Entwicklungsmöglichkeiten von Menschen mit alkoholbedingtem amnestischen Syndrom: Beobachtungen in einem Wohnheim nach zwei Wochen Hirnleistungstraining


Diplomarbeit, 2003
116 Seiten, Note: 1,3

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Vorwort

1. Einleitung

2. Alkoholismus
2.1 Geschichte des Alkohols
2.2 Entstehung des Alkoholismus
2.3 Formen des Alkoholismus
2.4 Folgen des Alkoholismus

3. Das alkoholbedingte amnestische Syndrom
3.1 Diagnose laut ICD 10 und DSM IV
3.2 Ursachen
3.3 Krankheitsbild

4. Hilfen für Bewohner

5. Tagesstruktur im Wohnheim „Sonnenweg“
5.1 Institutionelle Rahmenbedingungen
5.2 Tagesstruktur

6. Personenbeschreibungen und Darstellung ihrer Probleme im Wohnheim „Sonnenweg“
6.1 Personenbeschreibung 1
6.2 Personenbeschreibung 2
6.3 Personenbeschreibung 3
6.4 Zusammenfassung der auftretenden Probleme

7. Das Hirnleistungstraining

8. Durchführung von Hirnleistungstraining im Wohnheim
8.1 Anfangsbedingungen
8.2 Voraussetzungen zur Durchführung des Hirnleistungstrainings im Wohnheim „Sonnenweg“
8.3 Durchgeführte Testverfahren

9. Verlauf des Hirnleistungstrainings

10. Auswertung
10.1 Zusammenfassung der Ergebnisse
10.2 Ergebnisdiskussion
10.3 Selbstreflexion

11. Beantwortung der Fragestellungen

12. Konsequenzen für das Wohnheim „Sonnenweg“

13. Resümee / Ausblick

14. Literaturverzeichnis

15. Anhang

Vorwort

Obwohl bei immer mehr alkoholkranken Menschen die Diagnose: Alkoholbedingtes amnestisches Syndrom gestellt wird, beschäftigen sich nur wenige Einrichtungen mit dieser Erkrankung. Demzufolge sind die Therapiemöglichkeiten noch wenig bekannt und erforscht. Deshalb sind die Einrichtungen bei der Betreuung und Behandlung der Betroffenen auf eigene Erfahrungen und Beobachtungen angewiesen. Diese Situation herrschte auch in der Einrichtung „Sonnenweg“. Erst nach der Aufnahme von Menschen mit alkoholbedingtem amnestischen Syndrom setzten sich die Angestellten intensiv mit dieser Problematik auseinander. Die vorliegende Arbeit soll einen Beitrag zur Verbesserung der Therapie von Menschen mit alkoholbedingtem amnestischen Syndrom leisten und die Entwicklungsmöglichkeiten dieser betroffenen Menschen aufzeigen.

An dieser Stelle möchte ich mich bei allen Personen bedanken, die mich bei der Entstehung und Vollendung der Arbeit unterstützt haben und bereit waren, mir bei Fragen und Problemen zu helfen. Ein besonderer Dank gilt den Einrichtungen „p&w Sachsenwaldau“ in Reinbek, der „Therapeutischen Gemeinschaft Hiram Hof“ in Garding und der „Fachklinik am Kyffhäuser“ in Kelbra, die mir Einblicke in ihre Arbeit mit Menschen mit alkoholbedingtem amnestischen Syndrom ermöglichten und das Hirnleistungstraining als Therapiemöglichkeit für diese Menschen näher erläuterten. Vielen Dank auch an die Personen, die nicht genannt werden wollen, aber ohne die diese Arbeit nicht in der vorliegenden Form möglich gewesen wäre.

1. Einleitung

Viele Experten haben sich bereits mit der Thematik des Alkoholismus, dessen Ursachen, Formen, Folgen und Therapiemöglichkeiten auseinandergesetzt, beschäftigt und theoretische Abhandlungen darüber veröffentlicht. Allerdings gibt es noch immer Themenbereiche des Alkoholismus, die bisher kaum bzw. gar nicht erforscht worden sind. Diese Erkenntnis gewann ich bei der Literaturrecherche zum Thema „Menschen mit alkoholbedingtem amnestischem Syndrom“ während meines Praktikums.

Das Praktikum absolvierte ich im Wohnheim für seelisch Behinderte infolge Sucht „Sonnenweg“ von ADROME in Gardelegen. In dieser Einrichtung werden Menschen mit Alkoholproblemen und den daraus resultierenden Folgeerkrankungen sowie Abhängige illegaler Drogen betreut mit dem Ziel der Wiedereingliederung der Betroffenen nach §39 und §41 BSHG. Seit einiger Zeit gehören zu den Betroffenen auch Menschen mit dem alkoholbedingten amnestischen Syndrom. Da diese Bewohner in ihren Gruppen Probleme mit ihren Mitbewohnern haben, benötigen sie einen höheren Betreuungsaufwand. Die Mitarbeiter standen vor der Frage, wie sie angemessen auf Verhaltensweisen solcher Bewohner und ihre Bedürfnisse reagieren sollen. Da weder auf vorhandene Erfahrungen mit dieser Klientel noch auf Fachliteratur zurückgegriffen werden konnte, sind die Mitarbeiter im Moment nicht in der Lage, sich intensiv um die Belange dieser Bewohner zu kümmern. Aus aktuellem Anlass (es gibt immer mehr Menschen mit alkoholbedingtem amnestischem Syndrom) und um dieser Problematik entgegenzuwirken, habe ich mich intensiver mit dem Thema auseinandergesetzt.

Obwohl in den wissenschaftlichen Publikationen detailliert die Ursachen und das Krankheitsbild beschrieben sind, werden keine Hinweise zum Umgang mit den betroffenen Personen und den Therapiemöglichkeiten gegeben.

Es gibt vereinzelt Einrichtungen, die sich intensiv mit diesen Menschen und ihren Problemen auseinandersetzen. Ich finde, dass diese Menschen bei der häufig vorkommenden Unterbringung in einem Pflege- bzw. Altenheim nicht die Aufmerksamkeit und Förderung erhalten, die sie benötigen. Außerdem ist eine abstinente Lebensführung in nicht - spezialisierten Einrichtungen selten gewährleistet.

Zu einigen Einrichtungen, die Menschen mit dem alkoholbedingten amnestischen Syndrom betreuen bzw. zu dort arbeitenden Mitarbeitern habe ich den Kontakt gesucht und aufgenommen. Mit deren Hilfe konnte ich mir einen besseren Überblick über das Krankheitsbild der alkoholabhängigen Personen und deren Therapiemöglichkeiten machen. Eine hohe Bedeutung für die Therapie der Erkrankten hat das Hirnleistungstraining, mit dessen Hilfe versucht werden soll, die kognitiven Defizite der Betroffenen zu verbessern bzw. einer verstärkten Ausprägung entgegenzuwirken. In der Einrichtung „Sonnenweg“ wurde bisher kein Hirnleistungstraining oder eine vergleichbare Trainingsmaßnahme durchgeführt.

Auf die Erfahrungen der kontaktierten Einrichtungen aufbauend, möchte ich für das Wohnheim Rückschlüsse ziehen und Strukturen entwickeln, die es dem Personal ermöglichen, auf die Belange der Bewohner mit alkoholbedingtem amnestischem Syndrom besser einzugehen und sie optimal in ihrer Selbständigkeit zu fördern. Der Schwerpunkt liegt meiner Meinung nach auf dem Hirnleistungstraining. Dazu werde ich mit drei Bewohnern, bei denen das alkoholbedingte amnestische Syndrom diagnostiziert ist, zwei Wochen lang täglich eine Stunde Hirnleistungstraining durchführen. Zu Beginn dieses Trainings werde ich einige kleine Tests durchführen, die ich am Ende des Experimentes wiederhole und die Ergebnisse vergleiche. Nicht nur diese Ergebnisse, sondern auch die gewonnenen Beobachtungen vor, während und nach dem Hirnleistungstraining sollen in die Auswertung mit einfließen.

Ziel dieser Arbeit ist es, herauszufinden, welche Auswirkungen das Hirnleistungstraining auf die kognitiven Defizite hat, welche Entwicklungsmöglichkeiten sich daraus für die Betroffenen ableiten lassen und ob es sich lohnt, das Hirnleistungstraining als einen festen Bestandteil in den tagesstrukturierten Ablauf der betroffenen Bewohner zu integrieren.

Des Weiteren möchte ich Vorschläge machen, wie die Tagesstruktur verändert werden kann, um die Bedürfnisse und Wünsche der betroffenen Bewohner zu befriedigen.

Im zweiten Kapitel wird das Thema Alkoholismus beleuchtet, indem, ohne Anspruch auf Vollständigkeit zu erheben, ein Überblick über die Geschichte des Alkohols gegeben und auf die Entstehung, die Formen und die Folgen des Alkoholismus näher eingegangen wird. Im folgenden Kapitel wird das alkoholbedingten amnestischen Syndrom erläutert, wo die diagnostischen Merkmale, die Ursachen und das Krankheitsbild im Vordergrund der Betrachtung stehen. Das nächste Kapitel handelt von den verschiedenen Hilfen, die es für Menschen mit alkoholbedingtem amnestischem Syndrom gibt, bzw. der Art und Weise der optimalen Hilfestellungen. Anschließend wird das Wohnheim „Sonnenweg“, die Tagesstruktur und die Bewohner, mit denen das Hirnleistungstraining durchgeführt wurde, näher beschrieben. Das siebenten Kapitel beschäftigt sich mit dem Hirnleistungstraining als Trainingsmethode zur Steigerung der kognitiven Fähigkeiten. Zunächst wird das Hirnleistungstraining definiert und auf Gründe eingegangen, die das Hirnleistungstraining rechtfertigen. Im anschließenden Kapitel wird die Durchführung des Hirnleistungstrainings geschildert, es werden dabei die Bedingungen, die angewendeten Verfahren, der Verlauf und die Durchführung in den Mittelpunkt gestellt. Anschließend werden im nächsten Kapitel die Ergebnisse des Hirnleistungstrainings ausgewertet und diskutiert. Im zwölften Kapitel werden aus den vorliegenden Ergebnissen Schlussfolgerungen für die Arbeit mit den betroffenen Bewohner im Wohnheim gezogen. Mit einem inhaltlichem Resümee und einem Ausblick für die Zukunft werden die Ausführungen zum oben genannten Thema beendet.

2. Alkoholismus

Alkohol und Alkoholkonsum sind zu einem festen Bestandteil unserer Gesellschaft geworden, denn der Alkohol gehört zu den weitverbreitesten Drogen, sein Genuss ist legal, kein Privileg bestimmter Gesellschaftsschichten und auf keine Altersgruppe beschränkt. Ob durch die Werbung, durch Leitbilder in den Medien oder billige alkoholische Getränke verleitet die Umwelt viele Menschen zum Alkoholgenuss. Alkohol hat in der Öffentlichkeit auch ein „positives Image“, man verbindet mit dem Konsum erhöhten Lebensgenuss, so vergeht keine Familienfeier oder gesellschaftliche Festivität, ohne dass reichlich Alkohol ausgeschenkt wird. Dabei ist vielen nicht bewusst, dass der Genuss von Alkohol zum Alkoholismus führen kann. In dem nun folgenden Kapitel wird genauer auf dieses Krankheitsbild eingegangen. Nachdem die Geschichte des Alkohols betrachtet wurde, werden die Entstehung und die Formen des Alkoholismus beschrieben, bevor im letzten Abschnitt die gesundheitlichen und sozialen Folgen des Alkoholismus dargestellt werden. Um den Leser für das Thema Alkohol zu sensibilisieren, werden wichtige Daten und Fakten aus dem „Jahrbuch Sucht 2003“ der DHS vorgestellt:

- Im Jahr 2001 hat jeder Einwohner Deutschlands 123,1 Liter Bier, 19,7 Liter Wein, 4,2 Liter Schaumwein und 5,8 Liter Spirituosen konsumiert. Daraus ergibt sich, dass jeder Einwohner durchschnittlich 10,5 Liter reinen Alkohol zu sich genommen hat.
- In Deutschland leben 7,8 Millionen Menschen (16%) zwischen 18 und 59 Jahren, die einen riskanten Alkoholkonsum haben. Davon haben 2,4 Millionen (5%) einen missbräuchlichen Konsum und 1,5 Millionen (3%) einen abhängigen Konsum.
- Insgesamt sterben jährlich ca. 42 000 Personen direkt (z.B. durch

Alkoholmissbrauch) oder indirekt (z.B. durch einen alkoholisierten Unfallverursacher) an den Folgen des Alkoholkonsums.

In unserer Gesellschaft herrscht das Vorurteil, dass der Staat viel Geld mit der Besteuerung von Alkohol verdient. Auf den ersten Blick stimmt diese Aussage sogar, aber auf den zweiten wird ein großer Widerspruch sichtbar. 2001 hat der Staat 3,428 Milliarden € an Alkoholsteuern eingenommen, dagegen stehen ca. 20,6 Milliarden € volkswirtschaftliche Schäden, wo von 7 Milliarden € auf die alkoholbezogene Mortalität zurückzuführen sind. Für den Staat ist also die Alkoholsteuer ein Zuschussgeschäft und auf Dauer nicht mehr vertretbar.

2.1 Geschichte des Alkohols

Alkohol ist ein Produkt, das durch natürliche hefebedingte Gärungsprozesse entsteht. In der Broschüre der Deutschen Hauptstelle gegen die Suchtgefahren (DHS) „Die Sucht und ihre Stoffe - Eine Informationsreihe über die gebräuchlichen Suchtstoffe“ ist der Begriff Alkohol folgendermaßen definiert: „Alkohol bezeichnet im allgemeinen Sprachgebrauch den zur Gruppe der Alkohole gehörenden Äthylalkohol, der durch Vergärung von Zucker aus unterschiedlichen Grundstoffen gewonnen wird und berauschende Wirkung hat.“ (S. 1)

Alkohol ist auch keine Erfindung der Neuzeit, sondern „Zahlreiche Zeugnisse lassen erkennen, dass Bier und Wein bereits in den Frühkulturen als Getränk, Opfergabe und Genussmittel, aber auch als Getränk mit Missbrauchs- und Abhängigkeitspotenz bekannt waren“ (Schmidt, 1986, S. 21).

Durch Aufzeichnungen der Sumerer im alten Mesopotamien ist bekannt, dass bereits bei ihnen Bier neben Wasser ein übliches Getränk war. Auch die Menschen der Hochkulturen im alten Ägypten (3000 v. Chr.) und im alten China (1650 v. Chr.) sowie im alten Griechenland wussten, wie Bier und Wein hergestellt und genossen wurde.

Auch im Mittelalter waren Bier und Wein die üblichen Getränke zum Durst löschen und Hunger stillen, denn Wasser hatte im Mittelalter eine ganz schlechte Qualität und wurde deshalb nur von armen Leuten getrunken. Gemeinschaftliche Trinkgelage gehörten in diesen Zeiten zu den Rechten und auch den Pflichten der freien Bürger. Diese Trinkgelage hatten mehr oder weniger feste Regeln und nahmen einen breiten gesellschaftlichen Raum ein. Wichtig war bei den Gelagen die psychosoziale Funktion alkoholischer Getränke als Vermittler von Kontakten und als Spender von Freude (vgl. Feuerlein et al., 1998). Da für die Menschen der Konsum von Alkohol immer an Bedeutung gewann, wurde im 17. Jahrhundert mit dem Besteuern des Trinkens begonnen, vor allem in Preußen füllte der Staat damit die Staatskasse und begann die Produktion von Alkohol zu fördern.

So entstanden am Ende des 18. Jahrhunderts in Deutschland viele Schnapsbrennereien, Die aus dem neuen und billigen Rohstoff, der Kartoffel große Mengen Schnaps brannten. Das Zeitalter der Industrialisierung brachte auch Neuerungen für die Alkoholproduktion, z.B. wurde die Kühlmaschine erfunden, neue Transportmöglichkeiten, wie die Eisenbahn und die halbautomatische Flaschenproduktion entwickelten sich. Dies alles war „ein weiterer Schritt zur massenhaften und portionierten Verbreitung von Wein, Bier, Schnaps und Likör“ (Rußland, 1986, S. 40).

Aufgrund der neuen und billigeren Schnapsproduktion mussten neue Absatzmärkte geschaffen werden. In das Blickfeld der Brennereien gerieten die Arbeiter, da der Adel und das Bürgertum sich nicht für Schnaps interessierten. Rußland schreibt dazu: „Die Schnapshersteller begannen daher, einen Teil des Lohns in Form von Schnaps an die Arbeiter/innen auszugeben. Dies lief über die firmeneigenen Läden, in denen die Arbeiter/innen Alkohol mit dem Lohn verrechnen lassen konnten und zum Teil sogar mussten. Dieser Abrechnungsmodus - Trucksystem genannt - führte zu einer schnellen Ausbreitung des Schnapsmissbrauchs“ (Rußland, 1986, S. 40 f). Aber auch die armseligen Lebensverhältnisse der Arbeiter trugen zu einem erhöhten Alkoholkonsum bei. Es wurde deshalb zu dieser Zeit vom „Elendsalkoholismus“ (vgl. Rußland, 1986) gesprochen.

„Schon in der Antike warnten u. a. Platon, Cicero, Cato, Seneca, in den biblischen Schriften der Prophet Jeremia und der Apostel Paulus vor den Gefahren übermäßigen Genusses berauschender Getränke. Man wusste auch, dass es bestimmte Menschen gab, die nicht mit dem Trinken aufhören konnten, die sozusagen dem „Trunk“ verfallen waren“ (Feuerlein et al., 1998, S. 3). Obwohl die negativen Folgen des Alkoholkonsums schon seit Jahrtausenden bekannt waren, beschäftigten sich die Mediziner erst am Ende des 18. Jahrhunderts mit diesen Auswirkungen. Der schottische Arzt Trotter schrieb 1780, dass die „Begierde nach häufiger Trunkenheit eine durch die chemische Natur der alkoholischen Getränke hervorgerufene Krankheit“ sei (Feuerlein et al., 1998,S. 3). Er gilt damit als der Vater des Krankheitskonzeptes des Alkoholismus (vgl. ebenda).

Aber nicht nur die Mediziner setzten sich gegen den Genuss von Alkohol ein, sondern mitte des 19. Jahrhunderts entwickelten sich auch in Deutschland Mäßigkeitsbewegungen. Anfangs wandten sich diese nur gegen den Konsum von Branntwein, doch gegen Ende des 19. Jahrhunderts richteten sich die Bewegungen generell gegen Alkohol. Es gründeten sich Vereine wie der evangelische Blaue Kreuz Verein (1885), der Guttempler-Orden (1889) und der katholische Kreuzbund (1896), die auch noch heute aktiv sind. Vor allem der Guttempler-Orden sah die Trunksucht nicht als Laster, sondern als Krankheit an (vgl. Rußland, 1986). Sie waren damit die Wegbereiter für unser heutiges Hilfesystem. Trotz dieser Bemühungen dauerte es noch viele Jahre, bis die Arbeit dieser Vereine anerkannt wurde. Auch die Anerkennung des Alkoholismus dauerte noch bis in die Mitte des 20. Jahrhunderts, erst 1954 war die WHO bereit, Alkoholismus als Krankheit anzuerkennen. In Deutschland dauerte dieser Prozess sogar bis 1968, am 18.6.1968 erkannte das Bundessozialgericht an, dass Alkoholismus eine Krankheit im Sinne der gesetzlichen Krankenversicherung ist, allerdings mit der Einschränkung, dass es eine selbstverschuldete Krankheit sei. Erst mit dem Urteil des BVerwG vom 09.01.1980 wird vom Selbstverschuldungsprinzip abgerückt und Alkoholismus als Krankheit akzeptiert (vgl. Rußland, 1986).

Im Oktober 1983 veröffentlichte das Wissenschaftliche Kuratorium der DHS eine Stellungnahme über die Entstehung der Alkoholabhängigkeit, in der es u. a. heißt: „Alkohol ist ein sozial akzeptiertes Genussmittel; auch sein gelegentlicher - nicht nur einmaliger, sondern auch wiederholter - Missbrauch wird in unserer Gesellschaft weiterhin toleriert bzw. sogar akzeptiert“ (Rußland, 1986, S. 79). Auch 20 Jahre später ist diese Stellungnahme leider immer noch aktuell.

2.2 Entstehung des Alkoholismus

Für die Ursachen und Gründe der Entstehung von Sucht und damit auch des Alkoholismus gibt es verschiedene Theorien und Modelle. Es wird nicht auf alle Suchttheorien intensiv eingegangen, sondern nur einen Überblick über einige Theorien gegeben.

Biologische Theorien

Die Biologischen Theorien suchen die Ursachen für den Alkoholismus im Körper des Menschen, unter anderem

- die „Allergietheorie“
- die „endokrinologische Theorie“
- die „Ernährungstheorie“
- die „hirnpathologische Theorie“

Da diese Theorien jedoch auf Tierversuchen basieren, lassen sie sich nur bedingt auf den menschlichen Organismus anwenden (vgl. Ahrend, 1994).

In den letzten Jahren wurden vermehrt Untersuchungen durchgeführt, um herauszufinden, ob die Suchterkrankungen auch auf genetischen Dispositionen beruhen. Zu den Ergebnissen dieser Untersuchungen schreibt Rommelspacher (1999): „Wie bei anderen komplexen Erkrankungen des Zentralnervensystems (z.B. Schizophrenie, endogene Depression) bestehen heute keine Zweifel mehr, dass insbesondere die Alkoholkrankheit familiär gehäuft auftritt. Die Metaanalyse von 39 Familienstudien ergab, dass einer von 3 Alkoholkranken zumindest einen alkoholkranken Elternteil hat.“ Auch durch Zwillingsuntersuchungen wurde bestätigt, dass es eine genetische Komponente bzgl. der Alkoholkrankheit gibt (vgl. Rommelspacher, 1999, S. 28). In weiteren Studien fand Rommelspacher (1999) heraus: „…, dass es zumindest 2

Gruppen von Alkoholkranken gibt, die sich bzgl. genetischer Einflüsse deutlich unterscheiden“ (ebenda, S. 28).

Dies gilt vor allem für folgende Merkmale: Typ I:

- Das Erkrankungsalter liegt bei 25 Jahren und höher.
- Es besteht eine relative Unfähigkeit zu Abstinenz.
- Bezüglich bestimmter Persönlichkeitsmerkmale ist die Risikovermeidung (harm avoidance) ausgeprägt

Typ II:

- Ersterkrankungsalter unter 25 Jahren, meist in der späten Pubertät,
- Impulsivität und leichte Erregbarkeit,
- weit überwiegend Männer,
- der Drang nach neuen Erfahrungen (novelty seeking) ist im

Vergleich zu anderen Persönlichkeitsmerkmalen ausgeprägt. (aus Rommelspacher, 1999, S. 29)

Psychologische Theorien

In der Psychologie gibt es für jede einzelne Richtung auch eine eigene Theorie über die Entstehung des Alkoholismus. Die Psychoanalyse hat drei Erklärungsmodelle für die Suchtentstehung:

- den „triebpsychologischen Ansatz“
- den „ich-psychologischen Ansatz“
- den „objektpsychologischen Ansatz“.

Die Ergebnisse der dazugehörigen Studien und Untersuchungen sind nicht sehr aufschlussreich, wenn es um die Erforschung des Alkoholismus geht. „Zusammenfassend ist festzustellen, dass bisher keine Persönlichkeitsstruktur gefunden werden konnte, die für die Alkoholkrankheit prädisponiert. Somit ist auch keine Voraussage möglich, ob einer alkoholabhängig wird oder nicht.

Persönlichkeitsmerkmale und Charakterstrukturen sind mögliche Förderungsfaktoren, können jedoch die Ursache der Alkoholabhängigkeit für sich allein nicht erklären“ (Schmidt, 1986, S. 59).

In der Lernpsychologie geht es um die Funktionen des Alkohols und die Mechanismen des Suchtprozesses. Exzessiver Alkoholkonsum ist ein erlernbares Verhalten, das den Lerngesetzen unterliegt (vgl. Schmidt, 1986).

„Süchtiger Konsum ist demnach durch Konditionierung erlerntes Verhalten. Dieses Verhalten kann durch Gegenkonditionierung wieder verlernt werden“ (Scherbaum, 1999, S. 99). Diese Ansicht ist gleichzeitig der größte Kritikpunkt der Lerntheorie, denn nach dieser Theorie müsste es möglich sein, kontrolliertes Trinken zu erreichen (vgl. Schmidt, 1986). „Diese Rechnung ging leider nicht auf! Therapeutische Bemühungen um kontrolliertes Trinken wurden nicht nur zahlreichen Alkoholikern zum Verhängnis, sondern erwiesen sich in aller Regel erfolglos. Mehrere Mitteilungen über wiedergewonnenes kontrolliertes Trinken hielten kritischer Betrachtungsweise nicht stand“ (ebenda, S. 63). Trotz dieser negativen Erfahrungen mit dem kontrollierten Trinken gibt es seit einigen Jahren wieder Forscher, die sich mit diesem Thema sehr intensiv auseinandersetzten. An erster Stelle sei hier Joachim Körkel genannt. (vgl. Suchttherapie, 3. Jahrgang, Juni 2002)

Ein weiterer Kritikpunkt an der Lerntheorie ist, dass sie nicht die Motivation der Abhängigen berücksichtigt (vgl. Feuerlein, 1998).

Soziologische Theorien

Dieser Ansatz lenkt die Aufmerksamkeit auf die sozialen Faktoren in der Entstehung von Abhängigkeit. Sucht wird als abweichendes Verhalten verstanden, wobei die sozialen Normen einer Gesellschaft Verhalten als normal oder abweichend bewerten. Eine Person gilt als abhängig, wenn sie „ihr Trinkverhalten nicht mehr selbst steuern kann, und sie eine wichtige soziale Norm verletzt“ (Arend, 1994, S. 43).

Auch hier werden wieder verschiedene Erklärungsmodelle genannt:

- der „Soziokulturellen Ansatz“
- der „Soziodemographischen Ansatz“
- die „Sozialisationstheorien“.

Untersuchungen erbrachten, dass „das Bedürfnis nach Macht das Hauptmotiv für den Alkoholkonsum der Männer ist“ (Schmidt, 1986,

S. 65) und dass die Verfügbarkeit von Alkohol in Stresssituationen einen verstärkten Alkoholkonsum begünstigt (vgl. Feuerlein, 1998, S. 100). Schmidt (1986) merkt kritisch an: „Soziologische Theorien beantworten nicht, warum der einzelne alkoholkrank wird, sondern versuchen, die unterschiedliche Häufigkeit des Alkoholismus in verschiedenen Kulturen und Gruppen zu erklären. Dabei werden kaum Abgrenzungen zwischen Alkoholmissbrauch und Alkoholabhängigkeit vorgenommen.“ (Schmidt, 1986, S. 64)

Systemische Theorien

Laut Feuerlein (1998) können zwei Gruppen von Theorieansätzen unterschieden werden:

- die systemisch-familientherapeutischen Theorieansätze
- die systemwissenschaftlich orientierten Theorieansätze.

Charakteristisch für diese Ansätze ist, dass das „Suchtmittel […] demnach ein zentrales, organisierendes Prinzip für die Interaktionen und Aktivitäten in der Familie“ ist (Feuerlein, 1998, S. 102). Die Familie als Ganzes muss auf den Abhängigen insofern reagieren, dass „materielle und emotionale Sicherheit“ erhalten bleibt, bestimmtes Verhalten nach außen hin gedeckt und vertuscht wird (Feuerlein, 1998, S. 102). Systemische Theorien weisen darauf hin, dass es keine typische „Alkoholiker - Familie“ gibt und Sucht kein „eigenständiger Prozess mit speziellen Regeln“ ist (ebenda, S. 103).

Multifaktoraler Ansatz

Jede einzelne dargestellte Theorie trägt ihren Teil zum Verstehen der Ursache der Krankheit Alkoholismus bei. Für sich betrachtet, werden sie jedoch nicht jedem Abhängigen gerecht. Deshalb ist eine multifaktorielle Betrachtungsweise, die die Droge, die Persönlichkeit und die Umwelt in einen Zusammenhang setzt, unumgänglich. Das einfachste Modell zur Bestimmung der Entstehung von Sucht ist das so genannte Dreiecksmodell, bestehend aus den Bereichen Persönlichkeit, Droge und Umwelt. (vgl. Feuerlein, 1998)

Diese Betrachtungsweise versucht, die komplizierten Zusammenhänge der Entstehung von Sucht einfach und verständlich zu erklären. Tretter (1998) schreibt über das Modell: „Die integrative Ursachentheorie der Sucht geht von einem Drei-Faktoren-Modell der Suchtentwicklung aus. In diesem Modell ist die süchtige Bindung an die Droge eine Resultante der Wechselwirkungen von Merkmalen der Droge, der Persönlichkeit und der Umwelt.“ (siehe Abb.)

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

(aus Tretter, 1998, S. 312)

Dieses Modell geht auf Diskussionen im Rahmen der WHO in den 60er Jahren zurück. Natürlich ist es auch möglich, dieses Modell zu verbessern. Es können die Faktoren Droge, Umwelt und Persönlichkeit weiter konkretisiert und andere Faktoren dazugefügt werden.

Ein Beispiel dafür ist das 4 M-Modell nach Kolstad. Es beinhaltet die Faktoren Mensch, Mittel, Markt und Milieu. (siehe Abb.)

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

(aus Fleisch, 1997, S.101)

Noch einen Schritt weiter geht Heckmann, er hat ein 5 Faktoren-Modell entwickelt. (siehe Abb.) Nach Heckmann bedingen sich

Entstehungszusammenhänge, Anlässe, Gesellschaftliche Rahmenbedingungen, Voraussetzungen, begünstigende Faktoren und führen zur Suchterkrankung. (vgl. Fleisch, 1997)

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

(aus Fleisch, 1997, S. 101)

Es spielt keine wesentliche Rolle, wie viele Faktoren für ein Modell der Suchterkrankung herangezogen werden, denn alle Modelle haben ihre Vor- und Nachteile. Jeder Interessierte muss das für ihn zutreffende Modell nutzen.

Die Entstehung der Sucht und damit auch die Entstehung des Alkoholismus ist kein Prozess, der mit wenigen Worten, einfach und verständlich beschrieben werden kann, doch Tretter (1998) gelang es relativ knapp, leicht verständlich, aber präzise die Ursachen der Entstehung von Sucht zusammenzufassen: „Die Entstehung der Sucht kann am besten durch die rauschbedingte subjektive Verbesserung der

Lebensbedingungen der Person begriffen werden. Die Droge verbessert also sozusagen das subjektive Ökosystem der Person.“

Welche Personen, wann und aus welchen Gründen abhängig werden, darüber kann momentan keine der verschiedenen Theorien und kein Modell mit Sicherheit Auskunft geben.

2.3 Formen des Alkoholismus

Die Entstehung des Alkoholismus ist ein Prozess, der sich abhängig vom Alter der Betroffenen über einen unterschiedlich langen Zeitraum entwickelt, bei Jugendlichen innerhalb von zwei bis drei Jahren, bei Erwachsenen im Verlauf von zehn bis zwanzig Jahren. (vgl. Feuerlein, 1998).

Die Typologie der Alkoholiker ist seit 1960 geprägt durch die Arbeit von Jellinek, denn er wertete ca. 2000 Fragebögen von Anonymen Alkoholikern aus und stellte daraufhin sein Typologieschema auf. Obwohl in den letzten Jahren viele Arbeitsgruppen, wie die von Cloninger (1987), von Knorrig und Mitarbeitern (1985) und von Babor und Mitarbeitern (1992 a, b, c), versucht haben, andere Typologieschemata zu entwickeln, ist das von Jellinek das verbreiteste bzw. aussagekräftigste Schema (vgl. Feuerlein, 1998).

Diese Arbeit wird sich auf Jellineks Typologieschema beschränken und dieses näher beleuchten.

Nach Jellinek werden folgende Typen von Alkoholikern unterschieden:

- Alphatrinker: Problem- und Erleichterungstrinker. Ihm vermittelt der Alkohol Sicherheit und Entspannung. Er trinkt vorwiegend aus psychologischen Gründen wie Frustration, Stress, Verlusterleben. Kein Kontrollverlust, keine eindeutige oder fortschreitende Abhängigkeit (ca. 5 % der Trinker).

- Betatrinker: Anpassungs- und Gelegenheitstrinker, will mithalten mit anderen. Keine auffallende Erleichterung, keine seelische Abhängigkeit, aber häufig bereits körperliche Schäden, evtl. später körperliche Abhängigkeit (ca. 5%).
- Gammatrinker: Süchtiger Trinker mit Kontrollverlust und „Filmrissen“, seelisch-körperlicher Abhängigkeit, Toleranzsteigerung, Abstinenzsymptomen, auch wenn kurze Abstinenzzeiten noch möglich sind. Die kleinste Alkoholmenge (Cognacbohne, Biersuppe) kann sofort unstillbares Verlangen auslösen (ca. 65%).
- Deltatrinker: Auch Spiegeltrinker oder Gewohnheitstrinker genannt. Unfähigkeit zur Abstinenz, rauscharmer, kontinuierlicher Alkoholkonsum, psychische Abhängigkeit (ca. 20%)
- Epsilontrinker: „Quartalssäufer“, episodischer Trinker, mehrtägige Exzesse mit Kontrollverlust ( ca. 5%) (aus Schwarzer, 2002, S. 289) Durch weitere Forschungen fand Jellinek heraus, dass es bei der Entwicklung der Alkoholabhängigkeit einen typischen Verlauf gibt, den er in vier Phasen einteilt:
- Voralkoholisches Stadium: Nach Alkohol ungewohnte, aber deutliche Erleichterung. […] Hemmungen fallen, die Umwelt wird leichter zu ertragen. […] Beginnende Toleranzentwicklung und Nachlassen seelischer Belastbarkeit. Diese präalkoholische Phase kann Monate bis einige Jahre dauern, währenddessen bleibt der Betroffene sozial unauffällig. Übergang in das
- Vorläufer-Stadium: In dieser auch Prodromalphase genannten Zeit stellen sich bereits unter relativ geringen Mengen Alkohols erste Gedächtnislücken ein: „Filmriss“. Alkohol wird jetzt gebraucht wie das tägliche Brot. […] Es werden häufig Verstecke angelegt, man muss häufig an Alkohol denken, Schuldgefühle stellen sich ein, man meidet Situationen, in denen auf Alkohol angespielt werden könnte. Das erste Glas wird häufig schnell getrunken, der Betroffene erlebt sich aber noch als „trinkfest“.
- Kritisches Stadium: Nach Trinkbeginn Verlust der Kontrolle über die weitere Trinkmenge. Der Patient erlebt dies bewusst und spürt den Autonomieverlust. […] Trinkpausen einzulegen oder selbstaufgestellte Trinkregeln zu beachten, gelingen kurzfristig. […] Eine fortschreitende Isolierung stellt sich ein, Freundschaften werden aufgegeben, partnerschaftliche oder nachbarliche Konflikte häufen sich. Oft kommt es zum Arbeitsplatzwechsel. […] Nach Trinkpausen finden sich Entzugszeichen, die nach Alkoholaufnahme wieder verschwinden: Unruhe, Ängste, Schweißausbrüche, Händezittern, Herzbeschwerden u. a. […].
- Chronisches Stadium: Regelmäßiges morgendliches Trinken wird notwendig. Quälende Entzugszeichen nach der Nachtruhe. Ständige Alkoholzufuhr wird zur Aufrechterhaltung minimalen Funktionierens notwendig. Tagelange Räusche kommen vor. Durch fortschreitende Leberschädigungen bis hin zur Leberzirrhose verringert sich die Toleranz für Alkohol wieder, immer deutlichere körperliche Schäden wie eine chronische Bauchspeicheldrüsenentzündung (Pankreatitis), … akute Alkoholpsychosen lassen den Leidensdruck immer größer werden. Der Patient wirkt jetzt auch äußerlich wie ein „typischer Alkoholiker“: „Fahne“, Zittern der Finger und Augenlieder, rote Handinnenflächen und Nase, …, aufgedunsenes Gesicht usw. In diese Zeit fallen schwere seelische Zusammenbrüche und Selbsttötungsversuche. Hilfesuche ist jetzt oft echt, Therapieaussichten müssen genutzt werden. Die Lebenserwartung des Gamma-Alkoholikers ist um durchschnittlich 12 Jahre verkürzt.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

(aus Schwarzer, 2002, S. 290 f.)

Kritisch wird von Feuerlein (1998) angemerkt, dass die dargestellten Symptome nicht immer nacheinander, sondern auch gleichzeitig auftreten können.

Die folgende Abbildung soll noch einmal den Verlauf der Alkoholsucht und ihre Überwindung vereinfacht darstellen.

(aus Schwarzer, 2002, S. 289)

2.4 Folgen des Alkoholismus

„Zuerst die schlechte Nachricht. Alkohol ist ein Gift. Nicht so stark wie Arsen oder Zyanid, auch nicht so schädlich wie die Pestizide, die wir unfreiwillig mit der Nahrung aufnehmen, aber dennoch Gift. Zu schnell und in zu großen Mengen getrunken, kann Alkohol zum Tode führen. Nun die gute Nachricht. Die meisten Menschen können dieses Gift in mäßigen Mengen trinken, ohne gesundheitliche Schäden zu erleiden“ (Linn, 1979; zitiert nach Hexel/Löffert, 1983, S. 23).

Laut Weltgesundheitsorganisation (WHO) gelten bei Frauen ca. 20 g Alkohol täglich (ein halber Liter Bier), bei Männern 40 g Alkohol (ein Liter Bier) als unbedenklich. Obwohl gelegentlicher, maßvoller Alkoholgenuss für einen gesunden Menschen nicht schädlich ist, wirkt der regelmäßige Alkoholkonsum gesundheitsschädigend.

Denn Alkohol ist in hoher Konzentration ein Gift, das zum Absterben von Körperzellen führen kann. Aufgrund seiner hohen Konzentration im Blut gelangt der Alkohol schnell in alle Organe und Körperzellen und führt zur Schädigung auf vier verschiedene Weisen:

- Erstens ist Alkohol selbst ein Zellgift und wirkt als Stressor auf den gesamten Organismus: Der Blutdruck steigt; Cortison, Fett und Zucker werden vermehrt in den Blutkreislauf gebracht.
- Zweitens wird für seine Beseitigung aus dem Körper Energie verbraucht, die den Organen für ihre eigentliche Tätigkeit fehlt. Durch die Verbrennung des Alkohols in der Leber können bis zu 80 % des verfügbaren Sauerstoffs beansprucht werden, so dass Alkohol wie ein „Stoffwechselparasit“ wirkt. Die Zellen des Herzens und der Hirnrinde haben den höchsten Sauerstoffverbrauch, so dass sie besonders darunter leiden.
- Drittens bringt Alkoholmissbrauch eine Fehlernährung des Körpers mit sich, so dass häufig Eiweißbausteine, Mineralstoffe und wichtige Vitamine in der Nahrung fehlen. Die Fehlernährung hat ihren Grund außerdem in einer zunehmenden Unfähigkeit des Dünndarms, wichtige Stoffe aufzunehmen (Vitamin B1, Folsäure, später auch Natrium und Wasser).
- Viertens schädigen hochgiftige Stoffe, die beim Abbau des Alkohols in der Leber entstehen (z.B. Acetaldehyd), die Nervenzellen und sonstiges Körpergewebe.

(aus Schneider, 2001, S. 124)

Alkohol kann zu folgenden körperlichen Schädigungen führen:

- Alkoholische Hepatitis (alkoholbedingte Entzündung, geht mit Fieber, Gelbsucht, Übelkeit und Appetitmangel einher)
- Alkoholische Kardiopathie (Entartung des Herzmuskels, ein vergrößertes Herz, Herzversagen und Herzrhythmusstörungen) Bluthochdruck
- Blutkrankheiten (Vergrößerung der roten Blutkörperchen, Beeinträchtigung der Blutgerinnung, Anteil weißer Blutkörperchen verringert oder auch erhöht)
- Epilepsie (starkes Trinken kann die Schwelle für das Auftreten von Krämpfen bei Personen herabsetzen, bei denen eine Anlage zu Epilepsie vorhanden ist)
- fetaler Alkoholkonsumschaden (u. a. Mikrozephalie [abnorme Kleinheit des Kopfes], bestimmte Verformungen des Gesichtes, Missbildungen der Glieder, angeborene Herzkrankheit)
- Fettleber (Fettanhäufung in der Leber, kann zur Gelbsucht und zum Leberversagen führen)
- Gastritis (Entzündung der Magenschleimhaut)
- Gehirnschädigungen (1. Das Wernicke-Korsakow-Syndrom oder auch alkoholbedingtes amnestisches Syndrom; 2. Alkoholische Demenz; 3. Degeneration des Kleinhirns; 4. Alkoholische Amblyopie [Schwachsichtigkeit])
- Gicht (schmerzhaftes Anschwellen der Gelenke, insbesondere an Fingern und Zehen)
- Herzrhythmusstörungen (Flimmern der Herzvorkammern oder im schlimmeren Fall Flimmern der Herzkammern)
- Hypoglykämie (schwerwiegende Senkung des Blutzuckerspiegels, ähnelt dem Krankheitsbild des Diabetikers)
- Impotenz
- Karzinome (erhöhte Anfälligkeit für Karzinome des Mundes, der Zunge, des Rachens, des Kehlkopfs, der Speiseröhre und der Leber)
- Leberzirrhose (verursacht durch den toxischen Effekt des Alkohols auf die Leber, Vernarbung und Zerstörung der Leber)
- Lungenkrankheiten (Lungenentzündung, -abszesse oder Bronchiektase)
- Magengeschwür
- Malory-Weiß-Syndrom (Ruptur am unteren Ende der Speiseröhre mit späterem Erbrechen von Blut, hervorgerufen durch heftiges Würgen)
- Myopathie (Entartung der Muskeln, kann auch zu Muskelentzündungen führen)
- Polyneuropathie (Degenerationserscheinungen der die Gliedmaßen versorgenden Nerven, Verminderung der Empfindungsfähigkeit, Kribbeln oder Brennen in den Füßen) Pankreatitis (schwere Entzündung der Bauchspeicheldrüse mit plötzlich einsetzenden Schmerzen im Oberbauch, die bis zum Rücken ausstrahlen können)

(vgl. Griffith, 1986)

Viele dieser Erkrankungen können bei einem günstigen Verlauf geheilt oder zu mindestens gestoppt werden, wobei einige bei einem kritischen Verlauf sogar zum Tode führen können.

Aber der Alkoholmissbrauch löst nicht nur körperliche Schäden aus, sondern in den meisten Fällen vor allem soziale Folgen, die außerdem schneller offensichtlich werden.

Zu den sozialen Folgen zählen:

- Partnerprobleme, wobei die Ehescheidungsraten bei Alkoholikern doppelt so hoch sind wie bei der Normalbevölkerung.
- Häufig kommt es zu Problemen am Arbeitsplatz mit zunächst unentschuldigtem Fernbleiben und einer zunehmenden Leistungseinbuße.
- Nicht zu unterschätzen ist auch das […] Problem der Trunkenheit am Steuer mit der entsprechenden Unfallhäufigkeit.
- Delinquenz: Schwere Delikte wie Vergewaltigung, Mord, Totschlag oder gefährlicher Körperverletzung geschehen zu mehr als 28 % unter Alkoholeinfluss

(vgl. Schwarzer, 2002, S. 294)

- Erhöhte Krankheitshäufigkeit und Unfallneigung, Frühinvalidität, verkürzte Lebenserwartung
- Gehäufte familiäre Konflikte, teils mit Gewaltneigung, massive negative Auswirkungen auf die Kinder der Abhängigen
- Zerbrechen primärer Bezugssysteme: Familie, Freundeskreise, später: Rückzug aus allen sozialen Bindungen
- Beruflicher Abstieg, finanzielle Schwierigkeiten
- Abgleiten in dissoziale Verhaltensweisen und Kriminalität
- Häufiger Wohnungs-/Wohnortswechsel bis hin zur Obdachlosigkeit

(vgl. Schwarzer, 2002, S. 312)

[...]

Ende der Leseprobe aus 116 Seiten

Details

Titel
Entwicklungsmöglichkeiten von Menschen mit alkoholbedingtem amnestischen Syndrom: Beobachtungen in einem Wohnheim nach zwei Wochen Hirnleistungstraining
Hochschule
Universität Kassel  (Fachbereich Sozialwesen)
Note
1,3
Autor
Jahr
2003
Seiten
116
Katalognummer
V16826
ISBN (eBook)
9783638215565
Dateigröße
4381 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Entwicklungsmöglichkeiten, Menschen, Syndrom, Beobachtungen, Wohnheim, Wochen, Hirnleistungstraining
Arbeit zitieren
René Spilner (Autor), 2003, Entwicklungsmöglichkeiten von Menschen mit alkoholbedingtem amnestischen Syndrom: Beobachtungen in einem Wohnheim nach zwei Wochen Hirnleistungstraining, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/16826

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