Die Arbeitswelt der Gegenwart – Eine Analyse anhand von Rainer Merkels Roman ‚Das Jahr der Wunder‘


Hausarbeit (Hauptseminar), 2010
40 Seiten, Note: 1,0

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Inhaltsverzeichnis

Einleitung

1. Arbeit und das Ökonomische in der Literatur der Gegenwart

2. Die New Economy und die neue Form der „immateriellen Arbeit“

3. Zum Roman ‚Das Jahr der Wunder‘ und seinem Autor Rainer Merkel
3.1. Atmosphäre in der Agentur
3.2. „Überwachen und Strafen“ - Das Prinzip des Benthamschen Panopticons in der Arbeitswelt
3.3. Subjektivierungstendenzen in Merkels Roman
3.4. Mythen, Mystik und Fiktionen
3.5. Geld als Nebensache
3.6. Der „kreative Imperativ“
3.7. Die hohle Sprache - Begriffe als Etiketten
3.8. Oberflächlichkeit - Das Missverhältnis von Ausdruck und Inhalt

Fazit

Literaturverzeichnis

Einleitung

Seit den letzten Jahren rückt das Thema Arbeit wieder stärker in den Fokus literarischer Verarbeitung. Ein Grund dafür könnten die drastischen Transformationen sein, welche die Arbeitswelt und die Ökonomie seit wenigen Jahrzehnten durchlaufen. Damit korrespondiert die Entwicklung, dass seit einiger Zeit auch die Literaturwissenschaft die Ökonomie und das Literarische in einer neuen, einander wechselseitigen Durchdringung für sich entdeckt. In der vorliegenden Arbeit soll es daher darum gehen, die fiktionale Werbewelt in Rainer Merkels Roman ‚Das Jahr der Wunder‘ in Beziehung zu setzen mit der Arbeitswirklichkeit, wobei speziell die New Economy betont wird, da die Handlung des Buches in einer Werbeagentur in der Mitte der 90er Jahre spielt.

Dabei wird zunächst in aller Kürze die bisherige „Arbeitsabwesenheit“ in der deutschen Literatur beleuchtet, nach möglichen Gründen hierfür gesucht und es werden einige ausgewählte, aktuelle literarische und wissenschaftliche Texte benannt, die sich mit Arbeit und Ökonomie befassen. Im Anschluss daran beschreibt der zweite kurze Abschnitt die Herausbildung des „Symbol-Analytikers“, jenen Vertreter einer neuen Form von „immaterieller Arbeit“ und zeigt seine besondere Relevanz für die New Economy, die sich eben dadurch auszeichnet, dass sie immaterielle Werte produziert. Im dritten und größten Kapitel werden dann Passagen in Merkels Werk analysiert, an denen sich der Charakter der gegenwärtigen Arbeitswelt dort manifestiert, wo moderne Disziplinar- bzw. Machtmechanismen auftauchen und Subjektivierungstendenzen im Sinne eines zunehmenden Programms des Sich-selbst-Regierens stattfinden. Darüber hinaus gehen weitere Unterpunkte den mythischen, quasi-religiösen und fiktionalen Vorstellungen innerhalb von Merkels Text nach, reflektieren die (scheinbar unbedeutende) Rolle des Geldes und hinterfragen den Begriff der Kreativität, den die Mitarbeiter in Merkels erdachter Agentur „GFPD“ so intensiv für sich reklamieren. Die beiden letzten Unterpunkte versuchen die Diskrepanz von „Schein und Sein“ sowohl in der New Economy wie auch im Werbeunternehmen in ‚Das Jahr der Wunder‘ aufzudecken und enthüllen dabei einen oft diffusen, etikettenhaften Sprachgebrauch und eine manchmal vorkommende Inhaltsleere in der modernen Wirtschaftswelt.

1. Arbeit und das Ökonomische in der Literatur der Gegenwart

Obwohl Arbeit einen sowohl gesamtgesellschaftlich wie auch individuell ungeheuer wichtigen Aspekt des menschlichen Lebens ausmacht, wurde sie paradoxerweise in der deutschen Literatur nicht so eingehend behandelt wie andere Themen. Vielleicht liegt ein Grund dafür in der Alltäglichkeit der Arbeit, im Gewohnten, das ja eigentlich nicht Bestandteil von Literatur sein will:

„die bloße Wiedergabe […] von Vorgängen aus der Produktionssphäre produziert nämlich nichts als Langeweile. Literatur [aber] handelt vom Unverhofften und mit dem Unverhofften. […] Jede winzige Katastrophe ist ihr […] erzählenswerter als das Normale, die Routine des Alltags.“1

Schon „in der deutschen Literatur des 19. Jahrhunderts findet die industrielle Revolution nicht das Echo wie in der englischen und französischen Literatur“2. Dass das Thema Arbeit in der deutschen Literatur auch heute weniger Beachtung (aber nicht: gar keine) findet, ist laut Ralf Winnes genau aus dieser damaligen literaturgeschichtlichen Situation heraus zu erklären.3 Im gleichen Symposium wie Winnes meldet sich Heinrich Droege zu Wort und zitiert zur Erklärung der Arbeitsabstinenz in deutschen literarischen Texten einen alten FAZ-Artikel vom 24.7.59, in dem es heißt:

‚Die jungen Schriftsteller ergreifen heute das Geschäft des Schreibens unmittelbar, nachdem sie Schule und Universität verlassen haben, und kaum einer, der die Welt des Wirtschaftslebens in der Arbeit selbst erlebt hat, es fehlt das Erlebnis des modernen Betriebes, insbesondere des Großbetriebes, als ein erregender Schauplatz menschlicher Größe und menschlicher Niedrigkeit.‘4

Wenn die Beiträge aus dem kleinen Sammelband ‚Erfahrung und Fiktion‘, die allesamt von einer Tagung aus dem Jahr 1991 stammen5 unterm Strich eine Tendenz ausmachen, wonach in der Literatur vor 20 Jahren ebenso wie im 19. Jh. die Thematik Arbeit nicht so viel Aufmerksamkeit erhält wie allgemeinere Themen wie Liebe, Leid und Tod etc., so könnte man sagen, dass ungefähr mit Beginn der Nuller-Jahre die Arbeitswelt und das Ökonomische wieder stärker in den Blickpunkt literarischer Verarbeitung und literaturwissenschaftlicher Betrachtung kommt.6

[...]


1 Baumgart 1993, S. 42.

2 Heckmann 1993, S. 9. Vgl. dazu auch Killy 1993, der zum gleichen Schluss kommt wie Heckmann.

3 Heckmann/Dette (Hgg.) 1993, im Kap. Gespräch und Diskussion S. 117.

4 Heinrich Droege in ebd., S. 118.

5 Tagung der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung (Darmstadt) und des Gesamtverbandes der metallindustriellen Arbeitgeberverbände am 5./6. Dezember 1991 in Darmstadt. Siehe in Heckmann/Dette (Hgg.) 1993 inneren Titelblatttext zur Buchbeschreibung.

6 Diese Behauptung ist bewusst im Konjunktiv formuliert, weil sie zunächst einmal auf einer oberflächlichen Sichtung der Forschungsliteratur zum Ökonomischen und zur Arbeitswelt in literarischen Texten beruht und mehr einem Eindruck des Verfassers dieser Arbeit entspricht, denn einer gesicherten These.

40 von 40 Seiten

Details

Titel
Die Arbeitswelt der Gegenwart – Eine Analyse anhand von Rainer Merkels Roman ‚Das Jahr der Wunder‘
Hochschule
Ernst-Moritz-Arndt-Universität Greifswald  (Institut für Deutsche Philologie)
Veranstaltung
Fakt und Fiktion - Konzepte realistischen Schreibens
Note
1,0
Autor
Jahr
2010
Seiten
40
Katalognummer
V168163
ISBN (Buch)
9783640851300
Dateigröße
677 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Einziger Kritikpunkt vom Dozenten war, dass noch mehr einschlägige Forschungsliteratur hätte verwendet werden können, ansonsten überzeugend. Vielleicht kann die Arbeit jemandem hier als Orientierung nützen.
Schlagworte
arbeitswelt, gegenwart, eine, analyse, rainer, merkels, roman, jahr, wunder‘
Arbeit zitieren
Michael Thormann (Autor), 2010, Die Arbeitswelt der Gegenwart – Eine Analyse anhand von Rainer Merkels Roman ‚Das Jahr der Wunder‘, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/168163

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