Evita - eine Pop-Oper rund um ein wundervolles Miststück


Seminararbeit, 2011
14 Seiten, Note: 1

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Phantasmagorie
2.1. Personenkult
2.2. Politik als Showgeschäft
2.3. Pompes funèbres
2.4. Über Männer zum Erfolg
2.5. Herkunft als Bonus
2.6. Glamouröse Selbstinszenierung
2.7. Sentimentalität
2.8. Verschleierung von Machtinteressen
2.9. Todesursache

3. Sozialkritik
3.1. Sexuelle Doppelmoral
3.2. Klassengesellschaft
3.3. Sexuelle Freizügigkeit und Prostitution als Mittel zu finanzieller Freiheit
3.4. Blendung der Volksmassen
3.5. Emanzipation der Frau
3.6. Zwischen Kapitalismus und Kommunismus
3.7. Che Guevara als Idol der politischen Linken

4 . Conclusio

5 . Quellenverzeichnis
5.1. Bibliographie
5.2. Filmographie
5.3. Internetquelle
5.4. Bildquelle

1. Einleitung

Schon im von Tim Rice abgekupferten Titel, der zu Lloyd Webber gesagt haben soll: „Ich weiß, sie [Eva Perón] ist ein Miststück, doch laß sie uns zu einem wundervollen Miststück machen.“[1], sticht jene Ambivalenz hervor, die uns in diesem Musical so oft begegnet. Beinahe jede Szene, die eine ausführlicher, die andere subtiler, gibt sich unentschieden hinsichtlich der Beurteilung Evitas.

Ihr Lebenslauf liest sich tatsächlich wie eine Aschenbrödelgeschichte, besonders fesselnd, weil real. Auf der Rückfahrt vom Kricketspielen 1973 lief im Autoradio ein Programm über Eva Perón, an dessen Ende Tim Rice sich deren Zauber ebenso verfallen sah wie einst das argentinische Volk. Dieser Superstareffekt, welcher von Evita ausging, eine Art Faszination à la „live fast and die young“, schien ihm prädestiniert für ein großes Musical zu sein.[2]

Klarerweise begibt man/frau sich mit einer Art musikalischer Biographie der Gattin des argentinischen Diktators Juan Perón auf politisches Terrain, was in den 1970ern recht neu für ein Musical war. Aber Rice und Lloyd Webber hielten die Zeit reif dafür. Großbritannien wurde damals von schweren Unruhen erschüttert, Inflation, Arbeitslosigkeit sowie Streiks nahmen zu. Ein Musical, das aufzeigt wie ein charismatisches Politikerehepaar die Bevölkerung scheinbar aus dem Chaos errettet, könnte als lehrhafte Parabel in Bezug auf die Zerbrechlichkeit der Demokratie dienen. Dadurch, dass Eva Peróns Leben im Mittelpunkt steht, ist es eine sehr persönliche Geschichte, die sich vielmehr um die Menschen in der Politik, deren bewusst inszeniertem Zauber schert, als um den Faschismus als politisches Phänomen.[3]

Auch die Musik folgt diesem Konzept der Zwiespältigkeit, worauf die Bezeichnung „Rock- oder Pop-Oper“ recht deutlich hinweist. Als opernhaft zu bezeichnen ist schon einmal die Tatsache, dass es kein Textbuch zu Evita gibt, keine Dialoge, welche die Handlung vorantreiben. Alles wird gesungen, anstatt gesagt, sogar die beiläufigsten Bemerkungen sind mit Musik unterlegt.[4] Opernhafte Strukturen lassen sich auch in der Anlage und Abfolge der Musiknummern erkennen, die selbst jedoch ein buntes Konglomerat aus verschiedensten Stilrichtungen sind:

Er [Lloyd Webber] ersetzte Showmelodien mit atemberaubenden neuen Versatzstücken aus der Oper, der Operette, der zeitgenössischen, der populären und der Latinomusik, zusätzlich zu einem kraftvollen Schwung Rock’n’Roll.[5]

Da die Emotionalisierung im Musical generell obenan steht, kann die Message von Evita leicht dahingehend aufgenommen werden, dass eine Verherrlichung der charismatischen, schönen, blonden Faschistin stattfindet und gleichzeitig ihre negativen Charakterzüge heruntergespielt werden.[6] Der dramaturgische Griff zum Revolutionär Che als moralischer Instanz und Evitas schärfstem Kritiker sollte dem Regisseur Prince zufolge die ZuschauerInnen mehr in Richtung RezipientIn als TeilnehmerIn lenken.[7] Es kann allerdings beanstandet werden, dass dieser kommentierende Part in all seiner Distanz keinen angemessenen Gegenpol zur Faszination Evitas bildet.[8] Wird das Einlullen durch die wirkmächtige Ikone, dem frau/man sich nur schwer entziehen kann, aus einem anderen Blickwinkel her betrachtet:

[...] unterstreicht dieser Effekt die hypnotische Ausstrahlung einer Frau, deren Wirken darin bestand, ihre besondere Form der Diktatur für das Volk und das Ausland als Wohltat zur Geltung zu bringen.[9]

Diesen schmalen Grat zwischen Eva Peróns Bloßstellung und einem gewissen Sympathisieren mit ihr, den das Musical einschlägt, muss ein/e jede/r RezipientIn für sich abtasten. Ich werde im Folgenden Schlüsselszenen des Films[10] auf ihr phantasmagorisches wie sozialkritisches Potential untersuchen und den Versuch unternehmen diese gegeneinander abzuwägen.

2. Phantasmagorie

Eine Phantasmagorie (von altgr. phantasma „Trugbild“ sowie altgr. agora „Versammlung“) bezeichnet wörtlich die Darstellung von Trugbildern vor Publikum.[11] Das Musical zeigt eine lange Kette von solch fantastischen Bildern, die sich um Evitas Mythos ranken, und den ZuschauerInnen allemal einen Anflug ihrer Wirkmächtigkeit vermitteln.

2.1. Personenkult

Den ersten Eindruck vom Personenkult um Evita (Madonna) vermittelt die dramatische Bekanntgabe ihres Todes 1952 in einem Kinosaal Buenos Aires‘, als der Film gestoppt wird und das Publikum in Unruhe gerät. Es wird von ihr als „spiritual leader of the nation“[12] gesprochen, welche in die Unsterblichkeit übergegangen ist. Die Reaktion der gerade noch schimpfenden Kinogänger fällt ebenso pathetisch aus wie die Worte der Ankündigung, alle, bis auf einen, Che (Antonio Banderas), brechen in Tränen aus, vergraben ihre Gesichter und fallen sich in die Arme.[13]

Che spielt vor allem in den Songzeilen „But who is this Santa Evita?“ und „What kind of goddess has lived among us?“[14] [Che - Oh What A Circus] stark ironisierend auf die Verehrung Eva Peróns als Heiliger an, welche sie vom Volk erfahren hatte.

2.2. Politik als Showgeschäft

„Oh what a Circus, oh what a Show“[15] singt Che, Evitas pompöses Begräbnis sowie rückblickend ihre Selbstinszenierung zu Lebzeiten kommentierend [Che – Oh What A Circus]. Dass Politiker sich wie Schauspieler inszenieren, ist seit jeher gang und gäbe. Der Slogan „The Show must go on“ gilt längst nicht nur für im Rampenlicht stehende Künstler, nein, die Politik, sofern sie am größtmöglichen Reach-Out interessiert ist, was sich von selbst versteht, tut gut daran ebenso intensiv in den schönen Schein zu investieren. Eva Perón war eine der ersten Frauen, welche dies massiv nutzte und als eine Art weibliche Gallionsfigur in Sachen politischer Blendung gelten kann.

2.3. Pompes funèbres

Durch die Kontrastierung mit dem mittelständischen Begräbnis von Eva Pérons Vater wirkt ihr eigenes umso pompöser: ein synchroner Aufmarsch bzw. eine Auffahrt von Militär, ihr lebensgroßes Porträt an Häuserfronten, überall ausgestreute Blüten, die im Wind tanzen, still trauernde Volksmassen, ihr Sarg in die argentinische Flagge gehüllt, von Menschen in kunstvoller Formation gezogen, die Dramatik der Szenarie noch verstärkt durch Evita Chöre [Ensemble – Requiem For Evita] – schlussendlich der gläserne Sarkophag, Pilgerstätte des Volkes, majestätisch aufgebahrt [Eva unsichtbar – Don’t Cry For Me, Argentina] etc.[16]

Solch eine extreme Form des Begräbnisses kennen wir auch aus jüngerer Zeit, als Prinzessin Diana umkam. Die Parallelen sind schnell aufgezeigt, beide, Evita wie Diana, kamen aus relativ einfachen Verhältnissen und haben sich, u.a. durch karitatives Engagement, immer als sehr volksnah gegeben. Der soziale Aufstieg von hübschen Gattinnen politisch mächtiger Männer wurde zur Cinderella-Story ideologisiert. Es kann der Versuch unternommen werden, das übermäßige Mitleiden der Leute dadurch zu erklären, dass Ausdruck von Trauer und Hilflosigkeit in unserer Gesellschaft keinen Platz mehr haben. Sobald ein national relevantes Ereignis eintritt, brechen die aufgestauten Emotionen durch, die eigentlich aus den Leuten selbst kommen. Dabei ist viel weniger die Person Eva Perón oder Diana der Grund des Trauerns als vielmehr das Trauern selbst. Die Pompes funèbres stehen gewissermaßen für das Demonstrationsbedürfnis der Bevölkerung, worauf auch die relativ leise gehaltene Einspielung Ches „It’s our funeral too“[17] anspielen könnte.

[...]


[1] Keith Richmond: Die Musicals von Andrew Lloyd Webber. Berlin: Henschel 1996. S. 45.

[2] Vgl. Ebd. S. 43.

[3] Vgl. Ebd. S. 44/45.

[4] Vgl. Ebd. S. 44.

[5] Ebd. S. 44.

[6] Vgl. Ebd. S. 49.

[7] Quasi analog zur Methode Brechts. Vgl. Ebd. S. 189.

[8] Vgl. Ebd. S. 189.

[9] Ebd. S. 189.

[10] Alan Parker: Evita. DVD 130 min. USA: CIC Video/Paramount Home Ent. 2003.

[11] Wilhelm Gemoll und Karl Vretska: Griechisch-Deutsches Schul- und Handwörterbuch. München/Düsseldorf/Stuttgart: Oldenbourg Schulbuchverlag 2006.

[12] Alan Parker: Evita. 03:23 – 03:26 min. (Kap. 1)

[13] Vgl. Ebd. 02:17 – 04:23 min. (Kap. 1).

[14] Ebd. 09:12 – 09:21 min. (Kap. 3).

[15] Ebd. 08:25 – 08:28 min. (Kap. 3).

[16] Vgl. Ebd. 06:25 – 08:15 min. (Kap. 1-3).

[17] Ebd. 13:31 – 13:34 min. (Kap. 3).

Ende der Leseprobe aus 14 Seiten

Details

Titel
Evita - eine Pop-Oper rund um ein wundervolles Miststück
Hochschule
Universität Wien  (Institut für Theater-, Film- und Medienwissenschaft)
Veranstaltung
Phantasmagorie und Sozialkritik im Musical
Note
1
Autor
Jahr
2011
Seiten
14
Katalognummer
V168171
ISBN (eBook)
9783640851027
ISBN (Buch)
9783640851317
Dateigröße
415 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Ergänzungsmodul Geschichte
Schlagworte
Musical, Phantasmagorie, Sozialkritik, Evita, Eva Peròn, Andrew Lloyd Webber
Arbeit zitieren
Sandra Folie (Autor), 2011, Evita - eine Pop-Oper rund um ein wundervolles Miststück, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/168171

Kommentare

  • Noch keine Kommentare.
Im eBook lesen
Titel: Evita - eine Pop-Oper rund um ein wundervolles Miststück


Ihre Arbeit hochladen

Ihre Hausarbeit / Abschlussarbeit:

- Publikation als eBook und Buch
- Hohes Honorar auf die Verkäufe
- Für Sie komplett kostenlos – mit ISBN
- Es dauert nur 5 Minuten
- Jede Arbeit findet Leser

Kostenlos Autor werden