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Der Familie-Begriff in Rilkes "Die Aufzeichnungen des Malte Laurids Brigge"

Title: Der Familie-Begriff in Rilkes "Die Aufzeichnungen des Malte Laurids Brigge"

Academic Paper , 2025 , 13 Pages

Autor:in: Xia Huang (Author)

German Studies - Comparative Literature
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Summary Excerpt Details

Rilkes "Die Aufzeichnungen des Malte Laurids Brigge" interpretiert die biblische Geschichte des verlorenen Sohnes radikal neu als „Legende dessen, der nicht geliebt werden wollte“. Diese Arbeit analysiert, wie Rilke den Familie-Begriff in Die Aufzeichnungen als ambivalente Struktur darstellt: Die Familie ist Quelle von Erinnerung, aber auch Fessel, deren „selbstverständliche Liebe“ den Einzelnen in feste Rollen zwingt und seine authentische Existenz bedroht. Die Flucht des Sohnes wird nicht als Sünde, sondern als existentialistischer Akt der Selbstbefreiung von emotionalen Erpressungsmechanismen gedeutet. Seine Rückkehr markiert keine Versöhnung, sondern eine tiefere, geistige Distanzierung. Rilkes Kritik lehnt nicht die Familie per se ab, sondern einengende, besitzergreifende Liebesmodelle. Sie offenbart eine existentialistische, buddhistische und negative-theologische Perspektive: Die Verneinung der unvollkommenen menschlichen Liebe weist auf die Möglichkeit einer absoluten, freiheitsschenkenden göttlichen Liebe hin. Somit wird die Familie zum Prüfstein für die Suche des modernen Individuums nach einem selbstbestimmten Sein jenseits traditioneller Bindungen.

Excerpt


Inhaltsverzeichnis

  • 1. Einleitung
  • 2. Die bibelische Geschichte des verlorenen Sohnes
  • 3. Aufzeichnung 71 in Die Aufzeichnungen des Malte Laurids Brigge
  • 4. Zwischen Grenzüberschreitung und Heimkehr: Ein Gleichnis der modernen Wende und Rilkes neue Interpretation
  • 5. Dialog zwischen Rilkes verlorenem Sohn und dem buddhistischen Vers: Eine kulturübergreifende Übung des „Loslassens von Liebe“
  • 6. Aus der Perspektive der Negativen Theologie
  • 7. Fazit

Zielsetzung & Themen

Diese Arbeit interpretiert Rainer Maria Rilkes Roman "Die Aufzeichnungen des Malte Laurids Brigge" durch eine radikale Neuinterpretation der biblischen Geschichte des verlorenen Sohnes. Das Hauptziel ist die Analyse, wie Rilke den Begriff der Familie als ambivalente Struktur darstellt und die Suche des modernen Individuums nach einem selbstbestimmten Sein jenseits traditioneller Bindungen beleuchtet.

  • Rilkes Neuinterpretation der Parabel vom verlorenen Sohn als existentialistischer Akt der Selbstbefreiung.
  • Die ambivalente Rolle der Familie als Quelle von Erinnerung und Fessel zugleich.
  • Kritik an einengenden und besitzergreifenden Liebesmodellen.
  • Die Verknüpfung von existentialistischen, buddhistischen und negativ-theologischen Perspektiven auf Liebe und Freiheit.
  • Die Suche nach authentischer Existenz und Freiheit in modernen gesellschaftlichen Kontexten.

Auszug aus dem Buch

Rilkes Text – „die Legende dessen, der nicht geliebt werden wollte“

Man wird mich schwer davon überzeugen, daß die Geschichte des verlorenen Sohnes nicht die Legende dessen ist, der nicht geliebt werden wollte. Da er ein Kind war, liebten ihn alle im Hause. Er wuchs heran, er wußte es nicht anders und gewöhnte sich in ihre Herzweiche, da er ein Kind war.9

Die Aufzeichnung beginnt mit der Kindheit des Sohnes, der sich der liebenden Zuwendung seiner Familie zunehmend bewusst wird. Diese Liebe wird nicht als Geborgenheit, sondern als bedrückende Last empfunden, die ihn auf die Rolle des "Sohnes" festlegt und ihm die Möglichkeit nimmt, ein eigenes, authentisches Selbst zu entwickeln. Seine Sehnsucht gilt einer „innigen Indifferenz“, einem Zustand jenseits der bewertenden Blicke und Erwartungen der anderen.

Aber als Knabe wollte er seine Gewohnheiten ablegen. Er hätte es nicht sagen können, aber wenn er draußen herumstrich den ganzen Tag und nicht einmal mehr die Hunde mithaben wollte, so wars, weil auch sie ihn liebten; weil in ihren Blicken Beobachtung war und Teilnahme, Erwartung und Besorgtheit; weil man auch vor ihnen nichts tun konnte, ohne zu freuen oder zu kränken. Was er aber damals meinte, das war die innige Indifferenz seines Herzens, die ihn manchmal früh in den Feldern mit solcher Reinheit ergriff, daß er, zu laufen begann, um nicht Zeit und Atem zu haben, mehr zu sein als ein leichter Moment, in dem der Morgen zum Bewußtsein kommt.10

Seine Flucht aus dem Elternhaus ist daher kein Akt der Jugendsünde, sondern ein existentialistischer Akt der Selbstbefreiung von der „selbstverständlichen Liebe" der Familie, die er als eine Form von Besitzanspruch und emotionaler Erpressung erlebt. In der Einsamkeit seiner Wanderungen versucht er, das Lieben zu lernen eine Liebe, die den anderen nicht vereinnahmt, sondern dessen Freiheit respektiert.

Wird er bleiben und das ungefähre Leben nachlügen, das sie ihm zuschreiben, und ihnen allen mit dem ganzen Gesicht ähnlich werden? Wird er sich teilen zwischen der zarten Wahrhaftigkeit seines Willens und dem plumpen Betrug, der sie ihm selber verdirbt? Wird er es aufgeben, das zu werden, was denen aus seiner Familie, die nur noch ein schwaches Herz haben, schaden könnte?

Zusammenfassung der Kapitel

1. Einleitung: Dieses Kapitel stellt Rilkes Roman „Die Aufzeichnungen des Malte Laurids Brigge“ vor und identifiziert die Familie als zentrale, ambivalente Struktur in Maltes Erinnerungen und seiner Suche nach Selbstfindung.

2. Die bibelische Geschichte des verlorenen Sohnes: Hier wird die traditionelle biblische Parabel des verlorenen Sohnes aus dem Lukasevangelium nacherzählt, um deren ursprüngliche Bedeutung von Reue und Vergebung hervorzuheben, die Rilke radikal neu interpretiert.

3. Aufzeichnung 71 in Die Aufzeichnungen des Malte Laurids Brigge: Dieses Kapitel widmet sich Rilkes einzigartiger Deutung der Geschichte des verlorenen Sohnes als „Legende dessen, der nicht geliebt werden wollte“, und erklärt, wie der Sohn die familiäre Liebe als Fessel empfindet und seine Flucht als Akt der Selbstbefreiung.

4. Zwischen Grenzüberschreitung und Heimkehr: Ein Gleichnis der modernen Wende und Rilkes neue Interpretation: Hier wird Rilkes Fokus auf die psychologische Motivation des Sohnes beleuchtet, dessen Auszug als Flucht vor dem „Geliebt-Werden“ und seine Rückkehr als geistiges Exil im Sinne existentialistischer Selbstdefinition interpretiert wird.

5. Dialog zwischen Rilkes verlorenem Sohn und dem buddhistischen Vers: Eine kulturübergreifende Übung des „Loslassens von Liebe“: Das Kapitel zieht Parallelen zwischen Rilkes Verständnis von Liebe als Fessel und buddhistischen Ideen des Loslassens von Anhaftung, um wahre Freiheit zu erlangen.

6. Aus der Perspektive der Negativen Theologie: Diese Sektion untersucht Rilkes Kritik an der familiären Liebe durch die Brille der Negativen Theologie, wobei die Verneinung menschlicher, begrenzter Liebe auf die Möglichkeit einer absoluten, göttlichen Liebe verweist.

7. Fazit: Das Fazit fasst zusammen, dass Rilkes Interpretation der Familie als Ort paradoxer Spannungen dient, der die individuelle Suche nach ontologischer Freiheit und eine Neudefinition von Liebe – als respektvolle Distanz – offenbart.

Schlüsselwörter

Rilke, Malte Laurids Brigge, verlorener Sohn, Familie, Existentialismus, Selbstbefreiung, Liebe, Bindung, Autonomie, negative Theologie, Buddhismus, Anhaftung, Einsamkeit, moderne Subjektivität, Freiheit.

Häufig gestellte Fragen

Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?

Die Arbeit analysiert Rainer Maria Rilkes Roman "Die Aufzeichnungen des Malte Laurids Brigge" durch seine einzigartige Neuinterpretation der biblischen Geschichte des verlorenen Sohnes, um Rilkes komplexen Begriff der Familie und die Suche des modernen Individuums nach authentischer Freiheit zu beleuchten.

Was sind die zentralen Themenfelder?

Zentrale Themenfelder sind die Familie als ambivalente Struktur, die existentielle Suche nach Selbstbefreiung, die Kritik an possessiver Liebe, sowie die Verknüpfung von existentialistischen, buddhistischen und negativ-theologischen Perspektiven.

Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?

Das primäre Ziel ist es zu untersuchen, wie Rilke den Familie-Begriff als eine Struktur darstellt, die sowohl Erinnerung spendet als auch einengt, und wie die Flucht des Sohnes als ein existentialistischer Akt der Selbstbefreiung von emotionalen Fesseln gedeutet wird.

Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?

Die Arbeit bedient sich einer literaturwissenschaftlichen Analyse, die Rilkes Text interpretiert und dabei philosophische (Existentialismus) sowie theologische (Negative Theologie) Konzepte und Bezüge zur buddhistischen Weisheit heranzieht.

Was wird im Hauptteil behandelt?

Der Hauptteil behandelt die biblische Geschichte des verlorenen Sohnes, Rilkes radikale Neuinterpretation dieser Parabel in "Aufzeichnung 71", die psychologische Motivation des Sohnes, kulturübergreifende Parallelen zu buddhistischen Lehren des Loslassens und eine Analyse aus der Perspektive der negativen Theologie.

Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?

Die Arbeit wird charakterisiert durch Schlüsselwörter wie Rilke, Malte Laurids Brigge, verlorener Sohn, Familie, Existentialismus, Selbstbefreiung, Liebe, Bindung, Autonomie, negative Theologie, Buddhismus, Anhaftung, Einsamkeit, moderne Subjektivität und Freiheit.

Wie unterscheidet sich Rilkes Interpretation des verlorenen Sohnes von der biblischen Parabel?

Rilke deutet die Geschichte nicht als eine Parabel der Reue und Vergebung, sondern als die "Legende dessen, der nicht geliebt werden wollte". Die Flucht des Sohnes ist kein Akt der Sünde, sondern ein existentialistischer Akt der Selbstbefreiung von der erstickenden familiären Liebe, die als Besitzanspruch verstanden wird.

Was symbolisiert die flehentliche Bitte des Sohnes, "ihn nicht zu lieben"?

Die Bitte des Sohnes, "ihn nicht zu lieben", ist eine radikale Abkehr von der emotionalen Logik der Familie und ein symbolischer Akt der endgültigen Verweigerung, das Objekt liebender Zuschreibungen zu sein. Sie drückt den Wunsch nach vollständiger innerer Freiheit und Selbstbestimmung aus, jenseits jeglicher Vereinnahmung.

Inwiefern weist Rilkes Ansatz Parallelen zum Buddhismus auf?

Rilkes paradoxe Bitte "nicht geliebt zu werden" zeigt Parallelen zu buddhistischen Konzepten des Loslassens von Anhaftung und Begehren. Beide Traditionen betrachten "Liebe als Anhaftung" als Quelle von Leid und sehen in der Trennung von Abhängigkeiten einen Weg zur wahren Freiheit.

Welche Rolle spielt die negative Theologie in Rilkes Verständnis von Liebe?

Die negative Theologie dient Rilke dazu, durch die Verneinung der begrenzten und unvollkommenen menschlichen Liebe auf die Möglichkeit einer absoluten, freien und göttlichen Liebe hinzuweisen. Gottes "Noch-nicht-Wollen" wird dabei als höchster Respekt vor der menschlichen Freiheit interpretiert.

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Details

Title
Der Familie-Begriff in Rilkes "Die Aufzeichnungen des Malte Laurids Brigge"
Course
School of Foreign Languages
Author
Xia Huang (Author)
Publication Year
2025
Pages
13
Catalog Number
V1682551
ISBN (PDF)
9783389170151
ISBN (Book)
9783389170168
Language
German
Tags
Rilke, Malte, Familie, Liebe
Product Safety
GRIN Publishing GmbH
Quote paper
Xia Huang (Author), 2025, Der Familie-Begriff in Rilkes "Die Aufzeichnungen des Malte Laurids Brigge", Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1682551
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