Mittelalterliche Vorstellungen von Kind und Kindheit


Seminararbeit, 2010

13 Seiten


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Die drei Entwicklungsphasen der Kindheit im Mittelalter
2.1 „Infantia“
2.2 „Pueritia“
2.3 „Adolescentia“

3. Mittelalterliche Vorstellungen
3.1 Anthropologische Annahmen
3.2 (Ab)Leben
3.3 Erziehung
3.3.1 Ziele
3.3.2 Methoden

4 Das Bild der Kinder im Mittelalter - mehr als "kleine Erwachsene"?

5 Schluss

6. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Kindheit ist för uns heute ein allgegenwärtiger Begriff. Das, was für uns als selbstverständlich gilt, wie die Existenz von Kinderspielzeug, Kindergeschirr, Einrichtungen für Kinder, Kinder­literatur usw. gab es nicht immer. Erst im Laufe der Zeit wurde das Erziehungsverständnis und die Kindheit als eigenständige Lebensphase in das Zentrum der Aufmerksamkeit gerückt. Folgt man der These des Franzosen Philippe Ariès (1914-1984), der I960 behauptete, dass das Mittelalter keine Vorstellung von Kindheit besaß, so muss man annehmen, dass erst der Be­ginn der Neuzeit zu einer Isolation der Kinder von der Erwachsenengesellschaft geführt hat und Kinder nicht mehr nur als „kleine Erwachsene“ galten. Er begründete dies mit der fehlen­den Darstellung von lebendigen Kindern in der bildenden Kunst bis zum 13. Jahrhundert (vgl. Shahar 1991, S. 111). Doch fand im Mittelalter tatsächlich keine Achtung des Kindes statt? Wurden Kinder wirklich nur als „kleine Erwachsene“ gesehen?

Diese Arbeit soll einen Überblick über mittelalterliche Vorstellungen von Kind und Kindheit geben. Da ich selbst auf Mittelalterveranstaltungen tätig bin und mich die Kultur dieser Zeite­poche sehr interessiert, wählte ich das Thema gezielt aus.

Die Arbeit umfasst die Zeit des sechsten bis 15. Jahrhunderts in Europa, zwischen Antike und Neuzeit. Die in dieser Zeit entwickelten drei Entwicklungsphasen der Kindheit werden auf ihre Funktionen hin untersucht und charakteristische Merkmale, welche die Stufen unterein­ander unterscheiden und abgrenzen, analysiert. Hierbei stellt Shulamith Shahars Werk „Kind­heit im Mittelalter“ meine Hauptliteratur dar. Im weiteren Verlauf der Arbeit werden auszugs­weise mittelalterliche Vorstellungen einzelner Lebensbereiche genauer beschrieben. Die vor­herrschenden anthropologischen Annahmen, sowie der Eintritt und der Austritt des Lebens bilden einen groben Überblick über das mittelalterliche Leben. Der Erziehung wird unter die­sem Gliederungspunkt besondere Aufmerksamkeit geschenkt und bezüglich ihrer Methoden und Ziele hin genauer überprüft. Anschließend erfolgt eine kurze Reflexion, bezogen auf Phil­ippe Ariès These, ob und inwieweit man auch bereits im Mittelalter von Kindheit sprechen konnte. Zum Schluss erfolgt eine Zusammenfassung und es werden Parallelen zur Gegenwart gezogen.

2. Die drei Entwicklungsphasen der Kindheit im Mittelalter

Neben Jean Piaget, Freud und etlichen weiteren Entwicklungs- und Persönlichkeitspsycholo­gen, gab es auch bereits im Mittelalter ein Modell, welches drei Stufen der Kindheit und des

Verlaufs der Lebensspanne eines Menschen unterschied. Dabei bildeten sieben Jahre und das Vielfache von sieben die Dauer der einzelnen Stufen aus. Daraus resultierend stellte jede Stu­fe einen bestimmten körperlichen und geistigen Entwicklungsschritt dar:

Als Infantia wird die erste Phase bezeichnet, welche von der Geburt bis zum Alter von sieben Jahren anhält. Es folgt die Knaben- beziehungsweise Mädchenzeit, welche mit dem lateini­schen Begriff Pueritia betitelt wurde. Diese zweite Phase endet geschlechtsspezifisch, bei Jungen mit 14, bei Mädchen hingegen bereits mit zwölf Jahren. Als letzte Phase der Jugend­zeit gilt die Adolescentia, die sich bis zum Erwachsenenalter erstreckt.

Wird in der Literatur von den drei Phasen geschrieben, so fallen einem die verschiedenen Auseinandersetzungen mit den Geschlechtern auf. In der ersten Stufe wird über Jungen und Mädchen berichtet. In der zweiten Phase werden die Geschlechter häufig getrennt behandelt und in der dritten Phase wird über Mädchen bei weitem weniger berichtet. Unterschiedliche Bedürfnisse und bestimmte Verhaltensweisen sind charakteristisch für die jeweiligen Phasen, in denen sich die Menschen befinden. Des Weiteren ist es wichtig zu betonen, dass ein Rück­schritt auf bereits durchlaufene Phasen nicht möglich ist. Die einzelnen Phasen des Entwick­lungsphasenmodells des Mittelalters werden nun im Folgenden näher beschrieben (vgl. Sha- har 1990, S. 28-40).

2.1 „Infantia“

Die erste Phase der Kindheit ist bedingt durch mangelndes Sprachvermögen. Die Begründung hierfür sei: ,,... seine Zähne stünden noch nicht in Reih und Glied“ (Shahar 1990, S. 32)

Wenn das Kind alle Zähne besaß, die Sprachentwicklung soweit fortgeschritten war, dass Laute nicht nur Lallmonologe, sondern verständlich waren und es zu laufen begann, war das Säuglingsalter, welches gewöhnlicherweise bis zum zweiten Lebensjahr als solches galt, ab­geschlossen.

Die Prediger und Verfasser von Bußbüchern gaben bis einschließlich zum siebten Lebensjahr den Eltern die volle Verantwortung für ihre Kinder. Die hohe Hilflosigkeit und Abhängigkeit der Kinder von ihren Eltern gaben hierzu die Legitimation. Auch die stark religiöse Weltan­schauung des Mittelalters spielte in der Phase eine entscheidende Rolle. Verknüpft mit der ju­ristischen Verantwortung besaßen die Eltern auch eine moralische Verantwortung gegenüber ihrem Kind. Wenn sie diese Aufgabe missachteten und den Kindern etwas zustoßen würde, müssten sie sich davor nicht nur vor einem Gericht rechtfertigen, sondern auch vor Gott. Des Weiteren müsse in der Infantia das christliche Sakrament, die Taufe, erteilt werden (vgl. ebd., S. 31). Jedes Kind wurde so schnell wie möglich getauft, aufgrund der Annahme, dass die Neugeborenen ungetauft schneller sterben würden. Die verstorbenen, ungetauften Kinder müssten demnach in aller Ewigkeit in „einer Art Vorhimmel ... dem limbuspuerorum [leben], wo den Kindern kein Leid geschähe, aber sie seien der Anschauung Gottes entzogen“ (Le Goff 2007, S. 113). Sehr früh verstorbene Kinder, die noch nicht getauft wurden, wurden nicht sofort bestattet. Nach der mittelalterlichen Annahme hätten diese Kinder eine Möglichkeit wieder zum Leben zu erwachen, damit man sie nachträglich taufen und sie somit dem „lim- bus“ entfliehen können (vgl. ebd. S. 113).

2.2 „Pueritia“

Sind nun alle bereits beschriebenen Entwicklungen vollzogen, beginnt die zweite Phase der Kindheit. In dieser Phase der Knaben- und Mädchenzeit wurden viele Kinder bereits verheira­tet. Dieses Eheversprechen war allerdings kein, rechtlich gesehen, verbindliches. Erst am Ende der zweiten Phase, also mit zwölf bzw. 14 Jahren, mussten sich die Kinder endgültig entscheiden, ob die Ehe weiterhin Bestand haben oder annulliert werden solle.

Mit sieben Jahren wurden die Kinder im Mittelalter in Schulen unterrichtet bzw. für einen be­stimmten Beruf ausgebildet. Didaktik des Unterrichts waren „im christlichen Geist zu erzie­hen ... Disziplin und sittliches Verhalten zu lehren“ (Shahar 1990, S. 33). Auch der Beichte und dem Büßen wurden nach Ansicht der Theologen ein hoher Stellenwert zugeschrieben, denn auch in der ersten Phase habe man gesündigt und müsse nun, da man die Fähigkeit sich auszudrücken erlernt habe, seine Sünden vor Gott bringen und diesen um Vergebung bitten (vgl. ebd., S. 32f).

Bis zum Beginn der dritten Phase waren die Kinder strafunmündig. Sie mussten zwar vor Ge­richt zu ihren Taten stehen und aussagen, doch war das Urteil des zuständigen Richters im Vergleich zu den Erwachsenen bei gleichem Tatbestand häufig milder. Auch Papst Alexander III. befürwortete die Strafunmündigkeit für Kinder der zweiten Entwicklungsphase, denn die von Kindern begangenen Sünden wurden im Mittelalter nicht im gleichen Ausmaß bestraft, wie bei Erwachsenen. Sie sollten zwar Buße tun, doch „diese solle jedoch weniger streng aus­fallen ...“ (Shahar 1990, S. 34). Medizinisch und didaktisch gibt es bestimmte Merkmale der zweiten Phase, welche die Kinder in dem Alter zeigen. Bartholomaeus Anglicus zufolge leb­ten Knaben in dieser Entwicklungszeit äußerst gegenwartsbezogen und in Auseinandersetzung mit Gleichaltrigen. Sie seien agil, sorglos, launisch, mitteilungsbedürftig und zeigen sich ohne Scheu nackt. Die Mädchen seien reine Wesen, die jedoch „vor der Entwicklung weiblicher Züge: Schamlosigkeit, Jähzorn ... leichte Verführbarkeit, Bitterkeit ...“ durch eine gute Erzie­hung bewahrt bleiben sollten (vgl. ebd., S. 34f).

2.3 „Adolescentia“

Als adolescens wurden Jungen bezeichnet, die selbständig arbeiteten und Verantwortung übernahmen. Daher gilt dies als Abgrenzung zur ersten und zweiten Entwicklungsstufe. Als weiteres charakteristisches Merkmal für die dritte Stufe galt die „stärker werdende Neigung zu sündigen“ sowie die „Entwicklung des Intellekts“ (ebd., S.35).

Ab zwölf bzw. 14 Jahren galten die Heranwachsenden im Mittelalter als strafmündig und hat­ten die Legitimation bei Zivilgerichten als Zeugen auszusagen. Bei der Bestrafung von Kin­dern, ist allerdings auch nicht zwangsläufig das volle Strafmaß angewandt worden. Je nach Beurteilung der psychischen Zurechnungsfähigkeit ist dieses häufig milder ausgefallen. Die Begründung hierfür liegt nahe, da besonders einflussreiche Zusammenschlüsse, so zum Bei­spiel die Katharer, die Meinung vertraten, dass die vollendete ethische Beurteilung von Gut und Böse erst mit 18 Jahren erreichbar sei. Doch auch hier gab es getrennte Meinungen: „Dante schreibt im Convivio, die adolescentia ende mit fünfundzwanzig. Erst in diesem Alter sei der Verstand und folglich auch das menschliche Urteilsvermögen voll ausgebildet“ (ebd., S.37-38). Das römische Recht legte die Volljährigkeit eines jungen Mannes ebenfalls auf das Alter 25 Jahre fest. Im Mittelalter allerdings gab es diesbezüglich keine einheitliche Festle­gung. Ebenfalls herrschte Uneinigkeit über den Zeitpunkt des Abschlusses der dritte Phase der Kindheit. Anglicus nannte das 21. Lebensjahr, andere Schriftsteller hingegen 28, 30 oder 35 Jahre (vgl. ebd., S. 35-39).

3. Mittelalterliche Vorstellungen

Jede Zeitepoche besitzt für sich typische Weltanschauungen, Schlüsselprobleme sowie politi­sche und kulturelle Ansichten. Auch die Praxis bestimmter Lebensbereiche und der Umgang mit dem eigenen Körper sind zeitabhängig und kulturell bedingt. Ebenso hat sich der kom­plette Bereich der Erziehung und der Umgang mit Kindern erst im Laufe der Zeit entwickelt. Inwieweit bestimmte Vorstellungen im Mittelalter vertreten waren wird nun im Folgenden auszugsweise erläutert.

[...]

Ende der Leseprobe aus 13 Seiten

Details

Titel
Mittelalterliche Vorstellungen von Kind und Kindheit
Hochschule
Universität Augsburg  (Philosophisch-Sozialwissenschaftliche Fakultät)
Autor
Jahr
2010
Seiten
13
Katalognummer
V168081
ISBN (eBook)
9783640849819
ISBN (Buch)
9783640849673
Dateigröße
444 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Mittelalter, Kindheit, Kind, Pädagogik, Geschichte
Arbeit zitieren
Jasmin-Nicole Schmid (Autor), 2010, Mittelalterliche Vorstellungen von Kind und Kindheit, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/168081

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