auf diesen Aspekt soll an einer späteren Stelle der Arbeit ausführlich eingegangen werden.

b) Die spezifischen Rollen von Müttern und Vätern

Viele empirische Studien, wie zum Beispiel die Shell-Jugendstudie, zeigen konkret, dass die Bindungen zwischen Kind und Vater sowie Kind und Mutter individuell geprägt und durch eine eigene Beziehungsqualität charakterisiert sind. So führen Toleranz, Solidarität, Kooperation, Offenheit für Diskussionen, Großzügigkeit und Zärtlichkeit auf Seiten des Vaters dazu, dass er vor allem als Vertrauensperson, Unterstützer, Konfliktlöser und Ratgeber geschätzt wird (vgl. Hurrelmann 2002, S. 133). Letzteres bezieht sich dabei meist auf Schul- und Berufsfragen, politische oder religiöse Fragen (vgl. Jugendwerk der deutschen Shell 1992, S. 293). Die häufig bei der Mutter beobachteten Charakteristika wie Emotionalität, Mitgefühl, Zuwendung und Anleitung haben zur Folge, dass sie vor allem für die Jüngeren als Bezugsperson und Ratgeberin in fast allen Lebensbereichen fungiert. Im Gegensatz zum Vater bekommt die Mutter meist einen Einblick in persönliche Geheimnisse, Freundschafts- und Liebesbeziehungen und in individuelle Fragen der Kinder, wie im Bereich der Mode (vgl. Jugendwerk der deutschen Shell 1992, S. 293).

Besonders dieses Zusammenspiel der unterschiedlichen sozialen, emotionalen und instrumentellen Akzentsetzungen beider Elternteile hat einen positiven Einfluss auf die Entwicklung des Kindes. Dies hat zur Folge, dass viele Autoren und Autorinnen die Position vertreten, dass für die Entwicklung des Kindes eine Vater-Mutter-Kind-Triade wünschenswert ist (vgl. Hurrelmann 2002, S. 134). An dieser Stelle soll damit jedoch nicht behauptet werden, dass diese Familienform ein Garant für eine gelingende Sozialisation ist und dass andere Konstellationen ihre Aufgaben nicht ebenso erfolgreich bewältigen könnten.

[...]

Ende der Leseprobe aus 18 Seiten

Details

Titel
Familie vs. Peer-Group. Konkurrenz zweier Sozialisationsinstanzen
Hochschule
Technische Universität Dresden  (Allgemeine Erziehungswissenschaft)
Veranstaltung
Einfluss von Sozialisationsfaktoren- und bedingungen
Note
1,0
Autor
Jahr
2009
Seiten
18
Katalognummer
V168076
ISBN (eBook)
9783640849956
ISBN (Buch)
9783640850266
Dateigröße
498 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
familie, peer-group, konkurrenz, sozialisationsinstanzen
Arbeit zitieren
Franziska Letzel (Autor), 2009, Familie vs. Peer-Group. Konkurrenz zweier Sozialisationsinstanzen, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/168076

Kommentare

  • Noch keine Kommentare.
Im eBook lesen
Titel: Familie vs. Peer-Group. Konkurrenz zweier Sozialisationsinstanzen


Ihre Arbeit hochladen

Ihre Hausarbeit / Abschlussarbeit:

- Publikation als eBook und Buch
- Hohes Honorar auf die Verkäufe
- Für Sie komplett kostenlos – mit ISBN
- Es dauert nur 5 Minuten
- Jede Arbeit findet Leser

Kostenlos Autor werden